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einestages

Pinochet-Putsch

"Nachts hörten wir die Schüsse der Exekutionen"

Dokumentar des Umsturzes: Als 1973 Chiles Militär unter Führung General Pinochets gegen die sozialistische Regierung putschte, hielt Patricio Guzmán die Kamera darauf. Auf einestages berichtet er vom Terror der Militärjunta - und davon, wie er brisantes Filmmaterial außer Landes brachte.

AP
Von
Mittwoch, 11.09.2013   18:09 Uhr

Der Filmemacher Patricio Guzmán wurde 1973 Zeitzeuge von Pinochets Militärputsch. Schon in den Monaten zuvor hatte er die aufgeladene Stimmung im Land mit der Kamera festgehalten und Dutzende Chilenen beider Seiten interviewt. Unmittelbar nach dem Umsturz wurde er für zwei Wochen in ein Lager der Militärjunta im Nationalstadion von Santiago de Chile interniert.

einestages: Sie sind fünf Tage nach dem Pinochet-Putsch festgenommen worden ...

Guzmán: Ja, ich war von einer Nachbarin denunziert worden, die Pinochet-Anhängerin war. Sie erklärte der Polizei, ich wäre gefährlich und hätte lange Haare und in meinem Haus verkehrten weitere Personen mit langen Haaren. Man brachte mich in das Internierungslager im Stadion von Santiago.

einestages: Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Guzmán: Es war ein Ort des Schreckens. Man hat mich zweimal zum Schein vor ein Erschießungskommando gestellt, wir waren etwa zweihundert Personen in einem Raum, in dem wir nicht schlafen konnten, weil es dafür zu eng war. Zeitweilig saßen wir im Dunkeln, während die Soldaten draußen Salven abfeuerten. Maskierte Aufseher holten immer wieder Leute ab, in der Nacht hörten wir Schüsse von Exekutionen, stundenlang wurden wir um das Stadionrund gehetzt. Man hat uns terrorisiert mit dem Ziel, uns jede Form des politischen Engagements auszutreiben. Es war ein Albtraum.

einestages: Wie konnten Sie in dieser Situation Ihr Filmmaterial retten, das später zu der Trilogie "Die Schlacht um Chile" geführt hat?

Guzmán: Ich habe bei den Verhören erklärt, mein Material wäre im Ausland. In Wahrheit war es bei einem Onkel versteckt, nur er und ich wussten davon. Ich hatte das schon ein halbes Jahr vor dem Putsch organisiert und selbst dem Filmteam nichts davon erzählt, weil ich davon ausgehen musste, dass sie gefoltert würden, wenn das Militär an die Macht kommt.

einestages: Wie haben Sie das Material denn dann tatsächlich ins Ausland geschafft?

Guzmán: Ich nahm Kontakt zur schwedischen Botschaft auf, der Botschafter Harald Edelstam war ein außerordentlicher Mann. Er hat Menschen, Dokumente und auch mein Filmmaterial außer Landes geschafft, ich konnte es drei Monate später in Stockholm abholen. Als ich aus dem Stadion rauskam, bin ich über einen glücklichen Zufall an einen neuen Pass gekommen und konnte nach Spanien ausreisen - meine Kommilitonen von der Filmschule in Madrid haben meinen Flug bezahlt.

einestages: Wie kamen Sie überhaupt dazu, eine Dokumentar-Trilogie über die Revolution in Chile und den Pinochet-Putsch zu drehen?

Guzmán: Als ich im März 1971 von meinem Filmstudium in Madrid nach Chile zurückkam, erlebte ich ein Land im Aufbruch. Ich wollte eigentlich Spielfilme machen, aber angesichts dieser Situation wurde mir klar: Jetzt ist die Zeit der Dokumentation! Ich machte den Film "El primer año" über Allendes erstes Regierungsjahr und schickte ihn dem Filmemacher und Sartre-Schüler Chris Marker. Er hat mir dann mit Geld, das er von Freunden sammelte, 16mm-Filmmaterial für 18 Stunden gekauft, damit ich weiterdrehen kann.

einestages: Fühlten Sie sich als Teil der Allende-Bewegung, oder war Ihre Arbeit politisch neutral?

Guzmán: Ich wollte alle Meinungen in dem Film vertreten wissen, deshalb haben wir auch die Allende-Gegner und die streikenden Transportarbeiter interviewt, die die sozialistische Regierung in die Knie zwingen wollten. Ich war nie Mitglied einer Partei, aber ich fühlte mich dem politischen Projekt Allendes verpflichtet. Ich war begeistert von dieser neuen Art von demokratischer Revolution, die ohne die Idee einer Diktatur des Proletariats auskam, ohne Einheitspartei und mit friedlichen, stabilen Institutionen. Das war einzigartig, es war unheimlich leicht, dort mitzumachen, denn es war nicht so dogmatisch - eine offene, partizipative Bewegung.

einestages: Wie konnten Sie als langhaariger, revolutionärer Filmemacher bei den politisch Rechten drehen?

