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einestages

Frauenproteste gegen Deportation

"Gebt unsere Männer frei!"

Als Tausende Berliner Juden aus sogenannten Mischehen deportiert werden sollten, versammelten sich vor 75 Jahren ihre Ehefrauen in der Rosenstraße. Tag und Nacht protestierten sie - bis zur Freilassung ihrer Männer.

Bildarchiv Pisarek/ akg-images
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Freitag, 02.03.2018   16:33 Uhr

Am 27. Februar 1943 geht Siegfried Cohn wie jeden Morgen um 7 Uhr an seinen Arbeitsplatz bei den Berliner Osram-Werken in der Helmstedter Straße. An diesem Samstagmorgen bemerkt er ein aufgeregtes Durcheinander. "Ihr werdet jetzt alle abgeholt", hatte ihm ein Kollege schon auf dem Weg zur Arbeit zugeflüstert. Doch Cohn hält das für "Quatsch" und geht in seine Fabriketage - wo ihn schon die Gestapo und die SS erwarten.

Nach einer Leibesvisitation wird er zusammen mit den anderen jüdischen Zwangsarbeitern auf Lastwagen in eine Kaserne nach Moabit gebracht. Nach einer Befragung bekommt er einen weißen Zettel umgehängt, der die in einer "Mischehe" mit einer Deutschen lebenden Juden von den anderen Internierten unterscheidet, und wird in ein jüdisches Verwaltungsgebäude in die Rosenstraße gefahren.

Die Verhältnisse dort beschreibt Cohn später als katastrophal, menschenunwürdig. Die Räume sind so überfüllt, dass viele Menschen "auf der blanken Erde liegen müssen", und "die Toiletten sind in einem unbeschreiblichen Zustand". Mit Cohn werden in der Rosenstraße, einer kleinen Gasse zwischen dem heutigen Hackeschen Markt und dem Alexanderplatz, ungefähr 2000 Menschen festgehalten. Es sind vor allem Männer, aber auch Frauen und Kinder in dem provisorischen Sammellager.

"Das große Inferno"

Was Cohn zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Parallel zu seiner Verhaftung wurden in Berlin und landesweit in einer vom Reichssicherheitshauptamt angeordneten Aktion Tausende als "Juden" verfolgte Deutsche festgenommen, die zuvor noch nicht deportiert worden waren. Zunächst hatte man sie verschont, weil sie als Zwangsarbeiter in kriegswichtigen Betrieben arbeiteten, als sogenannte "Mischlinge" galten oder in "Mischehen" lebten.

Begonnen hatten die Deportationen zwei Jahre zuvor: Ab Mitte Oktober 1941 zwangen die Nazis mehr als tausend Berliner in Züge Richtung Osten, nachdem Hitler angeordnet hatte, die Reichshauptstadt müsse "judenfrei" werden. Aus diesen Berliner Bürgern wurden Rechtlose - und Todgeweihte.

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Frauenproteste gegen das NS-Regime: "Gebt unsere Männer frei!"

Eineinhalb Jahre später lebten von den einst 160.000 Einwohnern Berlins, die sich zum jüdischen Glauben bekannten, nur noch 35.000 in der Hauptstadt. Anfang 1943 musste ungefähr die Hälfte von ihnen als Zwangsarbeiter arbeiten. Da viele Menschen direkt von ihren Arbeitsplätzen in rund hundert Betrieben abgeholt wurden, sprach man auch von der "Fabrik-Aktion". Der Rabbiner Martin Riesenburger nannte die Geschehnisse später "das große Inferno", denn die Gestapo und die SS veranstalteten über Tage regelrechte Menschenjagden auf den Berliner Straßen und internierten ungefähr 11.000 Jüdinnen und Juden in sechs Sammellagern.

Aus Verzweiflung begingen viele der Verfolgten noch in den provisorischen Lagern Selbstmord. Doch mehreren tausend gelang es zumindest zeitweise, in der Stadt unterzutauchen und sich der Verhaftung zu entziehen. Für alle anderen begannen schon am 1. März die Deportationen der Verhafteten nach Auschwitz, wo mehr als 8000 von ihnen ermordet wurden.

Goebbels frohlockte

Nur wenige Tage zuvor hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der zugleich Gauleiter der Hauptstadt Berlin war, in seinem Tagebuch frohlockt, dass "die Juden Berlins nun endgültig abgeschoben werden. Mit dem Stichtag des 28. Februar sollen sie zuerst einmal alle in Lagern zusammengefasst werden und dann schubweise, Tag für Tag bis zu 2000, zur Abschiebung kommen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, bis Mitte, spätestens Ende März Berlin gänzlich judenfrei zu machen."

Ein Erlass des Reichssicherheitshauptamtes sah jedoch für die in einer sogenannten "Mischehe" lebenden Jüdinnen und Juden keine Deportation, sondern nur die Entfernung aus den Betrieben vor, um sie zu "erfassen". Danach seien sie wieder in ihre Wohnung zu entlassen, dürften jedoch nicht in denselben Betrieb zurückkehren. Sie sollten vielmehr andere Deportierte in den Einrichtungen der noch bestehenden jüdischen Gemeinden ersetzen.

