Fliegerabsturz in Otting
"Überall im Schnee war Blut"
"Es war Winter, eiskalt", erinnert sich der Schriftsteller Thomas Bernhard in der autobiografischen Erzählung "Ein Kind" an einen "herrlichen, tiefblauen Mittag" im Kriegsjahr 1944. Bernhard, gerade 13 Jahre alt, saß mit seiner Großmutter in ihrer Wohnung im oberbayrischen Traunstein, als plötzlich ein Brummen immer lauter anschwoll. Draußen sahen sie eine Bomberformation herannahen: "Die amerikanischen Maschinen, in Sechserreihen, glitzerten auf ihrer starr eingehaltenen Bahn". Plötzlich, so erinnert sich Bernhard, sei aus noch größerer Höhe eine deutsche ME 109 aufgetaucht und habe "in Sekundenschnelle" einen der Silberkolosse aus dem Verband herausgeschossen. Der Bomber sackte ab und zerbrach in einer gewaltigen Explosion in drei Teile.Den Absturz der Mannschaft erlebte der junge Bernhard als "vollkommene Tragödie": Er habe mehrere weiße Punkte zu Boden sinken sehen - die mit dem Fallschirm abgesprungene Besatzung. "In dem elementaren Mittagsbild öffneten sich mehrere Fallschirme nicht, und man sah schwarze Punkte rascher als die Teile der Maschine zu Boden stürzen." Dann sah der Junge "geöffnete Fallschirme, die aus irgendeinem Grund Feuer fingen und in Sekundenschnelle abgebrannt und mit ihren Trägern zu Boden gefallen waren".
Großmutter und Enkel liefen "eine Sensation witternd", zur Bahnstation und fuhren mit dem Zug an den Absturzort nach Otting - wo noch immer die Trümmer rauchten. Eine der beiden fast 35 Meter langen Tragflächen hatte einen Stall voller Schweine durchschlagen, weswegen "ein unvorstellbarer Gestank" in der Luft lag. Für den sensiblen jungen Bernhard zeigte jedoch "die Sensation ihre entsetzliche Kehrseite", denn "im Schnee sah man große Löcher, in welchen die vom Himmel gefallenen und völlig zerschlagenen Leichen steckten. Überall im Schnee war Blut verspritzt". Der Junge erschrak zutiefst: "Das Schauspiel des Krieges gefiel mir nicht mehr."
Der Tag, von dem Bernhard schreibt, lässt sich historisch genau datieren: Es war der 25. Februar 1944. Der Tag, an dem eine großangelegte strategische Offensive der alliierten Luftstreitkräfte das deutsche Militär mit einem militärischen Präzisionsschlag entscheidend schwächte. Einem Präzisionsschlag, den amerikanische Soldaten mit ihrem Leben bezahlten.
Flugzeugtrümmer prasselten auf den Hof
Andreas Seehuber, der heute 80 Jahre alt ist, stand an jenem Tag unmittelbar neben der Stelle, an der der Bomber herunterkam. Der Junge - er war selbst nur ein Jahr älter als Thomas Bernhard - lebte in Tettelham, einem Dorf nahe Otting. Während des Bomberanflugs befand er sich auf dem großen Hofbauerngut seiner Eltern unterhalb des Schlossberges von Tettelham. Genau wie Bernhard wurde auch er auf den anfliegenden Kampfverband der Amerikaner aufmerksam, sah ein Flugzeug mit Rauchfahne und "einige Fallschirme". Einige Sekunden später gab es eine Explosion. "Ich schaute nach oben und dachte, die Trümmer könnten einige Kilometer von mir entfernt niedergehen." Er irrte sich.
Erst prasselten kleinere Flugzeugteile auf die Hofgebäude seiner Eltern nieder. Kurz darauf folgten die brennenden Tragflächen mit den Motoren und der Rumpf. Sie schlugen auf dem noch schneebedeckten Burghügel auf, zerschmetterten dort Teile einer von Heimkehrern des Ersten Weltkriegs gepflanzten Friedenslinde und zerstörten einen historischen Getreidespeicher. Einzig das Wohnhaus der Familie Seehuber blieb wie durch ein Wunder von den Teilen des brennenden Wracks verschont.
