In sieben Schritten
Wie der Inzest römischer Kaiserfamilien zum Triumph der Piratenpartei führte
Der römische Kaiser Caligula galt in der Antike nicht nur als unfassbar mächtig und grausam, sondern auch als vollkommen plemplem - möglicherweise, so vermuten manche Historiker, als Resultat der inzestuösen Fortpflanzung seiner Kaiserfamilie.
So soll Caligula sein Lieblingspferd Incitatus zum Priester ernannt haben und startete angeblich im Jahr 40 nach Christus den wohl absurdesten Invasionsversuch der Antike, einen Angriff auf Britannien: Er ließ seine Truppen in Gefechtsformation am Ärmelkanal aufmarschieren - und das Wasser angreifen. Dessen ausbleibende Versuche, sich zur Wehr zu setzen, sah er offenbar als Zeichen der bedingungslosen Unterwerfung, denn es heißt, dass er den verdutzten Soldaten anschließend befahl, Muscheln "aus dem Ozean zu plündern", um damit seinen Palast zu dekorieren.
So sinnlos Caligulas Attacke auch war - durch das Manöver war an der Küste die militärische Infrastruktur geschaffen worden, die nur drei Jahre später unter Kaiser Claudius zur tatsächlichen Invasion Britanniens führte. Und so konnten sich in den folgenden Jahrhunderten die Früchte der römischen Hochkultur auch in das Land der Kelten ausbreiten: die Literatur, die Thermen, aber auch Rechtsgrundsätze wie etwa…
…das Inzestverbot, das als "incestus iure civili" festgehalten wurde. Ursprünglich hatte dieses Gesetz nur Ehen zwischen Eltern und Kindern mit zum Teil drakonischen Strafen belegt - wie dem Todessturz vom Tarpejischen Felsen. Nachkommen aus solch inzestuösen Ehen waren nicht erbberechtigt, ihr Erbe fiel an den Staat. Aus diesem Grunde wurden Ermittlungen zu eventueller Blutschande vor allem im Kreise wohlhabender Familien geführt. Und mehr noch: Das Gesetz entpuppte sich als so einträgliches Geschäft für den Fiskus, dass die Definition der unkeuschen Ehe immer mehr ausgeweitet wurde. Mitte des 2. Jahrhunderts waren schließlich auch Verbindungen zwischen Geschwistern verboten.
Und dieses Tabu sollte auch in der römischen Provinz Britannien viele Jahrhunderte überdauern, bis es…
…Anfang des 19. Jahrhunderts den britischen Dichter Lord Byron in eine unglückliche Ehe stürzte. Denn Byron hatte sich in Augusta Leigh verliebt, seine Halbschwester. Ihnen wurde sogar nachgesagt, das Kind aus Leighs Ehe stamme in Wirklichkeit von Byron. Wäre die Beziehung publik geworden, hätte dem berühmten Schriftsteller ein gigantischer Skandal gedroht.
Und so beschloss er, Annabella Milbanke, die Nichte einer Freundin, zu ehelichen. Auch deren Enthusiasmus hielt sich in Grenzen: Byrons ersten Heiratsantrag lehnte sie ab, doch nach einem zweiten Antrag ließ sie sich erweichen. Das Paar bekam eine gemeinsame Tochter, doch die Ehe begann schon bald zu bröckeln: Der leidenschaftliche, launische Künstler und die streng rationale Mathematikerin stritten oft, er soll sie geschlagen haben.
Am 16. Januar 1816 reichte Milbanke die Scheidung ein. Kurz nach der Trennung kehrte Byron für immer seinem Heimatland den Rücken, daher wuchs…
…seine Tochter Ada Byron ohne ihn auf. Die Wut ihrer Mutter auf ihren Ex-Mann mündete in die Angst, Ada könnte nach ihrem fantasievollen, schöngeistigen und unberechenbaren Schriftstellervater kommen, den Milbanke für geistesgestört hielt.
Um ihr den "Wahnsinn" Lord Byrons auszutreiben, ließ Milbanke ihrer Tochter von Kindesbeinen an Privatunterricht in Mathematik erteilen. Mit großem Erfolg: Aus der kleinen Ada wurde eine der brillantesten Mathematikerinnen ihrer Zeit.
