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einestages

Berlin in den Zwanzigerjahren

Der Staranwalt und die Nackttänzerin

Ein Dandy mit Monokel: Als Verteidiger vertrat Erich Frey in den Zwanzigern Massenmörder und Kleinganoven. Deutschlands erste Nackttänzerin, Lola Bach, bewahrte er vor dem Knast - mit einem gewagten Manöver.

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Montag, 01.10.2018   10:51 Uhr

Zur Autorin

Einer der schillerndsten Berliner der Weimarer Zeit ist ausgerechnet ein Strafverteidiger. Erich Frey macht sich durch seine Mandate in Sensationsprozessen einen Namen. Er verteidigt die Massenmörder Friedrich Schumann und Carl Großmann, verhilft der Führungsriege des Ringvereins "Immertreu" zu Freisprüchen oder lächerlich geringen Strafen und kann auch Lola Bach, Deutschlands erste Nackttänzerin, vor einem längeren Gefängnisaufenthalt bewahren.

Frey bereitet seine Verteidigungsstrategien psychologisch klug vor und beherrscht das juristische Instrumentarium in seiner ganzen Breite. In den Medien weiß er sich gekonnt in Szene zu setzen. Seine Prozesse führt er mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und, wo möglich, hintergründigem Humor.

ullstein bild/ Atelier Jacobi

Erich Frey

Zu seinen Markenzeichen zählen ein fast dandyhafter Kleidungsstil - schwere Pelze, auffallend karierte Mäntel mit Riesenrevers, helle Weste zu dunklem Anzug - und sein Monokel. Das randlose Einglas trägt Frey vors rechte Auge geklemmt. Wie ein Theaterrequisit lässt er es bei Zeugenbefragungen oder Plädoyers mit hochgezogenen Augenbrauen in seine Hand fallen, um es sodann, vielleicht bei einer Auseinandersetzung mit dem Staatsanwalt, wieder einzusetzen und seine Augen streng zusammenzuziehen.

Sein Vater Siegfried, wohlhabender Kaufmann, hat ihm ein Jurastudium in Berlin, München und Lausanne ermöglicht. Das Exportgeschäft möchte Frey jedoch nicht übernehmen. "Mit Justitia als Weggenossin", schreibt er später, scheint ihm der Weg offenzustehen zu unzähligen Berufen.

Doch genau wie Bismarck fällt er durch das erste juristische Examen. Die Uni sei nun mal viel weniger anziehend als die Mädchenpensionate rund um den Genfer See, die weichen Sessel der Konditoreien verlockten mehr als die harten Holzbänke der Hörsäle - Bekenntnisse eines Lebemanns, die er in seinen Memoiren blumig ausschmückt.

"Selbst im unbegreiflichsten Verbrecher steckt ein Mensch"

Nach zehn Jahren hat Frey dann doch alle Examina geschafft und sogar zwei Doktortitel, "Dr. jur." und "Dr. phil.". 1911 beginnt er, mit 29, seine Arbeit als Strafverteidiger in Berlin und heiratet 1914 Marie-Charlotte Wetzel, ebenfalls Jüdin; beide konvertieren zum Protestantismus. Im selben Jahr meldet sich Frey freiwillig zum Kriegsdienst und dient als Offizier.

Seine Erfahrungen in Flandern machen ihn zum unerbittlichen Kriegsgegner: Der Krieg stelle einen Massenmord dar, seine Verherrlichung durch die Politik trage zum Werteverfall und zur Brutalität der Gesellschaft bei. Zurück von der Front, nach der Novemberrevolution von 1918, verteidigt Frey zahlreiche Mitglieder des marxistischen Spartakusbundes.

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Staranwalt Erich Frey: Der Dandy und seine schweren Jungs

In seiner Autobiografie "Ich beantrage Freispruch" schildert Frey viele Fälle mit emotionalem Blick. Bei Gesprächen mit den Angeklagten sucht er im persönlichen Schicksal nach strafmildernden Umständen. Mit seinem Buch möchte Frey Verständnis für seine Mandanten wecken und zeigen, "daß selbst im unbegreiflichsten Verbrecher ein Mensch steckt".

Neben den Massenmördern Schumann, Großmann und Haarmann sowie "Gaunern in Frack und Pullover" ist ein Kapitel den "Frauen in Moabit" gewidmet, dem Berliner Bezirk, in dem sich das Kriminalgericht befindet. Vor Gericht hat Frey auch Deutschlands erste Nackttänzerin vertreten, deren Geschichte ihn tief berührte. Sein Kapitel über Lola Bach leitet er mit nachdenklichen Worten ein:

"Jede Nachkriegszeit bringt Verbrechen mancher Art hervor. Nicht nur die schrecklichsten Auswüchse, die Massenmörder, verlangten Beistand. Als Rechts-Anwalt, als unabhängiger Diener der Gerechtigkeit und des Rechtes, mußte ich auch anderen helfen, die die Unruhe der Zeit zugrunde zu richten drohte.
Von einigen solchen Fällen will ich nun berichten. Frauenschicksale sind es. Sie sind verschieden wie das Leben selbst, doch gleich in einem: in Not geratene Menschen."

