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einestages

Afrobeat-Erfinder Fela Kuti

"Der gefährlichste Musiker der Welt"

Er war Sohn einer Frauenrechtlerin - und hielt sich einen Harem: Fela Kuti, Afrobeat-Erfinder und sexistischer Bürgerschreck. Als der Musiker 1997 starb, gingen Hunderttausende auf die Straße, um ihn zu ehren.

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Freitag, 03.11.2017   12:01 Uhr

In der schäbigen Garderobe hinter der Bühne der Hamburger "Fabrik" hält der Star des Abends Hof. Fela Kuti trägt eine Wattejacke über seinem Afro-Outfit. Am 11. November 1992 ist es empfindlich kalt. Mit einem Joint in der Linken brabbelt der Bandleader in Yoruba und Pidgin-Englisch mit Musikern, Mitläufern und Frauen aus seinem Harem. Die kommen aus dem neben der Halle geparkten Bandbus; dessen Motor läuft, weil die Heizung aufgedreht wurde.

Die Nigerianer frieren, obwohl sie diesmal gerüstet sind für den mitteleuropäischen November. Zum Jazzfestival Berlin 1978 waren Felas Leute in Sandalen und Dashiki-Hemden aus dem tropisch-heißen Lagos eingeflogen; die Organisatoren mussten für 75 Personen Winterkleidung besorgen.

Diesmal ist das Gefolge etwas kleiner. Dennoch dauert es über eine halbe Stunde, bis in der Garderobe einigermaßen Ruhe einkehrt und Fela zum SPIEGEL-Interview bereit ist. Das wird undruckbar, denn der Afrobeat-Erfinder beantwortet keine Fragen zu seiner Musik, zu seinem politischen Engagement oder seinem Leben. Umgeben von einer Haschwolke erzählt der Weltstar im Monolog afrozentrische, esoterische Geschichten. Zum Beispiel: Königin Viktoria habe den Afrikanern ihren "pot of wisdom" geraubt und mit Hilfe dieses Wissens das britische Kolonialreich errichtet. "Will der uns verarschen?", fragen Kollegen, als ihnen die Kassette vorgespielt wird.

Das sicher nicht. Aber knapp fünf Jahre vor seinem Tod war Fela Kuti gezeichnet von jahrzehntelangem Drogenkonsum, er war krank und hatte sich in bizarre Ideen verrannt. Der Sohn aus einer angesehenen Familie wollte nicht Pfarrer werden wie sein Vater oder Arzt wie seine beiden Brüder; fixiert auf archaische afrikanische Traditionen, rebellierte er gegen seine bürgerliche Herkunft.

"Frauen sind Matratzen"

"I no be gentleman at all, I be Africa man original", verkündete Fela in einem seiner Hits im massen-verständlichen Pidgin. Er änderte seinen Nachnamen von Ransome-Kuti in Anikulapo-Kuti; statt in Hoch-Englisch parlierte er nur noch in seiner Stammessprache Yoruba und in Pidgin. Er hetzte gegen westliche Bildung ("Teacher, Don't Teach Me Nonsense"), praktizierte afrikanischen Geisterglauben und Polygamie.

Dabei war Fela ein Sohn von Nigerias bekanntester Frauenrechtlerin. Funmilayo Ransome-Kuti, Jahrgang 1900, erwarb als eine der ersten Nigerianerinnen den Führerschein und gehörte zu den Gründern der nationalen Lehrer-Gewerkschaft. Als Afrikanerin des 20. Jahrhunderts hatte sie nur einen Ehemann. Fela dagegen heiratete 27 Frauen, etliche waren in seiner Show Sängerinnen und Tänzerinnen.

Als Bandleader, Sänger und Saxofonist scheuchte Fela sie paschahaft über die Bühne und prahlte, er würde täglich mit sechs Frauen schlafen, seine Potenz stärke er mit einem Gebräu aus afrikanischen Kräutern. Sex mit Kondomen verlachte er als "unnatürlich", Geburtenkontrolle lehnte er ab. "Frauen sind Matratzen", verkündete Fela in Liedern und Interviews.

Von dem sexistischen Bürgerschreck hat sich Felas Mutter nie losgesagt. Denn so wie der Musiker engagierte sich die pensionierte Studienrätin gegen die korrupten Politiker ihres Landes. Nigeria erlebte seit 1966 eine Folge von Militärputschen. Und während ein Ölboom die Staatskasse füllte, blieb die Masse der Menschen arm, weil eine korrupte Oberschicht die Profite einstrich.

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Afrobeat-Ikone Fela Kuti: "Der gefährlichste Musiker der Welt"

Fela fühlte sich berufen, das anzuprangern. Zu dem von ihm entwickelten Afrobeat - einer Kombination aus Jazz und Funk mit westafrikanischer Tanzmusik und der Folklore des Yoruba-Volkes - sang er rebellische Texte. Dafür warfen ihn die "Beasts of No Nation" und "Vagabonds in Power - ViP", wie er die Machthaber in seinen Hits nannte, ins Gefängnis. Das Volk aber liebte Felas afrikanischen Agit-Prop zum Tanzen und Mitsingen. Als der Künstler die Partei "Movement of the People" (MoP) gründete und ankündigte, er wolle für den Präsidentenposten kandidieren, nannte ihn das Magazin "Rolling Stone" den "gefährlichsten Musiker der Welt".

