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einestages

Frühe Studiofotografie

Bomben aus dem Papierflieger

Abheben im gemalten Doppeldecker, Vollgas mit der Papp-Limousine: Mit der Postkarte begann vor gut hundert Jahren in England der Boom der Studiofotografie. Ein ganzes Volk posierte plötzlich vor phantasiereichen Studiokulissen - einestages zeigt die skurrilsten Porträts aus den Kindertagen der Fotocollage.

Tom Phillips
Von
Freitag, 07.10.2011   17:36 Uhr

Elegant ist sie gekleidet, dafür dass sie gerade in einem Bomber der Royal Air Force durch eine Flammenhölle fliegt: die Lippen saftig geschminkt, das Kleid blütenweiß, die Haare adrett nach hinten gebunden. Konzentriert blickt die junge Frau durch ihr Cockpitfenster, während die Bomben ihres Fliegers Berlin gerade in ein Feuerinferno verwandeln und ein feindlicher Pilot der NS-Luftwaffe nach dem anderen hilflos über der deutschen Hauptstadt abstürzt.

Nur: In Wahrheit war die attraktive Superpilotin gar keine tollkühne Draufgängerin. Sie hat sich weder in Lebensgefahr begeben, noch saß sie jemals in einem echten Bomber - stattdessen war sie lediglich in ein britisches Fotostudio gegangen, das ihr Porträt dann in die martialische Phantasieszenerie hineinmontiert hatte.

Dabei schienen solche skurrile Fotocollagen ein Phänomen des digitalen Zeitalters zu sein: Millionenfach knipsten stolze Handybesitzer ihre Freunde mit ihren Telefonen, und die Kamera zauberte das Gesicht der Fotografierten in Weltraumhelme, unter Sheriffhüte oder in Affenkostüme. Ambitioniertere Fotobastler montierten sich mit Photoshop Zentimeter neben blutrünstige Haie und angriffslustige Bären - oder gar auf die Aussichtsplattform des World Trade Center, während im Hintergrund das Attentatflugzeug vom 11. September auf das Gebäude zufliegt.

Sturm auf die Fotostudios

Heute ist nahezu vergessen, dass diese Lust an augenzwinkernden und bizarren Selbstdarstellungen keine Entwicklung ist, die erst im 21. Jahrhundert begann. Denn die Freude an Porträts vor rein virtuellen Szenerien, der Hang, mit ungewöhnlichen Motiven Aufmerksamkeit zu erregen und Freunde zu belustigen, nahm schon vor mehr als einem Jahrhundert ihren Anfang.

Befeuert wurde er durch eine schnöde juristische Entscheidung: 1902 erlaubte die britische Royal Mail, dass Adresse und Text auf einer Seite der Postkarte geschrieben werden durften - und nicht mehr getrennt auf Vorder- und Rückseite notiert werden mussten. Ähnliche Regelungen gab es zur Jahrhundertwende auch in der Schweiz, in Frankreich und im deutschen Kaiserreich.

Damit eroberten erstmals Fotos die Rückseite der Postkarten. Aus einer nackten Karte für die rein schriftliche Korrespondenz war mit einem bürokratischen Federstrich ein visuelles Medium, ja ein Kunstobjekt geworden. Von nun an war es auch möglich, persönliche Bilder, Illustrationen und Kunstdrucke kostengünstig in alle Welt zu versenden.

Die Neuregelung löste besonders in England einen wahren Ansturm auf die Fotostudios aus und ließ fast in jeder Stadt und in jedem Touristenort Ateliers aus dem Boden schießen. Das lag allerdings auch an der industriellen Produktion von Kameras, die das Fotografieren günstiger machten. Porträts waren auf einmal kein Privileg des gehobenen Bürgertums mehr, das schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts teure Visitenkartenfotos in Auftrag gegeben hatte.

Facebook in Zeitlupe

Die Briten jedenfalls verliebten sich schnell in ihre neue Postkarten-Freiheit. Sie stießen damit eine Entwicklung an, die frappierend an eine Art Facebook in Zeitlupe erinnert: In Scharen pilgerten sie nun in die Fotostudios, ließen sich vor ausgefallenen Kulissen ablichten - und schickten die Fotos als individuelle Grußbotschaften an ihre Freunde und Familien. Wer heute im Urlaub aktuelle und witzige Bilder von sich in sozialen Netzwerken postet, ging damals einfach ins Fotoatelier.

