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einestages

Adenauers Begräbnis

"Da jitt et nix zo kriesche!"

Das Ende einer Epoche: Am 25. April 1967 nahmen Präsidenten, Kanzler, Könige und Botschafter aus der ganzen Welt von Konrad Adenauer Abschied. Günter London war auch dabei - in Cordanzug, fliederfarbenem Hemd und mit seiner Agfa Siletta.

Günter London
Donnerstag, 14.05.2009   17:42 Uhr

"Da jitt et nix zo kriesche!" ("Da gibt es nichts zu weinen!"), sind die verbürgten letzten Worte Konrad Adenauers. Daran haben wir uns gehalten, meine Verlobte und ich, als wir am 25. April 1967, einem Dienstag, zu den Begräbnisfeierlichkeiten nach Köln fuhren.

Adenauer war mir so vertraut, wie es für die spätere Generation wohl nur Bundeskanzler Helmut Kohl war. Es war mir so, als wäre er immer da gewesen. Ich wuchs mit ihm auf, hörte seine Stimme im Radio, und in der "Rheinischen Post", der CDU-freundlichen Tageszeitung, war er ohnehin stets präsent.

Sehr gut erinnere ich mich, wie er zu den "Kalten Kriegern" nach Moskau reiste. Nach zähen Verhandlungen schaffte er es, die noch verbliebenen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges nach Hause zu holen. Als Ende 1955 bei uns ein Fernseher in der Zimmerecke stand, erlebte ich Adenauer auch 'live'.

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Sein erster Auftritt in unserer Wohnstube war die alljährliche Weihnachtsbescherung in einem Waisenhaus. Auch erinnere ich mich dank des Fernsehens an die Redeschlachten im Bundestag mit der SPD. Seine Stimme war unverkennbar. Gedrechseltes Hochdeutsch mit viel "Kölsche Tön" veredelt. Ein guter, wenn auch sarkastischer Humor war ihm zu eigen. Doch meist wirkte er recht mürrisch auf mich.

1963 trat Adenauer - nicht ganz freiwillig - als Kanzler zurück. Nun war er 91 Jahre alt. In den sechziger Jahren war es keineswegs selbstverständlich, so alt zu werden. Es schien, als sei er unsterblich. Doch dann ging es plötzlich gesundheitlich rapide bergab mit Adenauer. "Der Alte ist tot", verbreitete sich rasch die Nachricht. Einer, der das Nachkriegsdeutschland wie kein anderer geprägt hatte, war gegangen.

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Wo sonst ließen sich auf einen Schlag so viele Prominente leibhaftig besichtigen wie auf der Trauerfeier in Köln? Rasch schoben wir einen "Blauen Dienstag" ein. Im kunterbunten Outfit der fortgeschrittenen sechziger Jahre boten wir reichlich Kontrast zu der schwarz gekleideten Trauergemeinde, die aus aller Welt angereist war. Ich im braunen Cordanzug samt einem fliederfarbenen Hemd sowie einer Krawatte in Veilchenlila. Meine Verlobte reiste im ostereigrünfarbenen Cordkleid an.

Das Wetter war recht ordentlich, öfters Sonne und auch angenehm mild. Schon Stunden vorher hatte sich eine große Menge Schaulustiger vor dem Dom versammelt. Also stellten wir uns ein gutes Stück weiter an die rheinabwärts führende Straße.

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Adenauers Begräbnis: "Da jitt et nix zo kriesche!"

Zur Trauerfeier im Dom fuhren in fast unaufhörlicher Folge die Staatsgäste in ihren schweren Karossen vor. In Begleitung des Johnson-Wagens keuchte eine größere Anzahl Sicherheitskräfte die ansteigende Straße hoch. Der britische Premier Harold Wilson rauschte vorüber; ebenso Charles de Gaulle. Nach der Trauerfeier in umgekehrter Folge dann abwärts. Nun zu Fuß. Der legendäre Josef Kardinal Frings führte hinter dem Sarg gehend den Trauerzug an. Es folgten die kirchlichen Würdenträger. Die große Familie Adenauer ging der großen Trauergemeinde voran.

Auge in Auge mit den Berühmten

Zu meinem Glück stockte der Zug direkt vor mir. So stand ich fast Auge in Auge mit Charles de Gaulle, dem amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson und unserem deutschen Präsidenten Heinrich Lübke. Lübke wirkte irgendwie abwesend. Seine fortschreitende Krankheit war bereits deutlich sichtbar.

Ich trat vor die Absperrung, um besser fotografieren zu können. Die Augen der Sicherheitskräfte waren stets auf mich geheftet, als die internationale Elite nun vor mir stand. In loser Folge schreitend, mehr oder weniger schweigend: Willy Brandt, Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, ausländische Politiker, afrikanische Könige. Fast alle, die in der Welt Rang und Namen hatten, waren zugegen.

Meine Agfa Silette hatte ich mit einem 36er Film ausgestattet. Zum Ende des Trauerzuges hatte ich den Film dann auch in höchst verschwenderischer Weise durchgezogen. Rasch zog der Trauerzug nun zum Rhein, wo ein Schiff wartete, das den Toten zur endgültigen Ruhestätte nach Rhöndorf bringen sollte.

Doch das schauten wir uns zu Hause im Fernsehen an. Mit Adenauers Ableben schien die Nachkriegszeit nun endgültig vorüber. Auch für mich persönlich begann 1967 eine neue Zeit: Ich heiratete meine Verlobte.

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