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einestages

Breakdance

Tanzen statt Prügeln

Verdrehte Gliedmaßen und ruckartige Bewegungen: Seit den frühen Achtzigern erobert der Breakdance die Welt. Die derzeitigen Stars kommen aus Asien - doch zu ihrem wichtigsten Wettbewerb trifft sich die Szene heute in Braunschweig.

Marc Mühlhaus
Von Philipp Kohlhöfer
Samstag, 20.10.2007   11:13 Uhr

Gute Frage, wann das mit dem Breakdance losging. In den frühen Siebzigern wohl, aber genau ist das nicht mehr zu bestimmen. Irgendwo im Süden der Bronx, einem Ghetto mit damals der höchsten Kriminalitätsrate New Yorks. Eine Gruppe afroamerikanischer und puertoricanischer Jugendlicher hatte die Idee zu einem Tanz namens B-Boying. Der Legende nach wurde er benutzt, um Territorialstreitigkeiten zwischen verschiedene Streetgangs zu klären, ohne dass gleich jemand erschossen werden musste. Es muss sehr harmonisch zugegangen sein damals: Der Gangster mit dem eindrucksvollsten Tanz hatte Recht. Das führte zu mehr Frieden auf der Straße. Diese eher von love and peace inspirierte Behauptung klingt zwar schön und wird allgemein akzeptiert, konnte aber tatsächlich nie belegt werden. Wie auch immer, der Weg von der Bronx (1,3 Millionen Einwohner, New York, USA) nach Hungen (12.000 Einwohner, Hessen, Deutschland) dauerte etwa zehn Jahre.

Ghettoblaster so groß wie ein Mittelklassewagen

Amerikanische Medien hatten den Tanz mittlerweile für sich entdeckt und in "Breakdance" umbenannt, um ihn besser vermarkten zu können. Er wurde, was immer schnell geht, als Teil einer Jugendkultur namens HipHop verkauft und in Filmen wie "Flashdance" (1983) thematisiert. Schon viel früher hatte Michael Jackson, 1974 noch auf der Höhe der Zeit, ihn mit einer Abwandlung namens Robot Dance im Fernsehen berühmt gemacht.

Das alles wusste ich nicht. Für mich gestaltete sich die Situation übersichtlicher. In Hungen, Hessen, gab es kein Ghetto und keine Gangs. Geschossen wurde nur, wenn die amerikanische Armee im Wald hinter dem Dorf zweimal im Jahr Krieg spielte. Tanzen musste nur, wer konfirmiert wurde. Jeden Samstag verkaufte ein Bäcker aus einem benachbarten Dorf Brot aus einem orangefarbenen VW-Bus, Michael Schanze moderierte im Fernsehen die Kindersendung "1, 2 oder 3" und einmal im Monat ließ ein Schäfer namens Hartmann seine Herde auf einer benachbarten Wiese grasen. Idylle, so ähnlich schon tausendmal erzählt.

Der Moses der Moderne

Aber plötzlich, im Sommer 1983... Na ja, da kam dann die große Welt vorbei. Sie sah aus wie mein Nachbar Klaus. Klaus war fünf Jahre älter als ich und eine der coolsten Säue im Dorf. Er stand auf der Kreuzung vor eben jener Schafweidewiese, im Hintergrund einen Ghettoblaster so groß wie ein Mittelklassewagen. Ich bin mir sicher, dass Klaus ein Stirnband trug und Armbänder, er hatte ein tief ausgeschnittenes Unterhemd, weiß, und Sneakers (nannte man damals noch "Turnschuhe") von Puma oder Fila, ebenfalls weiß. Nicht mehr sicher bin ich, welche Musik er hörte. Vielleicht war es "DJ Kool Herc", gepasst hätte es, denn der Mann gilt als Erfinder des Breakbeat, für das Tanzen damals unerlässlich.

Obwohl es mittlerweile Breakdancer gibt, die zu Rockmusik und Operngesängen tanzen, schuf das Isolieren und ständige Wiederholen des Mittelteils in Funksongs, meist der tanzbarste Part der Lieder, eine ideale Hintergrundmusik für die Tänzer. Klaus startete mit dem Robot Dance und ging dann langsam auf den Boden über, am Ende stand er auf einer Hand, um von dort auf die Füße zu springen. Leider liegt das ja alles schon eine Zeit zurück und vielleicht war es auch ganz anders, aber ich war jedenfalls tief beeindruckt. Klaus war ein B-Boy. Er war mein John Travolta, er bewies mir, dass die Pubertät doch nicht der reine Horror sein musste. Er war der Don Corleone des Ortes, der Moses der Moderne. Er brachte den Geruch von Welt zwischen den Geruch von Schafen, Rindern und Getreideernte. Und er gefiel sich in der Rolle, die er spielte. Von nun an war er den ganzen Sommer an der Kreuzung und übte. Weil Klaus allerdings nicht nur cool war, sondern auch sehr nett, bot er an, den Umstehenden alles beizubringen, was er konnte.

