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einestages

Geburtsstunde des Motorsports

Pechvogel auf dem Dampf-Ungetüm

Ein ausgedehnter Lunch auf halber Strecke und 20 Stundenkilometer Spitze: Beim ersten Auto-Contest der Welt 1894 ging es gemütlich zu. Heimliche Sieger des Wettbewerbs: zwei Schwaben - die gar nicht mitfuhren.

Daimler AG
Von
Montag, 21.07.2014   12:05 Uhr

Die beiden Herren aus Süddeutschland staunten nicht schlecht: Dies also sollte die Crème de la Crème der französischen Automobilkunst sein? Als Gottlieb Daimler und sein Sohn Paul an jenem strahlenden Sommermorgen zur Porte Maillot in Paris eilten, um sich die Abfahrt der Rennwagen anzusehen, bot sich ihnen ein sonderbarer Anblick: Da konkurrierten tonnenschwere Dampfungetüme mit leichten Dreirädern, gigantische Lieferwagen mit Bussen, filigrane Benzinkutschen mit plumpen Zehnsitzern.

Tausende Schaulustige waren herbeigeströmt, um das Spektakel mit verfolgen. Um 8.01 Uhr war es soweit: Die Startfahne senkte sich, und das erste Gefährt, ein imposanter Dampfzugwagen des Franzosen Albert Jules Graf de Dion, zuckelte los. Im 30-Sekunden-Takt starteten die Wagen hintereinander, bis schließlich alle in einer monströsen Staubwolke Richtung Bois de Boulogne verschwunden waren.

"Ein ganz eigenartiges Bild und mir unvergesslich", notierte Paul Daimler später. Die beiden deutschen Automobilpioniere wohnten an jenem 22. Juli 1894 einem Wettbewerb bei, der als Geburtsstunde des Motorsports gefeiert wird: als erstes Autorennen der Welt. Dabei handelte es sich bei der Fahrt von Paris nach Rouen in Wirklichkeit gar nicht um einen Geschwindigkeitscontest - sondern um eine sogenannte Zuverlässigkeitsfahrt.

Die 5000 Francs Preisgeld gebührten, so die Ausschreibung, nicht dem schnellsten Fahrer, sondern demjenigen, der "das ungefährlichste, am leichtesten zu bedienende und billigste Gefährt" präsentierte.

"Ausschaltung des Pferdes"

Initiator des historischen Motorsportwettbewerbs war der Journalist Pierre Giffard: ein Mann, der das Auto als eingefleischter Radfan lange Zeit verachtet hatte. Ende 1893 änderte Giffard, damals Chefredakteur des Pariser "Petit Journal", seine Meinung - und ließ in seiner Zeitung einen "Wettbewerb für Wagen ohne Pferde, ob durch Dampf, Gas oder elektrisch betrieben" ausschreiben.

"Das 'Petit Journal' hat es unternommen, diese neue, diese revolutionäre Art menschlicher Fortbewegung, die Ausschaltung des Pferdes, mit allen Mitteln zu fördern", hieß es im Aufruf zum Wettbewerb. Giffard ging es darum, einen Sport zu promoten, der in seiner Anfangszeit zurecht einen üblen Ruf besaß.

Rücksichtslos, zunächst durch keinerlei Gesetze kontrolliert, jagten die Automobilisten, zumeist wagemutige, adelige Dandys, über die Straßen. Mit ihren stinkenden, knatternden Gefährten säten sie Panik und fegten die vorindustrielle Beschaulichkeit hinweg. "Das Automobil ist der Anarchist unter den Gefährten. Es rast, Schrecken verbreitend, durch die Welt, losgelöst von althergebrachten Gesetzen", schrieb die Österreicherin Marie Holzer einst. Ein Wettbewerb, so die Hoffnung Giffards, könnte die Autohasser schwächen und einen gerade erst entstehenden Wirtschaftszweig stärken.

Autos mit Pressluft, Pendel und Schwerkraft

Die Resonanz auf den Zeitungsaufruf war enorm: 102 Automobilisten aus vier Nationen bewarben sich um eine Teilnahme an dem Contest - mit zum Teil abenteuerlichsten Antriebsmaschinen: Neben E-Autos, Benzinern und Dampfwagen meldeten die Tüftler hydraulisch und mit Pressluft betriebene Gefährte ebenso an wie Autos, die durch Schwerkraft, ominöse Gasgemische, Federmechanismen, eigens konstruierte Pendel oder das Gewicht der Passagiere vom Fleck bewegt werden sollten.

