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einestages

Sowjet-Offizier in Deutschland

"Adenauer war ich nicht gewachsen"

Aufbau Ost: Alexander Galkin kam 1945 ins zerbombte Berlin, um die sowjetische Besatzungszone zu verwalten. Als einer der letzten lebenden Zeitzeugen erinnert er sich an die Jagd auf Nazi-Phantome, das Scheitern der Berlin-Blockade - und ein peinliches Gespräch mit einem späteren Bundeskanzler.

Freitag, 19.10.2012   17:23 Uhr

Nach Hitlers Selbstmord und der deutschen Kapitulation wurde Berlin im Sommer 1945 von Moskau regiert, mit Hilfe der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Einer ihrer letzten Zeitzeugen ist Alexander Galkin, Jahrgang 1922. Der frühere Offizier, der in Moskau am Institut für Soziologie arbeitet, war bis 1949 in der SMAD tätig.

Im Interview spricht er über die Jagd auf Nazi-Phantome, ein Vier-Augen-Gespräch mit Konrad Adenauer, schildert das Scheitern der Berliner Blockade und die Bereitschaft der Sowjets, sich 1955 auf ein neutrales Deutschland einzulassen.

einestages: Herr Galkin, als Sie im August 1945 nach Berlin kamen, fürchteten die Sowjets die Nazi-Untergrundbewegung des "Werwolf". Wie real war diese Bedrohung?

Galkin: Das haben wir total überschätzt. Es gab praktisch keinen Widerstand mehr, die Deutschen waren das Kämpfen leid. In manchen sowjetischen Berichten hat man sich angebliche "Werwolf"-Aktionen buchstäblich aus den Fingern gesogen.

einestages: Tausende Jugendliche, ehemalige Mitglieder der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel (BdM) wurden als "Werwölfe" in Lager gesperrt. Waren viele von ihnen gar keine Untergrundkämpfer?

Galkin: Man brauchte Erfolgsmeldungen. Wenn man überzeugt war, dass es diese Feinde gab, musste man auch welche fangen. Am Anfang, als ich nach Berlin kam, dachte ich auch, es gibt sicher eine gut organisierte Untergrundbewegung. Und ich war überrascht, als ich feststellte, dass es sie nicht gab.

einestages: Sie haben als Mitglied des Informationsbüros der Sowjetischen Militäradministration in Berlin damals einen Presseklub gegründet. Sie hatten Treffen mit vielen Deutschen. Was und wer hat bei Ihnen den stärksten Eindruck hinterlassen?

Galkin: Mich hat der Lebenswille der Deutschen beeindruckt. Ich kam drei Monate nach dem Ende der Kämpfe nach Berlin. Es gab schon wieder Strom und Licht, die Straßenbahn fuhr, der Rundfunk sendete, die Theater und Kinos arbeiten. Das Leben kehrte erstaunlich schnell in erträglichen Formen zurück. Was persönliche Begegnungen angeht, so traf ich den Schriftsteller Johannes R. Becher, später Kulturminister in der DDR, der war ein politischer Romantiker. Mir hat Bertolt Brecht sehr gefallen, den mir Helene Weigel vorstellte. Sie war eine sehr resolute Frau im Gegensatz zu dem bescheidenen, etwas schüchternen Brecht. Ich hatte täglich Umgang mit den Deutschen und stieß nie auf Feindseligkeit.

einestages: Aber viele Deutsche, auch viele Berliner hungerten damals.

Galkin: Das war so. Auch wenn das System der rationierten Lebensmittelversorgung mit Karten in der sowjetischen Zone Deutschlands besser funktionierte als in der Sowjetunion.

Das Fiasko der Berliner Blockade

einestages: 1948 wollte die Sowjetführung offenkundig die Westalliierten zum Abzug aus West-Berlin drängen, mit der Berlin-Blockade. Wie wurde darüber bei ihnen gesprochen und gedacht?