Lola ist als Teenagerin eine talentierte Ballettschülerin, als sie in Dresden den wesentlich älteren "Privatgelehrten Dr. Römer" kennenlernt - ein von Frey gewähltes Pseudonym. Lola verfällt dem als Playboy geschilderten "Dr. Römer", fliegt aus der Ballettschule, auch ihre Eltern setzen sie vor die Tür.

Ortstermin: Kann Schönheit unsittlich sein?

Die junge Frau folgt "Dr. Römer" nach Berlin, der sie ermutigt, ihr eigenes naturalistisches Tanztheater mit anderen jungen Schönheiten auf die Bühne zu bringen - nackt. "Dr. Römer" sorgt für die Räumlichkeiten und das zahlende Publikum. Im Frühjahr 1921 feiert das "Lola-Bach-Ballett" unter rasendem Applaus Premiere. Doch hinter Lolas Rücken verkauft der geschäftstüchtige Galan Lolas Tänzerinnen an reiche Gönner. Lolas Wut und Enttäuschung dämpft er mit Kokain.

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Ihre ehemalige Mittänzerin und Freundin Marlen ist inzwischen die Geliebte eines älteren, reichen Verlegers, doch als Marlen durch den Kokainkonsum deutlich an Reizen einbüßt, verliert ihr Gönner die Lust an ihr. Verzweifelt bringt Marlen sich um; Lola muss sie im Leichenschauhaus identifizieren. Für die 21-Jährige bricht eine Welt zusammen. Sie schämt sich, fühlt sich am Tod ihrer Freundin mitschuldig - bringt aber nicht die Kraft auf, sich von "Dr. Römer" und dem Kokain zu trennen.

Im August 1921 kommt zu ihrem Unglück eine Anklage wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses". Polizeispitzel haben ihre Tanzvorstellung besucht, Lola droht eine Haftstrafe. Anwalt Frey soll sie verteidigen. Wie sehr ihn die erste Begegnung mit Lola im Tanztheater beeindruckt, zeigt seine leidenschaftliche Erinnerung:

"Was dann kam, war Magie. Es war kein Tanz mehr. Es war eine berauschende, übergangslose Folge von allem, was je irgendwo auf der Welt getanzt worden war. Vom Kasotschok der russischen Steppe zum spanischen Flamenco, vom balinesischen Tempeltanz zum Liebestanz des Harems, zum Walzer, zum Tango... Ich war wie verzaubert, wie benommen."

Diese Kunst soll ein strafbares öffentliches Ärgernis sein? Frey überredet die 6. Strafkammer des Landgerichts in Berlin-Moabit zum Ortstermin. Sein Kalkül: Die Männer sollen erkennen, dass Schönheit nie unsittlich sein kann. Lola führt mit ihrem Ensemble einen Schleiertanz auf, ein "Mode-Ballett" mit Hüten und Stöckelschuhen und zum Abschluss ihre Spezialität, "Die Nonne", komplett nackt.

Kleine Briefchen mit weißem Pulver

Lola erhält dank Frey nur einen Monat Gefängnis mit Bewährung. Später tourt sie mit ihrer Tanztruppe durch Deutschland, wird jedoch ihre Kokainsucht offenbar nicht mehr los. Sie erkrankt an Tuberkulose und stirbt mit erst 30 Jahren.

Nicht nur Lola Bach kämpfte in den Zwanzigerjahren mit dieser verhängnisvollen Sucht. Frey beschreibt die Verfügbarkeit von Kokain vor allem in den schickeren Gegenden Berlins:

"'Koks bitte gefällig!' So raunte, flüsterte es ringsum, wenn man sich nach Anbruch der Dunkelheit durch das Menschengewühl der Straßen schob. Am Alexanderplatz, unterm U-Bahnbogen der Bülowstraße und rund um die Gedächtniskirche waren die Hauptmärkte, die Kokain-Börsen. Von da aus schwärmten die Verkäufer aus, durchstreiften die Lokale, versorgten Schankkellner, Barfrauen, Garderobieren und Portiers mit kleinen Briefchen, in denen das weiße Pulver erhalten war - Kokain. (…...) Da saßen sie vor einer Tasse Kaffee mit zitternden Händen und leeren, angstvoll suchenden Augen, zählten ihre letzten Geldscheine, wieder und immer wieder, und hofften, dass ein barmherziger Kokainschieber ihnen eine Prise zum halben Preis geben würde. Denn die Preise stiegen mit der sprunghaften Nachfrage und dem rapiden Verfall der Mark."

Erich Frey, ein guter Beobachter, treibt offenbar häufig selbst durch das ausschweifende Berliner Nachtleben. Er beschreibt seine Stadt als "Rummelplatz Europas, das zum Zentrum einer erotischen Internationale geworden war".

