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einestages

Vergessene Abenteuer

Luftkissenschlacht im Himalaja

1970 plant der französische Wissenschaftler Michel Peissel den Himalaja per Luftkissenboot zu durchqueren - flussaufwärts. Er wird verspottet, seine kühne Vision von der Erforschung unbekannter Gebiete endet schon in Europa fast im Fiasko - und in Nepal kann ihm nur noch der König helfen.

Michel Peissel
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Montag, 06.09.2010   09:26 Uhr

Der PR-Coup ist perfekt vorbereitet. Spitzensportler aus aller Welt sind in das nordspanische Städtchen Bañolas gekommen, das US-Fernsehen überträgt live, Reporter lauern auf spannende Geschichten. Es läuft die Internationale Wasserski-Olympiade 1971, und 30.000 Zuschauer warten gespannt auf eine kleine Sensation, die ihnen der Stadionsprecher mit blumigen Worten ankündigt: "Meine Damen und Herren, zum ersten Mal in Spanien wird jetzt ein Luftkissenfahrzeug zu sehen sein."

Es ist die große Chance für den französischen Ethnologen Michel Peissel, Medien und potentielle Geldgeber für seinen verrückten Plan zu begeistern. "Ob Sie es glauben oder nicht", dröhnt es aus den Lautsprechern, "Michel Peissel möchte mit dem Luftkissenboot quer durch den Himalaja fahren." Und zwar flussaufwärts! Die Zuschauer suchen mit ihren Ferngläsern den großen See ab. Sie sehen den Franzosen, wie er 50 Meter über das Wasser gleitet. Dann erstirbt der Motor, Peissel reißt verzweifelt an der Anlasserschnur, bis sie durchreißt. Verschämt paddelt er ans Ufer zurück. Was für eine Blamage.

Nach diesem Fiasko hätte er sein Vorhaben fast endgültig beerdigt. Es hatte nie unter einem guten Stern gestanden. Seine Freunde hielten ihn für wahnsinnig, Sponsoren winkten reihenweise ab, staatliche Stellen schlugen sarkastisch den "Kajak-Club" als Partner vor, und die Presse versprühte Häme. Schon der Transport der Boote von London über Frankreich nach Spanien drohte an hartnäckigen Zöllnern zu scheitern, da es für Luftkissenfahrzeuge keine gesetzlichen Vorschriften gab – technisch gesehen sind sie weder Boot, Auto noch Flugzeug.

Warum nicht über Stromschnellen schweben?

Doch die Niederlagen stachelten den Forscher erst richtig an. Seit er im Oktober 1970 erstmals etwas von Luftkissenbooten gehört hatte, war er überzeugt, "den Schlüssel zur Erfüllung meiner Träume" gefunden zu haben. Insgesamt 5000 Kilometer hatte er sich auf fünf früheren Forschungsreisen zu Fuß und per Maultier durch die Berge Indiens, Nepals und Bhutans gekämpft. Stets kam es ihm dabei seltsam vor, "dass wir zwar mit Raketen zum Mond fliegen konnten, aber immer noch kein vernünftiges Transportmittel für diese Regionen besaßen". Jetzt hoffte er auf ein Wundermittel.

Das hatte er, wie er zugab, mehr als ein Jahrzehnt verpennt: Schon 1959 präsentierte der britische Ingenieur Christopher Cockerell seinen verblüfften Landsleuten ein ungewöhnliches Gefährt, mit dem er in Rekordzeit über den Ärmelkanal sauste. Das simple Geheimnis: Das Boot lag nicht flach auf dem Wasser, sondern schwebte auf einem von Turbinen erzeugtem Luftkissen. Warum, fragte sich Peissel elf Jahre später, sollte man damit eigentlich nicht über reißende Stromschnellen mit freiliegenden Felsen schweben können?

Fasziniert entwarf er kühne Visionen: Was wäre, wenn er den mächtigen Kali Gandaki von Indien Richtung Tibet hinauffuhr? Der als heilig geltende Fluss ist einer der Hauptströme Nepals und bildet die tiefste Schlucht der Welt. "In meiner Begeisterung sah ich schon ein neues Verkehrszeitalter anbrechen", schrieb Peissel später in seinem Buch über das Abenteuer. Falls ihm die spektakuläre Fahrt gelang, hätte er den Beweis für eine moderne Art der Mobilität erbracht: Entlegene Gebiete wären plötzlich zugänglich, Flussläufe könnten bald als Straßen dienen.