Blaue Flecken und Gehirnerschütterung

Beim "Breakdance" wird, um das mal ganz grob zu erklären, zwischen sogenannten "Powermoves" und "Styles" unterschieden. "Powermoves" sind vor allem akrobatisch inspiriert, der Tänzer dreht sich auf allen möglichen Köperteilen, etwa der Schulter oder dem Kopf. "Styles" legen mehr Wert auf den tänzerischen Aspekt, sie zeichnen sich in erster Linie durch "Footworks" (Schritte), und "Freezes" aus. Bei letzterem friert der Tänzer die Bewegung in einer beliebigen Position ein. Alles kann beliebig miteinander kombiniert werden. Überhaupt ist Breakdance ein Tanz ohne festes Schema. Jeder, der ihn tanzt, kann improvisieren auf Teufel komm raus, was daran liegt, dass es keinen Verband gibt, der irgendetwas festlegt. Von Zeit zu Zeit gibt es daher immer wieder überraschende, neue Bewegungen und Entwicklungen.

"Powermoves" heißen: "Headspin" (Drehung auf dem Kopf) und "Backspin" (Drehung auf den Schulterblättern), "Handglide" (Drehung im Liegen auf einer Hand) und "Ninety-Nine" (Drehung im Handstand auf einer Hand). "Freezes" klingen ähnlich hinreißend: Babyfreeze (man steht auf beiden Händen und stützt das Gewicht des Körpers auf die Ellbogen) und Airfreeze etwa (man steht auf einer Hand und macht Posen mit den Beinen). Jawohl, die Namen klingen, als hätte sie der Marketingheini einer Sportartikelfirma erfunden. Hat er aber nicht, und nur deswegen ist es nicht ungenehm, Sachen zu sagen wie: "Ich mache einen crazy leg im Anschluss an den Pinball". Klaus hat das jedenfalls getan und das war sehr in Ordnung.

Ich konnte weder den einen noch den anderen Trick, fiel dauernd hin, schürfte mir die Haut an den unmöglichsten Stellen ab, hatte Gehirnerschütterung und dann... keine Lust mehr. Als der Herbst begann, stieg auch Klaus aus dem Tanz aus. Es war ihm wohl zu langweilig geworden. Vielleicht gab es auch einfach zu wenig Streetgangs und Territorialkämpfe im mittelhessischen Raum, man weiß es nicht. Sein damaliger bester Freund wollte jedenfalls kein B-Boy sein, er wollte lieber sein wie Ivan Lendl, weswegen er andauernd einen Tennisschläger mit sich herumtrug und permanent Aufschlag und Vorhand übte.

"Battlen" für den Ruhm

Ganz objektiv betrachtet hatte Klaus auch keine Chance. Er war, obwohl im globalen Breakdance-Maßstab eher spät dran, seiner Zeit weit voraus. Er war wie Highlander, der Einzige zwischen lauter Normalos. Dabei geht eigentlich ohne Mannschaft, in der Szene "Crew" genannt, gar nichts. Weswegen auch der größte Breakdance-Wettbewerb der Welt, die inoffizielle Weltmeisterschaft, großen Wert auf eine geschlossene Mannschaftsleistung legt. Die "Battle of the Year", kurz BOTY, findet schon seit 18 Jahren jeden Herbst in der szene- unverdächtigen Kleinstadt Braunschweig statt.

Beim BOTY treten Crews aus der ganzen Welt gegeneinander an, die sich im Vorfeld erst qualifizieren müssen. Jede Crew zeigt eine eigene Show, die Tänzer treten nacheinander auf. Die vier erstplatzierten Crews treten dann wiederum gegeneinander an, "battlen" sagt man dazu, was dann auch Braunschweig kurz ein kleines Stück Glanz und Gangstertum aus New York beschert. Obwohl es außer Ruhm und Ehre fast nichts zu gewinnen gibt - über all die Jahre hat sogar das Organisationsteam ehrenamtlich gearbeitet - genießt die Veranstaltung weltweit einen hervorragenden Ruf. Am Ende gewinnen meist Asiaten, denn in Korea sind Breakdancer Superstars, es gibt Comics mit Breakdance-Heroen und Musicals, in denen Breakdancer die Welt retten.

Klaus jedenfalls ließ sich wenig später die Haare lang wachsen. Im nächsten Sommer trug er bereits eine Kutte mit Aufnähern von Metalbands, die ich noch nie gehört hatte. Er begann Gitarre zu spielen und böse Gesichtsausdrücke zu üben. Als ich ihn das letzte Mal sah, war ich in eine Schlägerei verwickelt, die ich leider verlor. Klaus hatte keine Zeit, mir zur Seite zu stehen. Er tanzte zu Hip-Hop Musik. Im Herzen ist er wahrscheinlich immer ein B-Boy geblieben.

insgesamt 1 Beitrag
Jörg Hennicke 20.10.2007
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Und auch beim Breakdance, wie auch beim Rap und natürlich der Grafitti war die Ausstrahlung von "Wild Style" in Deutschland prägend... www.wildstylethemovie.com
Und auch beim Breakdance, wie auch beim Rap und natürlich der Grafitti war die Ausstrahlung von "Wild Style" in Deutschland prägend... www.wildstylethemovie.com

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