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einestages

Aerobic-Fieber

Hüftenkreisen beim Regentanz

Let's move! Millionen Frauen zwängten sich Anfang der Achtziger in bonbonfarbene Leggings und verfielen dem Aerobic-Wahn. Heute wirkt das wilde Gehampel von Jane Fonda und ihren Schwestern wie aus einer anderen Welt.

Getty Images
Von
Mittwoch, 13.02.2008   11:11 Uhr

Was haben diese Frauen verbrochen? Warum müssen sie so leiden? Den Krach ertragen? Wer ist die Sklaventreiberin da vorn, die abwechselnd Lichtblitze und Nebelschwaden in den Raum jagt? Nein, diese jungen schönen Frauen leiden keine Pein, sie sind einem Wahn erlegen. Dem Aerobic-Wahn.

Wie ein Flächenbrand fraß sich der Trimmtanz-Virus ab 1982 durch die USA, um kurz darauf den Rest der Welt mit Schweißeslust und Stirnbändern zu überziehen, die deutsche Damenwelt inklusive. In Horden stürmten sie die - bis dahin männlichen Bodybuildern vorbehaltenen - Fitness-Studios, um sich ihre Traumfigur zu erhopsen. "All right, let's go, we're gonna work that body" - Diana Ross sang es vor, Millionen folgten, und ein neuer Körperkult war geboren.

Ein Körperkult mit einem ziemlich gemeinen Schönheitsideal: "Frei von Fett und drahtig" solle der Körper sein, beschrieb das Nachrichtenmagazin "Time" den Frauentyp der achtziger Jahre. Wer den Ehrgeiz besaß, das Unmögliche möglich zu machen, musste hüpfen, hüpfen, hüpfen - und natürlich im korrekten Outfit. Wollige Stulpen und glitzernde Lycragürtel, bonbonfarbenen Leggings und Schweißbänder, so lautete das Aerobic-Trenddiktat.

"Bewegt euch!"

Die Schuld an alledem trug ein Militärarzt und Astronautentrainer namens Kenneth H. Cooper. 1967 veröffentlichte der US-Mediziner ein Buch mit dem Titel "Aerobics", eine Art Appell zur Steigerung der allgemeinen Leistungsfähigkeit. Den spacigen Namen gab Cooper dem von ihm entwickelte Ausdauertraining, weil es den Sauerstoffumsatz im Körper ankurbelt.

"Bewegt euch! Geht joggen, schwimmen, fahrt Fahrrad! Sorgt dafür, dass Ihr bis zum Lebensende mobil bleibt!", verlangte Cooper - und löste in den USA eine nie erlebte Fitness-Hysterie aus. Mit dem Jogging - das bis dahin in Deutschland schlicht Dauerlauf hieß - war ein neuer Trendsport geboren. Sobald Coopers Buch unter dem wenig sexy klingenden Namen "Bewegungstraining" ins Deutsche übersetzt war, warf sich ab Anfang der siebziger Jahre auch die hiesige Bevölkerung in ausgebeulte Turnhosen und spurtete los, auf Waldwegen, entlang der Bundesstraßen, egal wo: Hauptsache fit werden - und bleiben.

Bis Jane Fonda eines Tages erwachte und eine der lukrativsten Ideen ihres Lebens hatte. Die zweifache Oscar-Preisträgerin nahm ein 76-minütiges Fitnessvideo auf und nannte es "Jane Fonda's Workout". Das darin beschriebene Gehüpfe - eine Kombination aus Dehn- und Streckübungen sowie Herz-Kreislauf-Belastungen - verkaufte die umtriebige Schauspielerin unter dem angesagten Schlagwort "Aerobic": ein genialer Schachzug. Vier Millionen Mal verkaufte sich das Video trotz des - nicht nur für damalige Verhältnisse horrenden - Preises von umgerechnet 76 Euro; weitere Videos, drei Aerobic-Studios, Bücher und Kassetten folgten. Am Ende stand ein riesiges Fitness-Imperium, das der Fonda geschätzte 600 Millionen Dollar einbrachte.

"Regentanz afrikanischer Buschmänner"

"Los geht's! Ihr alle könnt es schaffen - mit ein bisschen Training seht ihr bald so aus wie ich!", suggerierte die Urmutter des Aerobic - und die Frauenwelt glaubte ihr. Auch weil "Barbarella" verschwieg, dass sie sich ihre Traumfigur durch regelmäßiges Erbrechen nach dem Essen erhielt.