Peissel schlägt auf einer Zwangsversteigerung zu

Doch Peissel hatte nur ein einziges starkes Argument, mit denen er all die Mahner und Zweifler zu überzeugen versuchte: Es beruhte auf seinen Beobachtungen, dass sogar reißende Flüsse nur um wenige Meter pro Kilometer anstiegen. Der Anstieg sei sogar "so schwach", berechnete der Franzose, "dass ein Auto, könnte es einen solchen Fluss hinauffahren, die Steigung kaum registrieren würde".

Monatelang leistete er nun Überzeugungsarbeit und investierte viel Geld in seine fixe Idee. Er gewann Robert Trillo, einst persönlicher Assistent des Hovercraft-Erfinders Cockerell, als seinen Berater. Kontakte zu acht Luftkissen-Produzenten wurden geknüpft. Als ein Hersteller von besonders kleinen und wenigen Luftkissenbooten insolvent ging, schlug Peissel zu und erwarb auf der Zwangsversteigerung drei Fahrzeuge.

Langsam stellten sich erste Erfolge ein: Nach akribischer Tüftelei bestanden die Boote endlich einige Härtetests. Erfolgreich fuhr Peissel ein Teil des spanischen Pyrenäenflusses Muga hoch oder glitt werbewirksam über Seine und Themse. Als ein Verlag einen satten Vorschuss für ein Buch über das Abenteuer bezahlte, Air France Freiflüge sponserte und die Regierung Nepals eine Genehmigung erteilte, war der damals 35-Jährige am Ziel.

Ein Ethnologe, ein Buchautor, ein Lebenskünstler

Am 8. März 1972 landete er in der nepalesischen Hauptstadt Katmandu. Seine Zusammenstellung des Teams war mindestens genauso gewagt wie die Expedition: Neben Peissel fuhr der Buchautor Michael Alexander mit, ein Gentleman und Frauenliebling aus gut betuchtem Haus. "Er war Liebhaber feiner Restaurants und ausgiebiger täglicher Körperpflege in einem Badezimmer, das ein ausgestopfter Flamingo zierte", lästerte Peissel über seinen eleganten Freund. Komplettiert wurde das ungleiche Trio vom Australier Bob Corduke, einem Lebenskünstler, der sich wahlweise als Dichter, Journalist und Barbesitzer versucht hatte.

Gleich die erste Fahrt auf dem Fluss Sapt Khosi an der Grenze zu Indien begann mit einem Debakel. Cordukes Luftkissenfahrzeug sprang gar nicht erst an, Alexanders Boot gab nach 200 Metern den Geist auf. Nur Peissel meisterte die ersten Stromschnellen und erreichte alleine das geplante Basislager auf dem Wasserweg - während nepalesische Träger die defekten Boote samt Ersatzausrüstung mühsam dorthin schleppten mussten.

Es war nur der harmlose Auftakt einer unendlichen Pannenserie: Mal versagte der Motor, dann wieder der Vergaser oder Anlasser. Die Gummischürzen unter dem Boot zerrissen und mussten unter der glühenden Tropensonne stundenlang per Hand geflickt werden. Am häufigsten flogen aber die Propellerflügel in tausend Stücke, weil sich durch die starke Vibration der hochgerüsteten Motoren Schrauben und Muttern lösten. Bei einer Panne schnitt der messerscharfe Propeller Michel Peissel sogar fein säuberlich einen Teil der Fingerkuppe ab.

Von Einheimischen umringt

Trotz aller Rückschläge funktionierte die Grundidee: Die drei Abenteurer fuhren Kilometer um Kilometer reißende Flüsse hoch. Sie glitten über bis zu ein Meter hohe Wellen, meisterten kleine Felsen und Stromschnellen - und legten in Stunden Strecken zurück, die sonst nur in Tagesmärschen zu bewältigen waren.

Und auch Ethnologe Peissel kam auf seine Kosten: Angelockt durch den höllischen Motorenlärm, wurden die Europäer regelmäßig von Einheimischen umringt, sobald sie am Ufer landeten. Die starrten die Männer in den roten Rettungswesten an, als ob sie Außerirdische wären - und waren völlig fassungslos, als Peissel auch noch anfing, fließend Tibetisch zu sprechen.

