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einestages

Widerstand gegen Hitler

Das Dilemma des Genossen Graf

Bismarcks Urenkel war eine rote Socke: Als Jagdflieger geriet Heinrich Graf von Einsiedel in sowjetische Gefangenschaft und wechselte die Seiten. Er machte Propaganda gegen Hitler - doch nach dem Krieg galt er als Verräter, nicht als Widerständler. Auch den Kommunisten war er nicht geheuer.

AP
Von Ferdinand Krings und
Freitag, 06.03.2009   16:14 Uhr

"Stürzt Hitler!" Die junge, feste Stimme des Fliegerleutnants Heinrich Graf von Einsiedel hallt durch den Äther. Im Hintergrund rauscht, knistert und knackt es. Über den in Moskau stationierten Rundfunksender Freies Deutschland wendet sich der Urenkel des einstigen Reichskanzlers Otto von Bismarck an seine Landsleute und fordert sie eindringlich zum Widerstand auf: "Stellt die Kampfhandlungen ein und geht über auf die Seite des Nationalkomitees Freies Deutschland!" Und er setzt nach: "Weigert euch, für Hitler zu töten und zu sterben."

Es ist Sommer 1944. Einsiedel ist seit fast zwei Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft und arbeitet seit dem Sommer 1943 aktiv für das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) - jener Widerstandsgruppe, die kriegsgefangene Wehrmachtsoffiziere und deutsche Exilkommunisten, darunter spätere DDR-Größen wie Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck, auf Anregung Stalins und unter sowjetischer Führung am 13. Juli 1943 in Krasnogorsk gegründet hatten. Zum großen Ärger der Nazis. Die versuchen alles, um das NKFD mundtot zu machen. Jedem, der beim Hören des Senders Freies Deutschland erwischt wird, droht die Todesstrafe. Der Propaganda-Apparat läuft auf Hochtouren: Verräter! Lumpen! Lügner! Für ein bisschen Komfort hätte sich die Aristokratenclique an die Kommunisten verkauft, lässt der Reichsminister für Volksaufklärung Joseph Goebbels verbreiten.

Doch auch noch Jahrzehnte später, als der Zweite Weltkrieg längst vorbei ist, gelten Einsiedel und seine Mitstreiter in der Bundesrepublik als rückgratlose Opportunisten und Landesverräter. Den Offizieren, die sich 1943 im NKFD zusammengetan hatten - darunter General Walther von Seydlitz und Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, die beide in der Schlacht von Stalingrad eine Schlüsselrolle spielten -, haftete der Vorwurf an, sie hätten sich als Sprachrohr der sowjetischen Propaganda instrumentalisieren lassen. Die meisten distanzierten sich deshalb gleich nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft von diesem Kapitel ihrer Lebensgeschichte. Nur einer explizit nicht.

Harte Landung

Sein Leben lang kämpfte Graf von Einsiedel dafür, dass die Aktivisten des NKFD in der Bundesrepublik als Widerstandskämpfer anerkannt werden - so wie es in der DDR von Anfang an der Fall war. "Uns war jedes Mittel recht, um Hitler zu stoppen und den Krieg zu beenden," erklärte er und erzählte seine Geschichte, wie aus ihm, dem konservativen Aristokraten, dem Snob, dem abenteuerlustigen Piloten ein überzeugter Widerstandskämpfer, Kriegsgegner und Sozialist wurde.

Seine Wandlung beginnt am 30. August 1942. Der Jagdflieger Einsiedel kassiert einen Kühlertreffer und muss jenseits der deutschen Linien in der Nähe von Stalingrad notlanden. Es ist eine harte Landung mitten in der russischen Realität, mitten im Großen Vaterländischen Krieg, wie die Sowjets ihren Kampf gegen Nazi-Deutschland nennen. Eine Landung in der Kriegsgefangenschaft. Zum ersten Mal wird dem Grafen die grauenhafte Dimension des Kriegs, den er bisher nur aus der Vogelperspektive kannte, bewusst. An jeder Ecke sieht er Elend, Verzweiflung und Not: ausgemergelte Frauen, Kinder und Männer, deren Blicke das Wort Hunger schreien und in deren Augen bei seinem Anblick der Hass auf Deutschland aufblitzt.

Selbst die Soldaten sind schlecht ausgestattet, hungrig und verlumpt. Doch ihr Kampfgeist scheint ungebrochen. Am eigenen Leib spürt Einsiedel die Entschlossenheit, mit dem die halb verhungerten Russen die Deutschen niederringen wollen. Ein Gruppe Einheimischer versucht, ihn zu lynchen. Später spielen ein paar Soldaten mit ihm "Erschießen", schießen dann aber doch über seinem Kopf in die Luft. "Meine Nerven flatterten", schreibt er in seinen Erinnerungen. Schuldgefühle plagen ihn. Er beginnt zu bereuen, dass er jemals für Hitler in diesem Krieg gekämpft hat.

