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einestages

80 Meter in Pankow

Die Berliner Mauer steht noch

Ein Heimatforscher hat offenbar ein vergessenes Stück der Berliner Ur-Mauer von 1961 entdeckt. Sogar US-Reporter sprachen vom "deutschen Indiana Jones" - aber plötzlich galt Christian Bormann als Trottel.

Foto: DPA
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Montag, 05.02.2018   13:38 Uhr

Dieses Geheimnis hat Christian Bormann, 37, genau sein halbes Leben lang gehütet. Achtzehneinhalb Jahre lang verriet er niemandem etwas von seinem Fund vom Sommer 1999 in einem Waldstück bei Berlin-Pankow: ein Stück der Berliner Ur-Mauer, gut 80 Meter - jahrzehntelang übersehen von allen Behörden, verschont von Baggern und Abrissbirnen.

Sofort war ihm klar: "Das musste ich für mich behalten", sagt er im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Hätte ich es gemeldet, wäre die Mauer sofort abgerissen worden, die Wende war ja erst zehn Jahre her. Ich habe das selbst erlebt: Die wollten damals doch diesen ganzen Dreck möglichst schnell loswerden und alles vergessen."

Nun, mit 37 Jahren, hat er sein Schweigen gebrochen. Und wurde praktisch über Nacht weltbekannt. Sonst erzählt der Heimatforscher und Blogger von den 100 interessantesten Orten in Pankow oder von den "vergessenen Berliner Bären". Plötzlich berichteten Zeitungen, Blogs und TV-Sender in Spanien, Schweden, Asien oder den USA, "Lonely Planet" verriet den heißesten Geheimtipp für Berlin.

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Vergessenes Berliner Mauerstück: Der Fund seines Lebens

"Dass meine Geschichte einmal um die Erde geht, war nicht geplant", beteuert Bormann. Schon gar nicht dachte er an die Nähe zum Jubiläum an diesem Montag - Berlin ist nun genauso lange ohne wie zuvor mit Mauer, 28 Jahre nämlich. "Hier gibt es gefühlt alle zwei Jahre Mauerjubiläen." Als er seinen Fund am 22. Januar in seinem Blog "Pankowerchronik" veröffentlichte, grübelte er gar, ob er von einer "kleinen Sensation" sprechen könne. Klang das nicht zu anmaßend?

Dann kamen die Reporter und suchten nach der großen Sensation. Zum Beispiel der US-Fernsehsender HBO. Sechs Stunden drehten die Amerikaner, am Ende adelte HBO den Berliner gar zum "deutschen Indiana Jones" - jenen Film-Abenteurer der Achtziger, der mit Filzhut und Peitsche im Urwald einen antiken Tempel nach dem anderen entdeckte.

Sorge um die "Mauer 1"

Bormanns Fund liegt in deutlich kühleren Gefilden und recht banal zwischen S-Bahn-Gleisen und einem Aldi-Parkplatz, in einem kleinen grünen Dreieck mit ein paar Schrebergärten und vielen Bäumen. Leichtfüßig lenkt der Heimatforscher seine Schritte an Schutt, Pfützen, Baumwurzeln vorbei. Dann zeigt er mit ausladender Geste und einem Lächeln, als hörte er dazu eine Fanfare in seinem Kopf, seinen Schatz: ein unscheinbares Bauwerk - auf den ersten Blick. Dann sieht man Reste der martialischen Aufbauten für Stacheldraht, Strom- und Alarmdrähte.

Bormann Begeisterung spürt man sofort. Jeder Stein, jeder Verteileranschluss scheint ihm eine spannende Geschichte zu erzählen. "Schon als Junge bin ich hier herumgelaufen", hebt er an, da klingelt wieder das Handy. Noch ein Fernsehsender. Bormann ist geduldig, und doch wirkt es, als bliebe er lieber allein mit seinem Fund.

Dass er nun den Rest der Welt daran teilhaben lässt, hat einen simplen Grund: Bormann macht sich Sorgen. Die Mauer ist in einem schlechten Zustand, porös von der Witterung.

Seine Entdeckung wollte er so lange schützen, indem er schwieg. Nun glaubt er sie nur retten zu können, indem er redet: mit Medien, mit den Ämtern. Die sollen diese 80 Meter als Denkmal schützen. Seiner Einschätzung nach ist es "das letzte noch existierende Stück" der Berliner Ur-Mauer. "Mauer 1" nennt er sie - "im Originalzustand".

Sensation oder Steinhaufen?

Genau darüber ist nach der Veröffentlichung sofort ein Streit entbrannt. Schnell lernte Bormann die Kehrseite des Medienhypes kennen, den er anfangs genoss. "Was für ein Stress", sagt er am Telefon und klingt immer noch atemlos. Plötzlich stand die Frage im Raum: Hat er wirklich ein schützenswertes Kulturgut entdeckt oder lediglich wertlose Steine? Die Berliner Mauer oder eine Berliner Mauer?