Der gefährliche Fela verbreitete anti-weiße Verschwörungstheorien. Nachdem er erfuhr, dass der Beatle Paul McCartney ein Konzert seiner Band besucht hatte, blaffte der Afrobeat-Star: "Der ist wohl gekommen, um unsere Musik zu stehlen."

Mitten in Lagos gründete Fela innerhalb eines ummauerten Grundstücks seine "Kalakuta Republic". In der Kommune für Musiker, Familienangehörige und Mitläufer wurde Marihuana geraucht. Minderjährige und Drogendealer zogen ein - und gaben den Behörden Anlass zum Einschreiten. Felas Mutter starb 1978, nachdem sie bei einer Razzia im Haus ihres Sohnes von Polizisten misshandelt worden war.

Als lokalen Spielort für seine Band eröffnete Fela in Lagos den "African Shrine", einem mit Kultfiguren dekorierten Tanzschuppen. Der Laden war die wichtigste und zeitweilig einzige Live-Spielstätte im Zwölf-Millionen-Einwohner-Großraum von Lagos. Als sich wegen bewaffneter Raubüberfälle jahrelang niemand nachts auf die Straße traute, übernachteten die Fans gleich im Club. Neben der Musik gab es dort Voodoo-Zeremonien, Prostituierte und alle Arten von Drogen.

Sein Tod bricht ein Tabu

Im April 1997 stürmten Agenten der National Drug Law Enforcement Agency den African Shrine. Er wurde geschlossen, Fela in Handschellen abgeführt. Im Fernsehen sahen Millionen Nigerianer einen Mann, der zum Skelett abgemagert war, aber immer noch trotzig protestierte. Nach zwei Wochen in Haft kam der Todkranke frei - und starb am 2. August. Er war 58 Jahre alt und hatte sich bis zum Ende geweigert, westliche Medizin einzunehmen. Felas älterer Bruder, der Medizin-Professor Olikoye Ransome-Kuti, gab im Namen der Familie die Todesursache bekannt: Aids. Damit war ein in Nigeria als Tabu behandeltes Thema in der Öffentlichkeit.

Als die Leiche von Fela Kuti am 11. August 1997 in einem gläsernen Sarg durch Lagos gefahren und am bedeutendsten Platz aufgebahrt wurde, strömten mehr als eine Millionen Menschen auf die Straße. Chöre sangen Klagelieder; Bands spielten Stücke des Verstorbenen. Politiker und Diplomaten unterzeichneten eine Kondolenzliste, aber auch Taxifahrer und Marktfrauen. Die Trauer um den Musiker war gleichermaßen eine Kundgebung gegen Militärdiktator Sani Abacha.

Heute ist Fela Anikulapo-Kuti nicht nur in Afrika eine Legende. Der Rapper Jay Z und der Hollywood-Star Will Smith produzierten das mit etlichen Tonys ausgezeichnete Broadway-Musical "Fela". Oscar-Preisträger Alex Gibney drehte den Dokumentarfilm "Finding Fela". Die wichtigsten Platten des Afrobeat-Erfinders erscheinen klanglich aufpoliert als CD und auf Vinyl.

Vor allem aber halten Bands den Afrobeat am Leben. Felas Söhne Femi und Seun touren durch die Welt, Afrobeat-Bands reüssieren in New York, Chile und Köln. Fela Kutis Afrobeat, urteilte der britische "Guardian" vor einem Jahr, "hat im Mainstream Fuß gefasst".

