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Technikgeschichte

Als Autoradios noch purer Luxus waren

1932 war Musik im Wagen ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Der erste Empfänger wog noch stattliche 15 Kilogramm und rauschte gewaltig. Zur Standardausrüstung wurde das Autoradio erst viele Jahre später.

Donnerstag, 02.08.2007   12:20 Uhr

Der 19. August 1932 war ein Festtag für die Musikliebhaber unter den Automobilisten. An diesem Tag plärrte auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin das erste Autoradio Europas los: Das Autosuper 5 der Firma Ideal. Später hieß das Unternehmen Blaupunkt, nach dem blauen Ideal-Logo. Bevor es Autoradios gab, konnte man höchstens ein wuchtiges Kofferradio in den Fonds seines Wagens stellen. Musik ließ sich auch dann freilich nur bei abgeschaltetem Motor hören - die Fahrzeugelektrik störte ansonsten das Funksignal.

Das Autosuper 5, von dem rund 400 Exemplare gebaut wurden, hatte es in sich. Es war mit fünf Elektronenröhren bestückt - daher auch der Name. Das Gerät wog rund 15 Kilogramm. Sein Energiebedarf war so enorm, dass es bei laufendem Radio und eingeschalteten Scheinwerfern besser nicht regnete, weil die Scheibenwischer nicht auch noch mit Strom versorgt werden konnten. Trotz derartiger Unzulänglichkeiten war das Autosuper 5 ein absolutes Luxusobjekt. Es kostete beachtliche 465 Reichsmark, für das Dreifache bekam man damals schon einen Kleinwagen. So blieb das Autoradio zunächst ein Statussymbol für die oberen Zehntausend.

Schallplattenspieler fürs Auto

Erst Ende der fünfziger Jahre trat das Autoradio in Deutschland seinen Siegeszug an. Weil die Zahl der Autos auf den Straßen ständig stieg, wurde der Markt für die Radiohersteller interessant. Auch Verbesserungen bei der Übertragungstechnik förderten die Verbreitung. So strahlte schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg der Bayerische Rundfunk als erster deutscher Sender sein Programm auf der Ultrakurzwelle (UKW) aus - in deutlich besserer Tonqualität als die Mittelwellensender.

Nochmals optimiert wurden die Geräte durch den Einsatz von Transistoren anstelle der Röhren, zudem wurden die Empfänger dadurch deutlich kleiner und unempfindlicher. An diesen Fortschritten war auch Blaupunkt beteiligt: 1952 präsentierte das Hildesheimer Unternehmen Blaupunkt das erste UKW-Autoradio, fünf Jahre später wurden die anfälligen Röhren gegen Transistoren getauscht.

Die Weiterentwicklung des mobilen Rundfunkempfängers wurde auch stets geprägt durch technische Standards im Hifi-Bereich. In den fünfziger und sechziger Jahren war die Schallplatte ein verbreiteter Tonträger. Um auch Autofahrern das Hören ihrer Lieblingsplatten zu ermöglichen, präsentierte der niederländische Elektrokonzern Philips 1958 den 148 Mark teueren "Auto-Mignon". Das vollautomatische Gerät konnte in alle damals gängigen Modelle eingebaut werden und spielte Singles ab.

Wie jeder Plattenspieler reagierte aber auch der "Auto-Mignon" empfindlich auf Erschütterungen. Philips stellte deshalb 1968 das erste Autoradio vor, das auch Musikkassetten abspielte. Bei der Einführung des CD-Players fürs Auto 1985 waren die Holländer schließlich dabei - kein Wunder, denn Philips war an der Entwicklung der CD maßgeblich beteiligt.

Multimedia und Retro-Design

Mittlerweile beschränkt sich das Autoradio längst nicht mehr auf seine ursprüngliche Aufgabe. Moderne Audio-Systeme haben die Funktion einer Multimedia-Infotainment-Zentrale übernommen. Sie spielen fast alle gängigen Musikformate ab, und außer einem CD-Player lässt sich bei einigen Geräten auch Musik von externen Festplatten abspielen und ein iPod anschließen. Viele Modelle sind mit einem Navigationsgerät kombiniert.

Auch die Einbauweise hat sich geändert. Wurden die Autoradios früher einfach in einen genormten Schacht gesteckt, werden sie heute oft hinter Blenden verbaut, in die das Display und die Bedieneinheit integriert sind. Damit man ein Gerät nachträglich einbauen kann, bieten viele Hersteller spezielle Rahmen an, die auf das jeweilige Automodell abgestimmt sind.

Keinen speziellen Rahmen braucht man für das Modell "Mexico" der Firma Becker, das als Klassiker unter den Autoradios gilt. Es wurde in den sechziger Jahren in vielen Fahrzeugen von Mercedes, Audi und im Mini eingebaut. Heute gibt es das Gerät wieder - im Retro-Look. Es sieht aus wie sein Urahn, bietet aber technische Finessen wie ein Navigationssystem und eine Sprachsteuerung. Über die Bluetooth-Schnittstelle lässt sich ein Handy anschließen.

Roman Büttner

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 27.07.2007

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