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einestages

Legendäres Lokal "Maternus"

"Wohnstube der Bonner Prominenz"

Hier speisten die Bundeskanzler, hier versteckte sich Boris Jelzin unter dem Tisch: Das "Maternus" war das Lokal der Bonner Republik. Jetzt schließt es. Auf einestages erinnert sich Hans-Dietrich Genscher an legendäre Stunden in dem rheinischen Restaurant - und an einen bangen Moment mit dem sowjetischen Außenminister.

Stadtarchiv und stadthistorische Bibliothek Bonn/Fotografische Sammlung/Camillo Fischer
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Freitag, 26.10.2012   11:42 Uhr

John F. Kennedy, Charles de Gaulle, Michail Gorbatschow, sie alle haben hier gespeist. Und ein angeheiterter Boris Jelzin verschwand sogar unter einem der Tische des "Maternus", diesem unscheinbaren Promi-Lokal, das in der westdeutschen Hauptstadt Bonn rheinländische Spezialitäten anbot. Diese Woche schließt das legendäre Lokal. Und noch einmal werden Erinnerungen wach an seine Glanzzeit während des Kalten Krieges - und an die ganz besondere Rolle, die Bonn einst in der Republik spielte.

Die Gästeliste dieses bürgerlichen Lokals, in dem seit 63 Jahren regionale Gerichte wie Schnitzel oder Sauerbraten zubereitet wurden, liest sich wie ein Who's Who einstiger Weltpolitik: Die US-Präsidenten Harry S. Truman, Dwight D. Eisenhower, John F. Kennedy, Jimmy Carter und Ronald Reagan waren hier ebenso zu Gast wie der französische Präsident Charles de Gaulle und der sowjetische Staatsführer Michail Gorbatschow, ganz zu schweigen von den Bundeskanzlern. Allen.

Während sich Bonner Bürger ihren Eintopf schmecken ließen, konnten sie lauschen, wie Peter Ustinov am Nebentisch Anekdoten erzählte, oder sie erhaschten einen Blick auf die Ministerrunde in der Ecke, wo gerade die nächste Regierungskoalition geschmiedet wurde. Immerhin: Die dunklen holzvertäfelten Wände dämpften diskret das Raunen der Politiker. "Das war mehr wie eine Art politischer Salon. Sie können auch sagen: die Wohnstube der Bonner Prominenz", erinnert sich der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, 85, bei einestages.

Ein Stück Rheinland

Das "Maternus" verbirgt sich in einer Nebenstraße im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg, einem Kurort mit Parks und Villen, wo ein halbes Jahrhundert viele Diplomaten und Beamte wohnten, bis der Regierungssitz 1999, neun Jahre nach der Wiedervereinigung, nach Berlin verlegt wurde. Gerahmte Bilder der prominenten Gäste zieren die Wände des Restaurants ebenso wie volkstümliche Zinnkrüge und Zierteller.

"Wenn ich Staatsgäste zu Besuch hatte und ihnen nach den offiziellen Essen im nahegelegenen Schloss Redoute noch etwas Zusätzliches bieten wollte, habe ich gesagt: Ich kenne ein ganz tolles Lokal. Und dann ging man da hin. Sie haben dort ein bisschen das Rheinland, die Menschen hier kennengelernt", sagt Genscher. Ganz sicher begegneten sie dann Ria Maternus, die jeden Gast mit einem Küsschen zu begrüßen pflegte. Viele der ehemaligen Gäste sagen, das Restaurant habe einen Großteil seines Charmes der früheren Inhaberin verdankt. Zierlich gebaut, aber mit riesigem Charisma ausgestattet, tanzte sie bei ihren Feiern oft und gern auch auf den Tischen. Sie starb 2001.

"Ria war eine unglaubliche Wirtin", erinnert sich der ehemalige Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Friedrich Nowottny. "Sie war herzlich, immer rheinisch fröhlich, fast zu jeder Tages- und Nachtzeit, und von einer unglaublichen persönlichen Präsenz der Kundschaft gegenüber, und zwar allen Kunden gegenüber, ohne Rücksicht auf Rang und besondere politische Geltung", erzählt Nowottny, einst einer der wichtigsten politischen Kommentatoren der Bonner Republik.

