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einestages

Karriereende von Bettie Page

Sex und Hopp

Sie war das Super-Sexsymbol der Fünfziger, wurde häufiger abgedruckt als Marilyn Monroe und verschwand urplötzlich von der Bildfläche. Die Karriere von Pin-up-Legende Bettie Page machte eine rasante Talfahrt - der Auslöser war banal.

Music Box Films
Von
Freitag, 08.11.2013   11:31 Uhr

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Unschuldig lächelt die junge Frau in dem knappen orangefarbenen Bikini in die Kamera. Den Bauch leicht eingezogen, beide Hände fest um einem Dreizack gelegt, auf dem Kopf eine Taucherbrille. Fast scheint es, als ob Bettie Page schon einmal üben wollte für ihr großes Abtauchen aus dem Rampenlicht. Das Foto ist eines der letzten, das von der Pin-up-Ikone geschossen wurde.

Das war 1957.

Bis dahin hatte sie so gut wie alles erreicht, was man als Fotomodel in den Fünfzigern erreichen konnte: Der US-Fernsehsender NBC sagte einmal über Page, sie sei in nur sieben Jahren häufiger in Magazinen abgedruckt worden als Marilyn Monroe und Cindy Crawford zusammen. Der "Playboy" machte aus ihr das erste Weihnachtsaufklappmädchen seiner Heftgeschichte, im Januar 1955 war sie "Playmate des Monats", ein paar Monate später "Miss Pin-up of the World". Dann wurde es plötzlich still um Bettie Page - für mehr als 30 Jahre.

Eine Doku des US-Filmemachers Mark Mori zeichnet Aufstieg und Fall der Pin-up-Diva nach. Das Besondere: In "Bettie Page Reveals All" ("Bettie Page enthüllt alles") spricht die Sex-Ikone erstmals selbst in ungewohnter Ausführlichkeit: über ihre Anfänge als Amateurmodel, die goldenen Jahre als Erotik- und Fetisch-Legende - und über ihren mysteriösen Rückzug aus der Öffentlichkeit.

Der Hauptgrund für ihren Verschwinde-Trick ist dabei reichlich banal: "Ich war einfach zu alt, um weiter zu posieren", sagt eine hörbar betagte Bettie Page mit breitem Südstaatenslang an einer Stelle des Films. "Und bestimmt waren die Fotografen es auch langsam leid mit mir, dachte ich."

Dazu kam der politische Druck: Kurz vor ihrem selbst herbeigeführten Karriereende betrieb der demokratische US-Senator Estes Kefauver eine öffentliche Hetzjagd gegen Page und ihre Fotos, die für das prüde Amerika der Fünfzigerjahre ein gesellschaftlicher Stresstest waren. Per Komitee-Erlass zwang Kefauver den Page-Produzenten Irving Klaw, alle Negative und Filmschnipsel des drallen Sexsymbols zu vernichten. Das war das Ende - wohl auch für Page, wie sie in dem Film andeutet. "Ich ließ danach einfach alles zurück."

"Ich dachte, ich würde Gott hören - und den Teufel"

Für Bettie Page begann damit der Abstieg: Zwar fand sie zunächst Zuflucht in der Kirche, konvertierte 1959 zum Evangelikalismus, besuchte Bibelschulen und spirituelle Institute. Doch mit der Zeit verwandelte sich ihr Glaube in waschechten Fanatismus. Ihre Zeit in einem christlichen Camp namens "Bibletown" in Florida beschreibt sie im Film so:

"Ich trennte mich (von meinem dritten Mann Harry Lear, Anm. d. Red) am 17. Januar 1972. Danach ging ich nach Boca Raton zu 'Bibletown'. Und als ich da war, hörte ich auf meinem Kassettenrekorder jemanden zu mir sprechen. Ich war mir sicher, ich würde Gott hören und die Engel - und den Teufel."

"Ich verlor eine Menge Gewicht damals. Ich konnte nichts essen, weil diese Stimmen mich die ganze Nacht wachhielten. Es baute sich so sehr in mir auf, dass mein Verstand einen Knacks bekam."

Nach einer Messerattacke auf ihre Vermieterin diagnostizierten Gerichtsmediziner 1982 bei ihr eine paranoide Schizophrenie. Weil sie als unzurechnungsfähig galt, musste sie wegen ihres schweren Übergriffs - die Anklage lautete auf versuchten Mord - nicht ins Gefängnis, sondern wurde in das Patton State Hospital in Südkalifornien eingewiesen, wo sie bis 1992 blieb. Über die Behandlung spricht Page in der Dokumentation ungewöhnlich offen:

"Es waren meistens Gruppentherapien, drei Tage die Woche sprichst du für eine halbe Stunde mit den Psychiatern und erklärst ihnen, wie es zu deinem Zusammenbruch kam. Und dann gaben sie mir etwas namens Narvein und Artein."

"Wie mit Großmutter über Sex reden"

Kein einziges Mal ist Bettie Page in dem Film als Greisin zu sehen. Der Zuschauer kann ihr nur zuhören, während Bilder aus ihrer Vergangenheit über ihre Stimme flackern. Dazu kommen Einschätzungen von Page-Kennern und Fans wie "Playboy"-Chef Hugh Hefner oder den Fotografen Sam Menning und Bunny Yeager. Page wollte es so. Der wohl am häufigsten zitierte Satz der Sex-Ikone lautet: "Ich will, dass die Leute mich so in Erinnerung behalten, wie ich auf meinen Fotos aussah" - daran musste sich auch Regisseur Mark Mori halten.

