Olympische Momente
Zwei Bahnen, eine Ewigkeit
Eric Moussambani steht auf dem Startblock von Bahn fünf und wartet. Gerade hat er seine Schwimmbrille gerichtet und dabei irgendwie ungläubig geschaut, weil die Zuschauer alle so frenetisch applaudieren, obwohl er doch in diesem Vorlauf über 100 Meter Freistil noch gar nichts gezeigt hat. Vielleicht wollen sie ihm ja auch einfach Mut machen, weil er gleich ganz allein schwimmen muss. Seine beiden Kontrahenten aus Nigeria und Tadschikistan sind wegen Fehlstarts disqualifiziert worden.Wie auch immer, Eric Moussambani, 22, Schwimmer aus Äquatorial-Guinea, beugt seinen Rücken, streckt die Arme Richtung Füße und wartet. Das Startsignal ertönt, Moussambani springt ab, taucht ins Becken von Sydney - und das berührendste olympische Drama der letzten Jahre nimmt seinen Lauf.
Dabei sieht zunächst alles gar nicht so schlecht aus an diesem 19. September 2000. Die Kraulbewegungen, die Beinbewegungen. Er ist zwar nicht sonderlich schnell und wirbelt viel Wasser auf. Aber Eric Moussambani kommt voran. Nach 50 Metern und respektablen 40,97 Sekunden wendet der Schwimmer, begleitet von 17.000 jubelnden Zuschauern. 50 Meter noch. Eine Bahn nur.
Eine Ewigkeit.
Eric Moussambani hat hart trainiert für dieses Rennen. Zweimal täglich ist er zu Hause in ein 20-Meter-Becken ohne Trennleinen gestiegen. Er sei aber noch nie mehr als 50 Meter am Stück geschwommen, gesteht er später den Reportern und auch, dass er erst im Januar schwimmen gelernt habe. Vor acht Monaten.
Die Zuschauer in Sydney wissen von all dem nichts, aber sie spüren, dass der Mann im Wasser ihre Hilfe braucht. Moussambani kämpft, den Mund weit aufgerissen, seine Armschläge werden immer langsamer. Und die Anfeuerungsrufe immer lauter. Ekstatisch sind sie, als der Schwimmexot kurz vor dem Ziel die letzten Kräfte mobilisiert. Seine Beine schwingen schon lange nicht mehr, er zieht sie hinter sich her wie einen schweren Wagen. Bei 1:52,72 Minuten stoppt schließlich die Uhr. Für die Weltelite ist es eine lächerliche Zeit. Für Äquatorial-Guinea ist es olympischer Rekord.
"Eric, der Aal" wird Moussambani seither genannt, den Spitznamen hat ihm ein englischer Journalist verpasst. Man kann sich vorstellen, dass der Olympia-Held darüber nicht sehr glücklich ist. Er selbst wollte lieber als das gesehen werden, was er war. Nicht umsonst hing an seinem Fenster im olympischen Dorf ein Transparent. Darauf stand: "Hier wohnt Eric, der Schwimmer."
Zur Einstimmung auf die Olympischen Spiele hat einestages zehn unvergessliche Momente der vergangenen Jahrzehnte gesammelt. Hier finden Sie die anderen Teile der einestages-Serie
Zum Weiterschauen:
Alexa Oona Schulz: "Feuer und Flamme für die Kunst - Die Geschichte der Olympischen Kunstwettbewerbe von 1912 bis 1948". Absolut Medien (Alive), 2012.
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