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einestages

Missglücktes Attentat

Wie die russische Kälte Hitler rettete

Es sollte aussehen wie ein Flugzeugabsturz: 1943 wollten Wehrmachtsoffiziere Hitler aus dem Weg räumen, sie lockten ihn nach Smolensk. Das Schicksal des Diktators schien besiegelt, doch dann kam alles anders.

imago/teutopress
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Dienstag, 13.03.2018   10:21 Uhr

Es sollte wie ein Flugzeugunglück aussehen. Adolf Hitler würde nach einem Frontbesuch in Smolensk die "Führermaschine" besteigen - und etwa eine halbe Stunde später, in der Luft, würde eine Sprengladung die "Condor" zum Absturz bringen.

Hitlers Tod als Unfall - das bot die Chance, dass der Kreis der Verschwörer noch eine Zeit lang verborgen bliebe. Vor allem würde ein "Unfall" helfen, "die politischen Nachteile eines Attentats zu vermeiden", wie der Widerstandskämpfer und Jurist Fabian von Schlabrendorff nach dem Krieg schrieb. Nicht nur, dass ein Attentat auf den Diktator "angesichts der weichen und sentimentalen Gemütsart des Durchschnittsdeutschen Abscheu erregen" könnte. Auch NS-Gegner, die klar für die Entmachtung Hitlers waren, schreckten damals, im Frühjahr 1943, vor der Tat zurück.

Gegen drei Uhr nachmittags des 13. März 1943 startete die Focke-Wulf 200 am Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte in Richtung Ostpreußen. An Bord: der "Führer" und die Bombe, deren Zeitzünder Schlabrendorff durch das Zerdrücken einer mit ätzender Flüssigkeit gefüllten Ampulle in Gang gesetzt hatte. "Hitlers Schicksal", so Schlabrendorff, "schien besiegelt!"

Warum es dann doch anders kam, wird später dem Zufall oder dem Glück des Massenschlächters zugeschrieben, der in seinem Leben an die 40 mehr oder weniger konkreten Mordversuchen entging. Unglaubliches Glück hatte auch Schlabrendorff, denn sonst hätte er ob seiner eigenen Verwicklung die Geschichte vom militärischen Widerstand nicht erzählen können.

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Zweiter Weltkrieg: Wie die russische Kälte Hitler rettete

Dem geplanten Anschlag voraus gingen Monate und Jahre geheimer Gespräche, Abstimmungen und Vorbereitungen innerhalb eines wachsenden Kreises von Regimegegnern in und außerhalb der Wehrmacht, die der Wunsch nach einem Staatsstreich einte. Die Entschlossenheit im Militär wuchs mit den Niederlagen und bekam einen Schub, als Hitler entgegen dem Rat seiner Generäle Stalingrad und den Kaukasus gleichzeitig erobern wollte.

Schlabrendorff pendelte in dieser Zeit zwischen Ostfront und Reichshauptstadt. Er hielt die Verbindung zwischen dem Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte und der Verschwörergruppe in Berlin. Die Spitze der Bewegung hatte einen Mann gesucht, der in der Lage war, "die Initialzündung", wie sie es nannten, in Gang zu setzen. Dieser Mann hatte sich mit Henning von Tresckow gefunden.

"Ein Dilettant in der Rolle des Feldherrn"

Tresckow, Sohn einer preußischen Adelsfamilie mit erfolgreicher Militärkarriere, war anfangs ein Anhänger Hitlers gewesen. Doch nach der Ermordung der SA-Führung um Ernst Röhm waren ihm Zweifel gekommen. Er stand in Kontakt mit dem Widerstand und befürwortete ein Attentat. Noch dringlicher, seit er an die Ostfront versetzt worden war. Als Erster Generalstabsoffizier der Heeresgruppe Mitte hatte er systematisch Hitler-Gegner um sich versammelt. So holte er auch Schlabrendorff. Der Vertraute war Rechtsanwalt, Leutnant der Reserve und mit Tresckows Cousine verheiratet, 1942 wurde er sein Ordonnanzoffizier.

