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einestages

Amerika und die DDR

"Die Hoffnung stirbt hier"

Als die DDR 1961 die Mauer baute, schwieg die Schutzmacht USA. Der junge Präsident John F. Kennedy hielt Sowjetführer Nikita Chruschtschow für unberechenbar und fürchtete den Atomkrieg, erklärt Ex-Diplomat William Smyser im einestages-Interview. Trotzdem ließ sich Kennedy zwei Jahre später von den West-Berlinern feiern.

DPA
Das Interview von
Montag, 02.11.2009   16:25 Uhr

Zur Person

Der US-Diplomat William R. Smyser war in hochrangigen Positionen im US-Außenministerium und im Weißen Haus tätig, unter anderem als enger Mitarbeiter von Henry Kissinger. Den Mauerbau verfolgte er als Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Berlin hautnah mit. Smyser lehrt nun an der Georgetown University in Washington, D.C. Er ist Autor des Buches "Kennedy and the Berlin Wall: A Hell of a Lot Better than A War", Rowman & Littlefield, 2009.

einestages: Mr. Smyser, Sie waren US-Diplomat in Berlin, als der Bau der Mauer am 13. August 1961 begann. Welche Reaktion erwarteten Sie damals von Ihrer Regierung in Washington?

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Smyser: Wir dachten alle, Präsident John F. Kennedy würde den Bau scharf kritisieren. Wir waren sehr enttäuscht, als aus dem Weißen Haus gar keine Reaktion kam. Aber der Präsident erinnerte sich noch sehr gut an das Gipfeltreffen mit Sowjetführer Nikita Chruschtschow rund zwei Monate vorher in Wien. Dort hatte Chruschtschow ihm gedroht, den Zugang des Westens nach Berlin zu beschränken. Er sprach auch vom Abzug der US-Truppen aus der Stadt. Kennedy fürchtete, dass es darüber zum Krieg kommen könnte.

einestages: Also war er sogar erleichtert, dass nur eine Mauer entstand?

Smyser: Kennedy dachte sich an diesem Tag: So will Chruschtschow also das Flüchtlingsproblem in Ostdeutschland lösen, wo Zehntausende Menschen in den Monaten zuvor in den Westen geflohen waren. Der Präsident sagte Mitarbeitern, die Mauer sei zwar keine sehr schöne Lösung, aber immer noch viel besser als ein Krieg. Er verstand die Entscheidung als Zeichen, dass Chruschtschow das Flüchtlingsproblem lösen wollte, ohne die Rechte des Westens in Berlin zu verletzen.

einestages: Das US-Außenministerium wollte den Mauerbau sogar als Erfolg des Westens verkaufen.

Smyser: Wir versuchten von Berlin aus fieberhaft, der Zentrale das auszureden. Dean Rusk, der damalige US-Außenminister, wollte den Mauerbau als Sieg des Westens präsentieren, weil die Kommunisten ihre eigenen Bürger einsperren müssten. Aber Washington sagte das nur ein- oder zweimal - als alle darüber lachten, hörten sie damit auf.

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Amerika und die DDR: "Die Hoffnung stirbt hier"

einestages: Kannte die westdeutsche Regierung Kennedys Überlegungen?

Smyser: Nein, überhaupt nicht. Aber sie wussten, dass die Westmächte sich kurz vorher verständigt hatten, die Lösung des Flüchtlingsproblems durch Stacheldraht oder später eine Mauer nicht als Kriegsgrund anzusehen.

einestages: Weil es Kennedy nicht in erster Linie um das Schicksal der Menschen in Ost-Berlin ging?

Smyser: Der Präsident sagte ganz klar: Die deutsche Wiedervereinigung ist kein Thema. Ihm bereiteten vielmehr Chruschtschows Überlegungen Sorgen, die Amerikaner aus Berlin zu drängen oder ein US-Flugzeug dort abzuschießen. Er dachte, dass so etwas aufgrund der strategischen Bedeutung der Stadt ein Kriegsgrund werden könne. Kennedy war sehr besorgt über die Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion, viel mehr als sein Amtsvorgänger Dwight D. Eisenhower. Er war der erste US-Präsident, der sich der Bedrohung stellen musste, dass die Sowjets Amerika mit einer Atomrakete erreichen konnten.

einestages: Hatte der US-Präsident Angst vor dem Sowjetführer?

