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einestages

Erfindung des Ford Modell T

Der kleine Schwarze

Vom Hinterwäldler bis zum Hollywood-Star: 1908 fuhr ganz Amerika auf das Modell T von Ford ab. Mit innovativen Fertigungsmethoden und radikalen Ideen verwandelte Henry Ford das Auto vom Spielzeug für Reiche in ein Vehikel für jedermann - auf Kosten seiner Arbeiter.

REUTERS
Von
Mittwoch, 01.10.2008   12:40 Uhr

Inmitten des Geschreis und Gestanks Tausender sterbender Tiere fand Henry Ford die Inspiration, mit der er die Welt verändern sollte. Denn auch wenn gerne behauptet wird, Ford hätte das Fließband erfunden: Tatsächlich hatte er das Prinzip nur abgeguckt. Bereits 1830 ließ der französische Manager Georges Duhamel in den Schlachthöfen von Chicago eine Maschine installieren, die eine endlose Kette an Fleischerhaken hängender Tierkörper durch die Schlachthallen schickte. Daneben standen Arbeiter, die, erreichte der Kadaver ihre Position, nur einen Schnitt oder einen Handgriff ausführen mussten.

Auch war Ford nicht der Pionier, der die Großserienfertigung in den Automobilbau einführte. Bereits Ransom Eli Olds hatte die Montage seines Oldsmobile Curved Dash in einzelne Arbeitsschritte gegliedert, zu denen die Rohkarossen auf fahrbaren Holzgestellen gekarrt wurden. Fords Geniestreich war die Kombination beider Aspekte: 1913 ließ er ein Fließband auf den Boden seiner Fabrik verlegen, dass die Karossen vollautomatisch und genau getaktet weitertransportierte. Von da an musste nicht länger der Arbeiter zu seiner Arbeit gehen - die Arbeit kam zu ihm.

Dieser Schritt war die konsequente Fortführung eines Projekts, dessen Umsetzung bereits fünf Jahre zuvor begonnen hatte. Am 1. Oktober 1908 begann Ford mit dem Verkauf seines Modell T. Der Fabrikant hatte höchste Ansprüche an die Entwicklung dieses Gefährts: Er wollte nicht weniger als ein Auto für alle bauen. Es sollte so günstig sein, dass es sich nicht nur die Reichen leisten konnten und trotzdem groß genug für den Sonntagsausflug einer Familie.

Das Modell T - ein Spielzeug für alle

Ein wahrhaft revolutionäres Ansinnen: Denn Autos waren zu dieser Zeit mehr ein Spaß für die Reichen, als ein echtes Transportmittel. Mit seinem Traumauto wollte Ford völlig neue Zielgruppen erschließen. Er wollte ein Fortbewegungsmittel bauen für alle, die in der automobilen Aufbruchsstimmung bisher vergessen worden waren. Das waren auf der einen Seite seine Arbeiter - sie sollten das Produkt, das sie herstellten auch selbst nutzen können und sich ihrem Arbeitgeber so noch stärker verbunden fühlen. Auf der anderen Seite war das die Landbevölkerung der USA, die zu dieser Zeit noch einen großen Anteil der Gesamtbevölkerung ausmachte: Nur jeder fünfte US-Bürger lebte damals in der Stadt.

Ford, selbst auf dem Land aufgewachsen, kannte die Probleme des ländlichen Amerikas: Es gab weite Strecken, über die große Lasten transportiert werden mussten. Eine Aufgabe, die damals gut 25 Millionen Pferde erledigten. Das Auto, das diese Menschen kaufen sollten, musste also mit einem Pferd konkurrieren können. Das bedeutete: Es sollte günstig in der Anschaffung, günstig im Unterhalt und einfach zu pflegen - alle Ersatzteile mussten leicht und günstig zu beschaffen sein.

1908 war es endlich soweit, und das Modell T rollte aus der Fabrik in Dearborn direkt in die Herzen der Menschen. Ford und sein Entwicklungsteam hatten es tatsächlich geschafft: Das Modell T war so günstig in der Anschaffung und im Unterhalt, dass es nicht länger nur ein Spielzeug für Wohlhabende war, sondern von jedermann genutzt werden konnte. Zwar gab es die Ersatzteile nicht wie Henry Ford es sich gewünscht hatte, in jedem Eisenwarengeschäft zu kaufen, aber am Modell T konnte nichts kaputtgehen, was nicht mit dem üblichen Werkzeug, das jeder zu Hause hatte, repariert werden konnte.

