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einestages

Ringkampfkult Lucha Libre

Helden in Strumpfmasken

Die Kämpfer nennen sich "Roter Drache" oder "Blauer Dämon", sie tragen Masken und Kostüme wie Comic-Figuren und füllen riesige Arenen: Lucha Libre ist in Mexiko ein Massenspektakel. Der größte Star des Sports wurde zum gefeierten Filmstar und Volksheiligen - doch sein wahres Gesicht zeigte er nur ein einziges Mal.

AFP
Von
Montag, 01.11.2010   12:21 Uhr

Mitten auf einer quirligen Kreuzung der erzkatholischen Neun-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt steht eine sonderbare Heiligenstatue: Ein muskulöser Mann mit sanftem Blick, leicht gebückt, mit warnend erhobener Hand, bekleidet nur mit Stiefeln, Unterhose und einer eigentümlich geschmückten Strumpfmaske. Die Figur ist nur eines der vielen mexikanischen Denkmäler für Rodolfo Guzmán Huerta. Ein Mann, dessen wahres Gesicht kaum jemand je sah und der doch zum vielleicht größten mexikanischen Volkshelden des späten 20. Jahrhunderts wurde - unter dem Namen El Santo, der Heilige.

Dabei war El Santo ein ziemlich sonderbarer Heiliger: Er verbreitete nicht als mildtätiger Prediger die Botschaft Gottes unter den Ungläubigen, sondern als Luchador, als maskierter Lucha Libre-Ringkämpfer, Angst und Schrecken unter seinen Gegnern. Anstatt Arme und Kranke in seine Obhut zu nehmen, nahm er andere Star-Luchadores wie Blue Demon oder Black Shadow in die Beinschere. Und anstatt seine Glaubensbrüder als Gotteskämpfer vor den Mächten Satans zu beschützen, beschützte er die Bürger Mexikos vor Spionen, Vampirfrauen und Werwölfen. In über 50 unfassbar abstrusen Lucha Libre-Kinofilmen, mit denen er Ende der fünfziger Jahre eine zweite Karriere als Schauspieler einschlug.

Um verstehen zu können, wie aus Huerta der Volksheld Santo werden konnte, der in Liedern, Büchern und Filmen zum Superhelden stilisiert wurde, um zu begreifen, weshalb 1984 zu seinem Begräbnis etwa zehntausend Menschen zusammenkamen, muss man versuchen, den ungeheuren kulturellen Stellenwert des Lucha Libre für Mexiko zu erfassen.

Stur übersetzt bedeutet Lucha Libre nichts anderes als Freistilkampf. Doch in dieser Übersetzung geht der kaum in Worte fassbare Kultstatus der überdrehten, komplett durchinszenierten Ringkampf-Showspektakel verloren: Alleine in Mexiko City finden heute in 15 verschiedenen Arenen und Sporthallen regelmäßig Lucha-Libre-Schaukämpfe statt. Dabei findet gar kein wirkliches Kräftemessen der Ringer statt, sondern eine Abfolge möglichst spektakulär durchchoreografierter Kampftheater-Bewegungen. Dennoch - oder gerade deshalb - sind die Ausstrahlungen Quotenrenner im mexikanischen Fernsehen. Lucha Libre ist ein scheinbar urmexikanischer Volkssport. Dabei war das Konzept einst von einem geschäftstüchtigen Mexikaner aus den USA geklaut worden.

Superhelden in der Mehrzweckhalle

Während eines Aufenthalts in El Paso, Texas, besuchte der mexikanische Geschäftsmann Salvador Lutteroth 1929 zum ersten Mal einen Wrestling-Kampf. In den USA erfreute sich diese Mischung aus Kampfsport und inszeniertem Schauspiel, bei dem nicht mehr sportlicher Wettkampf, sondern die Unterhaltung des Publikums im Vordergrund stand, wachsender Beliebtheit. Doch in Mexiko war Wrestling praktisch unbekannt. Lutteroth war sofort hingerissen: Von der Rasanz der Kämpfe, dem Adrenalinrausch, den exzentrischen Bühnenpersönlichkeiten, die die Kämpfer sich zulegten. Immer wieder besuchte er die Schaukämpfe in El Paso - und allmählich reifte eine Idee in ihm heran: Würde es ihm gelingen, das Showkonzept in sein Heimatland zu exportieren, müsste damit eigentlich ein Haufen Geld zu machen sein.

