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einestages

Aerobic-Plattencover

Tanz schön irre!

Jane Fonda und Sylvester Stallone taten es, Miss Piggy auch: In den Siebzigern und Achtzigern wurden Hollywood-Superstars und B-Promis zu Vorturnern und lösten eine weltweite Aerobic-Welle aus. einestages erinnert an den Hampel-Hype und zeigt die legendärsten Cover der Trainingsprogramme auf Vinyl.

vinylcise.blogspot.de
Von Karin Seethaler
Donnerstag, 12.04.2012   12:41 Uhr

Die vier Turner stehen barfuß auf dem Parkettboden, sie haben ihre Arme ausgestreckt und ihre Körper verdreht. Sie lächeln eine Frau in blauem Gymnastikanzug an, die vor ihnen steht und die Übung vormacht. Die vier sind eine Familie, Vater, Mutter, Sohn und kleine Tochter. Im Hintergrund steht ein braunes Sofa, daneben ein blauer Sessel. Die Turnhalle ist ein Wohnzimmer.

Eine Familie beim trauten Hampeln im Heim - es war eines der beliebtesten Motive auf Schallplatten der Siebziger. Es gab auch Schüler, die im Klassenraum mal eben ein kleines Workout einlegten. Es gab ältere Herren, die neben jungen Frauen tanzten. Und Kinder, die mit ihren Müttern turnten.

Die Botschaft war immer die gleiche: Jeder konnte fit bleiben, solange er nur diese Vinylscheibe auf den Plattenspieler legte und sich zur Musik bewegte.

Die sogenannten Audiotrainer wirken heute sympathisch antiquiert. Aber in den siebziger und achtziger Jahren eroberten sie den weltweiten Fitnessmarkt. Wer sich in Form halten, aber kein Abo in einer Muckibude bezahlen wollte, der konnte sich mit Hilfe der Platten problemlos in den eigenen vier Wänden gesund und schlank turnen, so das Versprechen. Die Trainingsprogramme auf Vinyl boten alles, was sich der moderne Sportler nur wünschen konnte: von Fitness mit "Miss Universe" bis hin zu Jazz-Aerobic, Yoga oder Seilhüpfen.

Unbegrenzt schien die Phantasie der Plattenfirmen, wenn es darum ging, immer neue Verbindungen von Pop- und Körperkultur zu ersinnen: "Workout mit Miss Piggy", "Fun and Fitness" mit Hollywood-Star Sylvester Stallone oder "Believercise" für den gläubigen Turner – die Bandbreite der gehandelten Ware war so bunt wie die Plattencover selbst. Kaum ein musikalisches Genre schien sich nicht für den Fitnessmarkt adaptieren zu lassen, und kaum ein B- oder C-Promi war zu unbekannt, um nicht auch auf der Frontseite einer Halt-dich-fit-Scheibe vermarktet zu werden.

Ein Soldat als Drill-Instructor

Sogar einen waschechten Drill Sergeant konnte man sich auf diese Weise ins Wohnzimmer holen. Sergeant Bill Dower, der auf dem Cover eines 1984 auf den Markt gebrachten "Armed Forces Workout" als ein anonymes Paar Beine in Tarnhosen dargestellt wurde, sollte potentiellen Käufern vor allem eines vermitteln: das Bild eines Coaches, der in der Lage ist, verweichlichte Bürohengste wieder auf Trab zu bringen. Hartes Training für harte Kerle.

Doch so abwegig die Idee scheinen mag, sich zu Hause von einem abgehalfterten Reserveoffizier durch die tägliche Morgengymnastik peitschen zu lassen – im Grunde war der Gedanke gar nicht so weit hergeholt. Immerhin war es mit Kenneth Cooper ein Ex-Major der US Air Force gewesen, der 1968 mit dem Buch "Aerobics" den Impuls für einen neuen, radikalen Körperkult gesetzt und mit dem Appell "Bewegt euch!" eine ganze Generation zum Hüpfen, Laufen und Springen animiert hatte. Ganz abgesehen davon hatte das kollektive Beineschwingen ja tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit militärischen Exerzierpraktiken.

Nur hatte der neue Breitensport eben auch seine andere, frivolere Seite: die Strumpf- und Spandexhosen in glänzenden Neonfarben, die lasziven Hüftschwünge, die knappen Tops. Und natürlich die Musik. Ihr war es zu verdanken, dass aus dem Beugen und Dehnen bald mehr wurde als eine reine Gymnastikmode – ein Lebensgefühl. Erst kamen Tanzfilme wie "Fame", dann kam Jane Fonda – und Aerobic boomte weltweit.