Smyser: Er hielt Chruschtschow für irrational und unberechenbar. Er fürchtete, dass dieser durch seine Handlungen einen Krieg auslösen könnte.

einestages: Wann wurde Kennedy klar, dass sein Schweigen zum Mauerbau ein Fehler gewesen war?

Smyser: Nach etwa 48 Stunden. In diesen zwei Tagen schrieb so gut wie jede US-Zeitung, der Mauerbau sei inakzeptabel und eine große Niederlage für die Vereinigten Staaten. Kennedy musste sich sagen lassen, er betreibe Appeasement. Führende Diplomaten schrieben dem Präsidenten aus Europa: Die Hoffnung stirbt hier, Sie müssen etwas tun. Schließlich beschloss Kennedy, eine weitere US-Brigade nach Berlin zu senden - weil alles andere ein PR-Desaster für ihn gewesen wäre. Er sah nicht voraus, dass der Zorn über den Mauerbau in den USA so laut ausfallen würde.

einestages: Und die Russen gaben nach. Chruschtschow gab Anweisung, die neue US-Brigade mit ausgesuchter Höflichkeit zu behandeln.

Smyser: Chruschtschow dachte, er könne in diesem Moment nicht weitergehen. Erst ein Jahr später, während der Kuba-Krise, schüchterte er die Amerikaner wieder ein. Er wäre sogar mit bloßem Stacheldraht in Berlin zufrieden gewesen. Der Sowjetführer glaubte an die glorreiche Zukunft des Kommunismus, eine Mauer passte dazu nicht. Er wollte nicht weitergehen, auch weil er wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen des Westens fürchtete.

einestages: Kennedy erlebte auch ein Comeback. Als er im Juni 1963 nach Berlin reiste, wurde er wie ein Popstar empfangen. Hunderttausende Menschen jubelten ihm zu und lauschten seiner legendären "Ich bin ein Berliner"-Rede.

Smyser: Zu dem Zeitpunkt hatten die Menschen in Berlin den Mauerbau und Kennedys Schweigen dazu noch nicht vergessen. Aber sie hatten verstanden, dass Kennedy sie und Berlin verteidigen würde. Die Kuba-Krise 1962 begriffen sie als russische Drohung an den US-Präsidenten und seine Berlin-Politik. Als Kennedy stark blieb und den Abzug der russischen Nuklearraketen aus Kuba erzwang, sagten mir Menschen in Berlin: "Es geht bei dieser Krise nur um uns." Sie dachten, die Kuba-Krise habe auch die Berlin-Krise gelöst. Nur ein Jahr vorher wäre Kennedy in Berlin noch ganz anders empfangen worden. Aber im Jahr 1963 sagten die Bürger dort: Er ist ein guter Mann, er hat für uns gekämpft. Natürlich gilt das nur für die Menschen im Westen der Stadt. Die Bürger im Osten waren immer noch von ihm enttäuscht.

Foto: SPIEGEL TV

einestages: Heute regiert wieder ein junger, relativ unerfahrener US-Präsident im Weißen Haus. Was kann Barack Obama von Kennedys Herausforderungen zu Beginn seiner Amtszeit lernen? Was von seinen Fehlern?

Smyser: Kennedy selbst sagte über das Präsidentenamt: Dieser Job überfordert jeden. Für Obama ist die Lage etwas anders, er muss sich mit keinem Chruschtschow herumschlagen und mit keiner Kuba-Krise. Aber ihm stellen sich in Afghanistan oder Iran andere Herausforderungen. Ein Mann dieses Alters trifft im Weißen Haus leicht falsche erste Entscheidungen, weil er die Komplexität der Welt noch nicht so versteht. Ihm fehlt die Erfahrung. Außenpolitik wird für ihn ein ähnlicher Test werden wie für Kennedy: Er muss ganz schnell ganz viel lernen. Doch Kennedy ist im Amt gewachsen, das wird Obama auch schaffen.

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