Zurück in seiner Heimat stieß Lutteroth mit seinem Enthusiasmus zunächst auf taube Ohren: Als er 1933 als Chef seiner frisch gegründeten Promotion-Agentur "Empresa Mexicana de Lucha Libre" auf der Suche nach geeigneten Austragungsorten durch Mexiko-Stadt tingelte, wollte ihm niemand eine der großen Sporthallen der Stadt zur Verfügung stellen. Stattdessen musste Lutteroth sich mit der leerstehenden kleinen Arena Modelo begnügen, einer Mehrzweckhalle, die bereits für den Abriss freigegeben worden war.

Doch Lutteroths Glück sollte sich schon bald zum Besseren wenden: Innerhalb nur eines Jahres zogen die Wrestling-Kämpfe nach US-Vorbild regelmäßig mehr als 5000 begeisterte Zuschauer in die Arena Modelo. Wie durch ein Wunder gewann Lutteroth zudem am 21. September 1934 bei einer Lottoziehung 40.000 Pesos, für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen. Er investierte das Geld in den Bau einer größeren Arena, um noch mehr Menschen für Lucha Libre gewinnen zu können. Zugleich kam ihm eine Idee, wie er Lucha Libre über das bloße US-Wrestling erheben und ihm ein eigenes Gesicht geben könnte: Indem er die Gesichter der Kämpfer hinter bunten Masken verhüllte und fiktive Schurken- und Superheldenidentitäten für sie entwarf. Der Kampf im Ring sollte für die Zuschauer zu einem echten Kampf zwischen Gut und Böse werden.

Vom Dämon zum Heiligen

Im gleichen Jahr machte auch das Leben des mittlerweile 16-jährigen Rodolfo Guzmán Huerta eine entscheidende Wendung durch: Der sportliche junge Mann, der bereits Baseball und American Football gespielt, Jiu Jitsu und klassischen Ringkampf gelernt hatte, trat am 28. Juni 1934 in der Arena Peralvillo Cozumel in Mexiko-Stadt erstmals in den Lucha-Libre-Ring - und schlug sich dort mehr als gut. Innerhalb weniger Jahre erarbeitete sich Huerta unter verschiedenen Pseudonymen wie "El Demonio Negro" (der schwarze Dämon) oder "El Hombre Rojo" (Der Rote Mann) einen Namen in der Szene.

Im Jahr 1942 schließlich wurde Huerta mit 24 Jahren zu El Santo: Der Manager Don Jesús Lomelí bot ihm an, in ein neues Luchador-Team einzusteigen, entweder als El Angel (der Engel), El Diablo (der Teufel) oder El Santo. Am 26. Juni trat Huerta zum ersten Mal unter dem Namen in den Ring, der ihn zur Legende machen sollte - und mit der silbernen Glitzermaske, die von nun an sein Gesicht werden sollte. Denn Santos Manager und Salvador Lutteroth, der Strippenzieher der Lucha-Libre-Dachorganisation, beschlossen, Huertas wahre Identität strengstens geheimzuhalten, um ihn mysteriöser erscheinen zu lassen. Huerta wurde vollständig zu El Santo - und setzte auch außerhalb des Rings die Silbermaske nicht mehr ab.

Die Menschen konnten nicht genug bekommen von dem neuen, geheimnisvollen Kämpfer: Innerhalb kurzer Zeit wurde El Santo bekannter als die größten Luchadores wie Mil Mascaras (tausend Masken), Blue Demon oder Black Shadow. Und als Lucha Libre in den fünfziger Jahren durch Fernsehübertragungen einen riesigen Boom erlebten, wurde El Santo über die Grenzen des Sports hinaus zum Star. Der heilige Kämpfer mit silbernem Umhang, der Bösewichter wie "Villano" (der Schurke), "Golden Terror" oder "Dragón Rojo" (der rote Drache) auf die Bretter schickte, wurde in Mexiko bald zum Symbol für das Gute schlechthin. Im Jahr 1952 brachte der Comiczeichner José G. Cruz zum ersten Mal einen "El Santo"-Comic heraus. Die Comicserie sollte so erfolgreich werden, dass sie 35 Jahre lang ununterbrochen fortgeführt wurde. Doch damit war noch lange nicht der Gipfel des Ruhmes erreicht.