Sowjetische Umerziehung

Im Gefangenenlager Krasnogorsk Nr. 27 trifft Einsiedel auf etliche Wehrmachtsoffiziere, die ähnlich leidvolle Erfahrungen gemacht haben. Die das Regime unverhohlen kritisieren. Die den vielbeschworenen Endsieg schon lange abgeschrieben haben und den Krieg nur noch für sinnloses Blutvergießen halten. Die Hitler für diesen Wahnsinn verantwortlich machen und die den Generälen mangelnde Zivilcourage vorwerfen, weil sie den Befehlen des Führers folgen, obwohl sie oft anderer Meinung sind. Wortführer dieser Gruppe ist Hauptmann Ernst Hadermann, der schon im Mai 1942 im Gefangenenlager Jelabuga die erste antifaschistische Offizierskonferenz organisiert hatte. Dankbar, Gleichgesinnte getroffen zu haben, schließt sich Einsiedel Hadermann und seiner Gruppe an.

Der enge Kontakt zu den sowjetischen Offizieren, die vielen Verhöre und Gespräche, die sehr viel geistreicher und kultivierter ablaufen, als er geprägt von der NS-Propaganda erwartet hätte, wecken schließlich sein Interesse am Kommunismus. Er liest Marx und besucht freiwillig die Antifa-Schule. Seine erzkonservative Familie ist entsetzt. Noch 2005 verteidigt sich Einsiedel in einem Interview: "Schließlich hatte doch alles versagt: Das Kaiserreich, Weimar, Hitler-Deutschland." Sein Stiefvater - ein höchstdekorierter Haudegen des Ersten Weltkriegs und Anhänger der Monarchie - nimmt Kontakt zu ihm auf, will ihn von einer Torheit abhalten. Vergeblich. Einsiedel bekennt sich zum Sozialismus. Die Weltanschauung seines Stiefvaters ist für ihn nichts anderes mehr als ein Relikt vergangener Zeiten.

Bereitwillig unterschreibt Einsiedel im Sommer 1943 das Gründungsmanifest des NKFD. Den Sowjets ist wichtig, dass er mitmacht. Schließlich ist er ein Nachfahre von Reichskanzler Bismarck und eignet sich damit perfekt für die Propaganda-Schlacht gegen das Nazi-Regime. War es nicht Bismarck, der stets vor einem Krieg mit Russland gewarnt hatte? War er es nicht, der immer betont hatte, wie wichtig für Deutschland friedliche und gute Beziehungen zu Russland sind?

"Hört auf einen Urenkel Bismarcks"

Das NKFD hat vor allem ein Ziel: den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Viele Offiziere überzeugt das. Bei den meisten sitzt der Schock von Stalingrad, wo im Winter 1942/43 600.000 Soldaten innerhalb weniger Wochen den Tod fanden, noch tief. Weil das NKFD aber so eng mit der Sowjetführung zusammenarbeitet, können sich General von Seydlitz und andere hochrangige Offiziere nicht sofort dazu durchringen, dem NKFD beizutreten. Seydlitz gründet daher eine eigene antifaschistische Gruppe, den Bund deutscher Offiziere (BDO). Doch schon im Herbst 1943 schließt sich der BDO mit dem NKFD zusammen, es gilt, keine Zeit mehr zu verlieren. Hitler muss weg, darin sind sich alle einig.

"Natürlich hatte die Sowjetunion ein Interesse an der Gründung des NFKD, die haben das ja nicht unserer schönen blauen Augen wegen gemacht", wird Einsiedel später sagen. Keiner weiß es besser als er, denn er ist nicht nur Vizepräsident des NKFD sondern auch Frontbevollmächtigter für die sowjetische Propaganda. Mit Lautsprechern und Flugblättern bewaffnet reist er an die Front und fordert seine Kameraden auf zu kapitulieren. "Hört auf einen Urenkel Bismarcks." Vergeblich. Niemand reagiert. Niemand schließt sich dem NKFD an.

