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einestages

Judenverfolgung in Nazideutschland

Leben als falsche "Arierin"

Unter dem NS-Regime blondierte sich die Berliner Jüdin Hanni Lévy die Haare und ging als Hannelore Winkler in den Untergrund. Dank vieler Helfer konnte sie sich retten. Nun schildert ein Film ihr Schicksal.

ullstein bild
Ein Interview von , Paris
Freitag, 27.10.2017   15:18 Uhr

Zur Person

einestages: Mehr als 70 Jahre nach Ihrem Abtauchen in Berlins Untergrund wird Ihre Geschichte nun in einem Film wieder lebendig. Was empfinden Sie dabei?

Lévy: Ich bin sehr froh, dass unser Schicksal endlich Thema wird. Bisher hat man über unsere Erfahrungen so gut wie nichts gewusst - dass es Juden gelang, sich den Krieg über versteckt zu halten und ihr Leben zu retten. In einem Berlin, das laut Nazi-Propaganda als "judenrein" galt. Jetzt sind wir, die Unsichtbaren, endlich sichtbar.

einestages: Sie sind 1924 in Tempelhof geboren und in Kreuzberg aufgewachsen, ihr Vater war Fotograf, ihre Mutter Hausfrau. Welche Rolle spielte die Religion in Erziehung und Alltag?

Lévy: Die Berliner Juden waren sehr assimiliert, mein Elternhaus ausgesprochen liberal. Natürlich haben wir die jüdischen Feiertage begangen, aber eben im Familienkreis. Für meinen Vater galt: "Wir sind Deutsche, Religion ist Privatsache".

einestages: Mussten Sie Ihre jüdische Identität verbergen?

Lévy: "Du bist Jüdin und darauf kannst Du stolz sein", hat mir mein Vater gesagt. Und mich zugleich ermahnt: "Wenn man dich beleidigt, gehst du weiter, aber wenn man dich angreift, schlägst du zurück."

einestages: Wie erlebten Sie den Beginn der antisemitischen Übergriffe, die schon 1933 begannen - mit dem Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, Angriffen und Hakenkreuzschmierereien?

Lévy: Über die Diskriminierung wurde ich, damals ja noch ein Kind, nicht aufgeklärt. Die Verfolgungen durch das Regime erreichten mich erst, als ich 1937 vom Gymnasium auf die jüdische Schule der Reformgemeinde wechseln musste. Dort zählten zu unseren Lehrern Universitätsdozenten, die damals von den Hochschulen verbannt wurden.

einestages: Ihr Vater musste 1938, nach den Pogromen der Kristallnacht, seinen Beruf aufgeben. Wie konnte er sich durchschlagen?

Lévy: Mein Vater war bis 1940 in einem Fotostudio als Laborant beschäftigt. Dort wurden die Passfotos für die Kennkarten der jüdischen Bevölkerung gemacht. Später wurde er zur Kartoffelernte einberufen - für den schwer Asthmakranken das Todesurteil.

einestages: Wie konnten Sie und Ihre Mutter überleben?

Lévy: Zunächst dank jüdischer Wohlfahrtsverbände - die Sozialversicherung war für uns gestrichen. Als 16-Jährige wurde ich zum Einsatz in der Spinnstoff-Fabrik Zehlendorf zwangsverpflichtet. Dort wurden synthetische Fasern für die Fallschirmproduktion hergestellt. Es gab für uns eigene Hallen - "Judenabteilung - Eintritt verboten". Wir trugen gelbe Armbinden.

Trailer "Die Unsichtbaren" (2017)

einestages: Wann entschlossen Sie sich unterzutauchen?

Lévy: Mein Vater starb im Januar 1940, meine Mutter zwei Jahre später, die Großmutter wurde im Oktober 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Ich blieb in Berlin zurück. Ich hatte nichts zu verlieren. Aber mir war klar, ich gehe nicht auf den Transport.

einestages: Wussten Sie damals von den Deportationen und der Vernichtung in den Konzentrationslagern?

Lévy: Nichts Genaues. Aber die Anzeichen waren untrüglich. Menschen verschwanden, auch in der Fabrik, unsere Mitbürger bekamen Listen, auf denen stand, was man mitnehmen sollte - wie bei einem geordneten Umzug etwa in ein Ghetto. Aber dann kamen die Postkarten oder Briefe: "Wir müssen weg, ich weiß nicht, ob wir uns nochmal wiedersehen." Dennoch: Keiner konnte sich vorstellen, was in den Todeslagern passierte.

einestages: Was gab den letzten Anstoß abzutauchen?

Lévy: Ich hatte mir in der Fabrik eine Verletzung am Finger geholt und suchte einen jüdischen Arzt auf. Der riet mir unmissverständlich: "Kommen Sie nicht wieder, bei mir kommt die Gestapo ins Wartezimmer." Ich ging nach Hause und entging dort nur knapp einer Razzia. Also griff ich mir Mantel und Handtasche und floh. Es war der 7. Februar 1943.

einestages: Damit begann Ihr Leben als blondgefärbte Deutsche?