"Sie liebte es zu singen, obwohl sie das eigentlich nicht konnte", sagt Erwin Drescher-Maternus, der 1969 mit 22 Jahren als Koch zum Restaurant dazustieß und es die letzten elf Jahre als Erbe von Ria Maternus geleitet hat. In den neunziger Jahren hatte sie ihn adoptiert. "Wir waren damals immer voll ausgebucht, oft hatten wir bis vier oder fünf Uhr morgens geöffnet. Das machte ihr nichts aus. Es gefiel ihr."

Das "Maternus" war nicht etwa ein Feinschmeckerlokal. Aufgetischt wurden dort rheinländische Küche und eine stattliche Auswahl lokaler Weine. "Das 'Maternus' verdankte seinen Erfolg zum Teil der Überschaubarkeit Bonns und seiner gastronomischen Möglichkeiten", sagt Nowottny. Nun schließt das legendäre Lokal, weil Drescher-Maternus in den Ruhestand geht. Was bleibt, sind die Anekdoten aus einer Zeit, in der die Welt noch in Gut und Böse unterteilt war. In Ost und West.

Schewardnadse und der fehlende Fisch

Im Gespräch erinnert sich Genscher an einen heiklen Moment im "Maternus". Es war der Sommer 1989, Gorbatschow und der damalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse waren zu Besuch. Helmut Kohl, damals Bundeskanzler, speiste in seinem Kanzlerbungalow mit Gorbatschow, und so lud Genscher Schewardnadse zu sich ein, nach Wachtberg in der Nähe von Bonn.

Genscher hatte die Kantine des Außenministeriums gebeten, das Essen zuzubereiten und zu liefern. Kurz bevor Schewardnadse eintraf, teilte der Koch jedoch mit, dass man aus Versehen einen leeren Behälter mitgenommen hatte, so dass der versprochene "wunderbare Fisch" noch immer im mehrere Kilometer entfernten Außenministerium lag.

Es war zu spät, den Fisch noch zu holen. Als Schewardnadse eintraf, schlug Genscher ihm also einen Besuch im "Maternus" vor. Als sich die beiden Politiker mit ihrer Entourage aus Leibwächtern und Dolmetschern ins Restaurant begaben, erkannte Genscher am Nebentisch einen Kollegen: Staatssekretär Waldemar Schreckenberger feierte dort gerade seine Pensionierung, zusammen mit den Chefs der drei deutschen Geheimdienste und einem Mann, den Genscher für den Bonner CIA-Mann hielt.

"Wir kommen rein, und die waren alle schon angetrunken", erinnert sich Genscher. Irgendwann sei Schreckenberger aufgestanden und habe darum gebeten, Schewardnadse vorgestellt zu werden. "Er sagt: Ich bin heute ausgeschieden als Staatssekretär, und dann stellte er sie alle mit ihrem Dienstgrad vor. Der sowjetische Dolmetscher hatte Übersetzungsschwierigkeiten", so Genscher. "Ich dachte jetzt, was muss der Schewardnadse denken, möglicherweise ist das mit dem Fisch ein Trick gewesen! Ich habe gemerkt, dass eine merkwürdige Stimmung aufkam, und sagte: 'Sehen Sie, Herr Schewardnadse, wenn Sie jetzt nach Moskau zurückkommen, können Sie dem KGB-Chef sagen: Alle, die Sie in Ihren Akten haben, habe ich persönlich kennengelernt!'"

Alle entspannten sich. Schewardnadse freute sich derart, zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in einem öffentlichen Lokal gegessen zu haben, dass er Ria später einen großen Blumenstrauß schickte. "Der war so happy, für den war das ein ganz großes Erlebnis", so Genscher.

Jelzin und der Wodka

Das "Maternus" war kein Ort für Staatsbankette. Staatsführer kamen außerdienstlich hierher, als Gäste der Bonner Regierung oder mit ihren Botschaftern. Drescher-Maternus erinnert sich an einen denkwürdigen Privatbesuch Boris Jelzins. "Er verschwand plötzlich unterm Tisch, als ein Journalist hereinkam. Gerade hatte er noch zwischen zwei Frauen gesessen, plötzlich war da eine Lücke zwischen den beiden." War er betrunken oder wollte er einfach nicht gesehen werden? "Beides", sagt Drescher-Maternus und lacht. "Er hatte Wodka getrunken, und ich glaube, dass es damals in Russland eine Anti-Wodka-Kampagne gab. Er tauchte wieder auf, sobald der Journalist aus dem Lokal herauskomplimentiert worden war."

