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einestages

Adenauers Sekretärin

Politik mit der Sicherheitsnadel

An der Seite des "Alten": Anneliese Poppinga war die rechte Hand von Konrad Adenauer - im Interview schildert die 80-jährige Zeitzeugin, wie der erste Bundeskanzler den Tag des Mauerbaus erlebte und warum ihm Ludwig Erhard, der Vater des Wirtschaftswunders, nicht als Nachfolger passte.

Laurinpress
Ein Interview von Karen Andresen
Mittwoch, 01.04.2009   18:58 Uhr

SPIEGEL: Frau Poppinga, als Sie sich im Sommer 1958 bei Konrad Adenauer vorstellten, waren Sie noch nicht mal 30, der Kanzler war 82. Wie hat er auf Sie gewirkt?

Poppinga: Mir war vorher gesagt worden, Adenauer sehe aus wie ein alter Indianer. Ich kam gerade aus Japan zurück, hatte mich viel mit Buddhismus beschäftigt und dachte, als ich ihm gegenüberstand, an einen hohen buddhistischen Würdenträger, einen Lama aus Tibet. Er strahlte eine ungeheure Würde und Gelassenheit aus. Und Distanziertheit.

SPIEGEL: Kurze Zeit nach dem Vorstellungsgespräch haben Sie bei ihm angefangen ...

Poppinga: ... und hatte bald darauf im Oktober 1958 meine erste große Feuerprobe zu bestehen.

SPIEGEL: Erzählen Sie.

Poppinga: Der britische Premierminister Harold Macmillan war auf Staatsbesuch in Bonn. Abends um acht sollte ein großes Essen im Palais Schaumburg beginnen. Mit Frack und Orden, feierlicher geht es nicht. Adenauer hatte vorher noch eine Besprechung. Um sich umzuziehen, blieb ihm deshalb nur wenig Zeit. Vielleicht so Viertel vor acht ertönte aus der Gegensprechanlage Adenauers Stimme: "Ich habe keine Frackweste!"

SPIEGEL: Waren Sie auch für die Kleidung zuständig?

Poppinga: Nein, das war eine andere Dame, die sogenannte Beschließerin des Palais Schaumburg. Immer wenn so ein Staatsbesuch anstand, bekam Adenauer in seinem Haus in Rhöndorf ein Köfferchen mit, darin waren Frack und Orden.

SPIEGEL: Nun war die Frackweste vergessen worden. Was haben Sie gemacht?

Poppinga: Nach einigem Hin und Her habe ich dem Protokollchef der Bundesregierung, Sigismund von Braun, die Frackweste abgenommen. Der war ziemlich ungehalten, aber ich hab ihm gesagt, der Kanzler ist jetzt wichtiger.

SPIEGEL: Und die Weste passte?

Poppinga: Sie war zu groß. Meine Rettung war, dass es in der großen Lederschatulle für den britischen Orden, den Adenauer anlegen musste, Sicherheitsnadeln gab. Mit denen steckte ich die Weste am Rücken Adenauers ab. Draußen waren schon Polizeisirenen zu hören, die Macmillans Ankunft ankündigten.

SPIEGEL: Haben Sie es noch rechtzeitig geschafft?

Poppinga: Ja, aber während des ganzen Essens habe ich gebangt, dass eine der Nadeln aufspringen und den Kanzler piksen könnte, wenn der gerade einen Toast auf seinen Gast ausbringt.

SPIEGEL: Wie hat Adenauer auf die Panne reagiert? War er erbost?

Poppinga: Ich hatte erwartet, es käme ein Donnerwetter am nächsten Tag, aber er war ganz ruhig. Die einzige Konsequenz war, dass er aus Rhöndorf einen Koffer mit drei Westen mitbrachte, die fortan im Palais Schaumburg deponiert wurden.

SPIEGEL: Sie waren drei Jahre auf Ihrem Posten, als am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen wurde. Adenauer ist viel kritisiert worden, weil er nicht sofort nach Berlin geflogen ist. Wie erinnern Sie sich an diese dramatischen Tage?

Poppinga: Am 14. August kam Adenauers persönlicher Referent zu mir und sagte, er habe die Amerikaner um ein Flugzeug nach Berlin gebeten, die Amerikaner hätten aber abgelehnt. Einen deutschen Flieger durfte der Kanzler wegen des Viermächtestatus der Stadt ja nicht nehmen.