Mit schwarzer Farbe zu Höchstgeschwindigkeit

Tin Lizzy, wie das Auto liebevoll von seinen Besitzern genannt wurde, verkaufte sich von Anfang an blendend, die Produktionszahlen gingen förmlich durch die Decke. Im Jahr 1909, dem ersten vollständigen Verkaufsjahr, wurden rund 10.600 Stück vom Modell T hergestellt. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum verließen im Deutschen Reich 9444 Autos die Fabriken - allerdings von 50 verschiedenen Herstellern. Bis zum Mai 1927, als die Produktion offiziell eingestellt wurde, verkaufte sich das Modell T 15 Millionen Mal - ein Rekord, der erst 1972 vom VW-Käfer überholt werden sollte.

Gleichzeitig perfektionierte Ford mit dem Modell T die Massenproduktion. Bereits im Jahr 1909 wurde die Herstellung sämtlicher Ford-Modelle eingestellt, fortan lief nur noch die Tin Lizzy vom Band. 1913 wurde schließlich die neue Fabrik in Highland Park eröffnet, in der Ford seine Arbeiter schließlich an das Fließband stellte. Wobei Fabrik die Sache nur unzureichend beschreibt: Henry Ford hatte mit seinem Werk quasi eine eigene Stadt aus dem Boden gestampft, in der 100.000 Schichtarbeiter von nun an rund um die Uhr Autoteile zusammensetzten.

Zudem wurden nur noch schwarze Exemplare des Modell T produziert: Weil der schwarze Lack am schnellsten trocknete, konnte die Produktionszeit noch mal entscheidend gedrückt werden. Außerdem wurden die einzelnen Arbeitsschritte auf ein absolutes Minimum reduziert: Nach Schrauben zur Montage wurde sich nicht gebückt, das hätte zu viel Zeitverlust bedeutet, die Arbeit wurde geteilt - ein Arbeiter reichte die Schrauben an, ein zweiter zog sie fest.

Eine Schlägertruppe zum Wohl des Werkes

Für die Arbeiter bedeutete das den immer gleichen Handschlag, acht Stunden am Tag. Sie waren zu menschlichen Maschinen geworden, lauter kleine Zahnräder in einem perfekt tickenden Uhrwerk. Um dessen reibungslosen Lauf zu gewährleisten, schreckte Henry Ford auch vor hemdsärmeligen Methoden nicht zurück: Er ließ seine Arbeiter bespitzeln und deren moralische Integrität selbst in den eigenen vier Wänden vom werkseigenen Sicherheitsdienst überwachen. Vielen Arbeitern wurde das zu bunt - sie kündigten in Scharen. Doch auch darauf hatte Henry Ford eine Antwort: Er erhöhte kurzerhand den Lohn seiner Arbeiter auf mehr als das doppelte der sonst üblichen Bezahlung in der Automobilbranche - fünf Dollar pro Stunde.

Und anders als von der Konkurrenz prophezeit ging Ford daran nicht pleite, im Gegenteil: Die Ford-Werke produzierten in den darauffolgenden Jahren in immer kürzerer Zeit immer höhere Stückzahlen, die Autos wurden in der Folge für den Endverbraucher immer günstiger. Zu Beginn der Produktion kostete ein Modell T noch 825 Dollar. Im Chassisbau wurden zu dieser Zeit noch etwa zwölfeinhalb Stunden Bearbeitungszeit benötigt. 1925 kostete das Modell T nur mehr 260 Dollar - und wurde innerhalb von anderthalb Stunden zusammengebaut. Bis zu 9000 Autos verließen die Ford-Werke zu Hochzeiten - pro Tag!

Henry Ford hatte es geschafft! Die Menschen kauften sein Auto nicht nur, sie liebten es. Von Anfang an kursierten unzählige Witze über die Blechkiste auf Rädern. Es wurden Lieder über sie gedichtet und in Zeitungen erschienen kleine Cartoons. Doch jeder Witz verkaufte nur mehr Autos, so dass bereits gemutmaßt wurde, Ford hätte sie selbst in die Welt gesetzt.

