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einestages

Absurder Prozess

Todesurteil nach Selbstmordversuch

Verfolgt, verzweifelt, verurteilt: 1941 verhängte ein Londoner Richter die Todesstrafe über die nach England geflohene Irene Coffee. In England galt die Jüdin als Schwerverbrecherin - sie hatte den gemeinsam mit ihrer Mutter geplanten Doppelselbstmord überlebt.

David Lewin/Ch. Links Verlag
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Dienstag, 26.07.2011   09:16 Uhr

Die Geschworenen brauchten nur elf Minuten Zeit, um ihre Entscheidung zu fällen. Um 15.44 Uhr nahmen sie im Saal Nummer vier des Zentralen Strafgerichtshofes Old Bailey Platz zur Urteilsverkündung. Richter Travers Humphreys nahm ein schwarzes Stück Stoff zur Hand und legte es sich langsam auf die weiße Perücke aus Pferdehaar. Es war die sogenannte black cap.

Dann wandte er sich an die braunhaarige Frau auf der Anklagebank und sagte: "Irene Louise Valeska Coffee, es ist meine Pflicht, Ihnen das einzige Urteil zu verkünden, welches das Gesetz für das Verbrechen kennt, für das Sie verurteilt wurden." Der Richter hätte sich seine Worte sparen können, der schwarze Stofffetzen sprach für sich. Seit Jahrhunderten in der britischen Rechtsprechung verwendet, stand er symbolisch für die Höchststrafe. Am 9. Dezember 1941 verurteilte das Londoner Strafgericht Irene Coffee, geborene Brann, zum Tod durch den Strick.

Zwei Monate zuvor hatte die 29-Jährige versucht, sich das Leben zu nehmen. Ihre Mutter, mit der sie gemeinsam die Überdosis an Schlaftabletten eingenommen hatte, starb. Die Tochter hingegen überlebte - und hatte sich damit, so ein uraltes englisches Gesetz, des Mordes an ihrer Mutter schuldig gemacht. Die verhinderte Selbstmörderin war zur Mörderin, die verfolgte Jüdin zur Täterin geworden.

Unbeschwerte Jugend in Dresden

Wie wird eine Unschuldige zur Schuldigen? Wie eine völlig durchschnittliche, für ein zufriedenes kleines Leben vorgesehene Frau zum Opfer einer großen Tragödie? Diese Fragen haben Heidrun Hannusch keine Ruhe mehr gelassen. In ihrem Buch "Todesstrafe für die Selbstmörderin" hat die Autorin und Journalistin mit Akribie und Einfühlungsvermögen das bislang unbekannte Schicksal Coffees rekonstruiert. Eineinhalb Jahre lang spürte Hannusch dem grotesken Kriminalfall nach, mehrfach reiste sie nach London, studierte Polizei- und Prozessakten, sprach mit Angehörigen und Freunden.

Bis heute sucht sie, so Hannusch, "im Absurden wenigstens die Spur einer rationalen Erklärung", setzt weiter die Puzzlesteine der Tragödie zusammen. Gerade hat die Autorin des von der britischen Presse lebhaft rezipierten Werkes in New York den Neffen Irene Coffees getroffen und mit der Nichte in Israel gesprochen. Auf das Justizdrama stieß Hannusch per Zufall, bei einer Recherche über jüdische Emigranten aus Dresden, der Heimatstadt Irenes.

Hier im Jahr 1911 geboren, genoss die Tochter eines Getreide- und Futtermittelfabrikanten das sorglose Leben des Bildungsbürgertums. Sie ging in die Oper, reiste viel, las gern, zog mit ihren Freundinnen los. Bis Adolf Hitler nach der Macht griff. Mit seinem Aufstieg zog die Angst ein im Hause Brann. Speziell ihre Heimatregion besaß begeisterte Anhänger des "Führers": Im Juni 1930 erhielt die NSDAP bei den sächsischen Landtagswahlen 14,4 Prozent der Stimmen - so viele wie sonst nirgendwo im Deutschen Reich.

