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einestages

Horrorfilmklassiker-Dreh

Blut, Hasch und Tierkadaver

Kettensägenmörder auf der Kannibalenfarm: 1974 versetzte "Texas Chain Saw Massacre" mit extremen Gewaltdarstellungen das Kinopublikum in Angst. Dabei hatte der wahre Horror sich während der Dreharbeiten am Set abgespielt.

ddp images/ Turbine Medien
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Freitag, 05.09.2014   09:27 Uhr

Ein einsames Haus in der texanischen Provinz. Schweine grunzen, die Sonne brennt. Ein junger Mann geht durch den Flur, auf der Suche nach Hilfe, sein Wagen ist liegengeblieben. Plötzlich taucht hinter einer Tür eine riesige, maskierte Gestalt in einer Fleischerschürze auf. Die Kamera folgt ihrem Arm, der ohne Hast einen Hammer hebt. Mit einem dumpfen Geräusch schlägt der Maskierte den Mann nieder. Die Kamera fährt ganz nah an den blutigen Kopf, der sich im Schock noch hin- und herwirft, zeigt den unkontrolliert zuckenden Körper - bis der Riese ein zweites Mal den Hammer niedergehen lässt. Ruhig zieht er sein nun regloses Opfer über die Schwelle und schlägt die Tür zu.

Als im Herbst 1974 "The Texas Chain Saw Massacre" (deutscher Titel: "Blutgericht in Texas") anlief, schockierten seine Gewaltdarstellungen das Publikum. Fünf Hippies geht im Film bei einer Fahrt durch Texas das Benzin aus, sie geraten in die Fänge einer hinterwäldlerischen Kannibalenfamilie und werden einer nach dem anderen grausam ermordet. Am Ende überlebt nur ein Mädchen namens Sally, durch reinen Zufall. Bis zu diesem erlösenden Ende aber muss das Publikum 80 Minuten lang dabei zusehen, wie psychopathische Gestalten Menschen mit Hämmern traktieren, eine Frau an einem Fleischerhaken aufhängen und einen Rollstuhlfahrer mit der Kettensäge zerteilen.

Der Film löste in den USA einen Sturm der Entrüstung aus. Selbst das linksliberale "Harper's Magazine" sah damals darin "a vile piece of sick crap" ("ein widerwärtiges Stück kranken Mists"). Dennoch sollte die Low-Budget-Produktion zur Überraschung aller Beteiligten zu einem der einflussreichsten Horrorfilme der Geschichte werden, Millionen einspielen und vom "Time"-Magazin 1999 schließlich als "neuer Standard" seines Genres gefeiert werden. Ebenso berüchtigt wie die extremen Bilder, mit denen "Texas Chain Saw Massacre" sein Genre prägte, sind allerdings bis heute auch die Bedingungen, unter denen der Film entstand - denn die waren nicht weniger extrem.

Infernalischer Gestank

Einen Monat lang wurden unter brütender Sonne in der ländlichen Umgebung von Austin unter unfassbar chaotischen Umständen die Kettensäge geschwungen und Schauspieler vor der Kamera hin- und hergejagt, 12 bis 16 Stunden pro Tag. Gedreht wurde mit Amateuren und jungen Filmhochschulabsolventen. Regisseur Tobe Hooper hatte bis dahin nur zwei Fernsehdokumentationen und den Film "Eggshells" von 1969 vorzuweisen; ein psychedelisches Machwerk ohne erkennbaren Plot. Das Skript für "The Texas Chain Saw Massacre" wurde noch in der letzten Woche des Drehs mehrmals umgeschrieben, ein Großteil der Dialoge wurde einfach aus dem Stegreif improvisiert.

Am Set herrschte kreativer Wahnsinn: Das Erste, was Produktionsdesigner Robert Burns zum Dreh mitbrachte, war ein totes Gürteltier, das am Anfang des Films in Großaufnahme präsentiert wird. Burns behauptete später, dass ein Crew-Mitglied vor Ort noch einmal über das Tier drübergefahren sei, Tobe Hooper bestritt das vehement. Je weiter der Dreh fortschritt, desto mehr Tierkadaver wurden in den Kulissen aufgehäuft. Ein Zimmer im Haus der Kannibalen wurde mit Knochen und Hühnerdreck ausgekleidet, in einem anderen wurden Reste von der Entsorgungshalde des lokalen Tierarztes verteilt. Burns verwendete unter anderem acht tote Kühe, zwei Hirsche, drei Ziegen und zwei menschliche Skelette, eins aus Plastik, das andere angeblich echt. Bald hing infernalischer Gestank über dem Set.

