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einestages

Berlin in den Sechzigern

Als die Polizei "Gammler" jagte

Schon vor der 68er-Revolte erregten junge Männer mit langen Haaren die Deutschen. In West-Berlin sammelten die "Gammler" sich an der Gedächtniskirche. Die "ordentlichen" Bürger reagierten angewidert - manche mit Gewalt.

ullstein bild
Von und
Donnerstag, 08.03.2018   13:32 Uhr

Lange galt sie als Zentrum West-Berlins: die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz, wo der Kurfürstendamm in den Tauentzien übergeht. Das 1895 eingeweihte Gotteshaus war im Zweiten Weltkrieg zerbombt worden. Der Senat ließ es nicht wieder aufbauen; es sollte künftig als Mahnmal gegen den Krieg dienen. Einrahmen ließ die Stadtregierung den sogenannten "Hohlen Zahn" durch eine moderne, von Egon Eiermann entworfene Kirche.

Ab Mitte der Sechzigerjahre lagerten auf den Stufen des Sockels der Gedächtniskirche langhaarige junge Menschen. Einige unter der Woche, wesentlich mehr am Wochenende. Sie ließen die Lambrusco-Flaschen kreisen; ein paar Mark für den billigen italienischen Rotwein ließen sich immer auftreiben. Vielleicht hatte einer eine Gitarre dabei. Die Touristen aus Westdeutschland sagten zu ihren Kindern: "Guck mal, das sind die Gammler."

Alfred Märländer, genannt "Shortie" wegen seiner 1,97 Meter, war einer der ersten Gammler in West-Berlin. "Wir waren schon irgendwie links damals", erinnert er sich, "aber nicht alle waren politisch." Zu ihrer Politisierung trug bei, dass sie an der Gedächtniskirche und anderswo übel beschimpft wurden. "Wir kriegten ständig Sprüche zu hören wie: 'Euch müsste man vergasen.' Wir wollten allerdings auch provozieren", räumt Shortie ein. Die Gammler ließen sich die Haare lang wachsen und trugen in der Hasenheide einen Wettbewerb aus, wer die längste Matte hatte. Shortie kam mit 52 Zentimetern vom Scheitel bis zu den Spitzen auf Platz drei.

Gammler, diese Vorläufer der Hippies, waren nicht nur ein Berliner Phänomen. "Gammler in Deutschland" hieß eine SPIEGEL-Titelgeschichte im September 1966, die ausführte:

"Langhaarig, trinkfest, schmuddelig, gleichgültig, lungern sie an den Ecken der Nation: am Ohr oder um den Hals blechernes Geschmeide, um die Hüften zerfranste Jeans, an jedem Fuß eine andersfarbige Socke, eher aber noch ohne Strümpfe und Schuhe. [...] Sie nähren sich von milden Gaben trockenen Brotes oder Schulstullen, die ihnen - so in Frankfurt - von Obersekundanerinnen aus der Straßenbahn gereicht werden. Sie sorgen sich nicht um ihr Leben und erstreben keinen persönlichen Besitz (ein nacktfüßiger Berliner Gammler mit Bart und Abitur: 'Ich halte es wie Kalle Marx, der hielt auch nichts von dieser Eigentumsscheiße'). Und sie kennen auch ein Vorbild: 'Jesus war der erste Gammler.' [...] Es sind in Deutschland nur 800 oder tausend an der Zahl; 5000 etwa in Europa. Und doch macht die Gesellschaft um sie ein Aufhebens, als wären es Millionen."

Hass auf Langhaarige

Zu denen, die angesichts von ein paar Hundert Nonkonformisten das Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren und hyperventilierten, gehörte auch der Bundeskanzler. "Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören", ereiferte sich Ludwig Erhard (CDU) über die Gammelei.

Damit Polizisten Gammler besser identifizieren konnten, listete ein Beamter des niedersächsischen Innenministeriums deren angebliche Merkmale auf: "Zumeist unter 25, Jungen wie Mädchen, vielfach geistig aufgeschlossen, oft gutsituierte Eltern, gruppenweise auftretend, teils politisch engagiert, gesellschaftliche Wiedereingliederung nach Reifeprozess wahrscheinlich".