Rias Familie hatte seit 1931 in dem Gebäude gelebt. 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, hatten die amerikanischen Besatzungstruppen darin ein Militärcasino eingerichtet. Ganz ihrem Ruf entsprechend tanzte Ria einmal mit General George Patton auf dem Tisch. 1949 übernahm sie das Restaurant. Die Ausstattung hat sich seitdem nicht wesentlich verändert. Das Buntglas, die grünen Sessel und die Möblierung verleihen dem Lokal eine urige Atmosphäre. Nur die weißen Tischdecken vermitteln einen Eindruck von Exklusivität.

Es heißt, Ria Maternus habe Kohl nicht gemocht. Auf Willy Brandt sei sie nach dessen Scheidung von Rut nicht mehr gut zu sprechen gewesen, denn Rut war eine enge Freundin von Ria. Die privaten Karnevalsfeiern der Ria Maternus waren Großereignisse. Wer eingeladen wurde, wusste, dass er in der Bonner Gesellschaft angekommen war.

Konrad Adenauer überredete sie, im ersten Stock einige Wände einzureißen, um Platz für größere Treffen zu schaffen. Den "Pichelsteiner", einen Fleisch- und Gemüseeintopf, setzte sie auf die Speisekarte, weil es das Leibgericht von Ludwig Erhard war.

Fast schon ein Staatsbegräbnis

Als Ria starb, glich die katholische Messe, die ihr zu Ehren im Bonner Münster abgehalten wurde, einem Staatsbegräbnis. Die Kirchenbänke waren voll besetzt, es kamen Blumenkränze vom Bundespräsidenten und von den Leitern der meisten Regierungsbehörden. "Da haben ein paar hundert Leute stehen müssen, weil sie im Bonner Münster keinen Platz fanden, das können Sie sich nicht vorstellen. Das war ein Abschied nicht nur der Bonner, sondern ein Abschied der deutschen Hauptstadt zu der Zeit von Ria", erzählt ihr Adoptivsohn Erwin Drescher-Maternus.

Nach dem Regierungsumzug nach Berlin wurde es auch im "Maternus" ruhiger. Das Küchenpersonal, zu dem einmal sechs Köche gehörten, besteht seit langem nur noch aus Drescher-Maternus. Das Restaurant hat zuletzt von den alternden Bürgern Bonns gelebt, und von den Politikern im Ruhestand, die hierher kommen, um sich an seine Glanzzeit zu erinnern, die auch ihre eigene ist. "Sie sind alle traurig, weil sie sagen, das ist das Ende einer Ära," sagt der letzte Inhaber.

Sie sollten sich aber nicht zu sehr grämen. Die Fassade und der Großteil der Inneneinrichtung des "Maternus" stehen unter Denkmalschutz. Und es wird hier weiterhin ein rheinländisches Restaurant geben. Das Rad der Zeit dreht sich in Bonn nur langsam – sogar unmerklich, wie einige vielleicht sagen würden. Zur Abschiedsfeier am Freitag sind rund 300 Personen eingeladen. "Alle müssen Dirndl oder Lederhosen tragen", sagt Drescher Maternus. Ein Fest, wie es Ria wohl gefallen hätte.