Dass dauernd gekifft wurde, ließ das Geschehen nicht übersichtlicher werden: Gunnar Hansen, der den Kettensägen schwingenden Antagonisten Leatherface spielt, erinnert sich an eine Szene, in der Sally die Treppe raufrennt und Leatherface hinterher: "Eine Einstellung von etwa fünf Sekunden. Tobe Hooper und Daniel Pearl [der Kameramann - d. Red.] haben eine Stunde über die Beleuchtung für diese Einstellung diskutiert." Das habe wohl an den Keksen gelegen, die an dem Tag auf dem Set herumgereicht worden seien.

Hinzu kamen die Strapazen für die Darsteller. Insbesondere Hansen, ein fast zwei Meter großer Hüne, vollbrachte Höchstleistungen. Mit einer Maske aus Latex und Fiberglas und schweren Stiefeln rannte er stundenlang hinter Hauptdarstellerin Marilyn Burns her - in den Händen eine röhrende Kettensäge. Eine grausige Rolle, an die Hansen auf Umwegen gekommen war: Eigentlich war für Leatherface ein anderer Hauptdarsteller ausgewählt worden. Doch der hatte sich nach Beginn der Dreharbeiten in seinem Hotelzimmer eingeschlossen. Betrunken weigerte er sich herauszukommen - da über dem Film "schlechtes Karma" liege. Womit er recht behalten sollte.

Kettensägenunfälle und Formaldehydspritzen

Die Sicherheitsvorkehrungen am Set waren dürftig, und alle bekamen das zu spüren: Marilyn Burns etwa verstauchte sich bei einem Sprung aus dem Fenster den Knöchel. Hansen stolperte während eines Sprints und landete auf dem Rücken, die Kettensäge flog durch die Luft - und schlug nur knapp neben ihm auf. In einer Szene, in der Leatherface sich selbst ins Bein schneidet, brachte die Säge die Eisenplatte, die zum Schutz an der Haut des Schauspielers angebracht war, zum Glühen. An einem anderen Tag rutschte Hansen beim Dreh ein Hammer aus der Hand und traf den Schauspieler William Veil am Kopf. Besonders übel wurde Edwin Neal mitgespielt, dessen Figur - der jüngste Bruder der Kannibalenfamilie - im Finale von einem Truck überfahren wird: Beim Dreh der Szene zog er sich Verbrennungen im Gesicht zu, das er auf den glutheißen Asphalt pressen musste. Und Maskenbildnerin Dorothy Pearl injizierte sich beim Präparieren eines Hundekadavers versehentlich selbst eine Dosis Formaldehyd.

Zu kippen drohte das Chaos spätestens bei der berüchtigtsten Szene des Films, der sogenannten Dinner Scene. Sally ist darin an einen Stuhl aus Knochen gefesselt und wird von der Familie traktiert. Bevor sie sich durchs Fenster rettet, darf selbst der halbtote Großvater noch einmal mit dem Hammer auf sie einschlagen. Die zehnminütige Sequenz zählt noch heute zu den quälendsten des Genres. 26 Stunden dauerte es, bis sie im Kasten war - am Stück, in einem mit schwarzen Vorhängen verhängten Raum voller schwitzender Menschen. Auf dem Esstisch lag währenddessen ein totes Huhn, das bei 45 Grad vor sich hin verweste. Der Gestank, so erinnern sich Crew-Mitglieder, war atemberaubend, immer wieder musste jemand rausrennen, um sich zu übergeben.

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Am übelsten traf es beim Dreh dieser Szene die Hauptdarstellerin. Marilyn Burns sollte geknebelt werden, man nahm einen dreckigen Lappen, der auf dem Boden herumlag. "Ich sitze also gefesselt im Stuhl und versuche, mich zu befreien. Der Stuhl kippt um, und ich knalle auf den Boden. Ich liege da, den Knebel im Mund, und niemand kommt auf die Idee, mir zu helfen. Vielleicht wollten sie, dass ich in der Rolle bleibe." Auch Gunnar Hansen hat ambivalente Erinnerungen an diese Nacht: "Edwin Neal brüllte 'Bring die Schlampe um! Bring die Schlampe um!' Und irgendwann dachte ich, 'Ja genau, bring die Schlampe um'. In dem Moment war ich Leatherface." Darsteller Neal selbst verlor ebenfalls kurz die Kontrolle. Die Kunstblutpumpe funktionierte nicht mehr, "und da dachte ich mir, scheiß drauf, und hab Marilyn in den Finger geschnitten". Das verkiffte Filmstudenten-Happening hatte sich in ein reales Horrorszenario verwandelt.