Die Niederlage von Stalingrad und die Vernichtung einer kompletten deutschen Armee hatten den letzten Ausschlag gegeben. "Von Kälte, Hunger und der Stärke der russischen Waffen bezwungen, starben Tausende von Menschen einen erbarmungslosen Tod", notierte Schlabrendorff später. Ein "Verlust, der letzten Endes darauf zurückzuführen war, dass ein Dilettant in Vermessenheit und Wahn sich erkühnt hatte, die Rolle des Feldherrn zu spielen". Hitler musste weg.

Nur musste er dafür erst einmal hin - dorthin, wo seine Gegner waren. Tresckow überredete seinen Oberbefehlshaber Günther von Kluge, den "Führer" ins Waldlager bei Smolensk einzuladen. Nach mehreren Zu- und Absagen traf Hitler am 13. März 1943 tatsächlich ein. Doch Kluge schwankte in seiner Haltung. Schließlich untersagte er seinen Offizieren, Hitler während des Essens zu erschießen. So musste Tresckow auf eine Alternative zurückgreifen, von der im Kern nur er und Schlabrendorff wussten.

Zwei Flaschen Cognac für Oberst Stieff

Schon Monate zuvor hatten sie sich Sprengstoff und Zünder besorgt. Solche, wie sie englische Flugzeuge für Agenten abwarfen und wie sie zuhauf vom deutschen Heer eingesammelt wurden. Sie waren unauffällig und geräuschlos zu bedienen, Tresckow und Schlabrendorff hatten damit geübt. Sie verpackten zwei Sprengkörper in einer Box von der Größe zweier Cognacflaschen.

Beim Essen mit Hitler fragte Tresckow dessen Begleiter Heinz Brandt, ob er auf dem Rückweg ein Paket für Oberst Hellmuth Stieff mitnehmen könne. Brandt sagte zu, so übergab ihm Schlabrendorff das angebliche Geschenk. Das Flugzeug startete, Tresckow und Schlabrendorff warteten auf die Meldung vom Absturz. Zwei Stunden lang - dann kam die Nachricht, Hitler habe sein Hauptquartier erreicht.

Etwas war schiefgegangen, nun hatten die Verschwörer erst recht ein Problem. War es schon schlimm genug, dass das Attentat missglückt war, mussten sie mit ihrer Entlarvung rechnen. Denn der Empfänger des Päckchens war nicht eingeweiht. Tresckow bat Brandt telefonisch, das Paket nicht auszuhändigen - ihm sei da eine Verwechslung unterlaufen.

Unter einem Vorwand flog Schlabrendorff am Tag darauf zum Führerhauptquartier und nahm das Paket wieder in Empfang. Im Heeres-Sonderzug nach Berlin wagte er, die Kiste zu öffnen, und fand bestätigt, dass die Zündung ausgelöst worden war - aber das Zündhütchen nicht entzündet. Von Probesprengungen wussten die Verschwörer, dass Kälte ein Grund dafür gewesen sein könnte.

Tresckow gab nicht auf. Er schickte Schlabrendorff in Berlin zum Hotel "Eden", um sich mit Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff zu treffen, der ihnen den Sprengstoff besorgt hatte. Schlabrendorff sollte ihm das Paket übergeben. Gersdorff wollte nun selbst einen Anschlag verüben - nachdem ihm überraschend die Aufgabe zugefallen war, Hitler am 21. März in Berlin durch eine Ausstellung sowjetischer Beutewaffen zu führen.

20 Minuten sollte der Rundgang dauern. Gersdorff wählte einen Zeitzünder, der ihn nach etwa zehn Minuten in die Luft sprengen und den verhassten Mann mit in den Tod reißen würde. Wieder kam es anders: Hitler würdigte die Waffen kaum eines Blickes, in nur zwei Minuten war er durch die Ausstellung geeilt - und Gersdorff kurz darauf auf die Toilette, um die Bombe unter seiner Kleidung zu entschärfen.

Der Staatsstreich war abgesagt. Wenigstens für den Moment.

Es war auch Gersdorff, der Sprengstoff und Zünder für das missglückte Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 verwahrte. Am Tag darauf fuhr Tresckow an die Front, täuschte einen Schusswechsel vor und tötete sich mit einer Granate. Er war die treibende Kraft hinter dem Anschlag und sicher, dass man ihn foltern würde, um die Namen der Mitwisser zu erpressen.