Lévy: Jüdische Bekannte, bei denen ich Zuflucht suchte, überzeugten mich, mein Äußeres zu verändern. Bei einem befreundeten Friseur erhielt ich dann die Färbung und legte mir eine neue Identität zu: Fortan nannte ich mich Hannelore Winkler. Mir war klar, dass ich nicht auffallen durfte. Also ungezwungen auftreten, keine Angst zeigen, nicht verstecken. Ich gab mich wie alle anderen - als ganz normale Berlinerin.

einestages: Hatten Sie Angst vor jüdischen Spitzeln im Dienst der Gestapo?

Lévy: Es gab "Greifer", die ihre Mitbürger denunzierten, etwa Stella Goldschlag, der nach dem Krieg der Prozess gemacht wurde. Ihr Lebensgefährte, auch im Dienst der NS-Schergen, kannte mich aus der Arbeit in der Textilfabrik. Ich bin ihm einmal im Café Kranzler begegnet - danach habe ich mich monatelang nicht auf die Straße gewagt.

Fotostrecke

Judenverfolgung in Nazideutschland: Leben als falsche "Arierin"

einestages: Mit dem neuen Äußeren begann eine fast zweijährige Odyssee, bei der Sie in Berlin von Helfern weitergereicht wurden.

Lévy: Zunächst kam ich bei einer Portiersfrau unter, der ich beim Putzen und der Betreuung ihres Dreijährigen half. Derweil verschlimmerte sich die Wunde an meinem Finger. Es war eine ältere Dame in einem Lebensmittelgeschäft unweit unserer alten Wohnung, die mich dann an einen Arzt vermittelte und für die Behandlung zahlte.

einestages: Nach einer Hamsterfahrt nach Oberschlesien setzte die Portiersfrau Sie dann auf die Straße...

Lévy: ...weil ihr vielleicht meine illegale Präsenz lästig geworden war. Ich hatte Glück, denn ich wurde in Charlottenburg von der Familie Most aufgenommen, einem Uhrmacher. Obwohl ich eine Fremde war, eine Jüdin, haben sie mich aufgenommen wie ein eigenes Kind. Ich fühlte mich erstmals wieder geborgen.

einestages: Damals wurden Sie während einer Filmvorstellung von einem jungen Mann auf dem Weg zur Front angesprochen.

Lévy: Wir haben uns zu einem Spaziergang verabredet: Er bat mich, Kontakt zu seiner Mutter zu halten, die als Kartenverkäuferin im Kino arbeitete. Viktoria Kolzer war ein wunderbarer Mensch - es war der Beginn einer innigen Freundschaft.

einestages: Und die letzte Station ihrer Flucht.

Lévy: Gegen Kriegsende setzte sich Uhrmacher Most ab, weil ihm die Einberufung zum Volkssturm drohte. In meiner Not ging ich zu Frau Kolzer und offenbarte: "Ich bin Jüdin, ich bin verfolgt, ich brauche einen Unterschlupf." Sie und ihr Mann nahmen mich in ihrer Eineinhalbzimmerwohnung in der Nollendorfstraße auf. Es war die Nacht des ersten großen Bombenangriffs am 22. November 1943.

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Claus Räfle:
Die Unsichtbaren

Untertauchen, um zu überleben. Eine wahre Geschichte.

Elisabeth Sandmann Verlag; 160 Seiten; 19,95 Euro.

einestages: Bei den Kolzers blieben Sie bis Kriegsende?

Lévy: Es war wie ein Verhältnis von Mutter und Tochter - zumal nach dem Tod ihres Mannes. Wir machten uns gegenseitig Mut, sie fütterte mich durch mit ihrem mageren Gehalt. Sie hat alle Opfer auf sich genommen. Ich hatte ja keine Lebensmittelkarten.

einestages: Als der Krieg 1945 zu Ende ging, waren Sie 19 Jahre alt. Zum letzten Mal flohen Sie vor den russischen Soldaten.

Lévy: Die Russen kamen als Sieger nach Berlin und übten Rache für die Gräueltaten der deutschen Truppen. Für die waren wir Freiwild. Auch ich wurde von einem sowjetischen Soldaten mit der Waffe bedroht: "Du keine Jüdin, du Deutsche. Meine Eltern mussten ihr Grab schaufeln, dann Genickschuss." Noch in derselben Nacht, es war der 1. Mai 1945, sind wir während der Ausgangssperre geflohen.

einestages: Sie sind nach Kriegsende nach Paris gezogen, haben hier Ihren Mann kennengelernt. Haben Sie mit ihm und Ihren zwei Kindern über die schweren Zeiten in Deutschland gesprochen?