Britin per Scheinheirat

Nachdem Alfred Brann einen Monat nach der Machtergreifung gestorben und ihre Schwester nach Palästina ausgereist war, sah Irene keinen anderen Ausweg, als ebenfalls aus Deutschland zu fliehen. Im September 1937 emigrierte sie nach London, den britischen Pass erhielt die Jüdin durch eine Scheinheirat. Nun konnte die junge Frau nicht mehr ausgewiesen werden und erhielt zudem die Möglichkeit, ihre Mutter Margarete nach England zu holen. Irene heuerte bei einer Import-Export-Firma an - sicher wähnte sie sich trotz des neu aufgebauten Lebens keinen Moment lang.

Zurückgezogen und von den Nachbarn als Deutsche kritisch beäugt, lebten Mutter und Tochter in einer unheilvollen Symbiose miteinander. Sie hatten kaum Freunde, gingen selten aus - und spätestens mit dem "London Blitz", dem verheerenden deutschen Fliegerangriff vom 7. September 1940, kehrte die Panik der Frauen vor den Nationalsozialisten zurück. Eine Bombe hatte das Fundament ihres Hauses zerstört, Irene und ihre Mutter zogen in eine vermeintlich sicherere Wohnung im Erdgeschoss um.

Doch die Einschläge kamen immer näher: Im Januar 1941 legte eine deutsche Bombe den U-Bahnhof Bank, in nächster Nähe von Irenes Arbeitsplatzes, in Schutt und Asche, 111 Londoner starben. Vier Monate später, in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai, griffen 550 deutsche Flieger London an und warfen 700 Tonnen Bomben ab. Mit wachsender Angst verfolgte Irene Tag für Tag in der Zeitung den Kriegsverlauf. Polen, Holland, Belgien, Frankreich, ein Land nach dem anderen verleibte Hitler sich ein. Anfang Oktober 1941 standen deutsche Panzer nur noch rund 130 Kilometer vor den Toren Moskaus.

Freitod statt Konzentrationslager

Die Nationalsozialisten schienen unbesiegbar, ein Sieg der Deutschen nur noch eine Frage der Zeit. Außer sich vor Furcht, so hat es Heidrun Hannusch rekonstruiert, müssen die beiden Frauen am Sonntagmorgen, den 11. Oktober 1941, ihren Selbstmordpakt besiegelt haben. "Wir waren beide sehr niedergeschlagen und beunruhigt, dass die Nazis in England einfallen könnten", begründete Irene später in dem von Hannusch eingesehenen Vernehmungsprotokoll die Verzweiflungstat.

Die Schlaftabletten hatten sich Mutter und Tochter in der Schweiz besorgt - für den Fall, dass man sie zurück nach Deutschland schicken würde. Die Mutter hatte etliche eingenommen, Irene jeweils die Hälfte. Später berichtete sie bei ihrer Vernehmung, noch mehr Tabletten geschluckt zu haben. Zudem unternahm sie Anstalten, sich Kehle und Pulsadern aufzuschneiden.

Nachdem alle Versuche, sich aus dem Leben zu katapultieren, gescheitert waren, dämmerte Irene sieben Tag lang neben der toten Mutter vor sich hin, bevor sie sich am 18. Oktober im Morgenmantel aus der Wohnung in der Castellain Road 33 schleppte. Auf der Straße angelangt, bat sie eine Passantin, ein Telegramm an der Post aufzugeben. "Lieber Doktor, wir wollten unserem Leben ein Ende setzen. Meine geliebte Mutter hat es geschafft, ich unglücklicherweise nicht", teilte Irene ihrem Arzt Dr. Green darin mit.

Freitod-Hochburg Britannia

Der Arzt fuhr sofort zur Wohnung der Frauen. Die Mutter von Irene, Margarete Brann, lag tot in ihrem Bett, Irene war halb bei Bewusstsein. In dem Moment, in dem sich die Polizei einschaltete, galt die Selbstmörderin als Mörderin - für die die britische Justiz keine Gnade kannte. Auch wenn sich der Mythos nicht durch Zahlen belegen lässt: Seit der Neuzeit haftete der Insel der Ruf des Todesmüden-Mekkas an.

