Kriegsgefangenschaft in Galizien
"Was habt ihr mit uns gemacht?"
Es gibt Begegnungen, die man nie in seinem Leben vergisst. Eine davon hatte ich im Sommer 1945. Ich war damals in russischer Kriegsgefangenschaft im Lager Stanislau in Galizien. Für die Sommermonate des Jahres 1945 wurde ich ins Nebenlager Kolomea verlegt, wo wir täglich harte körperliche Arbeit verrichteten. Im August gehörte ich zu einer Gruppe von 20 Gefangenen, die an der Südseite des Bahnhofs von Kolomea 200 Meter Gleise mit Muskelkraft und einfachen Werkzeugen verlegen mussten.
In der Mittagspause liefen wir immer über etwa 20 Gleise zur Nordseite des Bahnhofes, um dort die dünne Wassersuppe mit Hirseeinlage zu essen, die das Lager dort pünktlich bereitstellte. Eines Tages versperrte uns ein gerade eingefahrener Personenzug den Weg. Es musste sich um einen besonderen Zug handeln, denn die Lok wurde abgehängt und fuhr zum Kohlebunker. Aus den Abteilfenstern schauten hauptsächlich Frauen, aber auch einige Männer und Kinder heraus. Ich lief am Ende unserer Gruppe und machte sicher einen bedauernswerten Eindruck. Mit gerade mal 48 kg Körpergewicht sah ich vermutlich halb verhungert aus.
Da winkte mich eine Frau zum Abteilfenster und reichte mir eine gebratene Hähnchenkeule mit den Worten "Nimm, mein Junge". Ich war völlig überrascht, stammelte Dankesworte und lief weiter. Die Frau sprach Deutsch und war etwa so alt wie meine Mutter, an die ich bei den Worten sofort dachte. Verdutzt schaute ich die Dame an. Ich verstand nicht, warum sie deutsch sprach und was sie hier in Galizien machte. Noch im Gehen verschlang ich mit Heißhunger die Keule. Es war das erste und letzte Stück Fleisch, das ich in der Gefangenschaft zu essen bekam.
Deutsch-jüdisches Miteinander
Wir hatten gerade die Mittagssuppe ausgelöffelt, als mehrere Männer und ein kleiner Junge aus dem haltenden Zug ausstiegen und zu uns kamen. Alle waren gut gekleidet, ganz anders als die meisten Leute in Kolomea. Unvermittelt fragte uns einer der Herren in einwandfreiem Deutsch: "Was habt ihr Deutschen mit uns Juden gemacht? Wir haben euch doch nichts getan. Es waren Deutsche und Juden, die vor vielen Jahren hier die Kultur verbreitet haben. Wir haben immer in Frieden miteinander gelebt. Unsere Muttersprache ist Deutsch, und mein Sohn hier kann auch nur Deutsch."
Was sollte ich darauf antworten? Ich hatte erst wenige Monate zuvor von einem älteren Eisenbahner in Stanislau erfahren, dass nach dem Einmarsch der Deutschen in dem galizischen Ort etwa Tausend Juden am Stadtrand erschossen und dort in Massengräbern verscharrt worden waren. Was hatten die Deutschen mit den Juden gemacht? Ich wusste es nicht. Ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Bauch breit. Schließlich antwortete ich, dass ich seit 1942 immer bei der Fronttruppe war und bei unserer Einheit nie Übergriffe auf die Zivilbevölkerung vorgekommen waren. Ob das eine befriedigende Antwort war, weiß ich nicht.
Im weiteren Gespräch erfuhren wir, dass es sich um den Transport von Juden aus Czernowitz in der Bukowina handelte, jener Stadt, die seit 1774 zu Österreich-Ungarn gehörte und in der die zahlenmäßig weit überlegene jüdische Bevölkerung über Jahrzehnte die deutsche Kultur und Sprache hoch gehalten hatte. Der Nazi-Terror zerstörte schließlich diese deutsch-jüdische Kultursymbiose. 1941 besetzten die mit den Deutschen verbündeten Rumänen die Stadt. Bald rückten deutsche SS- und Polizeieinheiten nach.
Stummer Vorwurf
Die Juden wurden zum Großteil ins rumänische Transnistrien verschleppt, dort in verschiedene Ghettos eingepfercht und sich selbst überlassen. Die meisten verhungerten oder wurden von Krankheiten dahingerafft. Für ein paar Tausend Juden konnte der Czernowitzer Bürgermeister eine Sondergenehmigung erwirken, die ihnen gestattete, in der Stadt zu bleiben, wobei sie in den umliegenden rumänischen Arbeitslagern geknechtet wurden. Nur rund 15.000 Czernowitzer Juden überlebten. Von all dem erfuhr ich erst Jahre später.
Czernowitz hatte seit 1918 mehrere Machthaber. Erst annektierte Rumänien die Stadt. 1940 kamen die Russen und wurden ein Jahr später erneut von den Rumänen abgelöst, 1944 fiel die Stadt dann wieder in russische Hände. 1946 wurde Czernowitz endgültig der Ukraine zugeschlagen. Die neuen Machthaber beschlossen, alle Nicht-Ukrainer umzusiedeln und so hatten sich auch jene Czernowitzer Juden auf den Weg gemacht, die den Holocaust überlebt hatten. Sie erzählten, dass sie nach Breslau in Polen fuhren. Später wollten sie aber möglichst nach Frankfurt weiter, weil ihre Vorfahren dort einst gelebt hatten.
Während des Gesprächs bot man uns sogar Zigaretten an. Zu mehr Gedankenaustausch kam es nicht. Inzwischen hatte die Lokomotive Kohle und Wasser aufgenommen, der Transport rollte weiter und wir liefen über die Gleise zurück an die Arbeit. Die kurze Unterhaltung mit Juden aus Czernowitz und die von einer jüdischen Mutter überreichte Hähnchenkeule vermittelten mir ein Bild von Juden, das mit dem Zerrbild nicht das geringste zu tun hatte, das uns in der siebten und achten Klasse vom Lehrer und Ortsgruppenleiter der NSDAP wöchentlich in je einer Religionsstunde vermittelt worden war. Ihre unaufdringlichen Fragen, aus denen man einen stummen Vorwurf herauslesen konnte, brachten uns ins Grübeln.
Bis heute macht die kurze Begegnung auf mich einen sehr starken Eindruck. Die Tragik der Juden von Czernowitz besteht darin, dass sie über Jahre die deutsche Kultur hochgehalten hatten – und dann von den Deutschen massakriert und getötet wurden.