Der Preis für solche Erlebnisse war hoch: Die Forscher kenterten regelmäßig, heftige Strudel trieben ihre Fahrzeuge gegen gefährliche große Felsbrocken. Zudem waren die Fahrzeuge für scharfe Manöver viel zu träge, weil sie erst nach ein paar Metern auf eine Richtungsänderung reagierten. Am gefährlichsten wurde es aber, wenn der Motor oder der Auftriebspropeller mitten auf dem tosenden Wasser versagte. Mit einem Schlag sank das Luftkissenboot dann auf das Wasser und war nun nicht mehr als ein hilfloses Schlauchboot - ein Spielball der Stromschnellen.

Immer wieder muss Peissel umdisponieren

Peissel wurde dabei einmal über Bord geschleudert und ertrank fast. Mit letzter Kraft rettete er sich auf einen Felsen. "Eine lächerliche Situation", erinnert er sich später. "Ich saß allein auf einem gottverlassenen Felsen mitten in einer großen Stromschnelle und konnte nicht einmal um Hilfe rufen, denn das Rauschen der Wassermassen übertönte meine Stimme." Ein Einheimischer fand den Verunglückten und zog ihn per Seil ans Ufer. Es blieb nicht der einzige lebensgefährliche Unfall - zumal die Abenteurer erst nach Wochen bemerkten, dass viele Baumstämme im Fluss in Wahrheit riesige Flusskrokodile waren.

Der größte Feind der Expedition blieb aber die Willkür der Regierung Nepals. Sie erteilte für einige vorgesehen Routen keine Genehmigung. Immer wieder musste Peissels Team umdisponieren und die Boote zu anderen Flüssen transportieren. Dort trainierten sie in der Hoffnung, bald die Erlaubnis für ihr Hauptprojekt zu bekommen: Auch den Oberlauf des Kali Gandaki befahren zu dürfen, der sich zwischen dem mächtigen Annapurna-Massiv und dem 8000 Meter hohen Dhaulagiri hindurchzwängt.

Lange sah es nicht danach aus. Das Trio durfte den Fluss nur bis zu einer Höhe von 1500 Metern befahren - dabei hatten sie der Presse in London großspurig angekündigt, bis in die Nähe des tibetanischen Hochlands auf 3000 Meter vorzudringen. Niedergeschlagen gab Peissel auf und kehrte Ende Mai 1972 nach Katmandu zurück.

Unerwartete Hilfe

Doch dort bekam er eine ungewöhnliche Anfrage von einem hochrangigen nepalesischem General: Der bat ihn um eine kleine Demonstration des Luftkissenboots. Er wollte wissen, ob sie auch über Reisfelder fahren konnten. Die Probefahrt gelang problemlos. Und plötzlich ging alles ganz schnell: Binnen eines Tages erhielt Peissel eine Genehmigung für den Oberlauf des Kali Gandaki. Nicht nur das: Er bekam sogar das Angebot, samt Ausrüstung mit dem Privathelikopter des Königs zum Fluss fliegen zu können.

Die Eile war notwendig, die Regenzeit näherte sich und würde den Fluss bald unpassierbar machen. Auf einer Höhe von 2100 Metern ließ der königliche Hubschrauber Peissel herunter. Vorbei an rätselhaften Höhlensiedlungen folgte er dem Strom, durchfuhr den tiefsten Canyon der Welt, eingezwängt von 4000 Meter hohen Steilwänden. Die Motorenleistung nahm wegen der dünnen Luft immer mehr ab, doch schließlich kämpfte sich das Hovercraft zum Ziel hoch: dem Dorf Marpha auf 2670 Metern Höhe. Hier endete die Genehmigung.

Fast 2000 Kilometer hatten Peissels Team insgesamt auf neun verschiedenen Flüssen zurückgelegt und schließlich sogar den Hauptkamm des Himalaja-Gebirges durchquert. Seine Vision, mit diesem Erfolg eine neue Ära der Mobilität einzuleiten, blieb jedoch unerfüllt.

Zum Weiterlesen:

Michel Peissel: "Expedition Kali Gandaki. Mit dem Luftkissenboot durch den Himalaya". Paul Zsolnay Verlag, Wien 1974, 264 Seiten.

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