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einestages

Kopierte Filmverbrechen

Aus dem Kino in die Bank

Abgedreht und nachgemacht: Bankräuber im Nonnenkostüm, Tunnelgräber unterm Berliner Ku'damm und ein brutal mordendes Pärchen. Immer wieder inspirierten Filme ihre Zuschauer zu Verbrechen. einestages über gewagte Filmcoups - und ihre genialsten, brutalsten und peinlichsten Kopien.

DDP
Von und
Donnerstag, 10.05.2012   09:57 Uhr

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Die zwei Anwesen in Vietnam waren weg. Die beiden Villen in San Diego hatten sie ihm genommen, genau wie den Porsche Carrera, Baujahr 2001, und das mit Diamanten besetzte Armband. Wirklich alles hatte der Richter einkassiert, selbst die Rolex, Modell "President".

Die Insignien unerhörten Reichtums gehörten zu einem unscheinbaren Mann, der am 16. März 2010 auf der Anklagebank in San Diego saß und auf das Urteil wartete: Phuong Quoc Truong. Der gebürtige Vietnamese hatte als Kopf einer hochspezialisierten Gruppe von Computerexperten und Kartentricksern den größten Trickbetrug der US-Geschichte aufgezogen und dabei mehr als sieben Millionen Dollar eingestrichen. Einer allein hätte auch unmöglich schaffen können, was der "Tran Organisation" in sechs Jahren gelang: 27 extrem gut gesicherte Casinos in ganz Nordamerika auszunehmen.

Die geniale Masche der Gauner um Mastermind Truong: Sie schmierten Kartengeber beim Black Jack und Baccarat, die wiederum durch falsches Mischen den Mitverschwörern am Tisch Zehntausende Dollar zuschusterten. Ein Überwachungsvideo zeigt, wie gut die Casino-Gang technisch ausgerüstet war: Über ein im Ärmel verstecktes Mikrofon gibt ein mutmaßliches Mitglied der Truong-Gang Kartenfolgen beim Black Jack durch, die ein Mann außerhalb des Casinos protokolliert und später wohl auf demselben Weg an den Spieler am Tisch weiterreicht. An ihrem lukrativsten Abend strich die Gaunerbande 868.000 Dollar ein - in 90 Minuten.

Manipulierte Dealer und jede Menge Technik

Eine illustre Truppe aus am Ende 37 Kleinkriminellen mit Spezialfähigkeiten und einem Faible für Kartentricks. Eingeschleuste Angestellte, technische Hightech-Hilfsmittel und ein Ziel: das Geld der glitzernden US-Casinos zum eigenen Nutzen umzuverteilen – kommt Ihnen alles irgendwie bekannt vor?

Es gibt einen Film, der verblüffende Ähnlichkeiten mit den Raubzügen von Truongs "Tran Organisation" aufweist: Auch in "Ocean's Eleven" taten sich Kriminelle mit Spezialbegabungen zusammen, um drei Casinos um deren Einnahmen zu erleichtern. George Clooney, Brad Pitt und Matt Damon setzten wie die "Tran Organisation" auf manipulierte Dealer und Sicherheitsbeamte sowie jede Menge Technik – auch wenn am Ende ihr Ziel der ganz große Coup war: der gemeinsame Tresor von drei Nobelcasinos in Las Vegas.

Vielleicht ist es nur ein Zufall, dass der Beutezug der "Tran Organisation" wie eine Hollywood-reife Kopie made in Vietnam wirkt. Aber fest steht: Der Blockbuster, der weltweit mehr als 400 Millionen Dollar einspielte, kam genau ein Jahr vor dem Karrierestart von Truongs "Ocean's 37" in die Kinos. War er es am Ende, der die Kriminellen aus Asien inspirierte?

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Taten von Ganoven und Verbrechern im Nachhinein als abgekupferte Drehbücher herausstellen. Das Phänomen gibt es schon seit Jahrzehnten. Mal wird nur das Outfit von Filmgaunern als Inspiration genommen wie im Fall einer US-Gang, die sich in Nonnenkostüme kleidete und damit Ben Affleck in "The Town" kopierte. Mal überzeugt die Idee, möglichst viele Luxusautos zu klauen wie in "Nur noch 60 Sekunden". Und manchmal sind Original und Fälschung sogar so verblüffend deckungsgleich, dass sich Ermittler wie im falschen Film fühlen.