Guzmán: Ich habe meistens gesagt, dass ich für das französische Fernsehen arbeite, oder für den oppositionellen Fernsehkanal. Manchmal wurde es trotzdem brenzlig: Einmal haben uns streikende Lkw-Fahrer stundenlang festgehalten und wollten unseren Wagen anzünden, während wir drinnen saßen. Zum Glück kam ein Streikführer und hat ihnen erklärt, sie sollten lieber das Streikcamp bewachen, statt sich mit ein paar unwichtigen Journalisten abzugeben.

einestages: Heute fällt vor allem auf, wie politisiert die Arbeiter waren, die Sie interviewten oder bei Debatten filmten. Fast ausnahmslos begriffen sie sich als Zugehörige einer Arbeiterklasse und einer revolutionären Bewegung.

Guzmán: Ja, als ich den Film 1975 auf Kuba geschnitten habe, haben meine kubanischen Mitarbeiter gestaunt über das intellektuelle Niveau der Arbeiterinnen und Arbeiter. Die haben geredet wie studierte Leute. Das waren eben nicht bloß die simplen "Cuba Sí – Yankees No!"-Parolen, die sie kannten. Man muss aber auch sehen, dass die Regierungszeit Allendes der Höhepunkt einer fast hundertjährigen politischen Arbeit der kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegung war. Von dieser politischen Kultur ist nichts geblieben nach dem Terror der Pinochet-Diktatur. Erst heute, in der vierten Generation seit dem Putsch, gibt es wieder mit der Studentenbewegung in Chile wieder eine Kraft, die daran anknüpft.

einestages: Knapp zwei Monate vor dem Putsch fiel ein Allende-treuer Militär namens Arturo Arraya Peters einem rechten Attentat zum Opfer. In einer Szene ihrer Trilogie beobachtet die Kamera ranghohe Militärs bei der Beerdigung – und sucht in den Gesten und Gesichtern quasi nach den Anzeichen für den kommenden Putsch. Haben Sie damals geahnt, was passieren würde?

Guzmán: Ja, der Staatsstreich war im Anrollen. Bei dieser Beerdigung war das Klima der Konspiration mit den Händen zu greifen. Da habe ich meinen Produzenten gebeten, die Generäle mit seinem Fotoapparat abzulenken, damit wir mit der Filmkamera möglichst nah rangehen können. Wegen der Militärkapelle versteht man die Gespräche nicht, aber die Gesichter und Gesten erzählen von der Verschwörung.

einestages: In Ihren über fünf Stunden Dokumentarfilm sehen wir immer wieder Debatten zwischen zwei Lagern der Allende-Anhänger: Die einen forderten eine "harte Hand" gegen die Opposition und Waffen für sogenannte Volksmilizen. Die anderen setzten auf den verfassungsmäßigen, demokratisch legitimierten Weg. Was war Ihre Position?

Guzmán: Ich wollte vor allem diesen Konflikt zwischen diesen beiden Lagern darstellen. Aber ich glaube nicht, dass die fehlende Bewaffnung der Allende-Anhänger der Erfolg der Putschisten vollständig erklärt. Ohne die Unterstützung der USA und der CIA wäre das nicht möglich gewesen. Die Streiks und die rechten militanten Gruppen wurden finanziell und logistisch unterstützt, die Medien waren zu 80 Prozent gegen Allende. Das normale Volk sollte den Eindruck bekommen, dass die Regierung das Land ins Chaos stürzt. Es fehlt an Grundnahrungsmitteln, der Transportstreik legte das Land lahm, es gab Stromausfälle - angesichts dessen war es ein Wunder, dass Allende im März 1973 noch 43,4 Prozent der Stimmen gekommen hat. Von da an war der Putsch eigentlich beschlossene Sache, denn erst mit einer 60-Prozent-Mehrheit hätten die rechten Parteien im Nationalkongress Allende entmachten können.

einestages: Der Putsch war für Chile und für die lateinamerikanische Linke ein schweres Trauma. Viele können bis heute die Bilder aus dieser Zeit nicht ertragen.

Guzmán: Ja, viele Leute können sich Filme aus der Zeit nicht anschauen. Mir geht es nicht so. Heute ist Chile ein Paradies der Investoren, ein Land der Kreditkarten – auch, weil die Diktatur die Erinnerung an den gesellschaftlichen Aufbruch der Siebziger zu vernichten versucht hat. Deshalb müssen wir das Material zeigen, nur so können wir die Erinnerung an eine andere Gesellschaft retten.

einestages: In ihrem Buch "Die Schock-Strategie" hat Naomi Klein enthüllt, wie wichtig die neoliberalen Ideen von Milton Friedman von der Universität Chicago für die Wirtschaftspolitik Pinochets war: Über hundert chilenische Wirtschaftswissenschaftler, die sogenannten "Chicago Boys" wurden in den Sechzigern in den USA ausgebildet und dienten später der Junta-Regierung. Wussten Sie das damals schon?