Erhebliche Zweifel äußerte als Erste Christina Czymay vom Berliner Landesdenkmalamt (LDA). "Nach derzeitigem Kenntnisstand" sei das Mauerstück "nicht ein Bestandteil des Grenzbereiches 'Antifaschistischer Schutzwall' oder der 'Berliner Mauer'" gewesen, sagte sie dem "Tagesspiegel". Sondern nur eine "grenznahe Mauer", vermutlich als Begrenzung für Gewerbe und Bahnanlagen im Westteil Berlins. Denn die Mauer liege gar nicht in Pankow, sondern in Reinickendorf - im Westen also.

Bormann argumentierte, das Amt habe das falsche Kartenmaterial - und legte seinerseits Karten aus dem Landesarchiv vor. Sie verzeichneten die Bezirksgrenze zwischen Pankow und Reinickendorf zur Zeit des Mauerbaus 1961 exakt dort, wo die nun entdeckte Mauer steht. Erst die spätere Generation der Mauer mit Todesstreifen habe die DDR 1967 östlich von der Ur-Mauer gebaut, wegen der besseren Sicht für die Wachleute. Schließlich sei die Grenze dauerhaft an diese Begradigung angepasst worden, so Bormann.

Von Held zu Trottel herabgestuft

"Ich spürte, wie die Berichterstattung rasant zu kippen drohte", sagt Bormann. Was auch immer er einwandte: "Die Deutschen sind eben sehr amtsgläubig. Plötzlich schien es so, als wäre ich der dümmste Idiot der Welt und hätte ein Stück faule Mauer gefunden."

Dann aber kam die erneute Wende in dieser Nach-Wende-Geschichte. Die Stiftung Berliner Mauer revidierte die Einschätzung des Denkmalamtes. Derzeit bestünden keine "Zweifel an der Authentizität", erklärte Sprecherin Gesine Beutin dem SPIEGEL. "Irreführend" sei allerdings der Begriff "Ur-Mauer", weil die Sperranlagen vom 13. August 1961 zunächst aus Stacheldraht bestanden hätten, der dann durch Gasbeton-Steine ersetzt worden sei. "Dass in einem Berliner Randbezirk bereits im Spätsommer 1961 eine solche Aufmauerung stattgefunden haben soll, gilt als äußerst unwahrscheinlich."

Offenbar seien die Stahlträger zur Personenabwehr "auf eine existierende, deutlich ältere Bestandsmauer aufgesetzt worden", so Beutin weiter. Und zwar vermutlich erst Anfang bis Mitte der Sechziger, der genaue Zeitpunkt müsse noch erforscht werden. Dennoch hält Beutin den Fund für bedeutsam, weil "Sperrelemente aus der Frühzeit der Mauer inzwischen sehr rar sind".

Bormann fühlt sich nun im Mauerstreit "bestätigt" und jubiliert wie nach einem gewonnenen Prozess: "Ich bin glücklich. Das war ein guter Tag. Jetzt kann ich es genießen." Trotz offener Details gibt es auch für die ungewöhnliche West-Lage der Mauer nun eine offizielle Erklärung: Laut Mauer-Stiftung haben DDR-Behörden gelegentlich mit der West-Seite kleinere Gebiete ausgetauscht. So sei auch "diese spitze Ecke zu West-Berlin" gekommen, sagt Beutin. Das dürfte erklären, warum niemandem das Mauerstück auffiel - so argumentiert auch Bormann.

Lasziv auf der Mauer

Mit dem Dornröschenschlaf im Wald ist es vorbei. Touristen kommen, wohl nicht alle mit guten Absichten. Noch hat Bormann keinen Mauerspecht gesehen, ist aber misstrauisch und "patrouilliert", wie er es nennt, lieber auch mal nachts mit seinem Hund.

Bizarre Begegnungen bleiben nicht aus. Da war plötzlich diese leicht bekleidete Frau, die sich für ein Lost-Places-Fotoshooting lasziv auf der Mauer räkelte. "Ich habe ihr zugerufen: Das hier war mal eine Todeszone!", erzählt Bormann. Er sah aber auch Väter, die mit ihren Kindern zur Mauer kamen, um ihnen ein Stück Geschichte hautnah zu zeigen - "das hat mich beeindruckt".

Christian Bormann hofft, dass die Mauer einmal zu einer schulischen Begegnungsstätte wird. Zunächst aber soll sie eingezäunt und von der Polizei bewacht werden. Mithin kommt ein Stück des historischen DDR-Menschengefängnisses hinter Gitter. Die Romantik der vergessenen Mauer sei damit verflogen, findet Bormann. Aber der Weg der einzige, um einen Kulturschatz zu bewahren.

