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einestages

Adenauers Figaro

Waschen, schneiden, singen

Erst Friseur, dann Freund: Wenn Konrad Adenauer am Comer See entspannte, ließ er sich von Renzo Toscani barbieren. Auch die Sangeskunst des lebensfrohen Italieners schätzte der Altkanzler - also bereitete Toscani seinem prominenten Kunden zum 90. eine besondere musikalische Überraschung.

froggypress.de
Von Stefanie Söhnchen
Freitag, 06.03.2009   16:49 Uhr

Es ist der 5. Januar 1966, Altbundeskanzler Konrad Adenauer feiert in Bonn seinen 90. Geburtstag. Auf einmal erklingt Robert Schumanns Lied "Die Grenadiere". Gebannt lauschen 200 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur dem Gesang, dem patriotischen Lied das in dem Satz gipfelt: "Dann steig ich gewappnet hervor aus dem Grab, den Kaiser, den Kaiser zu schützen!" Und niemand wundert sich über den starken italienischen Akzent des Sängers.

Lange, nachdem die letzten Silben verklungen sind, verneigt Renzo Toscani sich vor dem Geburtstagspublikum und den Fernsehkameras der ARD, die diese Begegnung verewigen: Auf der einen Seite Konrad Adenauer, auf der anderen sein singender Friseur aus Cadenabbia, dem kleinen Ort am Comer See, in dem Adenauer sein Feriendomizil hatte. Weil der Altbundeskanzler sich in dem Lied von den Grenadieren als großer Politker wiedererkennt, bittet er Toscani, das Stück auch bei seinem bevorstehenden Osterbesuch am Comer See für ihn zu singen. Nicht ahnend, dass ihm Renzo Toscani eine große Überraschung bereiten würde.

Die Freundschaft zwischen den so ungleichen Männern hatte acht Jahre zuvor ihren Anfang genommen. Der begeisterte Hobbysänger Renzo Toscani hatte vorgeschlagen, dem regelmäßigen Kirchgänger Adenauer eine besondere Sonntagsmesse zu gestalten. Zwischen Gebeten und Predigten in der kleinen Kirche San Martino in Cadenabbia sang er Georg Friedrich Händels berühmtes "Largo", dessen einziger Satz auch wie eine Beschreibung des Comer Sees wirkt: "Niemals zuvor war der Schatten eines geliebten Baumes lieblicher." Adenauers Reaktion blieb nicht aus: Der Gesang habe ihm gefallen, ließ er Toscani durch seine Dolmetscher ausrichten.

Intelligenztest mit Adenauer

Die erste persönliche Begegnung ließ derweil noch auf sich warten. Wegen seiner langen Aufenthalte in Cadenabbia brauchte Konrad Adenauer auch einen Friseur. Und selbstverständlich nicht irgendeinen, sondern den besten der Region. Also ließ er die örtlichen Polizisten befragen, welchen Figaro sie aufsuchten. Die bevorzugten allesamt Toscani und einen Konkurrenten aus der Gegend. Um ganz sicher zu gehen, entsandte "der Alte" schließlich zwei seiner Sekretärinnen als verdeckte Ermittler. Als sie zurückkehrten, war seine Entscheidung getroffen: Die, deren Frisur ihm besser gefiel, kam aus Renzo Toscanis Salon.

"Adenauer hatte eine sehr spezielle Art, Menschen kennenzulernen", erzählte der vor kurzem verstorbene Friseur wenige Monate vor seinem Tod. "Jeder, der sich ihm vorstellte, wurde in ein Gespräch verwickelt, damit Adenauer herausfinden konnte, mit wem er es zu tun hatte." Auch Renzo Toscani wurde bei seinem ersten Besuch eine Viertelstunde lang mit Fragen über Krieg und Politik gelöchert und fühlte sich dabei wie bei einer Art Intelligenztest. "Konrad Adenauer fotografierte die Menschen allein mit Worten", charakterisiert Toscani. Und fügt hinzu, dass natürlich allein Adenauer das Recht hatte, Menschen auf diese Weise kennenzulernen: "Immer hat Adenauer gefragt, mir blieb es nur zu antworten."

Als Toscani alle Prüfungen zur Zufriedenheit des Kanzlers gemeistert hatte, wurde er immer öfter während dessen Aufenthalten in die Villa la Collina in Cadenabbia bestellt. Die beiden begegneten sich beim Haareschneiden, aber auch durch Renzo Toscanis Gesang trafen die Männer immer wieder aufeinander. Ein weltliches Konzert hier, eine heilige Messe dort - der Kanzler schätzte die Stimme des italienischen Baritons bei jedem Anlass. Und ließ ihn dies durch Briefe wissen: "Mit Ihrem Gesang während der Ostermesse haben Sie mir eine besondere Freude bereitet. Ich danke Ihnen herzlich dafür. Mit freundlichen Grüßen Adenauer." Oder, zwei Briefe und zwei Jahre später: "Wie in den vergangenen Jahren haben Sie mir auch bei dem jetzt zuende gehenden Urlaubsaufenthalt in Cadenabbia mit Ihrem Gesang während des Sonntaggottesdienstes große Freude bereitet. Ich danke Ihnen sehr dafür und wünsche Ihnen alles Gute. Ihr Adenauer." Immer akkurat getippt auf einer Schreibmaschine. Doch jedes Mal ein paar Worte mehr.

Ein kleines Lied, ganz groß

Schließlich der Moment, als der Kanzler den Friseur zu seinem neunzigsten Geburtstag nach Bonn einlädt. Und dort jener Moment, als er Renzo Toscani bittet, das Schumann-Lied von den Grenadieren noch einmal zu singen, bei seinem bevorstehenden Osterurlaub in Cadenabbia. Renzo Toscani ist gerührt. Er ist sich der Ehre bewusst. Und beschließt, Adenauer ein besonderes musikalisches Erlebnis zu bereiten.

Toscani aktiviert alle alten Kontakte aus seiner Studienzeit am Kuratorium und trommelt Musiker und Professoren der Mailänder Scala zusammen. Gemeinsam mit ihnen kreiert er in wochenlanger Arbeit eine Orchersterversion der Schumannschen "Grenadiere". Als Konrad Adenauer schließlich im Konzertsaal der Villa Carlotta, einem kulturellen Veranstaltungsort, der neben seiner Ferienvilla liegt, eintrifft, erwartet ihn Renzo Toscani mit einem fast zwanzigköpfigen Ensemble. Und singt doch wieder das traurige, vaterlandsverliebte Schumannstück. Adenauer spürt, dass das gesamte Kozert im überfüllten Saal nur ihm gewidmet ist. Er spürt, dass Toscani mit dem leidenschaftlichen Treueschwur des Grenadiers ihn, Adenauer, meint.

Lange, nachdem die letzten Silben verklungen sind, steht der Kanzler auf, sieht Toscani an, schreitet auf ihn zu und bedankt sich mit einem festen Händedruck. "Das war der schönste Moment unserer Freundschaft", sagt Toscani heute und hält ein altes Schwarzweißfoto, das diesen Moment dokumentiert. Dann schiebt er es langsam zurück in sein vergilbtes Couvert mit den schreibmaschineschwarzen Briefen.

Adenauers Friseur Renzo Toscani verstarb am 3. Dezember 2008 im Alter von 85 Jahren.

Die Geschichte erschien erstmals in "collina - Das Magazin vom Comer See" , einem Projekt für junge Journalisten der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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