"Hört man nicht mehr von Selbstmördern und melancholischen Irren in England als in einem großen Teil des restlichen Europas?", fragte 1698 der von Hannusch zitierte britische Dichter William Congreve. Als "english malady" titulierte der schottische Mediziner George Cheyne wenig später den Suizid. Gründe für die angebliche Popularität des Freitods in Großbritannien sah Cheyne im fortgeschrittenen Atheismus ebenso wie in dem melancholischen Temperament der vom Nieselregen geplagten Insulaner.

Nachdem sich im 18. Jahrhundert immerhin 22 Parlamentsangehörige das Leben genommen hatten, reagierte die Justiz und kriminalisierte Selbstmörder zu Schwerverbrechern. Wer einen Doppelsuizid überlebte, galt nach diesem mittelalterlich anmutenden Gesetz gar als Mörder des anderen - während versuchter Freitod etwa in Frankreich oder Preußen längst straffrei war.

"Ich habe meine Mutter nicht ermordet!"

Richter Travers Humphreys, der über das Schicksal Coffees zu entscheiden hatte, fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, auch weil ihm lediglich ein mehr als Hundert Jahre alter Fall von 1823 zur Untermauerung des Todesurteils diente. Immer wieder zeigte der 74-Jährige während des Prozesses sein Mitgefühl für die Angeklagte und betonte gleichzeitig, dass am Gesetz nicht zu rütteln sei.

Den Verteidiger von Irene Coffee, der die Vorlage als nicht zeitgemäß kritisierte, ließ Humphreys harsch abblitzen und kam schweren Herzens zu dem Schluss: "Aber wie groß Ihre Sympathie auch sein mag für die Angeklagte, Sie und ich müssen uns daran erinnern, dass wir Vertreter des Gesetzes sind und dass wir engagiert wurden, das Gesetz dieses Landes, in dem wir leben, durchzusetzen."

Fassungslos nahm Irene Coffee ihr Todesurteil auf. "Ich habe meine Mutter nicht ermordet", sagte sie immer wieder, dann wurde die junge Frau abgeführt und mit der "Black Maria", wie das Gefangenenauto im Volksmund hieß, zurück ins Frauengefängnis Halloway gefahren. Den britischen Tageszeitungen war der tragische Fall nur wenige Zeilen wert. "Todesurteil für Flüchtlingsfrau", lautete die Zeile, ansonsten konzentrierte man sich auf die für die Jahreszeit viel zu warme Witterung.

Henker wird zum Retter

Kurz nach Prozessende legten die Richter den Termin für die Hinrichtung von Irene Coffee fest: Das Todesurteil sollte am 31. Dezember 1941, um neun Uhr morgens, vollstreckt werden. Damit die Verurteilte sich nicht schon vorher tötete, wurde sie Tag und Nacht überwacht. Die Trauer über den Tod ihrer Mutter vermengte sich mit dem Entsetzen, für ihr Sterben verantwortlich gemacht worden zu sein: Irene stand kurz vor dem Zusammenbruch, wie der Gefängnisarzt konstatierte. Dass sie schließlich doch nicht gehängt, sondern freigelassen wurde, hatte die Frau wohl vor allem dem schlechten Gewissen von Richter Humphreys zu verdanken.

Noch am Tag der Urteilsverkündung schrieb dieser an den Innenminister und bat den König darum, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. George VI., der von Colin Firth so glänzend dargestellte Stotterer aus "The King's Speech", milderte die Todesstrafe in eine lebenslange Zuchthausstrafe ab. Doch auch diese musste Irene nicht absitzen, sondern kam am 3. März 1942 auf Betreiben ihrer Anwälte und Fürsprecher frei.

Von ihrem Trauma indes kam Irene Coffee nie mehr los. Getrieben von einer inneren Rastlosigkeit, zog sie nach Nordengland, in die Schweiz und schließlich nach Australien, heiratete wieder und wurde doch nie mehr glücklich. Am 30. September 1968, sieben Jahre, nachdem in ihrer einstigen Wahlheimat England endlich der Suizid entkriminalisiert worden war, schluckte Irene erneut eine Überdosis an Schlaftabletten. Diesmal klappte es.