Späte Anerkennung

Die letzte Katastrophe ereilte die Beteiligten erst nach der Premiere. Ihr Film war für gerade einmal 60.000 Dollar produziert worden und spielte um die 50 Millionen ein. Von dem Geld sah jedoch keiner der Schauspieler mehr als ein Almosen. Denn aus finanzieller Not hatte Regisseur Tobe Hooper die Rechte an Bryanston verkauft - eine Firma, deren Chef aus den Reihen der New Yorker Mafia kam. Die Geschäftspraktiken waren dementsprechend rabiat. "Drei Monate, kein Scheck", erinnert sich Schauspieler Edwin Neal. "Sechs Monate, immer noch kein Scheck. Nach neun Monaten kam ein Scheck über 28 Dollar und 45 Cent. Wir waren so wütend."

Wenigstens konnten sie am Ende den Ruhm einheimsen: Das Museum of Modern Arts nahm "The Texas Chain Saw Massacre" noch in den Siebzigerjahren in seine Sammlung auf. Auch den Kritikern gelang es schließlich, über die verstörenden Bilder hinauszusehen und zu erkennen, wie subtil montiert der Film und wie innovativ der Soundtrack ist - wenn auch erst spät. In Deutschland ist der 1978 erschienene, zwei Jahre später indizierte und durch die Staatsanwaltschaft 1985 beschlagnahmte Film erst 2012 wieder freigegeben worden. Heute gilt dieses atmosphärisch einzigartige, von der ersten Sekunde an durch und durch seltsame Werk als ein Klassiker des US-Kinos.

insgesamt 38 Beiträge
Christian Drescher 05.09.2014
1. danke
Als Filmeliebhaber aller Genres bedanke ich mich für die interessante Anekdote. Ich bin nicht in erster Linie ein Fan von heutzutage, älteren Filmen. Aber dieses Film ist ein Meilenstein des Terrorfilms. Er schafft eine [...]
Als Filmeliebhaber aller Genres bedanke ich mich für die interessante Anekdote. Ich bin nicht in erster Linie ein Fan von heutzutage, älteren Filmen. Aber dieses Film ist ein Meilenstein des Terrorfilms. Er schafft eine Atmosphäre und Authentizität, welche ich bis heute kein zweites Mal gesehen habe. Gute Werbung, werde ihn demnächst mal wieder ankucken und kann ihn nur empfehlen. Allerdings: Nur für Erwachsene, falls auch Jüngere dies hier lesen.
J B 05.09.2014
2. Extrem, extrem falsch...
"mit extremen Gewaltdarstellungen...". Da hat der Autor den Film wohl noch nie gesehen, sonst wüsste er, dass der Filmtitel zwar sehr reißerisch ist, die Gewalt aber weitestgehend NICHT dargestellt wird, sondern im [...]
"mit extremen Gewaltdarstellungen...". Da hat der Autor den Film wohl noch nie gesehen, sonst wüsste er, dass der Filmtitel zwar sehr reißerisch ist, die Gewalt aber weitestgehend NICHT dargestellt wird, sondern im Kopf des Zuschauers stattfindet...
Dennis Barzen 05.09.2014
3. Ein Muss für Genrefans
Für Fans des Genres ein absolutes Muss. So brachial und verstörend, dazu kommt, dass der Film nicht ins grotesk-comedyhafte abgleitet, sondern den Zuschauer mit seiner Abartigkeit fesselt. Widerwärtig gut gemacht.
Für Fans des Genres ein absolutes Muss. So brachial und verstörend, dazu kommt, dass der Film nicht ins grotesk-comedyhafte abgleitet, sondern den Zuschauer mit seiner Abartigkeit fesselt. Widerwärtig gut gemacht.
Peter Steinacher 05.09.2014
4. Von wegen
Dieser Film gehört nicht in ein 4K Kino sondern in die dunkle Ecke irgendeiner Videothek. Was für Leute schauen sich sowas an... sie sollten sich schämen. Und wie man in dem Artikel lesen kann sind die Leute die diesen Film [...]
Dieser Film gehört nicht in ein 4K Kino sondern in die dunkle Ecke irgendeiner Videothek. Was für Leute schauen sich sowas an... sie sollten sich schämen. Und wie man in dem Artikel lesen kann sind die Leute die diesen Film finanziert und gemacht haben ja auch alles andere als angenehme Zeigenossen.
Alexander Plum 05.09.2014
5. Also
ich versteh die Art von Film nicht. Es wird ja viel über das Popcornkino gelästert aber dieses Genre ist noch hirnverbrannter als aller andere Kram. Aber ok, wems gefällt.
ich versteh die Art von Film nicht. Es wird ja viel über das Popcornkino gelästert aber dieses Genre ist noch hirnverbrannter als aller andere Kram. Aber ok, wems gefällt.

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