Etwa hundert Meter entfernt vom Unglücksort lag ein Soldat, der offenbar beim Aufprall herausgeschleudert worden war. Immer wieder sagte er "goodbye". Als der Arzt eintraf, war er bereits tot. Auch der Pilot und Co-Pilot, die noch in der Kanzel saßen, starben wenig später. Insgesamt wurden im Flugzeug und im Umkreis fünf tote Soldaten geborgen. Auf polizeiliche Anweisung sollten sie zunächst anonym verscharrt werden. Doch Seehubers Vater, der Bürgermeister und der Pfarrer setzten eine christliche Bestattung mit Holzkreuz und Namensangaben auf dem Friedhof in Otting durch. Einer der Abgestürzten hatte einen Rosenkranz um den Hals getragen, und so wurden alle Besatzungsmitglieder katholisch beerdigt.
3000 Tote in einer Woche
Sowohl Thomas Bernhard als auch Andreas Seehuber waren Zeugen einer Militäroperation im Rahmen der alliierten "Big Week" geworden: Am 20. Februar 1944 hatten die amerikanischen und britischen Luftstreitkräfte diese Offensive mit dem Ziel begonnen, innerhalb nur einer Woche die Deutsche Rüstungsindustrie entscheidend zu treffen. Vor allem Militärflughäfen und Montageanlagen für Jagdflugzeuge sollten vernichtet werden, um für die geplante Invasion im Juni 1944 die Lufthoheit zu sichern.
Bereits am ersten Tag der "Big Week" stiegen 1003 amerikanische "Liberator"-und "Flying Fortress"-Bomber von Luftbasen in England und Süditalien auf und griffen an. Zwar hatte man mit der Gegenwehr deutscher Abfangjäger gerechnet, war jedoch durch das Ausmaß besonders der neu ausgerüsteten ME-109-Maschinen überrascht. 411 alliierte Flugzeuge stürzten innerhalb der "Big Week" ab, 3000 Besatzungsmitglieder ließen dabei ihr Leben. Doch während die Alliierten ihre Verluste rasch wieder ausgleichen konnten, fielen für die Deutsche Luftwaffe der Verlust von 225 Piloten und 258 Jagdflugzeugen strategisch erheblich mehr ins Gewicht.
Am 25. Februar 1944 starteten frühmorgens 35 US-Bomber vom italienischen Grottaglie aus in Richtung Süddeutschland. In jedem der Viermotorer saßen zehn Mann: Pilot, Co-Pilot, Navigator, Bombenschütze und sechs Bordschützen. Eines der wichtigsten Ziele war der Flugplatz der Messerschmitt-Werke in Obertraubling. Gegen 13 Uhr gelang der U.S. Army dort ein militärisch effektiver Präzisionsschlag: Erst zwei Wochen vorher war die 1. Gruppe des Jagdgeschwaders 5 "Eismeer" aus Nordfinnland nach Obertraubling verlegt worden. Der US-Angriff zerstörte das Flugfeld komplett und vernichtete zahlreiche Flugzeuge und technische Geräte am Boden.
Eine Kriegsmaschine als Friedensdenkmal
Doch mehreren Eismeerjägern glückte kurz vor dem Angriff noch der Start. Sie verfolgten den starr in Formation zurückfliegenden Bomberverband von der Donau bis in den Chiemgau und schossen drei "Liberator"-Bomber ab. Unter ihnen befand sich auch die "Shack Wolf", geführt von Lt. Robert J. Knapp. Sie wurde gegen 13.30 Uhr über dem Nordsaum des Chiemsees von einer ME 109 der Eismeerjäger mit einer Rakete abgeschossen. "Shack Wolf" explodierte noch in der Luft - vor den entsetzten Augen Bernhards und Seehubers.
Vier der Crewmitglieder überlebten ihren Absprung per Fallschirm. Sie landeten weit verstreut zwischen Traunstein und Waging und gerieten in Gefangenschaft. Kurz nach Kriegsende wurden im Sommer 1945 die gefallenen Amerikaner auf Anweisung der US-Militärbehörde exhumiert und in verschiedenen US-Soldatenfriedhöfen neu beigesetzt.
1946 begannen die Kriegsheimkehrer Ottings mit dem Bau einer kleinen Kriegergedächtnis-Kapelle auf dem Schlossberg von Tettelham neben der alten Friedenslinde. Durch den Flugzeugabsturz hatte sie schwer gelitten. Am 15. August 1947 wurde das Kirchlein eingeweiht. Auf dem Dachreiter mit Glocke prangt seitdem eine von einem Friedenskreuz gekrönte Kugel - gefertigt aus einem Metallteil des "Liberators".
Zum Weiterlesen:
Thomas Bernhard: "Ein Kind". DTV Deutscher Taschenbuch, 2011, 166 Seiten.
Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