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Auch mit bescheidenen Mitteln ließen sich damals in der konformistisch-autoritären Gesellschaft enorme Wirkungen erzielen. Lange Haare bei Männern reichten völlig aus, um in der Öffentlichkeit heftige Aggressionen auszulösen und besonders ältere Frauen in Hysterie zu versetzen.

Shortie Märländer sagt: "Für Langhaarige war es echt gefährlich damals. Du bist von den Hertha-Fans fast gelyncht worden. Oder sie haben dir in der Kneipe gesagt: 'Waldmännchen werden hier nicht bedient.' Als Langhaariger hast du in keiner Kneipe was zu essen gekriegt. Manche Typen haben sich deshalb mit Kurzhaarperücke für Jobs beworben und mit der auf dem Kopf auch gearbeitet. Erst am Wochenende kam die Matte raus."

"Zerfranste Bohemiens und Schnapspoeten"

Jungen, nonkonformistischen Frauen ging es nicht viel besser. Helga Wullweber, damals Jurastudentin, erinnert sich, dass ihre kurzen Röcke für erhebliche Aufregung sorgten: "Aber als wir eines Morgens nach einer durchfeierten Nacht in der U-Bahn von den alten Damen, die ins KaDeWe fuhren, blöde angeredet wurden, sagten wir zu denen: 'Husch, Husch, schnell in die Urne.' Da war dann Ruhe."

Am Wochenende trafen sich die wenigen Langhaarigen von West-Berlin bei Beat-Konzerten, zum Beispiel im Seeschloss Hermsdorf oder im Top Ten in Rudow; die beliebtesten West-Berliner Beat-Bands Mitte der Sechzigerjahre waren die Hound Dogs und die Boots.

Die erste Kneipe, in der Gammler und andere Nonkonformisten geduldet wurden, war die "Dicke Wirtin" in der Carmerstraße am Savignyplatz. Dort, so wusste der SPIEGEL zu berichten, "trinken zerfranste Bohemiens und Schnapspoeten 'doppelten Wünschelburger Eisweizen' und 'Rixdorfer Galgen', bis immer mal wieder einer steif und stumm vom Schemel fällt".

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Vorläufer der Hippies: Matten, Wein und Aufputschmittel

Ein Langhaariger namens Pauli mietete einen Keller in der Platanenallee in Westend. In der Villa Pauli genannten Höhle im Souterrain trafen sich Shortie und andere Gammler. Um sich zu berauschen, tranken sie alle Arten von Alkohol und nahmen Pillen, etwa das rezeptfreie Aufputschmittel Captagon.

"Frieden auf Erden, Napalm auf Vietnam"

Shortie fuhr mit seinen Freunden im Sommer nach England, nach Holland und nach Schweden. Das gesellschaftliche Klima dort war wesentlich toleranter als in Deutschland: Es gab schon Drogen, vor allem Haschisch. Die Berliner Gammler logierten in Stockholm im Hotel Beatnik.

Im Jahr 1967 wurden die meisten Gammler zu Hippies, nach dem Vorbild der Blumenkinder in San Francisco. Die Langhaarigen auf den Stufen der Gedächtniskirche verliefen sich, nicht viel später wurde die Kirche Schauplatz politischer Aktionen.

Am 24. Dezember 1967 zogen Mitglieder der Evangelischen Studentengemeinde begleitet vom Orgelvorspiel mit Plakaten zur Christmette ein. Ein Foto zeigte einen gefolterten Vietcong, dazu ein Jesus-Zitat von Apostel Matthäus: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." Ein Student stellte ein Pappschild vor den Altar: "Frieden auf Erden, Napalm auf Vietnam."

Als Rudi Dutschke, der Kopf der Studentenbewegung, zur Kanzel eilte, wurden die Rufe der Gottesdienstbesucher, unter ihnen viele Touristen, lauter: "Wascht euch erst mal!", riefen sie und: "Raus, ihr Schweine! " Dutschke setzte an: "Liebe Brüder und Schwestern ..." Da zogen ihn aufgebrachte Gottesdienstbesucher von der Kanzel herunter, von hinten traf ihn die Krücke eines Kriegsversehrten auf den Kopf. Ein ehemaliger Burschenschaftler, früher SA-Mann und Stuka-Flieger, hatte ihm eins übergezogen. Die Christen sangen Weihnachtslieder, Dutschke, dem das Blut über das Gesicht lief, musste sich im Krankenhaus seine Platzwunde nähen lassen.

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