Galkin: Es kamen Instrukteure aus Moskau, die uns erklärten, wie wir die Dinge sehen sollten. Es wurde ganz offen davon gesprochen, dass es darauf ankäme, die Situation in der sowjetischen Besatzungszone zu stabilisieren. Die Präsenz der alliierten Truppen in West-Berlin sei ein Störfaktor. Die Sowjetunion wollte die Lebensmittelversorgung der West-Berliner organisieren. Die Bewohner des Berliner Westens sollten nicht hungern, aber die britischen und amerikanischen Soldaten sollten von der Versorgung abgeschnitten werden, damit sie abziehen.

einestages: Hielten Sie das für eine realistische Stratege?

Galkin: Nein, das konnten sich nur Leute ausdenken, die weder Ahnung vom Transportpotential der britischen und amerikanischen Luftflotte hatten noch von der Stimmung in Westberlin. Diese Stimmung zu beobachten war gerade meine Aufgabe und ich berichtete darüber in geheimen Analysen für die sowjetische Führung. Die Berliner Blockade war in Moskau in ihren praktischen Folgen überhaupt nicht vernünftig durchdacht worden.

einestages: Wann wurde ihnen bewusst, dass die Blockade zum Scheitern verurteilt war?

Galkin: Das war schon nach etwa einem Monat klar, also schon Ende Juli 1948. Es dauert Monate, bis man auch in Moskau begriff, dass man diese Aktion abblasen musste, weil damit nichts zu erreichen war.

Begegnung mit Adenauer

einestages: Sie hatten einmal die Gelegenheit, mit Konrad Adenauer zu sprechen. Wie kam es dazu?

Galkin: Ich traf Adenauer Ende 1947 in Düsseldorf. Ich war dort mit einer Gruppe sowjetischer Journalisten. Adenauer war damals Vorsitzender der CDU in der britischen Zone, ein Mann, der sichtlich an politischem Gewicht gewann. Das Treffen fand im Gebäude der Vereinigten Stahlwerke statt. Wir verspäteten uns und fragten nach Adenauer. Da sagte uns eine britische Sekretärin: Diesen Deutschen, mit dem Sie sprechen wollen, habe ich auf den Flur geschickt, der soll dort warten.

einestages: Und dort stand Adenauer.

Galkin: Ja, an einem Fenster am Ende des langen Flures. Ich ging zu ihm und er fragte mich: 'Man hat mich zu Ihnen einbestellt?' 'Nicht einbestellt, sagte ich, ich würde nur gerne mit Ihnen sprechen. 'Hier auf dem Flur?' fragte Adenauer. Nein, sagte ich, man hat uns einen Raum versprochen. Und die Briten gaben uns ein etwas verwahrlostes Büro für unser Gespräch für etwa zwei Stunden.

einestages: Wie verlief das Interview?

Galkin: Ich hatte mich vorbereitet, über seinen Lebenslauf einiges gelesen. Es zeigte sich, dass ich noch keineswegs auf der Höhe war zu einem Gespräch mit so einem erfahrenen politischen Fuchs.

einestages: Was genau war der Grund?

Galkin: Ich hielt ihm seine Zusammenarbeit mit rheinischen Separatisten und seine Bestrebungen für die Schaffung einer Rheinischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg vor. Adenauer dementierte diese Vorwürfe. Dann fragte ich ihn, welche Beziehungen er zu dem führenden CDU-Politiker Jakob Kaiser in Berlin hatte. Ich wusste, dass diese Beziehungen sehr gespannt waren, da Kaiser für ein neutrales Deutschland eintrat und Adenauer für eine Westbindung, Adenauer aber erzählte mir, Kaiser sei ein sehr enger Freund, mit dem er sich ganz ausgezeichnet verstehe - kurz gesagt, Adenauer ließ mich gekonnt auflaufen. Am Ende war ich ärgerlich, aber nicht auf Adenauer, sondern auf mich. Ich hätte mich weit besser vorbereiten müssen. Diesem Mann war ich nicht gewachsen.

einestages: Hatte das Gespräch für Sie Folgen?

Galkin: Ja, ich schrieb bald danach eine Dissertation über die separatistische Bewegung im Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg und untersuchte Adenauers Rolle darin. Und ich kam zu einem differenzierten Ergebnis: Adenauer wollte zwar zeitweilig eine "Rheinische Republik" als autonomes Gebiet innerhalb Deutschlands, wandte sich schließlich aber gegen Separatisten.