Vom Acker zur Kirche mit dem Ford T

Gerade die Landbevölkerung hatte sich vom Modell T überzeugen lassen. Reparatur und Instandhaltung waren einfach und billig. Zudem eignete sich die Tin Lizzy durch ihre enorme Bodenfreiheit und das bärige Drehmoment des 2,9 Liter-Vierzylindermotors perfekt als Zugmaschine: Viele Bauern bestellten unter der Woche mit einem angehängten Pflug ihre Felder und luden am Sonntag die Familie ein, um mit der Tin Lizzy zur Kirche zu fahren. Eine Studie der Zeitschrift "The Farmer" von 1912 über Autobesitzer im ländlichen Minnesota ergab, dass während 1909 hier noch durchschnittlich 191 Fords in den Kleinstädten herumfuhren, diese Zahl bis 1911 auf unglaubliche 1187 Exemplare angestiegen war. Ford wurde in den ländlichen Gebieten der USA zum Synonym für Auto.

Doch nicht nur auf dem Land wurde das Modell T gefahren, es war das "It-Car" der zwanziger Jahre, das selbst in Hollywood jeder haben wollte. So ist es nicht verwunderlich, dass das "kleine Schwarze" auch in etlichen Filmen mitspielte. Da es so einfach umzubauen und dazu noch praktisch unzerstörbar war, wurde das Modell T auch häufig für frühe Special Effects eingesetzt. Es spielte beispielsweise in vielen Filmen neben Stan Laurel und Oliver Hardy die dritte Hauptrolle. Unvergessen bleibt auch seine Rolle als fliegendes Auto in der Disney-Komödie "Der fliegende Pauker" von 1961.

Bis heute erschien das Modell T laut der Internet Movie Cars Database in mehr als 200 Filmen. Darunter Klassiker wie "Jenseits von Eden" (1955), "Paper Moon" (1972) und "Die Farbe Lila" (1985), aber auch in neueren Filmen wie "O Brother, where art Thou? - Eine Mississippi Odyssee" (2000), "Seabiscuit - Mit dem Willen zum Erfolg" (2003) und "There will be Blood" (2007) sowie in George Clooneys neustem Film "Leatherheads - Ein verlockendes Spiel" tauchten die sympathischen Oldtimer auf.

Doch so erfolgreich das Modell T auch war, fast hätte es Henry Ford in die Pleite geritten. Denn während Ford seine Produktionsabläufe optimierte, baute die Konkurrenz bereits in den Zwanzigern Autos, die schneller, bequemer und eleganter waren als das Modell T - und sie wurden gekauft.

Vor allem General Motors, die früh mehrere Marken und damit auch Zielgruppen unter einem Konzerndach vereint hatten, setzen Ford zu und nahmen ihm seine unangefochtene Führungsrolle in der Automobilindustrie. Als Ford das begriff, saß er bereits in der Falle: Die Umstellung auf ein neues Modell stellte sich als schwierig heraus, ein Großteil der Maschinen ließ sich nicht auf die Produktion anderer Modelle umstellen. Die Folge: Für mehrere Monate lag in den Ford-Werken die Produktion still - das brach der Firma beinahe das Genick. Erst im Oktober 1927 kam das neue Modell A auf den Markt.

Zu den Feiern zum 100. Geburtstag des Wunderautos in den vergangenen Monaten gab es bereits etliche Paraden, in denen Liebhaber ihre bis heute gehegten Tin Lizzys durch die Straßen fuhren. Sie laufen also immer noch - und damit wahrscheinlich viel länger, als selbst Henry Ford es gedacht hätte.

insgesamt 1 Beitrag
C.F. Romberg 01.10.2008
1.
Mich würde interessieren ob das T-Modell auch in Deutschland verkauft wurde, oder genauer, ab wann bis wann... in welchen Versionen z.B... (da ich kein Foto eines T-Modells aus dieser Zeit in Deutschland gesehen habe). OT: In [...]
Mich würde interessieren ob das T-Modell auch in Deutschland verkauft wurde, oder genauer, ab wann bis wann... in welchen Versionen z.B... (da ich kein Foto eines T-Modells aus dieser Zeit in Deutschland gesehen habe). OT: In dieser Zeit galten Autos in Deutschland und Europa ja als purer Luxus, worauf sich ja die heute noch horrende Benzinsteuer begründet (das wissen leider viele nicht). Nur vergass man, als das Auto sehr vielen zugänglich wurde, wie so oft, die horrende Benzinsteuer auf ein normels Mass zu senken... der Mwst. Satz von 19% wäre ja angemessen, aber die Politikerkaste belässt es lieber bei den ca. 70-80%... da die Bürger sich dessen nicht Bewusst sind, kann man ja, wie früher den Ladenschluss, es einfach so belassen...

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