In Deutschland fiel der Startschuss zum Aerobic-Boom und für das generell fitnessverrückte Jahr 1983 mit der legendären Aerobic-Darbietung der US-Schauspielerin Sydney Rome samt Elevinnen im ZDF-Sportstudio Anfang Januar. "Als sei der Leibhaftige in sie gefahren", beschrieb der SPIEGEL das Spektakel genüsslich, "ließen sie die Hintern rotieren, rissen die Arme hoch, wirbelten mit den Köpfen und hüpften gummiballartig umher. Schließlich gingen alle in die Knie und sprangen wie verschreckte Frösche immer wieder in die Luft." Der Autor setzte noch einen drauf und verglich die Performance der Aerobic-Tänzerinnen aus der ZDF-Sendung mit dem "Regentanz afrikanischer Buschmänner".

Was die Bundesdeutschen ziemlich kalt ließ. Reihenweise verfielen die Frauen dem Hüpf-Wahn, wie Pilze schossen Aerobic-Studios aus dem Boden. Selbst über den Eisernen Vorhang hopste die US-Mode - hieß in der DDR jedoch "Popgymnastik" und wirbelte dank der TV-Sendung "Medizin nach Noten" die ostdeutschen Wohnzimmer auf.

Enorm in Form

Sydney Rome wurde für die deutschen Frauen, was die Fonda für US-Frauen war: Vorhopserin der Nation. Zu Tausenden strömten die Berlinerinnen in das "Let's Move Studio" der grünäugigen Blondine nahe dem Ku'damm und ließen sich anstecken von der "fröhlichen Besessenheit", so das Diktum Romes, "die nie zur lästigen Plackerei wird".

Doch so plötzlich die Trimmtanz-Manie das Land erschütterte, so schnell verpuffte der größte Hype wieder. Zumindest klagten zahlreiche der rund 4000 westdeutschen Aerobic-Studios schon im Sommer 1983 über Besucherschwund. Die Krise schüttelte auch die Zeitschrift "Bunte" - eine vollmundig angekündigte Aerobic-Serie, die eigentlich bis Weihnachten laufen sollte, stellte das Blatt Ende Juni bereits nach wenigen Folgen wieder ein.

Vor dem Fernseher allerdings, im eigenen Wohnzimmer, strampelten sich die deutschen Frauen nach wie vor ab: Ab April 1983 machten Judith, Gaby und Professor Rosenmeyer von der ZDF-Serie "Enorm in Form" den Aerobic-Jüngerinnen Beine, die ARD stieg im August in die Tele-Aerobic ein.

Spa-Tempel gegen Mucki-Bude

Dann schlug die Medizin zurück gegen den Fitness-Fanatismus, den sie selbst mit losgetreten hatte. Immer häufiger warnten ab Mitte der achtziger Jahre Ärzte vor möglichen Gelenkschäden und schlecht ausgebildeten Trainern; Verletzungen wurden bekannt, und langsam ebbte die Welle ab. Ein Comeback in neuem Gewand erlebte Aerobic Anfang der Neunziger mit Step-Aerobic, Slide-Aerobic, Pump-Aerobic, Salsa-Aerobic - und für die Mutigsten Strip-Aerobic: Das Angebot wurde immer unübersichtlicher, bald kamen neue Sportarten hinzu und bereiteten der Massenmode von einst den Garaus.

Zwar gibt es auch heute noch Aerobic-Fans, werden Aerobic-Meisterschaften ausgetragen und Aerobic-Trainer ausgebildet. Der große Trend geht jedoch ganz klar in die andere Richtung, Spa-Tempel verdrängen mehr und mehr die gute, alte Muckibude. Schwelgen statt schwitzen: Die Wellness-Welle drängt die beinharte Fitness - und damit auch Aerobic - mit sanftem Druck aus dem Rennen.