Doch davon wussten die nach den Nazi-Begrifflichkeiten "arischen" Ehefrauen der in der Rosenstraße internierten Männer nichts. In großer Sorge um ihre Ehemänner versammelten sie sich vor dem Gebäude mit der Hausnummer 2-4, um Kontakt mit ihnen aufzunehmen, ihnen Lebensmittel zu bringen und mehr über ihr Schicksal zu erfahren. Die Menschenmenge, darunter auch Männer und Kinder, wuchs immer weiter an. Nach Zeitzeugenberichten begannen einige Teilnehmerinnen Parolen wie "Gebt uns unsere Männer wieder!" zu rufen. Und das, obwohl jede öffentliche Versammlung im Krieg verboten war.

Zum Straßenbild des nationalsozialistischen Deutschlands gehörten nur von Staat oder Partei organisierte Aufmärsche, nicht aber spontane Menschenansammlungen. Immer wieder versuchte die Polizei, die Menge zu zerstreuen. Doch viele Frauen blieben hartnäckig und harrten Tag und Nacht in der Rosenstraße aus. Es herrschte ein stetes Kommen und Gehen, Getränke und Essen wurden mitgebracht und untereinander verteilt.

"Der schlimmste Tag"

Die Zeitzeugin Charlotte Israel erinnert sich daran, wie die Rufe der Frauen schon vom nahegelegenen S-Bahnhof Börse (heute Hackescher Markt) zu hören waren. Auch ihr Mann Julius war in der Rosenstraße interniert. Nachdem sich die Lage vor dem Gebäude zugespitzt hatte, brachte die SS Maschinengewehre in Stellung und drohte den Versammelten mit der Erschießung. Doch die Frauen ließen sich nicht beeindrucken und blieben an Ort und Stelle.

Charlotte Israel sagte später über den Augenblick, als die SS schließlich nach Stunden der Anspannung ihre Waffen wieder abzog: "Vor dem Lager herrschte jetzt Schweigen, nur noch vereinzeltes Schluchzen war zu hören. Mir selbst sind bei der Eiseskälte damals die Tränen im Gesicht gefroren. Das war der schlimmste Tag."

Gesicherte Erkenntnisse gehen aus den manchmal widersprüchlichen Zeitzeugenberichten kaum hervor. So reichen die Angaben über die Zahl der in der Rosenstraße versammelten Menschen von wenigen hundert bis zu mehreren tausend. Ebenso umstritten ist die Bewertung der Geschehnisse in der Rosenstraße durch Historiker. Manche sehen darin einen heroischen Widerstandakt (etwa Nathan Stoltzfus), andere etwas bescheidener "ein bleibendes Zeugnis für Zivilcourage" (Wolf Gruner) oder lediglich eine "ungewöhnliche Menschenansammlung" (Saul Friedländer).

Goebbels: "Manche Mißhelligkeiten"

Ab dem 6. März wurden die in der Rosenstraße Internierten nach und nach freigelassen. Mit jeder Freilassung dünnte die Menge vor dem Gebäude aus. Die Entlassenen befanden sich in einem sehr schlechten körperlichen und seelischen Zustand. Mehr als eine Woche lang hatten sie in überfüllten Zimmern leben müssen, die so eng belegt waren, dass sich die Menschen beim Stehen, Sitzen und Schlafen abwechseln mussten. Auf eine freie Toilette mussten sie oft stundenlang warten. Waschmöglichkeiten waren gar nicht vorhanden.

Am 11. März 1943 schrieb Goebbels in sein Tagebuch: "Die Evakuierung der Juden aus Berlin hat doch zu manchen Mißhelligkeiten geführt. Leider sind dabei auch die Juden und Jüdinnen aus privilegierten Ehen zuerst mit verhaftet worden, was zu großer Angst und Verwirrung geführt hat." Die Geschehnisse in der Rosenstraße waren also immerhin auch von führenden nationalsozialistischen Verbrechern wahrgenommen worden.

Bis Kriegsende lebten die jüdischen Partner aus "Mischehen" in wachsender gesellschaftlicher Isolation und unter der ständigen Gefahr der Deportation, sobald die "arischen" Ehepartner starben. Immer wieder diskutierten die NS-Behörden über Zwangsscheidungen. Noch Anfang 1945 beschloss das Reichssicherheitshauptamt den Abtransport aller in solchen Ehen lebenden Juden nach Theresienstadt. Die Deportation scheiterte aber an mangelnden Transportkapazitäten, so dass in Berlin 4000 Jüdinnen und Juden aus "Mischehen" überlebten.

insgesamt 1 Beitrag
Andreas Schifferdecker 02.03.2018
1. Geschichte
Schöne Geschichte. Allerdings würde ich gerne mehr über die heute lebenden Juden in Berlin erfahren. Geht bei den vielen Rückblicken etwas verloren.
Schöne Geschichte. Allerdings würde ich gerne mehr über die heute lebenden Juden in Berlin erfahren. Geht bei den vielen Rückblicken etwas verloren.

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