So brillant, dass die (inzwischen zur Gräfin Ada Lovelace aufgestiegene) im Jahr 1842 einen Algorithmus verfasste, der als der erste Programmcode der Menschheitsgeschichte gilt. Auch, wenn es Charles Babbage, dem Erfinder der Rechenmaschine, auf der das Programm laufen sollte, nie gelang, sein Werk fertigzustellen: Lovelace hatte das Programmieren erfunden - gut ein Jahrhundert, bevor der erste elektronische Computer, wie wir ihn heute kennen, gebaut wurde und "Programmierer" ein lukrativer Beruf wurde. Etwa für…
…den Onkel des jungen Amerikaners Shawn Fanning. In seiner Kindheit während der neunziger Jahre besuchte der kleine Shawn regelmäßig diesen Onkel, der eine kleine Internetfirma namens Chess.net an einem malerischen Küstenabschnitt von Massachusetts leitete. Shawn war fasziniert von der Welt der Computer, die sich ihm dort erschloss - und lernte früh, selbst Programme zu entwickeln.
Eines davon sollte wenig später die Welt verändern: 1998 entwickelte Shawn ein Programm zum Austausch von Dateien über das Internet. Und nannte es "Napster". Die Studenten der Northeastern University in Boston, an der er das Programm ausprobierte, waren begeistert. Binnen weniger Tage schickten sie sich Abertausende von Musikdateien hin und her und legten gewaltige Musikbibliotheken an. Bald wurden die Napster-User zu der am schnellsten wachsenden Community im gesamten Internet - im Februar 2001 verzeichnete die Internet-Tauschbörse weltweit rund 80 Millionen Nutzer.
Die Musikindustrie war natürlich weit weniger begeistert darüber, dass ihre Produkte plötzlich kostenlos über das Netz vertrieben wurden - und so musste der kostenlose Tauschdienst von Napster nach einem Gerichtsurteil 2001 seine Pforten schließen.
Doch schon bald tauchten Nachahmerdienste zu Napster auf, etwa Morpheus, Gnutella, eDonkey oder…
…Bittorrent, die bis heute beliebteste Tauschbörse, die mittlerweile ein Drittel des weltweiten Internet-Datenverkehrs erzeugt. Anders als seine Vorgänger benötigte diese Filesharing-Börse sogenannte "Tracker": Websites, auf denen die Netzstandorte der zu tauschenden Dateien verraten werden.
Der weltgrößte dieser Tracker ist die schwedische Website "The Pirate Bay", die Anfang 2004 von der Copyrights-kritischen Organisation " Piratbyrån" (das Piratenbüro) gegründet wurde. Doch auch "The Pirate Bay" kam schon bald in Konflikt mit dem Gesetz: Am 17. April 2009 verurteilte das Stockholmer Bezirksgericht die Macher der Website wegen Beihilfe zur Verletzung des Urheberrechts zu einjährigen Haftstrafen und Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe an die Musikindustrie.
Ein Urteil mit ungeahnten politischen Folgen: Denn innerhalb weniger Stunden…
…verzeichnete die Copyrights-kritische (und nach der "Pirate Bay" so benannte) schwedische "Piratpartiet" - die weltweit erste Piratenpartei und Vorbild der deutschen Piratenpartei - einen Zuwachs von 3000 Mitgliedern. Innerhalb der kommenden Wochen stieg die Zahl der Mitglieder gar von 15.000 auf 40.000 an.
Und auch ihr deutscher Ableger erfreute sich in den Monaten nach dem "Pirate Bay"-Urteil im April 2009 einer plötzlichen Sympathiewelle: Von Mai bis Oktober 2009 verzehnfachte sich ihre Mitgliederzahl auf 10.000 Anhänger.
Im selben Jahr feierte die Piratenpartei ihre ersten Siege bei Kommunalwahlen. Inzwischen zählt die politische Gruppierung rund 30.000 Mitglieder in Deutschland - und ist damit die größte der nicht im Bundestag vertretenen Parteien.