Lévy: Natürlich. Ich habe nie verhehlt, dass ich in Berlin geboren bin. Gewiss, meine jüdischen Freunde waren wenig erbaut, dass ich meinen Kindern Deutsch beigebracht habe. Mein Sohn und meine Tochter haben auch die Menschen kennengelernt, die mir seinerzeit so großherzig geholfen hatten. Ich hatte die Freude, dass ich die Mosts und Kolzers nach Paris einladen und verwöhnen konnte - sie und ihre Nachfahren sind Teil unserer Familie.

einestages: Ihre Erlebnisse sind jetzt Teil des Films "Die Unsichtbaren". Hat Regisseur Claus Räfle es vermocht, die Atmosphäre im Berlin des Nazi-Regimes zu vermitteln?

Lévy: Unbedingt. Das Drehbuch von Räfle und Alejandra Lopez trifft die angsterfüllte Stimmung im Berlin des Nazi-Regimes sehr präzise. Und den jungen Schauspielern gelingt es großartig, unsere Befindlichkeiten zu verkörpern: In Alice Dwyer erkenne ich mich wieder.

einestages: Erhoffen Sie sich von dem Film, der jetzt in Deutschland anläuft, eine pädagogische Wirkung?

Lévy: Das wäre zu hoffen, zumal ich oft in Schulen über meine Vergangenheit spreche. Ich persönlich empfinde vor allem eine große Genugtuung, dass man diese Menschen, die sich für uns aufgeopfert haben, endlich würdigen kann. Den selbstlosen Einsatz der Mosts, der Kolzers und all der Helfer, die in Israel als "Gerechte unter den Völkern" gewürdigt werden: Deutschlands stille Helden.


insgesamt 12 Beiträge
Rainer Duffner 27.10.2017
1. Das waren noch echte Helden
heute kommen sich die Leute ja schon als Held vor, wenn sie einen bescheuerten Hashtag retweeten. Aber wer damals so etwas gemacht hat, der musste zum einen eine felsenfeste Überzeugung haben (ob aus dem Glauben heraus, der [...]
heute kommen sich die Leute ja schon als Held vor, wenn sie einen bescheuerten Hashtag retweeten. Aber wer damals so etwas gemacht hat, der musste zum einen eine felsenfeste Überzeugung haben (ob aus dem Glauben heraus, der politischen Einstellung oder schlicht der Erziehung) und Nerven wie Drahtseile. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: wer würde heute eine Irakerin oder eine Afghanin bei sich aufnehmen, wenn gleichzeitig alle Angehörigen dieser Nationalität zur Fahndung und Internierung ausgeschrieben währen - nebst allen mutmasslichen oder tatsächlichen Unterstützern?
Rolf Radicke 27.10.2017
2. Lieber spaet als nie
Es ist erfreulich, dass den Deutschen (und hoffentlich nicht nur denen) das Schicksal von Frau Levy nahe gebracht wird, denn die Nazizeit scheint bei manchen Leuten nicht existiert zu haben. Es ist auch positiv zu vermerken, [...]
Es ist erfreulich, dass den Deutschen (und hoffentlich nicht nur denen) das Schicksal von Frau Levy nahe gebracht wird, denn die Nazizeit scheint bei manchen Leuten nicht existiert zu haben. Es ist auch positiv zu vermerken, dass Frau Levy die Deutschen, die ihr damals geholfen haben, obwohl sie damit ihr eigenes Leben riskierten, dementsprechend anerkennt. Ich sehe den Umstand, dass sie ihren Kindern Deutsch beigebracht hat, als Teil dieser Anerkennung. Eine Erbschuld gibt es nicht, aber es sollte schon eine Verpflichtung geben, die ueble Nazivergangenheit so zu behandeln, dass ein Wiederaufkommen faschistischen Denkens nicht auf fruchtbaren Boden faellt (von den Unbelehrbaren mal abgesehen).
Bärbel Bauer 27.10.2017
3. Sehr beeindruckender Film
den ich mir gestern angesehen habe. Leider ist das Interesse an dem Thema beschämend gering. Wir waren lediglich sechs Personen in dem großen Kinosaal.
den ich mir gestern angesehen habe. Leider ist das Interesse an dem Thema beschämend gering. Wir waren lediglich sechs Personen in dem großen Kinosaal.
Jochen Hoffstätter 27.10.2017
4. ....
In mir steigt die kalte Wut hoch wenn ich so etwas lese und mir die Höckes und Gaulands einfallen. mit ihren unsäglichen Sprüchen und ich die wutverzehrten Gesichter der "guten" Deutschen im Geiste vor mir sehe! Es [...]
In mir steigt die kalte Wut hoch wenn ich so etwas lese und mir die Höckes und Gaulands einfallen. mit ihren unsäglichen Sprüchen und ich die wutverzehrten Gesichter der "guten" Deutschen im Geiste vor mir sehe! Es tröstet nicht sich zu sagen, so schlimm wird es nicht werden, das meinten viele 1933 ebenfalls.
Marius Frey 27.10.2017
5.
Das sind dochmal wahre Deutsche Heldengeschichte, an denen sich jeder Mensch ein Beispiel nehmen sollte. Hut ab!
Das sind dochmal wahre Deutsche Heldengeschichte, an denen sich jeder Mensch ein Beispiel nehmen sollte. Hut ab!

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