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einestages

Attentate

Liebesgrüße für Adenauer

Am 15. März 1952 explodierte im Münchner Polizeipräsidium eine Briefbombe. Adressat: Bundeskanzler Konrad Adenauer. Doch erst 50 Jahre später flog einer der Drahtzieher auf: Israels späterer Ministerpräsident Menachem Begin.

Henning Sietz
Von Henning Sietz
Freitag, 19.10.2007   16:22 Uhr

Der Zünder war scharf. Im März 1952 bastelte in einem Pariser Hotel ein Israeli namens Elieser Sudit an einer Bombe. Es war nicht die erste, die er baute: Der ehemalige Kämpfer der radikal-zionistischen Untergrund-Organisation Irgun Zwai Leumi (Etzel) war Bombenexperte. Sudit setzte den Sprengsatz in einen "Brockhaus" ein, schob das Lexikon in einen Schuber und wickelte es in Packpapier ein. Zuletzt brachte er den Adressaufkleber an: "An dem Bundeskanzler Konrad Adenauer, Bundeshaus, Bonn". Die Fehler in der Adresse fielen ihm nicht auf.

Am Nachmittag des 27. März 1952 meldeten sich in München zwei Jungen bei der Polizei. Ein Unbekannter habe ihnen ein Paket gegeben, das sie zur Leopold-Post in Schwabing bringen sollten, sagten sie. Doch der Mann, der eine auffallende Fingerverstümmelung hatte, habe sich sonderbar verhalten. Da kurz zuvor in Norddeutschland einige Bomben hochgegangen waren, ließ die Wache des Polizeipräsidiums den Sprengmeister Karl Reichert kommen, der das verdächtige Paket öffnete. Die Bombe explodierte und riß Reichert die Unterarme ab; wenige Stunden später erlag er seinen Verletzungen.

Noch in der folgenden Nacht schickte das Bundesinnenministerium Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) nach München, darunter Josef Ochs als Leiter der Sonderkommission. Kriminaltechniker machten sich daran, die Bombe zu rekonstruieren, Hunderte von Hinweisen aus der Bevölkerung gingen ein. Die Fahndung war die bisher größte in der Geschichte der jungen Bundesrepublik.

Bombe gegen das "Blutgeld"

Wenige Tage darauf trafen bei Nachrichtenagenturen in Paris Bekennerschreiben einer "Organisation Jüdischer Partisanen" ein. Darin hieß es: "Das deutsche Volk, das kaltblütig sechs Millionen Juden hingemetzelt ... hat, ... möchte die Verzeihung unseres Volkes erlangen ... Wir befinden uns im Krieg ..." Unverkennbar wollten die Attentäter die Wiedergutmachungsverhandlungen zwischen Deutschland und Israel stören, die im März in Den Haag begonnen hatten. Dabei ging es um Zahlungen für jüdische Flüchtlinge in Israel, die dem Holocaust entronnen waren.

Beide Seiten brauchten einen Erfolg: Adenauer, um Deutschland in die Riege der westlichen Länder zu integrieren, Israel, um den Staatsbankrott abzuwenden. Tausende von Israelis protestierten in Jerusalem gegen das "Blutgeld" aus Deutschland. In einer Brandrede stachelte der Chef der national-konservativen Cheruth-Partei, Israels späterer Ministerpräsident Menachem Begin, die Demonstranten auf: "Adenauer ist ein Mörder!" Daraufhin versuchten Anhänger der Cheruth, der legalen Nachfolgerin der terroristischen Untergrundorganisation Irgun, die Knesset, das israelische Parlament, zu stürmen.

Zwei Ereignisse Anfang April 1952 wiesen darauf hin, dass vermutlich jüdische Täter hinter dem Anschlag standen. Bei der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts (BKA) traf der Hinweis eines westlichen Geheimdienstes ein, dass einer der Attentäter mit Namen Lutan auf dem Weg nach München einen Textilgroßhändler jüdischer Abstammung in Frankfurt besucht habe. Lutan stamme aus Kowel in Galizien und habe zahlreiche Decknamen. Daraufhin stellten Kriminalbeamte Wohnung und Firma des Unternehmers auf den Kopf. Doch das Frankfurter Ehepaar konnte die Vorhaltungen entkräften.

