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60 Jahre Porsche

Techniker der Macht

Porsche feiert 60. Geburtstag - doch der rasante Aufstieg als Sportwagenschmiede nach dem Krieg wäre undenkbar ohne das Konstruktionsbüro, mit dem sich Ferdinand Porsche 1930 selbstständig machte. Die Firma florierte damals schnell: als Rüstungsschmiede für die Nazis.

Porsche
Von und
Montag, 02.06.2008   23:51 Uhr

Ferdinand Porsche war ein genialer Ingenieur - bereits mit 42 Jahren trug der Spenglersohn aus Böhmen, der nie studiert hatte, den Titel eines Doktor honoris causa der TH Wien für seine Verdienste um die k.u.k. Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg. Mit dem kaufmännischen hatte es der schnauzbärtige Porsche dagegen nicht so sehr: Das Konstruktionsbüro, welches er 1930 in der Stuttgarter Kronenstraße 24 eröffnete, musste sich anfangs wirtschaftlich ziemlich nach der Decke strecken - Aufträge waren Mangelware, und den Tüftler interessierten nur technische Lösungen, keine Kosten.

Die Lage änderte sich schlagartig nach Adolf Hitlers Machtantritt 1933. Mit Datum vom 17. Januar 1934 legte Ferdinand Porsche der neuen Regierung ein "Exposé betreffend den Bau eines deutschen Volkswagens" vor - der Beginn eines automobilen Jahrhundertprojekts, das schließlich das für lange Zeit meistverkaufte Auto der Welt hervorbrachte: den VW Käfer. Als Träger für den Volkswagen musste zwar der widerwillige "Reichsverband der deutschen Automobilindustrie" herhalten, vorangetrieben wurde die Entwicklung des Gefährts für die breiten Massen aber vor allem von zwei Männern: Ferdinand Porsche und Adolf Hitler.

Unter die Räder geriet bei diesem Gespann ein anderer Adolf: Adolf Rosenberger, seit 1930 Porsches Kompagnon, Geldgeber und überhaupt kaufmännisches Rückgrat der Firma Dr. Ing. e. h. Ferdinand Porsche. Der jüdische Ex-Rennfahrer verkaufte seine Anteile, wurde von den Nazis inhaftiert und konnte gerade noch rechtzeitig in die USA fliehen.

Volkswagen für leere Autobahnen

Geld spielte nun keine Rolle mehr. Nach dem Willen des "Führers" sollte das buckelige Wägelchen, das die noch leeren Autobahnen bevölkern und die Deutschen flächendeckend zu Automobilisten machen sollte, weniger als 1000 Reichsmark kosten - eine gegriffene und irrwitzig niedrige Summe. Nur durch den Krieg wurde die Scharlatanerie dieser Rechnung verwischt, weil das "Dritte Reich" noch vor dem als eine Art Schneeballsystem angelegte Ansparmodell fürs Volk kollabierte.

Der Volkswagen sollte eigentlich ein Gemeinschaftsprojekt der deutschen Kfz-Hersteller werden; 1936 jedoch entschied Hitler, das dann in "KdF-Wagen" (nach der NS-Freizeitorganisation "Kraft durch Freude") umbenannte Vehikel in einem eigenständigen Werk zu bauen. Mit voller Kraft stürzte sich Ingenieur Porsche in den Aufbau der modernsten Automobilfabrik Europas, für die die Nazis in Niedersachsen auf einem Landgut bei Fallersleben eine komplett neue Stadt errichteten: Wolfsburg. Porsches Ziel: ein deutscher Henry Ford zu werden.

Dafür nahm er engste Kontakte mit dem NS-Regime in Kauf. Porsche wurde "Wehrwirtschaftsführer", Oberführer der SS ehrenhalber (obwohl er niemals in Uniform auftrat), Vorsitzender der "Panzerkommission" und Mitglied von Albert Speers Reichsrüstungsrat. Seine Autostadt Wolfsburg ließ Porsche auch mit Hilfe von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern erstehen - höchstpersönlich forderte er bei Hitler und Himmler Zwangsarbeiter aus dem Osten als billige Arbeitskräfte an.

Ein Heiermann für jedes Käferle

Voll und ganz setzte Porsche auf Rüstungsproduktion und entwickelte bei vielen Panzermodellen der Wehrmacht kräftig mit: dem Typ 101 "Tiger" etwa, oder ab 1942 an einem überschweren Kampfwagen von 189 Tonnen Gesamtgewicht, der den bizarren Namen "Maus" erhielt. Nur zwei Prototypen wurden gebaut, zum Einsatz kamen sie nie. Auch ein nach ihm selbst benannter "Ferdinand"-Tank mit Benzin-Elektro-Antrieb erwies sich als untauglich. Dennoch blieb Porsche auch nach dem Krieg diesem Erbe treu: Die Firma entwickelte für die Bundeswehr einen schwimmfähigen "Jagdwagen", einen Bergepanzer und wirkte auch am Kampfpanzer "Leopard 1" mit.