Zum Weiterlesen:

Heidrun Hannusch: "Todesstrafe für die Selbstmörderin - Ein historischer Kriminalfall". Christoph Links Verlag, 2011, 181 Seiten.

insgesamt 6 Beiträge
Georg Frevel 27.07.2011
1.
Der Artikel ist immer noch zu reißerisch, wenngleich leicht besser als in der ZEIT vom 15. März 2011. http://www.zeit.de/2011/11/S-Selbstmoerderin Erst "... galt die Selbstmörderin als Mörderin - für die die [...]
Der Artikel ist immer noch zu reißerisch, wenngleich leicht besser als in der ZEIT vom 15. März 2011. http://www.zeit.de/2011/11/S-Selbstmoerderin Erst "... galt die Selbstmörderin als Mörderin - für die die britische Justiz keine Gnade kannte" (9. Dezember 1941), dann erfährt man zum guten Schluß etwas vom genauen Gegenteil und sogar von ihrer Freilassung (3. März 1942). Dazwischen läßt man möglichst lange den falschen Eindruck schweben, als habe in London eine Judenverfolgung stattgefunden. Der damalige Vorgang ist sicher bemerkenswert, jedoch werden schon im Buchtitel, leider wohl nicht unbeabsichtigt, unzutreffende Vorstellungen geweckt.
Klaus-Dieter Frehsmann 28.07.2011
2.
Nein, der Artikel ist nicht zu reißerisch. Dieser Frau hätte geholfen werden müssen - jede strafrechtliche Verfolgung wäre falsch gewesen. Aus diesem Artikel herauszulesen, die Briten hätten Judenverfolgung betrieben, ist [...]
Nein, der Artikel ist nicht zu reißerisch. Dieser Frau hätte geholfen werden müssen - jede strafrechtliche Verfolgung wäre falsch gewesen. Aus diesem Artikel herauszulesen, die Briten hätten Judenverfolgung betrieben, ist abenteuerlich. Der Autor beschreibt lediglich die Situation von Frau Coffee.
Barbara Bouffier 29.07.2011
3.
Reißerisch? Egal! Aber peinlich ist der Artikel, denn der Freitod ist keine Form des Mordes, also somit auch kein Selbstmord! Nicht nur, aber insbesondere in diesem Fall hätte man das beachten müssen...
Reißerisch? Egal! Aber peinlich ist der Artikel, denn der Freitod ist keine Form des Mordes, also somit auch kein Selbstmord! Nicht nur, aber insbesondere in diesem Fall hätte man das beachten müssen...
Peter Wolfrum 02.08.2011
4.
Wie der erste Kommentar zu dieser Feststellung gelangt ist mir rätselhaft.
Wie der erste Kommentar zu dieser Feststellung gelangt ist mir rätselhaft.
Michael Daehne 17.06.2014
5. Erweiteter Suizid
dies ist eine weitere tragische Geschichte, warum Menschen nur die Selbsttötung als Lösung sehen. Gibt es auch heute noch, z.B. wegen Mobbings aufgrund ihrer sexuellen Identität... Selbsttötung bedeutet aber auch, dass man [...]
dies ist eine weitere tragische Geschichte, warum Menschen nur die Selbsttötung als Lösung sehen. Gibt es auch heute noch, z.B. wegen Mobbings aufgrund ihrer sexuellen Identität... Selbsttötung bedeutet aber auch, dass man nur sich selber tötet und das aus freien Stücken. Überlebende eines erweiterten oder Doppelsuizids können auch in Deutschland verurteilt werden. Warum sollte jemand, der erst Frau und Kinder umbringt und dann zu blöd oder feige ist sich selbst zu richten auch straflos ausgehen? Hier erhielt die Mutter ersteinmal die doppelte Dosis! Warum? Trotz allem, ich möchte in niemandes Haut aller Beteiligten gesteckt haben. Weder Mutter, noch, Tochter, noch Ankläger, noch Jury, noch Richter... Einzig der König hatte die Macht, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

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