Die Vorlage dafür muss nicht immer aus Hollywood stammen. Manchmal läuft sie auch im deutschen Fernsehen - und wird dann in einer Stadtsparkasse in der Provinz nachgespielt.

1965 fesselte der Krimi "Die vier Schlüssel" das westdeutsche TV-Publikum. In dem Film, der auf einem Roman von Max Pierre Schaeffer basierte, will eine Bande Krimineller an einem Wochenende 3,5 Millionen D-Mark erbeuten, doch es gibt ein Problem: Der Tresorraum kann nur mit vier Schlüsseln geöffnet werden, die getrennt voneinander bei vier Mitarbeitern aufbewahrt sind. Die Gangster müssen zunächst die Personen ausfindig machen und die Schlüssel klauen, um schließlich die Millionen stehlen zu können. Am Ende wird der Coup spektakulär vereitelt.

Panne bei der Schlüsselübergabe

In der Realität schafften es zwei Jahre später vier Bankräuber, mit 100.000 D-Mark Beute zu entkommen, nachdem sie in Hattingen an der Ruhr eine Sparkasse leer geräumt hatten. Die Ermittler stutzten, als wenig später klar war: die Tresorknacker hatten für den Raub drei Schlüssel benötigt, die bei - Sie ahnen es - drei verschiedenen Mitarbeitern der Bank gelagert waren. Um in den Besitz der Schlüssel zu gelangen, war die Viererbande äußerst brutal vorgegangen und hatte die Schlüsselträger, deren Familie und Hausbewohner - insgesamt 15 Personen - über mehrere Stunden festgehalten.

Dass die Aktion dann doch leicht vom Original abwich, war einem Zufall geschuldet: Ein Kassierer händigte versehentlich einen falschen Schlüssel aus, so dass einer der Bankräuber erneut in dessen Wohnung fahren musste. Weit kam die Gruppe am Ende mit ihrem Geld aber nicht. Zweieinhalb Monate später nahm die Polizei den Chef der Bande, einen aus der Haft entflohenen Straftäter, fest.

insgesamt 7 Beiträge
Bernd Manzke 10.05.2012
1.
oh, da sollte man aufpassen, falls man erwischt wird, und man noch wegen Urheberrechtsverletzungen zusätzlich was auf den Deckel bekommt:)
oh, da sollte man aufpassen, falls man erwischt wird, und man noch wegen Urheberrechtsverletzungen zusätzlich was auf den Deckel bekommt:)
Werner von Schleiden 10.05.2012
2.
Ja, und das ist der einzige Kontext, in dem der vielstrapazierte Begriff "Raubkopie" seine korrekte semantische Berechtigung hat. Und sonst nirgends.
Ja, und das ist der einzige Kontext, in dem der vielstrapazierte Begriff "Raubkopie" seine korrekte semantische Berechtigung hat. Und sonst nirgends.
Bernd Müller 12.05.2012
3.
Ocean's Eleven ist schon ein paar Jahrzehnte älter, als der Artikelschreiber annimmt, der Film mit George Clooney ist nur ein Remake des Originals von 1960. http://en.wikipedia.org/wiki/Ocean's_11_(1960_film)
Ocean's Eleven ist schon ein paar Jahrzehnte älter, als der Artikelschreiber annimmt, der Film mit George Clooney ist nur ein Remake des Originals von 1960. http://en.wikipedia.org/wiki/Ocean's_11_(1960_film)
Horst Schlämmer 05.11.2014
4. Tja...und wo bleibt
die Diskussion um ein Verbot aller Filme wegen des Nachahmungseffektes ähnlich wie sie bei den unsäglich bezeichneten "Killerspielen" und der angeblich direkten Beziehung zu Amokläufen aufkam?
die Diskussion um ein Verbot aller Filme wegen des Nachahmungseffektes ähnlich wie sie bei den unsäglich bezeichneten "Killerspielen" und der angeblich direkten Beziehung zu Amokläufen aufkam?
johannesbueckler 12.05.2016
5. Auf die Überfälle gibt es in Deutschland nur Bewährung.
Die richtige Strafe kommt dann von der Abmahn-Industrie wegen der Film-Kopie ;-)
Die richtige Strafe kommt dann von der Abmahn-Industrie wegen der Film-Kopie ;-)

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