Männer brachten ihren Hausterrier zum Shooting mit, Kinder kamen mit ihrem Lieblingsteddy in die Studios, Damen erschienen mit ihren extravagantesten Hüten: Besonders in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts posierte eine ganze Nation vor der Kamera. Manchmal selbstironisch, aber oft mit bierernster Miene, denn bei den langen Belichtungszeiten konnte das Lächeln schnell gefrieren.

Der neue Fotoreigen beendete abrupt die bilderarme Zeit des 19. Jahrhunderts. Und schon damals zeigte sich eine ausgeprägte Neigung zur Selbstdarstellung in möglichst grotesken Situationen. Je futuristischer das Studio-Arrangement, je dreidimensionaler es wirkte, desto beliebter wurde es.

Kinder, die auf einem künstlichen Mond aus Papier saßen - kein Problem. Junge Damen, die ihre Köpfe durch eine Studioleinwand steckten, damit ihre Körper darunter in gemalten, völlig unförmigen Badeanzügen zu stecken schienen - eine lustige Urlaubserinnerung. Besonders gefragt waren aber jene Studioporträts, die technische Neuerungen der Zeit aufnahmen, die damals für die Mehrzahl der Menschen schlichtweg unbezahlbar waren - oder gar nach reiner Science Fiction klangen: Autos, Zeppeline, Flugzeuge.

Massige Körper in winzigen Maschinen

Auf Tausenden Postkarten posierten die Briten hinter gemalten oder in aus Holz und Pappe nachgebauten Luxuslimousinen. Stolz hielten sie das Steuer von Phantasieflugzeugen oder motorisierten Doppeldeckern aus der Ära der legendären Flugpioniere Wilbur und Orville Wright. Nicht immer trafen die Fotografen dabei die richtigen Proportionen: Mitunter wirken die Bilder heute auch deshalb ein wenig grotesk, weil die Porträtierten viel zu groß sind für die winzigen Autos und Propellermaschinen, in denen die Körper montiert wurden.

Doch gerade weil diese frühen Fototüfteleien technisch so simpel und unvollkommen sind, üben sie heute einen großen Reiz auf Sammler aus. Fasziniert von ihrer Authentizität hat der britische Künstler Tom Phillips über Jahre auf Flohmärkten und Auktionen mehr als zwei Millionen Postkarten gesichtet und rund 50.000 davon erworben. Eine Auswahl davon hat er, gefeiert von der Presse, 2004 in der renommierten National Portrait Gallery in London präsentiert und in dem Bildband "We are the people" veröffentlicht.

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Wenn Phillips in Essays über die Postkarte nachdenkt, dann benutzt er gerne große Worte. Für ihn beendete das Massenprodukt Postkarte, das inzwischen längst von der elektronischen Kommunikation verdrängt worden ist, ein dunkles, weil fast bilderloses Zeitalter, in dem die Kinder kaum Aufnahmen von ihren Eltern und Großeltern besaßen. Mit der Postkarte, so glaubt er, begann gar eine soziale Revolution: Menschen aus allen Klassen traten plötzlich und massenhaft als Individuen in Erscheinung.

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Und auch wenn die meisten dieser Porträtierten heute namenlos und unbekannt sind, auch wenn man nicht weiß, was aus der jungen Frau wurde, die in einem Phantasiebomber über das brennende Berlin flog, auch wenn niemand das Kind kennt, das in irgendeinem Fotostudio auf einem Papiermond träumte - für Phillips sind diese Postkarten-Menschen nicht weniger als die britische Nation.

insgesamt 2 Beiträge
frenchie3 02.08.2015
1. Das war noch echte Arbeit
die Personen freizustellen. Mich interessiert wie viel so ein Bild gekostet hat, immerhin dürfte das gedauert haben. Oder hatten die schon fertige Masken?
die Personen freizustellen. Mich interessiert wie viel so ein Bild gekostet hat, immerhin dürfte das gedauert haben. Oder hatten die schon fertige Masken?
Thomas Auge 03.08.2015
2. ....
Fruehes 20tes? Was macht denn da der Fernsehturm auf der Postkarte? Laut Wikipedia wurde der von 1965 bis 1968 gebaut.
Fruehes 20tes? Was macht denn da der Fernsehturm auf der Postkarte? Laut Wikipedia wurde der von 1965 bis 1968 gebaut.

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