Nur wenige dieser Fantasiemobile überstanden die technische Prüfung im Vorfeld: Am Ende starteten am 22. Juli in Paris gerade einmal 21 Fahrzeuge. Sie fuhren einen Wettbewerb, der sich - für heutige Verhältnisse - eher gemütlich anließ: Auf der Hälfte der Strecke, im Städtchen Mantes, speisten die Rennfahrer erst einmal 90 Minuten lang zu Mittag, dann ging es weiter Richtung Rouen. Zudem waren zur Erholung der Fahrer zwei obligatorische Zwischenstopps von je zehn Minuten vorgeschrieben.

Die Fahrt verlief zunächst harmlos, einzig für einen Dampfomnibus war bald Schluss, als eines der Kesselrohre explodierte. Nahe des Dorfes Léry dann gerieten mehrere Fahrzeuge in ernste Schwierigkeiten: Die Räder fraßen sich in eine frisch aufgeschüttete Schotterpiste - die Wagen saßen fest. Und der Graf de Dion, der eine Kurve zu sportlich genommen hatte, rauschte mit seinem schweren 20-PS-Gefährt in einen Kartoffelacker. Nur dank der Zuschauer am Straßenrand, die immer wieder kräftig schoben und zerrten, schafften es am Ende 17 Fahrer innerhalb der Sollzeit von zwölf Stunden ins Ziel: verstaubt, übermüdet - und stolz auf ihr Durchhaltevermögen.

Revanche für die Schmach von 1894

Trotz des Umwegs durch den Kartoffelacker war Graf de Dion als erster in Rouen eingetroffen: Er schaffte die 126 Kilometer in rasanten sechs Stunden und 48 Minuten - inklusive der ausgedehnten Mittagspause. Allerdings ging der korpulente Autopionier nicht als Sieger aus dem Rennen hervor. Der Grund: Sein wuchtiges Dampfmobil war mit dem Anhänger schwer zu manövrieren, musste von zwei Personen bedient werden und war zudem im Unterhalt deutlich kostspieliger als ein Benziner.

Daher heimsten Peugeot und Panhard-Levassor das Preisgeld für den ersten Platz ein - die Benzinautos der Franzosen waren wenige Minuten nach de Dion ins Ziel gerollt. Für die Zunft der französischen Ingenieure stand fest, so der Kommentar nach dem Rennen, "dass der Wettbewerb wahrscheinlich die definitive Lösung des Problems der mechanischen Beförderung auf der Straße beschleunigen wird." Und für die Daimlers war der 22. Juli 1894 ein großer Jubeltag: Alle vier bestplatzierten Benzinwagen waren mit einem in Lizenz gebauten Daimler-Motor versehen.

Nur einer tobte: Die Schmach, als schnellster Wagen um den ersten Platz betrogen worden zu sein, konnte Graf de Dion nicht auf sich sitzen lassen. Der duellfreudige Lebemann schlug dem "Petit Journal" - quasi als Revanche - ein weiteres Rennen vor. Diesmal sollte allein die Geschwindigkeit über Sieger und Verlierer entscheiden. Am 11. Juni 1895 war es soweit: Der Contest Paris-Bordeaux und zurück über 1175 Kilometer ging als erstes reines Geschwindigkeitsrennen in die Geschichte ein.

Diesmal ging der Graf mit einem wendigeren Dampfwagen an den Start und lag zunächst auch klar vorn. Doch dann musste er Wasser nachfüllen und wurde überholt. Die Zeit der qualmenden Dampfwagenungeheuer neigte sich unwiderruflich dem Ende zu - dies musste selbst ein so selbstbewusster Kämpfer wie de Dion einsehen: Beim Rennen Paris-Bordeaux-Paris belegte der schnellste Dampfwagen den mickrigen Platz neun und rollte erst nach 90 Stunden im Ziel ein.

Und de Dion selbst? Der Blaublüter schaffte es erst gar nicht ins Ziel - resigniert trat der schnauzbärtige Graf die Rückreise nach Paris mit der Bahn an.

insgesamt 2 Beiträge
Till Neumann 21.07.2014
1.
Ist das inzwischen eingedeutscht, oder warum wird dieser Begriff gleich dreimal verwendet? Was ist dem Wort "Wettbewerb" zugestoßen?
Ist das inzwischen eingedeutscht, oder warum wird dieser Begriff gleich dreimal verwendet? Was ist dem Wort "Wettbewerb" zugestoßen?
Sylvia Götting 21.07.2014
2. Der passende Film dazu:
"The Great Race" (1965, Blake Edwars. Mit Tony Curtis, Keenan Wynn, Jack Lemmon und Peter Falk) Auf Youtube leider nur noch in Bruchstücken zu sehen.
"The Great Race" (1965, Blake Edwars. Mit Tony Curtis, Keenan Wynn, Jack Lemmon und Peter Falk) Auf Youtube leider nur noch in Bruchstücken zu sehen.

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