Zur Serienfertigung des "Volkswagens", dem Ausgangspunkt von Porsches kometenhaftem Aufstieg, kam es dann erst ab 1946. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch in französischer Gefangenschaft, war Grandseigneur Porsche, zu diesem Zeitpunkt bereits über 70 Jahre alt, am Gewinn von Anfang an beteiligt: Pro verkauftem Volkswagen kassierte seine Firma eine Lizenzgebühr von fünf Mark. Bei mehr als 21 Millionen gebauten Exemplaren des VW Käfers, der noch bis 2003 in Mexiko gefertigt wurde, kam eine außerordentliche Summe zusammen. Dass dieses Vermögen den Grundstock dafür bildete, dass die Porsche AG heute die Mehrheit am Volkswagenkonzern übernehmen kann, ist eine feine Pointe der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Was wenig bekannt ist: Neben dem Sportwagenbau, der sich für die Luxusmarke Porsche inzwischen ebenfalls zu einer sprudelnden Geldquelle entwickelt hat, verdient die Firma nach wie vor gutes Geld an Fremdaufträgen. Auch dieses Kapitel der Porsche-Saga hat seine Wurzeln in den dreißiger Jahren, als Ferdinand Porsche seinem Team unter anderem eine Limousine für den Hersteller Wanderer, eine Schwingachse für Horch, einen Lkw-Motor für die Phänomen-Werke, einen Kleinwagen für Zündapp und den berühmten 16-Zylinder-Rennwagen für Auto Union entwickelte. Später kamen ein landwirtschaftlicher Kleinschlepper im Auftrag der NS-Wirtschaftsorganisation "Deutsche Arbeitsfront" (später "Volkstraktor" genannt) sowie diverse Militärfahrzeuge dazu - etwa der "Kübelwagen" auf Volkswagen-Basis.

Boliden und Biederes

Gleich nach dem Krieg baute Porsche dann nur zu gerne wieder silberne Rennmaschinen statt feldgrauer Geländewagen auf fremde Rechnung - etwa den Grand-Prix-Wagen für das italienische Unternehmen Cisitalia mit 1,5-Liter-Zwölfzylindermotor und 385 PS von 1946. Unter der Ägide des Porsche-Sohnes Ferry entstand kurz nach Ferdinands Tod 1951 eine Limousine mit 3-Liter-Sechszylindermotor und 106 PS. Und sogar den Sowjets griff Porsche mitten im Kalten Krieg bei der Automobilentwicklung unter die Arme: Für den sowjetischen Staatsbetrieb Lada entstand ein Kleinwagen und später die komplette Technik des 1984 vorgestellten Kompaktmodells Lada Samara.

Und nicht nur für ausländische Autobauer diente Porsche nach 1948 als Ideengeber und verlängerte Werkbank. Für Daimler-Benz entwickelte und produzierte Porsche den Mercedes 500 E, eine Limousine mit 326-PS-Motor, von der zwischen 1990 und 1995 rund 10.500 Exemplare gebaut wurden. Für Audi wiederum stellten die Porsche-Techniker den Vollgas-Kombi RS2 auf die Räder, ein 315-PS-Geschoss, das zwischen 1994 und 1996 ebenfalls im Zuffenhausener Porsche-Werk gebaut wurde und die Gattung der Sport-Kombis begründete. Auch der eher biedere Opel-Kompaktvan Zafira ist ein Baby der Porsche-Ingenieure. Und selbstverständlich waren (und sind) Porsche-Entwickler immer wieder für VW aktiv - von der Verbesserung des guten alten Käfers bis hin zur Entwicklung des aktuellen SUV-Modells VW Touareg.

Das Geschäft mit den Fremdentwicklungen für andere Hersteller wird jedoch schwieriger. Für Mercedes oder Audi etwa sind die Zuffenhausener, die mittlerweile rund 100.000 Fahrzeuge im Jahr produzieren, inzwischen mehr Konkurrent als Partner. So sucht Porsche für die Kreativität seiner Ingenieure nach anderen Betätigungsfeldern als den europäischen Luxusautomarkt. Eine Gabelstapler-Baureihe etwa für die Firma Linde oder die speziell für den chinesischen Markt konzipierte Pkw-Studie C88. Die Harley-Davidson V-Rod kommt auf einem V2-Porsche-Aggregat daher, und auch ein Flugzeugcockpit für Airbus kommt von den Stuttgarter Autobauern - ganz zu schweigen von zahlreichen Vehikeln und Konstruktionen, in denen zwar Porsche drin ist, dies aber der Marke zuliebe nicht unbedingt erwähnt werden soll.

Alles das, so darf vermutet werden, ist ganz im Sinne des Firmengründers, der von Technik besessen war, während Politik ihn kalt lies und von dem die "FAZ" einmal urteilte, dass ohne das Jahr 1933 "hauptsächlich Fußnoten von ihm künden" würden.

insgesamt 1 Beitrag
Matthias Kaden 03.06.2008
1.
Mercedes 500 E in Kleinserie - ich habe zu dieser Zeit unmittelbar bei der Produktion dieses Modells mitgewirkt - das Auto ein Wolf im Schafspelz - eine Topentwicklung. Gruß Matt
Mercedes 500 E in Kleinserie - ich habe zu dieser Zeit unmittelbar bei der Produktion dieses Modells mitgewirkt - das Auto ein Wolf im Schafspelz - eine Topentwicklung. Gruß Matt

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