Guzmán: Nein. Wir wussten überhaupt nicht viel davon, wie die Vereinigten Staaten vorgingen. Wir wussten gerade mal, dass es die CIA gibt und dass in der "School of the Americas" in Panama Folterknechte und Aufstandsbekämpfer ausgebildet wurden. Dass Chile ein Experimentierfeld des Neoliberalismus werden sollte, war uns nicht bewusst.

einestages: Ärgern Sie sich manchmal, dass das Datum des 11. September heute vor allem für die Anschläge auf das World Trade Center steht und damit die Erinnerung an das Terrorregime Pinochets in die zweite Reihe getreten ist?

Guzmán: Ich glaube, das ändert sich gerade. Wenn ich heute die Zeitung aufschlage, sehe ich, dass der Putsch in Chile viel breiter behandelt wird. Wir leben heute wieder in einer anderen Phase, man kann man sich auch wieder an den 11. September in Chile erinnern.

Zum Weiterschauen:

Guzmáns "Die Schlacht um Chile" ist als Video mit Begleitbuch beim Laika-Verlag erhältlich.

Das Interview führte Christoph Twickel

insgesamt 3 Beiträge
Rolf Radicke 12.09.2013
1.
Pinochet mag ja das Zeitliche gesegnet haben, doch die einfachen Soldaten, die damals die Demokratie mit Bomben bekaempften, auch viele der Folterknechte, sind immer noch am Leben. Sie waren die Ausfuehrenden der Diktatur, die [...]
Pinochet mag ja das Zeitliche gesegnet haben, doch die einfachen Soldaten, die damals die Demokratie mit Bomben bekaempften, auch viele der Folterknechte, sind immer noch am Leben. Sie waren die Ausfuehrenden der Diktatur, die heute mit ihren damaligen Handlungen leben muessen, selbst wenn sie nicht vor einem Gericht landen.
Katharina Kellmann 12.09.2013
2.
Allende scheiterte auch an seiner eigenen Partei, den Sozialisten. Der linke Flügel der Partei trug den reformistischen Kurs des Präsidenten nicht mit. Während die Kommunisten sich im Sommer 1973 für einen Dialog mit den [...]
Allende scheiterte auch an seiner eigenen Partei, den Sozialisten. Der linke Flügel der Partei trug den reformistischen Kurs des Präsidenten nicht mit. Während die Kommunisten sich im Sommer 1973 für einen Dialog mit den Christdemokraten aussprachen, hielt Carlos Altamirano, der Generalsekretär der Sozialisten, provokative Reden, die den gemäßigten Flügel der Christdemokraten endgültig in die Arme der rechtskonservativen Nationalpartei trieb. Möglicherweise hätte sich im Sommer 1971 ein Weg gefunden, um gemeinsam mit den Christdemokraten eine Verfassungsreform durchzuführen. Die stärkste Partei Chiles war damals noch bereit, Allende zu unterstützen. Auch Fidel Castro, der 1971 Chile besuchte, soll Allende zu diesem 'historischen Kompromiss' geraten haben. Ein weiteres Problem der Unidad Popular bestand darin, dass eine gesetzliche Grundlage für die Verstaatlichung von Wirtschaftsunternehmen fehlte. Man behalf sich mit einem alten Dekret, das Ende der dreißiger Jahre von der ersten Volksfrontregierung unter Führung der linksliberalen Radikalen erlassen worden war. Die Regierung konnte Industriebetriebe unter staatliche Kontrolle stellen, wenn die Störung der Produktion das öffentliche Interesse beeinträchtigte. Also zettelten Sozialisten und Kommunisten einen Streik an, so dass die Regierung intervenieren konnte. Die Verfassungsreform von 1971 hätte die Verstaatlichungspolitik sicher gebremst, sie aber auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Für die Christdemokraten wäre das eine Zerreißprobe geworden, von der möglicherweise die Linke profitiert hätte. Als dann trotz der schlechten Wirtschaftssituation die Linke bei den Parlamentswahlen im März 1973 ihr Ergebnis im Vergleich zu 1969 deutlich verbessern konnte, deutete vieles auf einen Putsch hin. Die Christdemokraten sollten ihre anfängliche Unterstützung für die Diktatur schon bald bereuen. Und in Europa zollten Christdemokraten und Konservative den Militärs Beifall. Die ?freie Welt? konnte aufatmen.
Andreas Rueger 16.09.2013
3.
Ich hatte nach dem Putsch einen guten Bekannten in Berlin (Ost-Berlin) und gute Beziehungen in die chilenische Exil-Gemeinde. Leider ist diese Verbindung abgerissen und auch in Internet-Zeiten nicht wieder herzustellen, denn [...]
Ich hatte nach dem Putsch einen guten Bekannten in Berlin (Ost-Berlin) und gute Beziehungen in die chilenische Exil-Gemeinde. Leider ist diese Verbindung abgerissen und auch in Internet-Zeiten nicht wieder herzustellen, denn Santiago de Concha ist offensichtlich nicht gerade ein seltener Name in Chile. Schade!

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