Die Audioaufnahmen der Sex-Ikone, die in "Bettie Page Reveals All" verwendet werden, entstanden allesamt zwischen 1996 und 1999, etwa zehn Jahre vor Bettie Pages Tod. "Was mich besonders fasziniert hat, war ihr Gedächtnis", sagt Mori heute. Bis zu sechs Stunden am Tag saß der Regisseur mit Page zusammen - und redete. Immer wieder gingen sie in dasselbe Restaurant. Dort hatte wie auch sonst in der Öffentlichkeit niemand die gealterte Sex-Ikone erkannt.

"Wir aßen, und sie erzählte mir all diese Geschichten: Wie sie Bondage- und Fetischfotos schoss oder wie sie einmal verhaftet wurde wegen unsittlicher Entblößung", erinnert sich Mori. "Es war ein bisschen so, als würde ich mich mit meiner eigenen Großmutter über wilden Sex unterhalten. Nur dass Bettie nichts verurteilte von dem, was sie tat. Es war sehr angenehm - und auch sehr lustig."

So sind es denn auch die schöneren Seiten ihres Lebens und ihres Jobs, über die Bettie Page hörbar lieber mit Mori plauschte, zum Beispiel als sie Ende der vierziger Jahre für 46 Dollar Monatsmiete ein Apartment in Manhattan ergatterte, oder als sie ihren Ex-Mann Armond Walterson fast jeden Samstag im Autokino vernaschte ("Ich musste ihm wirklich alles beibringen, aber immerhin lernte er schnell") und wie sie sich von selbigem wieder erfolgreich lossagte ("Alles was wir gemeinsam hatten, waren Filme, Sex und Hamburger").

Auch wenn viele der scheinbar exklusiven Fakten in "Bettie Page Reveals All" längst in Biografien, Nachrufen oder Spielfilmen ausgewälzt wurden, ist Moris Dokumentarwerk doch ein wichtiges Zeitzeugendokument. Bis zu ihrem Tod 2008 hatte Page fast ausschließlich andere für oder über sich reden und schreiben lassen. In dem Film hört man die Dinge erstmals aus Bettie Pages Mund, in ihren eigenen Worten.

Auf einigen US-Filmfesten war "Bettie Page Reveals All" bereits im vergangenen Jahr zu sehen, dieses Jahr gewann der Film auf dem renommierten "Garden State Film Festival" den Titel für die beste Dokumentation. Ab dem 22. November 2013 läuft "Bettie Page Reveals All" in ausgewählten US-Kinos an, beginnend im New Yorker Village East Theater.

insgesamt 6 Beiträge
Michael Thaler 08.11.2013
1.
Bettie ist noch immer ein Inspiration für etliche Designer und sie verkörperte wie keine andere die Erotik, die sich wie eine kleine Fee aus der prüden Konvention schält und uns bezaubert.
Bettie ist noch immer ein Inspiration für etliche Designer und sie verkörperte wie keine andere die Erotik, die sich wie eine kleine Fee aus der prüden Konvention schält und uns bezaubert.
Jens Habermann 11.11.2013
2.
Meiner Meinung nach kamen danach nur noch Kopien - bis heute.
Meiner Meinung nach kamen danach nur noch Kopien - bis heute.
Harald Kühn 10.09.2014
3. Wahnsinns-Frau, geniale Doku
Ich habe diese Doku bereits vor einigen Monaten gesehen - wirklich absolut empfehlenswert! Bevor ich diese Doku gesehen habe, hatte ich kaum mehr als mal den Namen gehört und ein paar Fotos gesehen - im Laufe der Doku verstand [...]
Ich habe diese Doku bereits vor einigen Monaten gesehen - wirklich absolut empfehlenswert! Bevor ich diese Doku gesehen habe, hatte ich kaum mehr als mal den Namen gehört und ein paar Fotos gesehen - im Laufe der Doku verstand ich dann aber sehr schnell, wieso sie damals so populär wurde und bis heute eine unglaubliche Faszination auf viele Menschen ausübt. Für mich ist und bleibt sie seitdem das beste Pin-Up-Girl aller Zeiten. Und wie sie dann in dem Film ganz offen und ehrlich von ihrem Absturz und der eher traurigen und der Öffentlichkeit kaum bekannten Zeit nach ihrer Karriere erzählt, das fand ich total rührend. Zwischenzeitlich völlig verarmt und in Vergessenheit geraten, ging es für sie erst nach mehreren Jahrzehnten wieder bergauf, als ein paar Leute wie Hugh Hefner eher zufällig auf sie und ihr Schicksal aufmerksam wurden und sich entschlossen, der in die Jahre gekommenen Pin-Up-Ikone zu helfen.
Felix Hoefert 29.12.2014
4.
Dieser fanatische Evangelikalismus (wie auch Islamismus) lockt auch heute noch mental angegriffene und labile Menschen an. Echte, professionelle psychiatrische Hilfe wird dadurch verhindert, und psychische Krankheiten massiv [...]
Dieser fanatische Evangelikalismus (wie auch Islamismus) lockt auch heute noch mental angegriffene und labile Menschen an. Echte, professionelle psychiatrische Hilfe wird dadurch verhindert, und psychische Krankheiten massiv verschleiert und verschlimmert. Jede Woche sind Nachrichtenmeldungen zu lesen, wenn wieder vornehmlich Kinder die Opfer von Wahnvorstellungen ihrer Eltern werden. Leider wird Religion von psychiatrischer und juristischer Seite mit Samthandschuhen behandelt. Wenigstens ist allmählich ein Umdenken im Interesse der Opfer und der Allgemeinheit zu erkennen. Es ist aber dennoch traurig, dass es Jahrzehnte braucht, in denen ständig weiter Leiden verursacht und sogar verherrlicht wird.
Sonja Mirmarker 29.12.2014
5. Nett und harmlos
So nett wie harmlos heut zutage
So nett wie harmlos heut zutage

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