Politisches Kalkül verhindert die Aufklärung

Kurz darauf nahm die französische Polizei in Verbindung mit dem Anschlag auf Adenauer fünf Israelis fest, unter ihnen einen gewissen Jakow Farshtej. Ein Informant, der mit der Untergrundorganisation Irgun zusammengearbeitet hatte, wies die deutschen Behörden darauf hin, dass nur Farshtej als Kopf der Attentäter in Frage komme. Vier der Männer waren bereits ausgewiesen worden, einer von ihnen saß noch wegen Waffenbesitzes im Gefängnis. Unverzüglich reiste Josef Ochs, Chef der Münchner Sonderkommission, nach Paris. Ein französischer Beamter beschied ihn dort knapp, dass es nichts mitzuteilen gebe.

Im Herbst 1952 wurde die glücklose Sonderkommission aufgelöst. Sonderlich viel hatte die Öffentlichkeit nicht erfahren, die Ermittlungen waren geheim. Doch bereits im Frühjahr 1953 nahmen Beamte des neugegründeten Bayerischen Landeskriminalamtes die Ermittlungen wieder auf. Sie konzentrierten sich auf zwei Brüder mit Namen Kronstein, die den Bombenboten Lutan in München angeblich unterstützt hatten. Als bekannt wurde, dass einer von ihnen, Josef Kronstein, eine charakteristische Fingerverstümmelung hatte, schritt man zur Festnahme - doch zu spät. Der Verdächtige war gewarnt worden und hatte Deutschland fluchtartig verlassen. Die Ermittler standen mit leeren Händen da: Alle Verdächtigen waren nun in Israel.

Aus einer Reihe politischer Gründe hatten die Ermittler praktisch keine Chance, das Verbrechen aufzuklären. Eine polizeiliche Kooperation mit Israel und Frankreich war undenkbar. Ein Erfolg der Ermittler hätte die Wiedergutmachungsverhandlungen gefährdet und war daher unerwünscht. Nach Lage der heute bekannten Akten griff Kanzler Adenauer zwar nicht in die Ermittlungen ein, ließ sich aber über deren Fortgang Bericht erstatten. Die Kriminalbeamten - einige von ihnen hatten SS-Dienstgrade gehabt - stellten ebenfalls eine Gefährdung dar: Ein Fahndungserfolg dieser Beamten hätte Deutschland bloßgestellt und Adenauers Politik zurückgeworfen.

Ein vergessener Anschlag

Doch die Ermittler arbeiteten unverdrossen weiter. In mühsamer Kleinarbeit fanden sie einige Details über Lutan heraus, der die Bombe nach München gebracht hatte. Auch der Frankfurter Textilgroßhändler mußte schließlich zugegeben, dass er den Bombenboten bei sich aufgenommen hatte, allerdings ohne über das Attentat Bescheid zu wissen.

Da die Ermittlungen geheim waren, ging das Attentat auf Adenauer nicht einmal in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Es wurde schlicht vergessen. So dauerte es über 50 Jahre, bis die Identität des Bombenbauers und die seines Auftraggebers in Deutschland bekannt wurden: Es war jener Elieser Sudit, der wegen Waffenbesitzes in Paris zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Als Josef Ochs nach Paris reiste, war Sudit noch in Haft und hätte verhört werden können.

Im Jahre 1994 veröffentlichte Elieser Sudit im Selbstverlag das Buch "Im Auftrag des Gewissens", in dem er die Vorgeschichte des Anschlags beschrieb und den Drahtzieher des Attentats nannte: Menachem Begin, Chef der Cheruth-Partei und von 1977 bis 1983 Ministerpräsident Israels. Sudit hatte mit der Veröffentlichung gewartet, bis sein verehrter "Kommandant" im Jahr 1992 verstorben war. Über zehn Jahre blieb sein auf Hebräisch verfaßtes Buch unbeachtet, bis jemand es aufstöberte und nach Deutschland schickte.