Gedankenspiele über einen neutralen deutschen Staat

einestages: Nach Einschätzungen der Berliner Stadtverordnetenversammlung sind allein in Berlin durch das NKWD von 1945 bis 1948 mehr als 6000 Menschen "verschwunden". Es herrschte in der Sowjetzone damals eine Atmosphäre der Angst. Haben Sie davon nichts bemerkt?

Galkin: Wir hatten viele deutsche Mitarbeiter, mit denen wir guten Kontakt hatten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Deutsche vor mir Angst hatten.

einestages: Vor Ihnen vielleicht nicht, aber vor dem Geheimdienst. Es gab geheime Berichte der Militäradministration nach Moskau, in denen es hieß, das "Verschwinden" von Deutschen führe zu Feindseligkeit gegenüber den Sowjets.

Galkin: Wir haben über solche Probleme nach Moskau berichtet. Wir haben jeden Tag etwa 60, 70 Seiten Berichte nach Moskau geschrieben. Ich schrieb auch streng geheime Berichte, in denen solche heiklen Fragen behandelt wurden. Mir und anderen Kollegen in der SMAD war klar, dass eine repressive Politik nicht geeignet war, um das Ziel eines geeinten, neutralen und demokratischen Deutschland zu erreichen.

einestages: War dies das Ziel der sowjetischen Politik?

Galkin: Ja. Wir arbeiteten damals auch mit Christdemokraten zusammen wie Jakob Kaiser oder dem CSU-Gründer Josef Müller, der später von Franz Josef Strauss verdrängt wurde. Uns war klar, dass man Politik in Deutschland nicht erfolgreich mit Befehlsempfängern der Sowjetunion gestalten konnte.

einestages: War die Sowjetunion am Ende der vierziger Jahre an einem neutralen, demokratischen vereinten Deutschland interessiert und nicht unbedingt an der Schaffung eines ostdeutschen sowjetischen Satellitenstaates?

Galkin: Ich weiß natürlich nicht, was in Stalins Kopf vorging, aber die Gespräche bei uns in der Militäradministration gingen in die Richtung eines neutralen Deutschland. Neutral wie ab 1955 auch Österreich, wo bis dahin ebenfalls sowjetische Truppen stationiert waren. Nach allen Weisungen und Unterrichtungen, die wir aus Moskau erhielten, ergab sich folgendes Bild: Ein neutrales Deutschland schien uns für die Sicherheit der Sowjetunion und die Stabilität in Europa als optimale Entscheidung der deutschen Frage.

einestages: Haben die Deutschen damals die Chance auf die Wiedervereinigung versäumt?

Galkin: Die Deutschen konnten damals nicht frei entscheiden, sie waren an die Politik der westlichen Besatzungsmächte gebunden. Und vor allem die USA waren nicht bereit, auf ihren Einfluss in Deutschland zu verzichten. Wir hatten keine Angst vor den Deutschen, anders als manche westlichen Politiker. Das sollte sich noch 1990 bei der Vereinigung zeigen, als sich vor allem Franzosen und Briten sehr schwer damit taten, einer Vereinigung Deutschlands zuzustimmen.

