Deutsche One-Hit-Wonder
Ich war ein Star - dann war es aus
Sie ahnten nicht, was ihnen bevorstand. Kaum einem der rund 30.000 Gäste, die sich am Abend des 9. Mai 1998 in der National Indoor Arena von Birmingham versammelt hatten, sagte der Künstlername des Interpreten mit der Startnummer neun etwas - ein "Guildo Horn" aus "Germany". Und nur wenige der Millionen Zuschauer aus ganz Europa, die an diesem Abend die Live-Übertragung des 43. Eurovision Song Contest eingeschaltet hatten, ahnten, dass der deutsche Beitrag den Traditionswettbewerb gehörig aufmischen sollte.Einer der wenigen, die eine Vorstellung hatten, was gleich über das arglose Publikum hinwegbrechen sollte, war BBC-Kommentator Terry Wogan. Er kündigte die Nummer verheißungsvoll an: "This, as the Germans say, is truly 'schrecklich'".
Dann ging ein Spotlight an, und da war er: Eingehüllt in einen langen Mantel aus türkisem Samt kauerte eine kauzige Gestalt, deren Halbglatze von einer unvorteilhaften Haarmähne umrahmt wurde, auf dem Bühnenrand - und stimmte an: "Guildo hat euch lieb - und wenn's auch mal Tränen gibt, kommt er rüber und singt für euch Lieder..."
Die Band setzte ein, und der Mann sprang auf. Er warf seinen Mantel fort, wetzte wie ein Berserker auf Plateauschuhen über die Bühne, kletterte an Bühnenaufbauten hoch, bimmelte mit Kuhglocken ein kleines Solo und wagte sogar einen unbeholfenen Spagatsprung von der Bühne herunter.
Deutschland reißt sich um Nussecken
Es war bizarr. Aber die Menschen liebten es. Guildo Horn und seine Band Die Orthopädischen Strümpfe gingen an diesem Abend mit einem respektablen 7. Platz für Deutschland nach Hause. Vor allem aber brachen die Einschaltquoten alle Rekorde und holten den zuletzt darbenden Song Contest ins Bewusstsein der Deutschen zurück.
Mit seiner anarchischen Satire-Nummer aus der Feder von TV-Moderator Stefan Raab verwandelte "Der Meister", wie Horns Fans ihn augenzwinkernd nennen, Deutschland einen Sommer lang in ein Land der Schlagerjünger: 16 Wochen lang hielt sich "Guildo hat euch lieb" in den deutschen Charts. Jeder kannte plötzlich den Mann mit dem Samtanzug und der markanten Frisur. Man ging wieder verkleidet mit Perücken, riesigen Sonnenbrillen und Plateauschuhen auf Schlagerpartys, und in deutschen Backstuben fanden auf einmal Nussecken reißenden Absatz - Horns in dem Lied besungenes Lieblingsgebäck.
Mehr als 14 Jahre liegt das nun zurück. Wenn Horn heute, an seinem 50. Geburtstag, zurückblickt auf alles, was seitdem geschehen ist, muss es ihm scheinen, als hätte dieser Abend in Birmingham sein komplettes Leben umgekrempelt. Der Sänger, der mit bürgerlichem Namen Horst Köhler heißt und vor seinem Aufstieg zum Schlagerstar eigentlich als Musiktherapeut arbeitete, war plötzlich überall gefragt: Er spielte in der RTL-Soap "Unter Uns" mit, in der Krimi-Reihe "SOKO Köln" oder der ARD-Serie "In aller Freundschaft". Er drehte den Kinofilm "Waschen, schneiden, legen", arbeitete als Synchronsprecher für Computerspiele, trat in zahllosen Fernseh-Shows auf. Der Schlagersänger hat so gut wie alles mal gemacht in den letzten 14 Jahren - nur eines nicht: Einen zweiten Hit wie "Guildo hat euch lieb" landete er nie mehr.
Vom One-Hit-Wonder zum Multitalent
Trotzdem hat Horn an seinem runden Geburtstag keinen Grund, unzufrieden zu sein: In den vergangenen Jahren hat er an zahlreichen Theaterproduktionen mitgearbeitet, ist in Operetten und Musicals wie Charles Dickens' "Vom Geist der Weihnacht" oder der "Rocky Horror Show" aufgetreten. Vor allem aber hat er sich sozial engagiert: Für seine SWR-Talkshow "Guildo und seine Gäste", in der Horn und Menschen mit geistiger Behinderung über aktuelle Themen diskutierten, wurde der einstige Schlagerstar sogar für den Grimme-Preis nominiert.
Über den 9. Mai 1998, den Eurovision Song Contest, "Guildo hat euch lieb" und den ganzen Rummel darum redet er heute nicht mehr so gern. Aber wieso auch: Er hat längt genug Anderes zu tun. Es gibt schließlich auch ein Leben nach dem Hit.
Heute in den Charts, morgen vergessen - etliche deutsche Musiker kennen den Aufstieg und Fall, den Guildo Horn durchgemacht hat. Doch nicht jeder ist danach auf so sicheren Füßen gelandet. Erinnern Sie sich mit einestages in der Bildergalerie an Deutschlands größte One-Hit-Wonder und entdecken Sie, was heute aus ihnen geworden ist - vom NDW-Star, der Lebenshilfebücher für Männer schreibt bis zum ehemaligen Top-Ten-Hit, mit dem man heute in Frankreich Gäste von Toiletten verjagt.

