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Geburt des Heimatfilms

"Die Leute woll'n wat Schönes sehn"

"Die Leute woll'n wat Schönes sehn"
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Liedgut, Wald und Wir-Gefühl: In den fünfziger Jahren eroberte der Heimatfilm Deutschland. Filme wie "Grün ist die Heide" lockten Millionen in die Kinos, obwohl Kritiker dem Genre Oberflächlichkeit vorwarfen. Doch für das Publikum war es eine Möglichkeit zur Flucht - vor der eigenen Vergangenheit. Von Benjamin Maack

"Nachts, wenn die Heide schläft, erwacht die Leidenschaft des Wilderers, und das Röhren der Hirsche verstummt unter seinem Schuss."

So warb 1951 die Gloria Filmverleih GmbH für das Drama "Grün ist die Heide", ihren "deutschen Heimat-Großfilm in Farbe". Die Geschichte des Films klingt dramatisch: Lüder Lüdersen und seine Tochter Helga müssen nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien fliehen und finden ein neues Zuhause in der Lüneburger Heide. Doch der alte Lüder wird einfach nicht warm mit der neuen Umgebung und beginnt zu wildern. Zum Glück verlieben sich der Förster Rainer und die bildhübsche Tochter des Wilderers ineinander, und alles geht gut aus.

Natürlich geht alles gut aus. Es ist ja ein Heimatfilm.

Zwar erzählt "Grün ist die Heide" auch von Entwurzelung, von Vertriebenen und dem Leben nach dem Krieg. Aber während diese Dinge Anfang der fünfziger Jahre noch immer den Alltag der Deutschen beherrschten, ist all das in "Grün ist die Heide" halb so schlimm. Nichts, was sich nicht lösen ließe - mit einem aus vollem Herzen in die schöne Natur hinausgeschmetterten Volkslied, einem tiefen Zug von der guten Landluft und natürlich der Liebe.

Es war eine fast unverschämt einfache Welt, die den Deutschen dort auf der Kinoleinwand präsentiert wurde. Aber es schien genau das, was die junge Bundesrepublik brauchte. "Grün ist die Heide" wurde zu einem sensationellen Erfolg. 18 Millionen Menschen sahen den Film - fast ein Drittel der Bevölkerung der Bundesrepublik. Und ein neues Genre war geboren: der Heimatfilm.

Die Regeln des Heimatfilms

Was den Amerikanern der Western war, wurde dem deutschen Westen das Berg-Wald-und-Wiesen-Drama. Mehr als 300 Filme entstanden in den fünfziger und sechziger Jahren.


Dennoch setzte das in Deutschland und Österreich geborene Genre nie zu solchen künstlerischen Höhenflügen an wie der Western etwa mit John Fords "Der schwarze Falke" oder Fred Zinnemanns "Zwölf Uhr mittags". Das Erfolgsrezept des Heimatfilms war eben nicht wie beim Western die Suche nach dem Wesen des Landes und seiner Bewohner, sondern eine Flucht ins Oberflächliche.

1957 verriet die burschikose Berlinerin Ilse Kubaschewski dem SPIEGEL, nach welchem Strickmuster ein erfolgreicher Heimatfilm zu entstehen habe. Sie musste es wissen: Die Chefin der Gloria Filmverleih GmbH, von Freunden wie Verächtern nur "die Kuba" genannt, war eine der erfolgreichsten Produzentinnen im Nachkriegsdeutschland und machte viele ihrer Millionen mit Heimatfilmen.

Ihre Regeln lauteten:

- keine unsympathischen Charaktere als Hauptfiguren,

- keine Rückblenden ("Da kommt det Publikum nich mit",)

- auch beim tragischen Film ein Happy End ("Die Leute woll'n wat Schönes sehn"),

- viele Bilder von der Heimat Auen, viele Tieraufnahmen ("Det greift ans Herz"),

- sehr viel Musik und

- "Immer wat zum Lachen".

Filmkritiker beäugten die Werke der Heimatfilmschaffenden schon damals eher abschätzig. Kein Thema sei schnulzig genug, "um es nicht doch zu machen, wenn es Aussicht auf klingende Münze bot".

