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einestages

Humor-Spionage

"Was ist DDR-Sex?"

"Ganz einfach - nackte Regale." Subversive Ost-Witze wie dieser hatten auch im Westen ihre Liebhaber. Der BND sammelte systematisch DDR-Humor, in den Bonner Ministerien freute man sich immer auf die nächste Lieferung. einestages hat aus freigegebenen Akten die Highlights zusammengestellt.

DPA
Von Hans-Ulrich Stoldt und
Montag, 12.10.2009   19:14 Uhr

Am meisten Spaß macht die Arbeit, wenn es auch mal was zu lachen gibt. Das war in den Ministerien der früheren Bundeshauptstadt Bonn nicht anders. Und so fieberten Beamte und Mitarbeiter zwei Terminen im Jahr entgegen, an denen verlässlich Freude aufkam: Kuriere brachten dann Post vom Bundesnachrichtendienst (BND).

Stets zum Karnevalsauftakt sowie zum Rosenmontag lieferten die Späher des BND eine frische Sammlung mit DDR-Witzen aus, und in den Ministerien beömmelte sich die Kundschaft. Etwa darüber: "Warum sind die Berliner noch blöder als die Ostfriesen? - Die bauen sich eine Mauer und wohnen dann auf der falschen Seite."

Oder: "Warum ist in der Bundesrepublik der Lebensstandard höher als in der DDR? - Weil dort die Kommunisten Berufsverbot haben."

So lästerte man also "drüben" über die Diktatur, und die Agenten in Pullach schrieben eifrig mit. Tag für Tag werteten sie Tausende von heimlich geöffneten Briefen aus und belauschten Telefongespräche - nicht um Witze zu sammeln, sondern um Hinweise auf militärische Bewegungen oder mögliche Angriffsszenarien des Warschauer Paktes zu erfahren.

"Das war unser größter Renner"

Allerdings - nach diesem Motto arbeiten nun mal Geheimdienste - was einmal da ist, wirft man nicht weg. Also wurde jeder Gag herausgeschrieben und auf eine Karteikarte übertragen. Schaden konnte das nicht.

Im Gegenteil: In Bonn waren die bisweilen karnevalistisch-spaßig mit dem "11.11., 11.11 Uhr" datierten Sammlungen hoch willkommen, was dem am Rhein nur schlecht gelittenen Geheimdienst zumindest ein wenig Wohlwollen beschied. "Das war unser größter Renner überhaupt", sagt Dieter Gandersheim, ein ehemaliger BND-Mitarbeiter, der natürlich in Wirklichkeit ganz anders heißt. Kanzleramt und Ministerien hätten die Sendungen "gar nicht abwarten können".

Zum einen brachten die Witze Abwechslung in den oft tristen Behördenalltag, zum anderen gaben sie ein wenig Aufschluss darüber, wie die Brüder und Schwestern jenseits des Eisernen Vorhangs tickten.

"Fällt der Bauer tot vom Traktor..."

Bezüge zu aktuellen Ereignissen fehlten nie - etwa als Sigmund Jähn 1978 als erster Deutscher an Bord der sowjetischen Sojus 31 durchs All sauste und sich die Ost-Berliner Führung hernach in zügelloser Begeisterung über den neuen Beweis der Überlegenheit des Sozialismus erging.

Das Volk indes spottete: "Warum war ein Kosmonaut der DDR im All? - Er sollte gucken, wie weit wir hinterm Mond sind."

Nach dem Unfall im ukrainischen Atommeiler Tschernobyl 1986 kursierte eine "neue Bauernregel" in der DDR: "Fällt der Bauer tot vom Traktor, ist in der Nähe ein Reaktor."

Ob Katastrophen, "Republikflucht", Versorgungslage und Stasi, ob der große sozialistische Bruder im Osten, marodierende Bürokratie oder politische Nomenklatura - das Gespött der werktätigen Bevölkerung verschonte niemanden.

Witze über den Schießbefehl

"Politische Witze gedeihen in einer Diktatur besonders gut", sagt Christoph Kleemann, ehemaliger Leiter der Birthler-Behördenaußenstelle in Rostock. "Wer sie erzählt und wer darüber lacht, stellt für einen kleinen Moment Demokratie her, er holt die da oben auf Augenhöhe herunter."

So wurde selbst der bittere Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze mit schwarzem Humor bedacht: "Wer reitet so spät durch Nacht und Rüben? Das ist der Erich, der will nach drüben. Er erreicht die Mauer mit Müh' und Not - Scheiß Schießbefehl, jetzt ist er tot."

Bisweilen ging der lustigen Lieferung aus Pullach eine Analyse der politischen und wirtschaftlichen Lage in der DDR voraus. So etwa Anfang der achtziger Jahre, als es im Nachbarland Polen Streiks wegen der schlechten Versorgungslage gegeben und die Regierung in Warschau das Kriegsrecht verhängt hatte.

"Spiel mit dem Feuer"

In Ostdeutschland sei es ebenfalls vereinzelt zu Arbeitsniederlegungen gekommen, meldete der BND nach Bonn. "Die DDR-Führung schätzt Belastbarkeit und Opferbereitschaft der Bevölkerung hoch ein, ist jedoch notfalls bereit, hart zu reagieren, um 'polnische Zustände' bereits im Ansatz zu unterbinden", heißt es in der Analyse. Anlage: "Politische Witze zur Versorgungslage".

Etwa dieser: "Warum bekommt man in der DDR keine Stecknadeln mehr? Die werden als Schaschlikspieße nach Polen verkauft."

"Das Erzählen der Witze war auch ein Spiel mit dem Feuer", sagt Stasi-Aufklärer Kleemann. Der allgegenwärtige Geheimdienst sah in jedem politischen Scherz eine Gefahr, und wer Repräsentanten staatlicher oder gesellschaftlicher Organe oder deren Handlungen veräppelte, machte sich nach Paragraf 106 des DDR-Strafgesetzbuches strafbar.

"Es gab durchaus Fälle, in denen Menschen ins Zuchthaus mussten", so Kleemann, "besonders krass war das in den fünfziger und sechziger Jahren."

Mit anderen Worten: "Es gibt Leute, die Witze erzählen, es gibt Leute, die Witze sammeln und Witze erzählen, und es gibt Leute, die Leute sammeln, die Witze erzählen."

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