Dass damit nicht nur Scharen von Trainingswütigen diesseits und jenseits des Atlantiks in die Fitnessstudios gespült wurden, sondern auch Millionenbeträge in die Kassen derer flossen, die verstanden, auf ihr zu schwimmen, dafür ist Fonda selbst das beste Beispiel. Mit einem etwa 90-minütigen Homevideo begründete die "Fitnessqueen" 1982 ihr Imperium. "Jane Fonda's Workout", das die zweifache Oscar-Preisträgerin dabei zeigte, wie sie mit fliegenden Haaren eine Reihe von Aerobic-Übungen vorturnte, stand drei Jahre lang unangefochten an der Spitze der Bestsellerlisten. Weitere Videos, Bücher und Audioprogramme folgten. Insgesamt sollen sie Fonda stolze 600 Millionen Dollar eingebracht haben.

"Warten auf den ersten Aerobic-Toten"

Aber auch in Deutschland gelang es einigen, am Erfolg teilzuhaben. So zum Beispiel dem Musikverleger Hans Rudolf Beierlein, der 1983 im ZDF die Sendung "Enorm in Form" herausbrachte, ein etwa zehnminütiges Gymnastikprogramm für die ganze Familie, das in den folgenden Jahren oft mehrmals die Woche ausgestrahlt wurde und sich mit der Zeit zu einem echten Quotenhit entwickelte. Kurz darauf erschien dann die entsprechende LP mit Beuge- und Streckanweisungen zum Nachhören, inklusive Begleitbuch, das sich nach Beierleins Erinnerung "eine halbe Million Mal verkaufte". Das Konzept "Jeder sein eigener Trainer" erwies sich als einträgliches Geschäft.

Warum der Trend Ende der Achtziger dann doch wieder zum Erliegen kam, lässt sich wohl auf mehrere Ursachen zurückführen. Ein Grund mag die aufkommende Diskussion um gesundheitsschädliche Folgen übermäßigen Trainings gewesen sein; warnende Stimmen, wie die jenes Arztes des Deutschen Sportbundes, der bereits 1983 im SPIEGEL angekündigt hatte, er warte nur auf "den ersten Aerobic-Toten". Vielleicht aber lag es auch einfach daran, dass mit Musik am Ende doch nicht alles so leicht ging, wie behauptet. Vielen dürfte das Rumhampeln im eigenen Wohnzimmer auf Dauer jedenfalls ziemlich langweilig geworden sein.

Der Fitnessbranche selbst hatte unter dieser Entwicklung allerdings kaum zu leiden. Betreiber von Sportstudios dürfen sich auch heute noch über gute Besucherzahlen freuen. Sogar klassische Aerobic wird weiterhin betrieben, auch wenn der Trimm-dich-Tanz in den vergangenen dreißig Jahren Konkurrenz bekommen hat: Spinning, Power-Yoga oder Tae Bo.

Und doch halten sich manche lieber an Altbewährtes: So schaffte es ein junger US-Unternehmer, das Fitnessgefühl der Achtziger auch ins neue Jahrtausend hinüberzuretten. 2004 gründete Eric Casaburi in New Jersey Retro Fitness, eine Kette von Studios, in denen Kunden an modernen Geräten trainieren, sich dabei aber gleichzeitig von Popgrößen wie Diana Ross oder Olivia Newton-John berieseln lassen können.

Der Erfolg war gigantisch und die Erklärung dafür laut Casaburi ganz einfach: "Die Leute vergessen, dass sie sich in Retro Fitness auspowern, weil sie dabei so viel Spaß haben".

Fotostrecke

Aerobic-Plattencover: Tanz schön irre!

Reisen Sie mit einestages durch die Zeit des Aerobic-Hypes. Klicken Sie sich in der Bildergalerie durch die Cover der Trainingsprogramme auf Vinyl:

insgesamt 2 Beiträge
Rainer Adolph 29.12.2013
1.
Trotz der Riesen-Auflagen 1983 wurde Sydne Rome einfach "vergessen"
Trotz der Riesen-Auflagen 1983 wurde Sydne Rome einfach "vergessen"
Friederike Körner 29.10.2017
2. Hihi...das waren Zeiten...
Anfang der Neunziger, als ich etwa 12 Jahre alt war, fand ich eine alte Aerobic-Kassette meiner Mutter und turnte mit großem Eifer die Übungen im heimischen Gästezimmer nach. Ein Sportstar bin ich dadurch leider nicht geworden, [...]
Anfang der Neunziger, als ich etwa 12 Jahre alt war, fand ich eine alte Aerobic-Kassette meiner Mutter und turnte mit großem Eifer die Übungen im heimischen Gästezimmer nach. Ein Sportstar bin ich dadurch leider nicht geworden, aber es war ein Heidenspaß. Gäbe viel dafür, die Kassette heute nochmal in die Hand zu bekommen...Und eins, und zwei...drei und vier...fünf und sechs...sieben, acht...noch einmal...

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