Hilflose, aber brandgefährliche Tat

So kam das einzige größere Attentat auf einen deutschen Bundeskanzler über 50 Jahre danach doch noch zu einer Art Aufklärung. Der Anschlag war die hilflose, aber brandgefährliche Tat einer Gruppe, die wieder politischen Einfluß gewinnen wollte. Bis heute ist nicht bekannt, was die israelische Polizei über die Attentäter wusste und gegen sie unternahm.

Möglicherweise sah man über den Anschlag hinweg. Sudit jedenfalls ging zum Nachrichtendienst Mossad und jagte Nazi-Verbrecher. Lutan überwarf sich Mitte der fünfziger Jahre mit der Cheruth und ließ sich unter dem Namen Dan Nimrod als Publizist in Kanada nieder. Ein Freund aus Deutschland traf ihn mehrmals, stets im Ausland: "Ich hatte immer das Gefühl, dass er Deutschland mied. Dabei hatte er gar nichts gegen Deutschland, im Gegenteil. Er zeigte vielmehr deutliche Sympathien für die deutsche Nachkriegsgeneration." Josef Kronstein nahm in Israel einen anderen Namen an, seine Adresse und Telefonnummer hielt er zeitlebens geheim.

Zu jedem Neujahrsfest schickte ihm Begin eine Karte mit einem Gruß.

insgesamt 3 Beiträge
Mihai Robert Soran 19.10.2007
1.
Ein Beitrag zum Schulterzucken. Das Thema lädt weder zum Widerspruch noch zur späten Bereicherung ein. Es ist gewesen, es ist verständlch, sinnig und schlüßig. Es ist mißlungen, weder die Geschicke der Republik, Israels [...]
Ein Beitrag zum Schulterzucken. Das Thema lädt weder zum Widerspruch noch zur späten Bereicherung ein. Es ist gewesen, es ist verständlch, sinnig und schlüßig. Es ist mißlungen, weder die Geschicke der Republik, Israels oder der Welt wurden nachhaltig berührt. Es fehlt der geschichtliche Mehrwert, es handelt sich um eine der unzähligen verstaubten Anekdoten der Vergangenheit, die keinen hinter dem Ofen hervorlockt.
Rudolf Ott 19.10.2007
2.
Begin zeichnet also nicht nur für die "Operation Tschik", der Sprengung des König David Hotels, am 22.07.1946 verantwortlich, sondern auch noch für "andere Aktionen".
Begin zeichnet also nicht nur für die "Operation Tschik", der Sprengung des König David Hotels, am 22.07.1946 verantwortlich, sondern auch noch für "andere Aktionen".
Edith Schöneberger 19.10.2007
3.
Na ja, ganz vergessen wurde es ja nicht. In Adenauers "Erinnerungen 1953-1955" (Fischer, 1968, S. 137)schreibt er, dass die Verhandlungn mit Nahum Goldmann in Wassenaar geführt wurden "auf besonderen Wunsch der [...]
Na ja, ganz vergessen wurde es ja nicht. In Adenauers "Erinnerungen 1953-1955" (Fischer, 1968, S. 137)schreibt er, dass die Verhandlungn mit Nahum Goldmann in Wassenaar geführt wurden "auf besonderen Wunsch der Israelis, da sie Attentatsversuche von rechtsradikalen jüdischen Verbänden gegen die deutsche und die israelische Delegation befürchteten. Auf mich selbst wurde im Zusammenhang mit diesen Verhandlungen am 27. März 1952 ein Attentatsversuch durch ein Sprengstoffpaket unternommen, der ein Menschenleben kostete." Erzähle keiner, dass A. und die Israelis nicht wussten, wer die rechtsradikalen jüdischen Verbände waren.

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