Mitarbeit: Thies Schnack

insgesamt 5 Beiträge
Boris Budeck 05.02.2018
1. Ob das wirklich von Nöten ist...
Kann man Geschichte und ein Unrechtsbewusstsein nur erhalten, indem man das Original bewahrt? Aus dem Zusammenhang gerissen, mitten in einem leeren Waldstück, am Ende eingezäunt und alles andere als im Urzustand (wo sind denn [...]
Kann man Geschichte und ein Unrechtsbewusstsein nur erhalten, indem man das Original bewahrt? Aus dem Zusammenhang gerissen, mitten in einem leeren Waldstück, am Ende eingezäunt und alles andere als im Urzustand (wo sind denn die Signaldrähte, der Stacheldraht usw.)? Ich halte das für einen zu teuren und völlig unnötigen Ansatz. Gegen das Vergessen muss etwas getan werden, aber das geht auch ohne dass man die Originale überall wild herumstehen lässt. Man stellt auch nicht überall Panzer oder Flugzeuge hin oder lässt die Ruinen der zerbombten Gebäude stehen, um zu mahnen. Man sieht doch schon, was für Leute so ein Gebäude anzieht - Trophäensammler und solche, die im Gestern verhaftet geblieben sind. Sollen Lehrer eine Schulklasse wirklich zu diesem Backsteinmäuerchen fahren und die verrosteten Metallleisten oben drauf erklären? Das ist doch albern.
Joseph Greeks 05.02.2018
2. Ich fand immer so schlimm....
...dass man die Stadtmauern geschliffen hatte und wir diese Zeugen der Geschicht in ihrer vollen romantischen Brutalität nicht mehr sehen können. Statt dessen fröhnen wir kitschigen Reproduktionen alter Kirchen oder Palais, [...]
...dass man die Stadtmauern geschliffen hatte und wir diese Zeugen der Geschicht in ihrer vollen romantischen Brutalität nicht mehr sehen können. Statt dessen fröhnen wir kitschigen Reproduktionen alter Kirchen oder Palais, deren Zerstörung der selbst begonne Krieg oder barbarische Diktatoren herbeigeführt wurden. Ich finde es traurig, wenn man die zur Geschichte seiner Kultur nicht steht und die Ruine erhält oder Vergangenes vergangen läst.
Thomas E. Denell 05.02.2018
3. ... ich lebte seinerzeit ...
... von 1978 bis 2001 in Berlin und habe den Mauerfall live miterlebt. Was aber jetzt wieder für ein Bohei um die inzwischen (fast) plattgemachte Berliner Mauer gemacht wird, ist für mich gelinde gesagt unverständlich. Sie sei [...]
... von 1978 bis 2001 in Berlin und habe den Mauerfall live miterlebt. Was aber jetzt wieder für ein Bohei um die inzwischen (fast) plattgemachte Berliner Mauer gemacht wird, ist für mich gelinde gesagt unverständlich. Sie sei genauso lange weg, wie sie bestanden hatte ...? Und was bitte soll uns das nun sagen? Ich glaube, wir haben zur Zeit weitaus Wichtigeres zu erledigen in unserem Lande. Lasst uns in die Zukunft schauen, anstatt immer nur nach hinten.
Gunnar Paulsen 05.02.2018
4. Unterton
Was soll denn dieser Unterton in dem Text. Fanfaren im Kopf. Offenbar ist dem Verfasser dieses Textest noch nie jemand begegnet der für eine Sache brennt. Und schwupp ist der Typ in seinen Augen suspekt und muss dafür [...]
Was soll denn dieser Unterton in dem Text. Fanfaren im Kopf. Offenbar ist dem Verfasser dieses Textest noch nie jemand begegnet der für eine Sache brennt. Und schwupp ist der Typ in seinen Augen suspekt und muss dafür selbstredend lächerlich gemacht werden. Und die Chefredaktion lässt einen solchen BILD Style durchgehen. Ist doch witzig.
Hansjörg Ruprecht 08.02.2018
5. Polizei
Die Polizei soll die Mauerreste bewachen? Ständig, Tag und Nacht? Ja hat man denn in Berlin soviel Polizei unnütz übrig, um einen Mauerrest zu bewachen? Wäre es dann nicht wichtiger die Polizei in den Problembezirken Berlins [...]
Die Polizei soll die Mauerreste bewachen? Ständig, Tag und Nacht? Ja hat man denn in Berlin soviel Polizei unnütz übrig, um einen Mauerrest zu bewachen? Wäre es dann nicht wichtiger die Polizei in den Problembezirken Berlins patroullieren zu lassen, um vor Taschenraub und Raub zu schützen?

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