Der Strafverteidiger besitzt ein Zehn-Zimmer-Haus in der Villenkolonie Teltow-Seehof. In einer Wohnung in der Bellevuestraße 21/22 befindet sich seine wachsende Kanzlei, die Frey dank sprudelnder Anwaltshonorare ganz nach seinem exquisiten Geschmack ausstattet: Smyrna-Teppiche, "in denen der Fuß des Besuchers versank, zahlreiche hübsche Sekretärinnen, die in meiner Kanzlei ihr geschäftiges Unwesen treiben". Seine Mandanten lässt Frey durch einen "Boy" empfangen, auf dessen lichtgrüner Livree ein gesticktes F prangt.

Der Medienliebling lebt seine exzentrische Egomanie ganz ungeniert. Dabei beschreibt Frey sich selbst als auch Arbeitstier, besessen vom Kriminalgericht Moabit: "Aber ich konnte dem Ziehen, dem Drängen nicht widerstehen. Wie mit magischer Gewalt riß es mich an den Ort, der zum Schauplatz und Inbegriff meines Denkens geworden war." Neben juristischen Schriften schreibt Frey auch Theaterstücke, soll zudem für Politiker als Berater tätig gewesen sein.

Der Starverteidiger muss fliehen

Bei Sensationsprozessen vermeldet die Berliner Presse regelmäßig "tumultartige Szenen", bei denen das Gerichtsgebäude großräumig abgesperrt werden muss. Ehrfürchtig teilt sich die Menschenmenge, wenn der dandyhaft herausgeputzte Staranwalt Dr. Dr. Frey zum Hauptportal schreitet, das Monokel vors rechte Auge geklemmt, die bestmögliche Verteidigung seiner Mandanten fest im Blick.

Im Video: Die ersten Fälle der Kriminalpolizei

Foto: SPIEGEL TV

Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten hat sich Frey Feinde in rechten Kreisen gemacht und gerät ab Januar 1933 immer stärker unter Druck, auch wegen seiner jüdischen Herkunft. Für versierte Strafverteidiger hat man ohnehin im "Tausendjährigen Reich" wenig Verwendung. Im letzten Kapitel seiner Memoiren beschreibt Frey seine Flucht:

"Die Rettung verdanke ich einem Rechtskollegen, einem Mitglied des Kriminalbeamten-Verbandes, dessen Syndikus ich war. Am 20. Oktober 1933 fragte er mich, was ich einem politisch unerwünschten Mandanten raten würde, gegen den in dieser Zeit ein Haftbefehl ausgestellt werde. Und die Art, wie er mich dabei anblickte, war unmissverständlich.
Hoffentlich liest er diese Zeilen und weiß, dass ich ihm heute noch dankbar bin. Meine Wohnung suchte ich gar nicht mehr auf, denn dort würde man mich schon erwarten; ich fuhr mit einem Taxi zum Anhalter Bahnhof, um über Zürich nach Paris zu gelangen. Auch der Deutsche Eisenbahner-Verband hatte mich zu seinem Syndikus gemacht.
Der Schaffner an der Bahnsteigsperre kannte mich. Er flüsterte mir zu: 'Sie Glücklicher können abhauen!' Mit einer Bahnsteigkarte für 10 Pfennig betrat ich den Zug. Das war der Abschied von Berlin."

Bei seiner Flucht aus Deutschland ist Frey 54 Jahre alt. Sein Weg führt ihn nach Santiago de Chile, wo er bis zu seinem Tod mit 82 Jahren lebt. In seinem geliebten Beruf als Strafverteidiger kann er nie wieder arbeiten. Und im Exil, schreibt er, sehnte er sich nach seiner Heimat.

Video: Berlin - Hauptstadt des Verbrechens

Foto: DER SPIEGEL
insgesamt 3 Beiträge
Ulrich Schramme 01.10.2018
1. Empfehlenswertes Buch
Habe das Buch vor vielen Jahren mit großem Interesse gelesen. Ein interessanter Einblick in eine vergangene Zeit.
Habe das Buch vor vielen Jahren mit großem Interesse gelesen. Ein interessanter Einblick in eine vergangene Zeit.
David Zimmere 01.10.2018
2. Trotzdem
finde ich es nicht toll, wenn man Mafiosis zur Freiheit verhilft.
finde ich es nicht toll, wenn man Mafiosis zur Freiheit verhilft.
Wolfgang Denk 01.10.2018
3. Rechtsstaat
"Trotzdem finde ich es nicht toll, wenn man Mafiosis zur Freiheit verhilft" (#2) Sie haben ein wesentliches Element unseres Rechtsstaats nicht begriffen: ein Mensch ist erst dann ein Mafiosi, wenn er von einem [...]
"Trotzdem finde ich es nicht toll, wenn man Mafiosis zur Freiheit verhilft" (#2) Sie haben ein wesentliches Element unseres Rechtsstaats nicht begriffen: ein Mensch ist erst dann ein Mafiosi, wenn er von einem ordentlichen Gericht als solcher verurteilt wurde. Kein Anwalt kann also einem Mafiosi zur Freiheit verhelfen!

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