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Wie es wirklich war

Nagelte Martin Luther seine Thesen an eine Kirchentür?

Martin Luther nagelte vor 500 Jahren 95 Thesen an die Tür - und veränderte damit die Kirchengeschichte. Die seit Jahrhunderten überlieferte Szene ist großartig. Aber stimmt sie auch?

Foto: Corbis via Getty Images
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Dienstag, 24.11.2015   00:00 Uhr

Der rebellische Mönch schreitet entschlossen zur Tür. Er greift zum Hammer und nagelt ein Plakat fest, mit dem er die Welt verändern will. 95 Thesen hat er aufgeschrieben, eine Anklage gegen die römische Kirche und die Geburtsurkunde eines neuen Glaubens.

Die seit Jahrhunderten überlieferte Szene an der Tür der Wittenberger Schlosskirche ist großartig. Im Album der deutschen Momente nimmt Martin Luthers Thesenanschlag deshalb einen prominenten Platz ein. Aber so wuchtig und entschlossen, mit Hammer und Nagel, ist sein Auftritt am 31. Oktober 1517 sehr wahrscheinlich nicht gewesen.

Was damals passiert ist, weiß man nicht genau, obwohl man es lange Zeit zu wissen glaubte. Dann, im Jahr 1961, fand der Historiker Erwin Iserloh heraus: In sämtlichen Schriften Luthers gibt es keine einzige Stelle, in der von einem Thesenanschlag die Rede ist. Wenn aber der Reformator selbst kein Wort über seine heroische Tat verloren hat, dann hat sie vielleicht nie stattgefunden. Was nun?

Der Weg zur Quelle der berühmten Szene führt zu Philipp Melanchthon. Im Vorwort der gesammelten Werke Luthers schrieb er 1546, kurz nach dessen Tod, der Reformator habe seine Ablassthesen "öffentlich an der Kirche, die mit dem Wittenberger Schloss verbunden ist, am Vortag des Festes Allerheiligen 1517 angeschlagen".

Aus SPIEGEL GESCHICHTE 6/2015

Als gewissenhafter Gelehrter und enger Wegbegleiter Luthers ist Melanchthon ein guter Gewährsmann. Und der von ihm beschriebene Urknall der Reformation passte zu Luthers kernigem Charakter ebenso wie zum Ablauf der Ereignisse seit 1517, aus denen sich wunderbar eine große Erzählung formen ließ. Der 31. Oktober steht bis heute als Reformationstag im Kalender. Ein Makel bleibt jedoch: Melanchthon war an jenem Tag kein Augenzeuge, denn er kam erst 1518 nach Wittenberg.

Luthers langjähriger Sekretär Georg Rörer wohnte dort seit 1522. Obwohl also auch er kein Zeuge des Thesenanschlags war, hat vor einigen Jahren eine neu entdeckte handschriftliche Bemerkung Rörers für großes Aufsehen gesorgt. In einem Exemplar des Neuen Testaments in Luthers Übersetzung, das er gemeinsam mit dem Reformator zur Feinarbeit am Text benutzte, notierte er ganz am Ende: "Im Jahr 1517 am Vorabend von Allerheiligen sind in Wittenberg an den Türen der Kirchen die Thesen über den Ablass von Doktor Martin Luther vorgestellt worden."

Daraus, dass hier von "Türen" und "Kirchen" die Rede ist, lässt sich ein neues Szenario ableiten. Das Plakat mit den 95 Thesen wäre demnach zeitgleich an mehreren Orten in Wittenberg veröffentlicht worden.

Plausibel ist das. Gemäß den Statuten der Theologischen Fakultät war es vorgeschrieben, dass die Aufforderung zu einer akademischen Disputation an Wittenberger Kirchentüren anzubringen sei. Und zumindest formal verband Luther seine Ablasskritik mit der Einladung zu einer Fachdiskussion. In seinem Vorspruch heißt es: "Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll über die folgenden Sätze disputiert werden."

Die akademischen Statuten regelten auch die praktische Frage, wer die Plakate anbringen soll: der Pedell, also der Hausmeister der Universität. Darauf hat der in Harvard lehrende Historiker Daniel Jütte im vergangenen Jahr noch einmal aufmerksam gemacht. Jütte ist spezialisiert darauf, alte Türen zum Sprechen zu bringen. Die Wittenberger Praxis war nach seinen Forschungen damals weitverbreitet: "Kirchentüren spielten eine zentrale Rolle als Informationstafeln im öffentlichen Raum." Eine gängige Methode war dabei das Ankleben der Plakate mit Leim oder Siegelwachs.

Vielleicht hat Luther deshalb nie über das Geschehen am 31. Oktober 1517 gesprochen. Was sollte ihn ein Pedell kümmern, der mit Kleber von Tür zu Tür gelaufen ist?

VIDEO: Calvin versus Luther

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