Rache, Verrat und ein Bombardement zur richtigen Zeit

Schlabrendorff wurde im August 1944 verhaftet. Für den 3. Februar 1945 war der Prozess gegen ihn vor dem Volksgerichtshof in Berlin angesetzt. Just an diesem Tag zerstörten US-Bomber das Gebäude, der berüchtigte Volksgerichtshofpräsident Roland Freisler starb, und Schlabrendorffs Akte verschwand. Die Verhandlung Mitte März endete mangels Beweis mit einem Freispruch.

Frei kam Schlabrendorff aber nicht. Ein Gestapobeamter erklärte ihm, das Urteil sei offenbar falsch - er werde erschossen. Ein Gefangenentransport brachte ihn ins KZ Flossenbürg, dann nach Dachau, in ein KZ bei Innsbruck, schließlich nach Südtirol, bis ihn Amerikaner befreiten.

1946 erschien sein Buch "Offiziere gegen Hitler" - das erste über den militärischen Widerstand gegen das NS-Regime. Schlabrendorff und Gersdorff gehörten zu den wenigen Überlebenden der Verschwörer.

Das machte sie nach dem Krieg noch in einem anderen brisanten Fall zu glaubwürdigen Zeugen. Er reichte in das Jahr des missglückten Flugzeuganschlags zurück.

Nachdem sein Leben doch nicht mit einem Selbstmordanschlag geendet hatte, war Gersdorff Ende März 1943 in seine Dienststelle zurückgekehrt. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung hatten Wehrmachtsangehörige in einem Wald westlich von Smolensk Massengräber entdeckt. Nun, da der Frost nachließ, konnten sie geöffnet werden. Als Chef der Abwehr in der Heeresgruppe führte Gersdorff die Dienstaufsicht bei den Exhumierungen nahe Katyn.

"Es handelte sich, wie meine Freunde und ich durch Augenschein feststellten, um polnische Kriegsgefangene von jenen polnischen Kavallerieregimentern, die niemals gegen Deutschland, sondern nur gegen Rußland eingesetzt worden waren", berichtete Schlabrendorff.

Propagandaminister Goebbels hatte die Entdeckung der Tausenden durch Genickschuss Getöteten nutzen wollen, um mit Veröffentlichungen über die Greueltaten der Sowjets die Anti-Hitler-Koalition zu spalten. Doch Stalin beschuldigte seinerseits die Deutschen des Verbrechens und ließ das Massaker von Katyn bei Kriegsende auf die Anklageschrift der Nürnberger Prozesse setzen.

Dass dieser Punkt weder in den Schlussplädoyers noch im Urteil auftauchte, hatte nach Recherchen des Autors Thomas Urban mit Schlabrendorff zu tun. Dieser überzeugte die US-Ermittler offenbar davon, dass eine Beschuldigung der Deutschen im Fall von Katyn mangels Beweisen dem Erfolg des Prozesses schaden könnte, und verwies auf den Zeugen Gersdorff. Dessen Bericht belastete die sowjetische Seite schwer, doch daran waren die Westmächte offenbar nicht interessiert, und so landete er im Archiv. Die Sowjetunion bekannte sich erst 1990 zur Täterschaft.

67 Jahre nach dem missglückten Anschlag auf Hitlers Maschine, 2010, ereignete sich bei Smolensk tatsächlich ein Flugzeugunglück. Beim Absturz einer polnischen Regierungsmaschine starben Staatspräsident Lech Kaczynski sowie zahlreiche Repräsentanten des Landes. Sie waren auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Opfer von Katyn. In Polen hält sich der Verdacht, dass es sich um einen Anschlag gehandelt haben könnte.