insgesamt 12 Beiträge
Michael Habersaath 03.11.2017
1. Etwas oberflächlich
Das mit den 27 Frauen stimmt zwar. Es wird aber unterschlagen, daß das eine politische Aktion war, als die damalige Regierung die besonders im Norden praktizierte Vielehe kritisierte.
Das mit den 27 Frauen stimmt zwar. Es wird aber unterschlagen, daß das eine politische Aktion war, als die damalige Regierung die besonders im Norden praktizierte Vielehe kritisierte.
Reinhard Hennig  03.11.2017
2. Willkommen in der Langeweile...
Die Toten dürfen sogar sexistisch sein... Muss man erst sterben, um all die MeToo'ler von der Backe zu haben? Auch heute wollen wir Außergewöhnliches von außergewöhnlichen Menschen serviert bekommen, möchten aber, dass die [...]
Die Toten dürfen sogar sexistisch sein... Muss man erst sterben, um all die MeToo'ler von der Backe zu haben? Auch heute wollen wir Außergewöhnliches von außergewöhnlichen Menschen serviert bekommen, möchten aber, dass die sich benehmen wie der letzte Spießer von nebenan. Willkommen in der Langeweile...
Oliver Brandt 03.11.2017
3. Der African Shrine ist nach wie vor offen-
Femi Kuti gibt hier jeden Donnerstag and Sonntag seine Konzerte. Wenn man sich mit den Area Boys arrangiert, gibt´s auch keine Probleme außerhalb. Innen empfängt einen natürlich eine Wolke von Weed, aber das gehört dazu. Als [...]
Femi Kuti gibt hier jeden Donnerstag and Sonntag seine Konzerte. Wenn man sich mit den Area Boys arrangiert, gibt´s auch keine Probleme außerhalb. Innen empfängt einen natürlich eine Wolke von Weed, aber das gehört dazu. Als Europäer kein Problem, hierhin zu kommen und für den internationalen Besucher sicherlich das Prädikat empfehlenswert.
Papazaca 03.11.2017
4. Afrikanische Musik: Eher unbekannt und sehr unterschätzt
Fela Kuti war einer der größten Musiker Afrikas. Gerade höre ich "Lady" von "The Best of the Black President". Der Mann hat großartige Musik gemacht. Ich laß jetzt mal seine gesellschaftliche Bedeutung [...]
Fela Kuti war einer der größten Musiker Afrikas. Gerade höre ich "Lady" von "The Best of the Black President". Der Mann hat großartige Musik gemacht. Ich laß jetzt mal seine gesellschaftliche Bedeutung außen vor, obwohl die natürlich ein wichtiger Teil seiner Musik war, siehe "Coffin for the Head of State" und "Army Arrangement". Und er hat natürlich durch seinen MiX aus Pidgin, Highlife, Jazz und Funk eine eigene heiße, pulsierende Musik geschaffen (Afro-Beat). Für mich einer der größten Musiker, nicht nur Nigerias oder Afrikas. Wenn jemand Lust auf mehr hat, Afrika hat so große Musiker total unterschiedlicher Stile: King Sonny Ade aus Nigeria, Toumani Diabate aus Mali, Franco aus dem Congo, Cesaria Evora von den Cap Verden, Salif Keita aus Mali, Thomas Mapfumo aus Zimbabwe, Baaba Maal aus dem Senegal, Youssou N'Dour und viele andere. Ein Überblick gibt der Rough Guide World Music.
Bastian Steffen 04.11.2017
5. guter Artikel - teilweise jedoch sehr ungenau
moin, leider ist der Artikel ungenau und dadurch teilweise irreführend: 1) "Aber knapp fünf Jahre vor seinem Tod war Fela Kuti gezeichnet von jahrzehntelangem Drogenkonsum..." Fela hat gekifft - hat jedoch härtere [...]
moin, leider ist der Artikel ungenau und dadurch teilweise irreführend: 1) "Aber knapp fünf Jahre vor seinem Tod war Fela Kuti gezeichnet von jahrzehntelangem Drogenkonsum..." Fela hat gekifft - hat jedoch härtere Drogen nie benutzt 2) "Er hetzte gegen westliche Bildung ("Teacher, Don't Teach Me Nonsense")" - Fela kritisiete in TDTMN speziell, dass afrikanische Politker zur Ausbilding nach Europa gehen und komplett die afrikanische Kultur und Traditionen vergessen. Er fordert dazu auf, das die afrikanische Probleme in Afrika selbst in Afrika gelöst werden sollen und nicht von der westlichen Welt. 3) "praktizierte afrikanischen Geisterglauben und Polygamie" - Fela hatte insgesamt 28 Frauen (Remi Taylor und Mutter von Felas ersten 3 Kindern (Yeni, Femi und Sola) + den 27 in Ihren Artikel genannten Tänzerinnen), jedoch standesamtlich war er nur mit Remi Taylor verheiratet. Die Hochzeit mit den 27 anderen Frauen war ein Politikum, die traditionelle Hochzeit fand kurze Zeit nach der Zerstörung von Kalakutta Republik statt und die Frauen waren dadurch ein wenig geschützt, da Ihnen durch das wilde Zusammenleben mit Fela Prostitution von der miltitârische Junta vorgeworfen wurde. Aber es stimmt: Fela glaubte nicht an die Ehe und an die Monogamie. Er sagte es offen und zwang keine der Frauen mit Ihm zu schlafen. Seine Aussage über die Rolle der Frauen waren sexistisch. Geisterglaube: der Glaube der Yoruba ist ein wenig komplizierter als ihn lapidar mit "Geisterglaube" abzustempeln. 4) "Von dem sexistischen Bürgerschreck hat sich Felas Mutter nie losgesagt." stimmt den die meisten dieser sexistischen Aussagen stammten von Fela nach dem seine Mutter im April 1978 an den Verletzunegn des Überfalls des Militärs auf Kalakuta Republik gestorben ist. Sie wurde aus einem Fenster des 3. Stockes geworfen. 5) "Im April 1997 stürmten Agenten der National Drug Law Enforcement Agency den African Shrine. Er wurde geschlossen, Fela in Handschellen abgeführt." Falsch ! NDLEA verhaftete Fela in seinem Haus, nicht im Shrine. der Shrine war offen. Falls weitere Informationen erwünscht, bitte melden.

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