Der Mann unter der Maske

1961 gelingt es Santo, großes Unglück vom mexikanischen Volk abzuwenden: Ein böser Wissenschaftler hatte nämlich eine Armee von Zombies erschaffen, die die attraktive Tochter eines Professors und hilflose Waisenkinder aus einem Heim entführen sollten, um sie als Testobjekte für verrückte Experimente zu missbrauchen. Glücklicherweise bitten die Ermittler Santo um Hilfe - und der schafft es, den Fernseher des Bösewichts so kurzzuschließen, dass er ihn beim Schmieden seiner bösen Verrückte-Wissenschaftler-Pläne belauschen kann. Der Finsterling entführt Santos nächsten Ringkampfgegner und verwandelt ihn in einen ferngesteuerten Killerzombie, doch Santo schafft es, den Fernsteuerungsgürtel seines Kontrahenten kurzzuschließen. So jedenfalls will es die Handlung von "Santo contra los zombies", dem ersten Kinofilm mit Star-Luchador Santo in der Hauptrolle.

Was nach bösem Trash klingt, wurde für Santo zum Beginn einer Schauspielkarriere: Eigentlich hatte ihn nur ein befreundeter Luchador, Fernando Osés, dazu überreden wollen, eine kleine Nebenrolle zu spielen. Doch nachdem "Santo contra los zombies" in Mexiko ein riesiger Publikumserfolg wurde, drehte der silberne Ringkämpfer bald im Akkord Filme. Und Mexiko liebte sie - egal, ob er darin gegen weinende Gespenster kämpfte (wie in "La vengenza de la llorona" von 1974), gegen finstere Vodoo-Priesterinnen ("Santo contra la magia negra, 1973) oder auch mal gemeinsam mit dem Ringer "Blue Demon" gegen Dracula und einen Werwolf (Santo y Blue Demon vs Drácula y el hombre lobo, 1973). Zwar blieb der Großteil der insgesamt 52 Santo-Filme und der zahllosen Filme anderer Luchadores außerhalb Mexikos völlig unbekannt - doch dort füllten sie die Säle. Jedenfalls eine Zeitlang.

Gegen Ende der Siebziger ebbte das Interesse an Lucha-Libre-Filmen allmählich ab, und auch Rodolfo Huerta, mittlerweile über 60 Jahre alt, musste erkennen, dass seine Tage im Lucha Libre allmählich gezählt waren. Am 12. September 1982, nur eine Woche vor seinem 65. Geburtstag, fand sein letzter Kampf als "El Santo" statt, bei dem Huertas jüngster Sohn Jorge als sein offizieller Nachfolger mit dem Namen "El Hijo del Santo" (Sohn des Santo) vorgestellt wurde.

Im Februar 1984 erschien der Ringer-Heilige im Ruhestand als Gast in der Talkshow "Contrapunto" und schockierte Lucha-Libre-Anhänger mit einer ungeheuerlichen Tat: Ohne jede Vorwarnung zog er plötzlich seine silberne Maske hoch und zeigte das Gesicht von Rodolfo Huerta, das all die Jahre darunter gewesen war. Die Geste wurde als Abschiedsgruß an seine treuen Fans verstanden - und tatsächlich folgte bald ein endgültiger Abschied: Nur eine Woche nach dem einzigen Auftritt, an dem El Santo je sein Gesicht in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, starb Rodolfo Huerta an einem Herzinfarkt. Die Nation trauerte, während er, seinem letzten Willen entsprechend, so zu Grabe getragen wurde, wie er gelebt hatte - in seiner silbernen Maske.

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