insgesamt 13 Beiträge
Thomas Berger 13.03.2018
1.
Ob Tresckows Deutschland nach einem erfolgreichen Attentat wirklich wünschenswert gewesen wäre, darf man bezweifeln. Letztlich war es wegen der weitgehenden Unterstützung des Hitlerregimes durch die Bevölkerung das Beste für [...]
Ob Tresckows Deutschland nach einem erfolgreichen Attentat wirklich wünschenswert gewesen wäre, darf man bezweifeln. Letztlich war es wegen der weitgehenden Unterstützung des Hitlerregimes durch die Bevölkerung das Beste für uns, dass dieses Regime auf Nibelungenart unterging. Es war besser, dass Deutschland von den Alliierten ***befreit*** wurde, anstatt dass nur etwas gemäßigtere Nazis nach einem erfolgreichen Attentat auf Hitler den Krieg beendet, die Unterdrückung aber beibehalten hätten.
Michael Grüening 13.03.2018
2. Was heldehafter Unsinn
So viele Offiziere, so viel Unfähigkeit.
So viele Offiziere, so viel Unfähigkeit.
Andreas Quintern 13.03.2018
3. Ich
kann diese ganzen Berichte dieser ach so tollen Offiziere nicht mehr hören: Jeder hatte Gelegenheit Hitler per Waffe zu töten hätte dann aber seinen eigenen Tod in Kauf nehmen müssen.
kann diese ganzen Berichte dieser ach so tollen Offiziere nicht mehr hören: Jeder hatte Gelegenheit Hitler per Waffe zu töten hätte dann aber seinen eigenen Tod in Kauf nehmen müssen.
Rania Teichrose 13.03.2018
4. Tresckows Deutschland heute eine Diktatur? Eine gewagte These!
Fest steht, dass man mit Hitlers Tod der Schlange den Kopf abgeschlagen hätte. Und der gesamten Wehrmacht zu unterstellen, es wären bis zum Schluss alles nur Nazis gewesen und sie hätten aus den Ereignissen um Hitler nichts [...]
Fest steht, dass man mit Hitlers Tod der Schlange den Kopf abgeschlagen hätte. Und der gesamten Wehrmacht zu unterstellen, es wären bis zum Schluss alles nur Nazis gewesen und sie hätten aus den Ereignissen um Hitler nichts dazugelernt, halte ich für eine zu steile, also unzutreffende These. Höchstwahrscheinlich hätten die allermeisten Millitärs, die von dem ganzen Unsinn die Nase sowas von voll hatten und letztlich zum größten Machtfaktor des Landes geworden wären, anschließend gegen die Nazis erfolgreich geputscht. Vieles spricht dafür, dass dies dann unter dem starken Einfluss der westlichen Alliierten später ebenfalls zu einer Demokratisierung des Landes geführt hätte. Allerdings hätten wir Deutsche heute ein ungestörteres Verhältnis zum Patriotismus und die ganze Misere um die DDR wäre uns erspart geblieben. Was wären wir heute wohl für ein Land? Garantiert kein Bittsteller von Amerikas Gnaden und ob der so überaus umweltzerstörerische und soziale Verwerfungen erzeugende Raubtierkapitalismus solche gewaltigen Blüten bis heute hätte treiben können, wage ich stark zu bezweifeln.
Thomas Keferstein  13.03.2018
5. Noch mal für die Helden im warmen Büro...
es hätte nicht gereicht Hitler einfach zu töten... Dieser hatte bei der Bevölkerung bis Ende 44 immer noch grossen Rückhalt.. Eine zweite Dolchstosslegende hätte sich aufgetan. Noch stand 43 und Sommer 44 kein allierter [...]
es hätte nicht gereicht Hitler einfach zu töten... Dieser hatte bei der Bevölkerung bis Ende 44 immer noch grossen Rückhalt.. Eine zweite Dolchstosslegende hätte sich aufgetan. Noch stand 43 und Sommer 44 kein allierter Soldat auf deutschem Boden. Wie viele hätten gesagt, " hätten sie den Führer nicht umgebracht , hätten wir den Krieg noch gewonnen.".. Allerdings war es 43 und erst recht 44 bereits zu spät aufgrund der "unconditonal surrender" Proklamation der Allierten. Die Theorie die man auf deutscher Seite hatte, Krieg im Osten weiterführen und Frieden machen mit den Westallierten war utopisch geworden. Es konnte nur so Enden wie in den Geschichtsbüchern. Nur die totale Vernichtung war die einzige Möglichkeit, dass Deutschland überleben konnte. Alles andere ist unseriöse Spekulation..

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