"Immer woll'n se 'ne 'Aussage' machen"

Die Kuba jedoch war sich sicher, dass anspruchsvolle Filme an den Bedürfnissen des Publikums vorbeizielten. "Ick hab och sojeannte künstlerische Filme jemacht", berlinerte sie. "Da kommt de Ullrich oder de Schell und woll'n 'ne 'Aussage' machen. Immer woll'n se 'ne 'Aussage' machen." Manche Filme machte sie trotzdem. Etwa Victor Vicas "Herr über Leben und Tod" und Ingmar Bergmanns "Angst". Dabei hätten sie schon die Drehbücher genervt. Gut gelaufen seien die dann auch nicht. Da lasse sie sich lieber weiter für ihre Heimatfilme aufziehen. "Wir lachen ja och darüber."


Doch nicht nur wegen ihrer simplen Themen boomte das Geschäft mit den Heimatfilmen, die Flucht der Kinozuschauer in die Alpen, den Schwarzwald, die Heide oder den Bodensee rührte auch daher, dass die Städte schlicht noch immer tiefe Spuren der Zerstörung trugen. Zudem waren die Bürger Deutschlands nach dem "Dritten Reich" auf der Suche einer neuen Identität, einem neuen Wir-Gefühl. Aber Begriffe wie Nation oder Vaterland waren in Nazi-Deutschland instrumentalisiert und damit auf Jahrzehnte ideologisch kontaminiert worden. "Heimat" hingegen war noch in Ordnung. Von der Heimat durfte man sprechen.

Und so erzählte das deutsche Kino Geschichten von großspurigen Städtern, die in die ländliche Idylle einfallen, sich in das dörfliche Leben verlieben und dort bleiben. Oder von kaltschnäuzigen Geschäftsleuten, die für Profit die schönen Wälder abholzen wollen - und von der dörflichen Gemeinschaft in die Flucht geschlagen werden.

"Kitsch der Adenauer-Ära"

Dabei wurden mitunter reichlich traditionelle Werte unters Volk gebracht: In "Der Förster vom Silberwald" von 1954 lebt Liesl, die Enkelin des Gemeinderats eines kleinen Dorfs in den steirischen Bergen, als Bildhauerin in Wien. Eine mutige Heldin für einen deutschen Film in den fünfziger Jahren. Doch am Ende pfeift sie auf Selbstverwirklichung und Emanzipation - und zieht zurück zum Opa ins Dorf. "Ich möchte bei dir sein, Großpapa", sagt die Liesl und bleibt. Tränen, Freude, Happy End. So einfach ist das im Heimatfilm.

Mit 28 Millionen Besuchern ist "Der Förster im Silberwald" nicht nur der bis heute erfolgreichste Heimatfilm, sondern auch einer der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt. Immer mehr Firmen witterten das große Geschäft und begannen, in kürzester Zeit etliche ähnlicher Schinken herunterzukurbeln.

Bald hatten sich die Zuschauer sattgesehen an hohen Bergen und grünen Auen. Zudem filmten intellektuelle Regisseure wie Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder oder Alexander Kluge systematisch gegen den Heimatfilm an, um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Deutschlands und der sozialen Wirklichkeit der Bundesrepublik zu befördern.

Die Lust auf den ungebrochenen Heimatfilm schien spätestens Ende der Sechziger ein für alle Mal passé. Oder?

"Gleich siebenmal gibt's den Kitsch der Adenauer-Ära", ätzte der SPIEGEL 1980, als die "sonst so qualitätsbewusste ARD" eine Heimatfilm-Retrospektive ankündigte. Und wirklich: Zu Zeiten von Umweltschutzbewegung, Nato-Doppelbeschluss- und Anti-AKW-Demos wirkte eine solche Programmentscheidung reichlich albern. Wer sollte sich diese naiven Schnulzen noch ansehen wollen?

Doch das Nachrichtenmagazin hatte seine Rechnung ohne die Zuschauer gemacht. Ein Jahr später musste der SPIEGEL einräumen, dass Filme wie "Der Förster vom Silberwald" und "Grün ist die Heide" noch immer begeistern. Mit Quoten von 40 Prozent wurden die Heimatdramen 1980 zu den erfolgreichsten ARD-Spielfilmausstrahlungen des Jahres. Offenbar wollten die Leute noch immer "wat Schönes sehn".

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