Sein neuer Glaube zerbricht schließlich an der Realität: "Das einzige, was mich immer wieder schwankend macht, das ist die furchtbare Ähnlichkeit, die der Sowjetstaat vielfach mit dem Dritten Reich hat", schreibt Einsiedel in seinen Erinnerungen. "Die penetrante Propaganda, der Fanatismus, mit dem man sich an vorgefasste Meinungen klammert, die Bevormundung, das Spitzelunwesen und die Korruption." Als er gegen Kriegsende öffentlich gegen den Rachezug der Roten Armee durch Ostpreußen protestiert, fällt er in Moskau in Ungnade.

Gegen den Strom

Einsiedel gilt als "Verleumder der Roten Armee" und wird als "politisch unzuverlässig" eingestuft. Aus der Kriegsgefangenschaft zurück in Ostberlin siedelt er 1948 nach Westberlin über und distanziert sich dort öffentlich von der totalitären Diktatur der Ostzone. Zum Ärger seiner früheren Kampfgenossen. Das SED-Blatt "Neues Deutschland" wettert, er sei zwar ein bewährter Gegner des Faschismus gewesen, aber kein Angehöriger der Arbeiterklasse. Als verarmter Adliger sei er ein typischer Vertreter des Kleinbürgertums, der in Zeiten zugespitzten Klassenkampfes zu flennen beginne und ins andere Lager überlaufe.

Von den ehemaligen Genossen verschmäht und von den Westdeutschen verachtet, lebt Einsiedel in Berlin, Frankfurt am Main, Köln und zuletzt in München und widmete sich seinem Kampf um die Anerkennung des NKFD als Widerstandsbewegung. "Die Männer des 20. Juli gelten als Helden, und von uns heißt es, wir hätten uns für eine Schachtel Zigaretten an die Russen verkauft", wettert Einsiedel noch 2005. "War nicht die gesamte kultivierte Welt mit Stalin verbündet?" Erst seit Mitte der neunziger Jahre fühlt sich Einsiedel rehabilitiert. Damals wurde das NKFD in die Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand aufgenommen und erstmals offiziell als Widerstandsbewegung anerkannt.

Trotzdem eckt die schillernde Persönlichkeit immer wieder an, schwimmt gegen den Strom. Als er Mitte der Neunziger als "Genosse Graf" für die sächsische PDS auf Wahlkampftour geht, um - wie er selbst sagte - "noch einmal ins Geschehen einzugreifen", schreibt die Wochenzeitung "Der Heimkehrer": "Immer wenn das Vaterland in Gefahr ist, läuft der Bismarck-Urenkel zu den Roten über: 1942 und 1994 wieder?"

insgesamt 3 Beiträge
Jens Nestvogel 10.03.2009
1.
Der Artikel selbst ist durchaus lesenswert, einzig die in letzter Zeit immer häufiger wahrzunehmende und auch hier zu verzeichnende Vermengung der Begriffe Sowjetunion/sowjetisch mit Rußland/russisch stößt mir persönlich [...]
Der Artikel selbst ist durchaus lesenswert, einzig die in letzter Zeit immer häufiger wahrzunehmende und auch hier zu verzeichnende Vermengung der Begriffe Sowjetunion/sowjetisch mit Rußland/russisch stößt mir persönlich etwas auf. Will man historisch korrekt sein - und ich hoffe, dies entspricht dem Anspruch der Autoren -, befand sich Heinrich Graf von Einsiedel in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und nicht in etwa in russischer, wie es uns der zweite Absatz nahelegt...
Helmar Meinel 11.03.2009
2.
Für die Beurteilung von Einsiedels politischer Orientierungssuche ist es nicht uninteressant, daß er jahrelang Mitglied der SPD und von 1955 bis 1964 mit der Filmschauspielerin Barbara Rütting, der heutigen Grünenpolitikerin [...]
Für die Beurteilung von Einsiedels politischer Orientierungssuche ist es nicht uninteressant, daß er jahrelang Mitglied der SPD und von 1955 bis 1964 mit der Filmschauspielerin Barbara Rütting, der heutigen Grünenpolitikerin und zweimaligen Alterspräsidentin des bayerischen Landtags, verheiratet war.
Rainer Mueller 21.07.2014
3. Einsiedel bei Chemnitz
Die Stadt Chemnitz war immer schon Eigentum der Adelsfamilie von Einsiedel. Einsiedel gibt es auch als Ortsnamen. Dieses Dorf liegt am Südrand von Chemnitz. Der Genosse Graf war es, der 1953 die Umbenennung von Chemnitz in [...]
Die Stadt Chemnitz war immer schon Eigentum der Adelsfamilie von Einsiedel. Einsiedel gibt es auch als Ortsnamen. Dieses Dorf liegt am Südrand von Chemnitz. Der Genosse Graf war es, der 1953 die Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt verursacht hat.

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