SPIEGEL: Fünf Tage später reiste der amerikanische Vizepräsident Lyndon B. Johnson nach Berlin und machte auf dem Weg in Bonn Station.

Poppinga: Adenauer holte ihn am Flughafen ab, und schon auf dem Weg in die Stadt sagte er ihm, er würde gern mit nach Berlin fliegen. Johnson reagierte nicht auf diese Bitte.

SPIEGEL: Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin, hat scharf bei US-Präsident John F. Kennedy gegen die Tatenlosigkeit der Alliierten nach dem Mauerbau protestiert.

Poppinga: Das war ausgezeichnet. Brandt als Bürgermeister konnte so etwas machen, der Kanzler nicht. Die Lage war sehr gefährlich. Wenn da was passiert wäre, dann hätte es zu einem Atomschlag kommen können. Adenauer hat noch am 13. August eine Presseerklärung abgegeben, in der es hieß, unsere westlichen Bündnispartner würden die erforderlichen Gegenmaßnahmen treffen. Er bat alle Deutschen, darauf zu vertrauen. Aber es geschah nichts, gar nichts. Amerikaner, Briten und Franzosen wollten keine Verschärfung.

SPIEGEL: Brandt war damals auch Kanzlerkandidat der SPD für die bevorstehende

Wahl im September 1961. Am 14. August griff Adenauer seinen Kontrahenten auf einer Wahlveranstaltung scharf an und schmähte ihn als "Herrn Brandt alias Frahm", eine Anspielung auf Brandts uneheliche Geburt und sein Exil in Skandinavien.

Poppinga: Halt, halt! Brandt hatte am Abend vor dem Mauerbau eine haarsträubende Schimpfkanonade gegen Adenauer losgelassen. "Brandt alias Frahm" war Adenauers kurze Replik. Politisch hat ihm das allerdings sehr geschadet.

SPIEGEL: Bei der Wahl im Herbst 1961 verloren CDU und CSU ihre absolute Mehrheit im Parlament. Hatten Sie damit gerechnet?

Poppinga: Schon im Wahlkampf war die Stimmung teilweise sehr feindselig gewesen. Selbst CDU-Leute dachten, der Kanzler habe Berlin im Stich gelassen, und sind aus der Partei ausgetreten. Bei seinen Auftritten gelang es Adenauer immer wieder, diese Stimmung zu kippen.

SPIEGEL: Wo waren Sie am Wahlabend?

Poppinga: In Rhöndorf bei Adenauer im Hause. Der Kanzler ist um 23 Uhr ins Bett gegangen.

SPIEGEL: Kannte er denn da schon ein Endergebnis?

Poppinga: Nein, ich saß vor dem Fernseher, habe die Ergebnisse für ihn notiert und sie ihm dann auf den Schreibtisch gelegt.

SPIEGEL: Im Hause Adenauer gab es einen Fernseher, den der Kanzler, so wird erzählt, eigens angeschafft hatte, um seine zwei jungen Hausgehilfinnen davon abzubringen, abends in Kneipen zu gehen und, Gott behüte, dort vielleicht Männer kennenzulernen. War es dieses Gerät, vor dem Sie die Wahlergebnisse verfolgten?

Poppinga: Ja, das war der einzige Fernseher im Kanzlerhaus. Er stand in einem kleinen Vorraum zur Küche, Adenauer saß dort nie.

SPIEGEL: Mit dem Verlust der absoluten Mehrheit wurde der Konkurrenzkampf zwischen dem Kanzler und seinem Stellvertreter Ludwig Erhard schärfer. Die beiden mochten sich nicht.

Poppinga: Ich habe die Briefe von Erhard an Adenauer gelesen, der hat seinen Chef viele Jahre geradezu verehrt.

SPIEGEL: Das Gefühl wurde aber nicht erwidert.

Poppinga: Als Wirtschaftsminister schätzte Adenauer Erhard sehr, aber als Regierungschef wollte er ihn nicht. Erhard war ihm zu sehr den USA zugeneigt. Adenauer wollte ein unabhängiges Europa, keinen amerikanischen Vasallen. Und außerdem war Erhard ihm zu weich. Kanzler, fand Adenauer, müssten härter sein.

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