Selbst Marlène Charell, die andere große Aerobic-Vorturnerin der deutschen Hausfrauen, tanzt heute lieber Sirtaki. Und auch Trimmtanz-Obermutter Jane Fonda musste das Gehüpfe an den Nagel hängen. Nein, Aerobic könne sie leider nicht mehr machen, seit sie eine künstliche Hüfte habe, sagte Jane Fonda anlässlich ihres 70. Geburtstages im vergangenen Jahr der "Bunten". Ins Fitness-Studio gehe sie aber noch immer viermal pro Woche. Sie könne eben nicht ohne - selbst wenn sie irgendwann noch ein zweites Hüftgelenk benötige.

insgesamt 12 Beiträge
Tobias Eckart 13.02.2008
1.
Gut gemachter Text! Ich möchte aber doch darauf hinweisen,dass Aerobic in der DDR "Popgymnastik" und nicht "Popmusik" hieß. Es gab sogar Aerobicplatten vom Ostlabel Amiga. Meine Schwägerin hatte so eine als [...]
Gut gemachter Text! Ich möchte aber doch darauf hinweisen,dass Aerobic in der DDR "Popgymnastik" und nicht "Popmusik" hieß. Es gab sogar Aerobicplatten vom Ostlabel Amiga. Meine Schwägerin hatte so eine als Teenie. Nur dumm das immer die Nadel ins hüpfen kam, wenn sie in ihrem Zimmer so richtig mit dem Workout loslegte ;-)
henry mattheß 13.02.2008
2.
Ein Schenkelklopfer! Toller ironischer Text! Kompliment der Verfasserin. Aerobic war wohl doch wie ein Pferd von hinten aufzäumen. Was nützte der Streß, wenn man hinterher doch wieder bei McDonald's saß? Es bleibt die [...]
Ein Schenkelklopfer! Toller ironischer Text! Kompliment der Verfasserin. Aerobic war wohl doch wie ein Pferd von hinten aufzäumen. Was nützte der Streß, wenn man hinterher doch wieder bei McDonald's saß? Es bleibt die Frage, ob in den Schwergewichtsnationen USA und Deutschland die Mehrheit heutzutage überhaupt noch zu einem "Hopser" fähig ist?
Michael Klein-Reesink 14.02.2008
3.
Lustiger Text! Die Spielart AQUA-Aerobic wurde aber unterschlagen (Gymnastik im Schwimmbecken).
Lustiger Text! Die Spielart AQUA-Aerobic wurde aber unterschlagen (Gymnastik im Schwimmbecken).
Martina Ullrich 09.04.2008
4.
Es scheint, dass die Autorin seit den 80ern nur scheu von außen in die Fitness-Studios schaut, und sich nicht mehr so richtig mitzumachen traut, sonst wüsste Sie, dass der Boom ungebrochen ist, die Kurse voll, auch wenn [...]
Es scheint, dass die Autorin seit den 80ern nur scheu von außen in die Fitness-Studios schaut, und sich nicht mehr so richtig mitzumachen traut, sonst wüsste Sie, dass der Boom ungebrochen ist, die Kurse voll, auch wenn zugegebenerweise einige Spielarten (Slide-Aerobic in den 90ern... der letzte Besuch im Gym?) und Modeverirrungen (weg vom grellen engen Lycra hin zur coolen schwarzer Dance - Pant) verschwunden sind. Es gab auch nie zuvor soviel Angebot an spezieller Sportbekleidung, spezieller Musik und Ausbildungen. Medizinische Erkenntnisse wurden in die Kurskonzeptionen aufgenommen. Bei der erwähnten "Pump" - Aerobic dürfte die Autorin wohl "Bodypump" gemeint haben, ein weiterer Boom der letzten zehn Jahre, der aus Neuseeland stammt.. und gerade nicht mit leichten Hanteln durchgeführt wird. Noch ein kleiner Tip... es gibt auch Kurse für "Seniors", für die nächste Recherche. ;-)
Martin Schultz 25.07.2015
5. Ahnungslose Irre
Nie zuvor waren so viele Deutsche in Fitnessclubs und viele sporteln in Kursen von Aerobic bis Zumba. Habe selten einen so überholten Beitrag gelesen, der voll an der Realität vorbeigeht und nur dem Wunsch eines desorientierten [...]
Nie zuvor waren so viele Deutsche in Fitnessclubs und viele sporteln in Kursen von Aerobic bis Zumba. Habe selten einen so überholten Beitrag gelesen, der voll an der Realität vorbeigeht und nur dem Wunsch eines desorientierten und möglicherweise dekonditionierten Verfasserin zu verdanken ist, die sich mit 20 und 30 Jahre alten Wissen aufspielt zur Fitnessexpertin. Tipp: Einfach mal ins Gym gehen, statt vor Glotze, Kühlschrank und Computer zu versumpfen.

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