Das Interview führte Uwe Klussmann in Moskau

insgesamt 7 Beiträge
Daisy Neff 21.10.2012
1.
"Ein neutrales Deutschland schien uns für die Sicherheit der Sowjetunion und die Stabilität in Europa als optimale Entscheidung der deutschen Frage. " Nicht nur denen. Auch den meisten Deutschen: Nie wieder Krieg. [...]
"Ein neutrales Deutschland schien uns für die Sicherheit der Sowjetunion und die Stabilität in Europa als optimale Entscheidung der deutschen Frage. " Nicht nur denen. Auch den meisten Deutschen: Nie wieder Krieg. Aber damals hat sich Adenauer im Auftrage der Westmächte der deutschen Bevölkerung gegenüber durchgesetzt und Gesamtdeutschland durch die Wiederbewaffnung im Westteil in den Kalten Krieg geführt. Denn bei einer Wiederbewaffnung gab es für seine Freunde ja mehr zu verdienen als durch die Wiedervereinigung.
Christoph Lemmer 21.10.2012
2.
Die These, Jakob Kaiser habe sich für ein neutrales Gesamtdeutschland zwischen Ost und West eingesetzt ist pure Wunschlegende. Und das angeblich gute Verhältnis zwischen Kaiser und der SMAD hat niemals bestanden. Weshalb hätte [...]
Die These, Jakob Kaiser habe sich für ein neutrales Gesamtdeutschland zwischen Ost und West eingesetzt ist pure Wunschlegende. Und das angeblich gute Verhältnis zwischen Kaiser und der SMAD hat niemals bestanden. Weshalb hätte die SMAD Kaiser dann auch absetzen sollen und warum Kaiser in den Westen fliehen?
Uwe Schwarz 21.10.2012
3.
Verständlich, daß die Alliierten (nicht nur die Sowjets) eine organisierte Untergrundbewegung erwarteten. Schließlich hatte es in den meisten von Deutschland eroberten Gebieten durchaus Partisanenbewegungen gegeben, obwohl dort [...]
Verständlich, daß die Alliierten (nicht nur die Sowjets) eine organisierte Untergrundbewegung erwarteten. Schließlich hatte es in den meisten von Deutschland eroberten Gebieten durchaus Partisanenbewegungen gegeben, obwohl dort kaum Zeit für Vorbereitungen geblieben war. Und den Fanatismus der Deutschen hatten die Alliierten jahrelang an der Front zu spüren bekommen ? wie konnten sie da erwarten, daß die Überlebenden politisch dermaßen paralysiert sein würden?
Hartmut Braun 21.10.2012
4.
Ich bin weder alt genug und verkehrte daher schon gar nicht in den Kreisen, um einschätzen zu können, wie ernst es der SU mit einem neutralen Deutschland war. Was ich darüber gelesen habe - auch hier wieder - bestärkt mich [...]
Ich bin weder alt genug und verkehrte daher schon gar nicht in den Kreisen, um einschätzen zu können, wie ernst es der SU mit einem neutralen Deutschland war. Was ich darüber gelesen habe - auch hier wieder - bestärkt mich allerdings in der Auffassung, dass es eher nicht der Osten war, der die kalte Schulter zeigte, dass man diesen Gedanken nicht wenigstens ernsthaft überdachte und in Erwägung zog, so wenig man sich auch gegenseitig über den Weg traute. Dem misstrauischen Adenauer wird der (sinngemäße) Satz nachgesagt "Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb." - eine klare Teilungshaltung. Ebenso war die Währungsreform in den Westsektoren sicher keine Maßnahme, die die Entwicklung eines einheitlichen Deutschlands beförderte, genauso wenig wie die Gründung der BRD im Mai 1949. Der anderen Seite blieb dann immer das Nachziehen. Diese historischen Fakten sollte man in der Diskussion nicht vergessen, wenn auf die Abgrenzungspolitik der DDR hingewiesen wird - die es in den späteren Jahren natürlich gab, als auch dort klar war, dass man politisch auf keinen gemeinsamen Nenner kommen würde. Leider zogen im Gegensatz zum anfangs auch besetzten Österreich alle 4 Siegermächte gleichzeitig an Deutschland, so dass es nur zerreißen konnte.
Siegfried Wittenburg 23.10.2012
5.
Im Gegensatz zu Österreich war Deutschland in der Nachkriegszeit ein gerade von den Sowjets und den Alliierten unter großen Opfern besiegtes Monster. Mit heutigem Wissen kann ich verstehen, dass die Siegermächte kein Interesse [...]
Im Gegensatz zu Österreich war Deutschland in der Nachkriegszeit ein gerade von den Sowjets und den Alliierten unter großen Opfern besiegtes Monster. Mit heutigem Wissen kann ich verstehen, dass die Siegermächte kein Interesse an eine erneut stark wachsende Macht mitten in Europa hatten, schon gar nicht mit der infiltrierten Nazideologie in den Köpfen der Menschen und den traumatischen Kriegserlebnissen. Über die deutsche Teilung konnte Adenauer nicht entscheiden, denn durch Deutschland verlief nach Kriegsende die Systemgrenze zwischen einer Diktatur und mehreren Demokratien. Darüber entschieden andere.

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