insgesamt 4 Beiträge
Jan Lehmann 26.10.2012
1.
Das schließt nicht, es kommt nur ein neuer Pächter: http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bad-godesberg/godesberg-zentrum/Traditionslokal-in-Bad-Godesberg-lebt-weiter-article886551.html
Das schließt nicht, es kommt nur ein neuer Pächter: http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bad-godesberg/godesberg-zentrum/Traditionslokal-in-Bad-Godesberg-lebt-weiter-article886551.html
Ingo Meyer 26.10.2012
2.
Da kommt ja fast Wehmut auf, wenn man so an die Bonner Republik erinnert wird. Alles hat seine Zeit. Bonn war sicher die sympathische Hauptstadt dieses Westteils unseres Landes. Deutschland war zerschnitten, die provisorische [...]
Da kommt ja fast Wehmut auf, wenn man so an die Bonner Republik erinnert wird. Alles hat seine Zeit. Bonn war sicher die sympathische Hauptstadt dieses Westteils unseres Landes. Deutschland war zerschnitten, die provisorische Hauptstadt auch - und zwar durch die Eisenbahn, deren Schranken an 18 von 24 h geschlossen waren (und noch sind)! Nein Bonn war kein Prunk, nichts Neureiches sondern etwas rheinisch herzliches. Die Marktfrauen aus der Voreifel haben sich durch die Polit-Prominenz nie verbiegen lassen. Die Kosten dieser "Hauptstadt" im Verhältnis zum Sozialprodukt der BRD waren gering - und trotzdem sind alle gekommen. Das ist Vergangenheit und in Berlin herrschen andere Gesetze. Dr. R. Klingholz vom Berlin-Institut hatte schon vor 6 Jahren festgestellt, daß Bonn die einzige Stadt ist, die von der Wiedervereinigung massiv profitiert hat. Ministereien wurden durch Konzernzentralen ersetzt. Im "Langen Eugen" residieren UN-Unterorganisationen. Im Umland steigen die Immobilienpreise. In Bonn selbst ist nichts mehr zu finden. es ist nichts mehr von der Tristesse nach der Hauptstadtentscheidung von 1991 zu spüren. Und als ob es auch einer Bundesstadt, wie Bonn sich nun nennt, geziemt einen Bauskandal aufzuweisen: Er ist in fast Berliner Dimension aktuell. Die Pleite des World Congress Center Bonn (WCCB) beschäftigt die Gerichte. Die verantwortliche SPD-Bürgermeisterin ist allerdings nicht mehr im Amt. Dieses ist dann doch einer der vielen Unterschiede zu Berlin! Wenn man damals am 21.6. 1991 gewußt hätte, was man jetzt weiß - wie wäre dann wohl die (verdammt knappe) Hauptstadtentscheidung ausgefallen? Na , wenn wir schon Zahlmeister Europas sind, dann gebührt uns auch eine vorzeigbare Capitale - oder etwa nicht?
Rolf Dernen 27.10.2012
3.
Netter Artikel, wobei noch anzumerken wäre, daß das Maternus schon ein etwas höherpreisiges Etablissement war. Auch stimmt es nicht, daß Ria Maternus jeden Gast mit Küßchen begrüßt hätte. Das mußte man sich erst [...]
Netter Artikel, wobei noch anzumerken wäre, daß das Maternus schon ein etwas höherpreisiges Etablissement war. Auch stimmt es nicht, daß Ria Maternus jeden Gast mit Küßchen begrüßt hätte. Das mußte man sich erst verdienen. Als meinem Vater, Steuerberater u.a. des größten Bauunternehmers von Bonn, nach Jahren dann mal die Ehre zu teil wurde, meinte er zu mir ironisch, nun könne er nach diesem Ritterschlag mittags wieder in die Kantine vom Hertie-Kaufhaus gehen.
Helga Bunte 06.08.2014
4. Ria war ein Unikat!
Durch Zufall stieß ich auf diesen Artikel. Auch ich durfte Ria Maternus in den letzten Jahren " erleben" . Es ging nichts über eine Schuhkontrolle! Sie hatte ein gutes Team ( langjährige Mitarbeiter ) , die [...]
Durch Zufall stieß ich auf diesen Artikel. Auch ich durfte Ria Maternus in den letzten Jahren " erleben" . Es ging nichts über eine Schuhkontrolle! Sie hatte ein gutes Team ( langjährige Mitarbeiter ) , die manche Situation " gerettet" haben. Einige der damaligen Grössen durften wir später in unserem Ristorante La Vita in Bonn- Dottendorf ab 1985 verwöhnen. Auch wir hatten in der Zeit der Bundeshauptstadt viele der Politiker als Gäste. Wir erlebten die Grünen auf dem holprigen Weg zur " Macht " ..... Wir haben viele skurille Begegnungen diverser Politiker erlebt , die nur im " kleinen " Bonn mit wenig Ausweichmöglichkeiten zu erleben sind. Es war eine aufregende Bonner Zeit!

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