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Fußballlegende Bert Trautmann

Brückenbauer "Traut the Kraut"

Vom Kriegsgefangenen zum Starkeeper: Für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Großbritannien hat wohl niemand so viel getan wie der ehemalige Nazi-Fallschirmjäger Bert Trautmann. Nun erzählt ein Film seine Geschichte.

Popperfoto/ Getty Images
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Dienstag, 12.03.2019   09:32 Uhr

"Wenn ich meinen Kopf ruckartig bewege, fühle ich noch immer Schmerzen", erzählte Bert Trautmann 57 Jahre nach dem Sportunfall, der ihn einst weltbekannt gemacht hatte. Beim englischen FA-Cup-Finale am 5. Mai 1956 hatte der Keeper nach einem Zusammenprall mit gebrochenem Genick 16 Minuten bis zum Abpfiff im Tor durchgehalten und mit waghalsigen Paraden den Sieg seiner Mannschaft gerettet - Auswechslungen waren damals noch nicht erlaubt.

Vor den Augen der Königin schlug Manchester City im Londoner Wembley-Stadion Birmingham 3:1. "An das Pokalendspiel wird man sich vor allem wegen der Heldentat des City-Torhüters erinnern", schrieben damals die "Manchester Evening News". Genau so war es. "Wo immer ich hinkam, wurde ich auf mein Genick angesprochen", erinnerte sich der 2013 verstorbene Trautmann 2010 im Gespräch mit dem britischen "Guardian".

Und der Fußballheld ist wahrlich herumgekommen: Nach 545 Einsätzen als Torwart für Manchester City zwischen 1949 und 1964 arbeitete Trautmann als Trainer und Fußballlehrer in Burma, Tansania, Liberia, Pakistan und im Jemen. Sogar die bundesdeutsche Entwicklungshilfeorganisation GTZ bezahlte den Fußballbotschafter - nur in die deutsche Nationalelf wurde er nie berufen.

Denn der damalige Trainer Sepp Herberger, aber auch die Öffentlichkeit hegten Vorbehalte gegenüber sogenannten Legionären. Dabei war Trautmann nicht nach England gegangen, weil er dort mehr verdienen konnte. Ihn hatten die Wirren der Zeitgeschichte in das Land verschlagen, das die Deutschen in zwei Kriegen als Feindstaat bekämpft hatten.

Medaille im Handgranatenwerfen

Bernhard Carl Trautmann war zehn Jahre alt, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Wie fast alle in seiner Generation wurde der blonde Bremer Hitlerjunge. Er war schon damals eine Sportskanone und gewann bei den Reichs-Jugend-Wettkämpfen im Berliner Olympiastadion Medaillen im Weitsprung - sowie im Handgranatenwerfen.

Trautmann hatte eine Lehre beim Autobauer Hanomag begonnen, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. 1940 meldete sich der 17-Jährige zur Luftwaffe. In fünf Jahren als Fallschirmjäger kämpfte er unter anderem in Russland und der Ukraine. "Ich wurde oft gefragt, ob ich getötet habe", sagte er in einem seiner letzten Interviews, "ich weiß es nicht. Wenn wir attackierten, habe auch ich geschossen, aber nicht gezielt. Generell hat man im Krieg die Einstellung 'Er oder ich'".

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Fußballlegende Bert Trautmann: Brückenbauer "Traut the Kraut"

Trautmann war einer von 90 Überlebenden eines 1000 Mann starken Regiments. In der Ukraine hatte der junge Fallschirmjäger ein traumatisches Erlebnis: Zusammen mit einem Kameraden sah er, wie SS-Angehörige jüdische Zivilisten in vorbereitete Gräben trieben und systematisch erschossen. Darüber sprach Trautmann erst in seinen letzten Lebensjahren.

"He Fritz, magst Du eine Tasse Tee?"

In Gefangenschaft geriet Trautmann 1945 in den letzten Kriegstagen an der Westfront bei Kleve. "He Fritz, magst Du eine Tasse Tee?", soll der britische Soldat gerufen haben, dem er sich ergab. Als Prisoners of War (POW) wurden die gefangenen Deutschen nach der Kapitulation nach England verschifft. Dort durften sie in zahlreichen POW-Camps Fußball spielen, gegeneinander und manchmal auch gegen einheimische Mannschaften.

Im Lager kickte Trautmann mit dem späteren Schalker Karl Krause und Günther Lühr, der in Bremerhaven bekannt wurde. Erst allmählich stellte sich heraus, dass der 1,89 Meter große Trautmann besonders gut im Tor war. Offenbar zahlte sich seine Jugenderfahrung beim Hand- und Völkerball aus.

Wie rund 20.000 Kameraden verpflichtete sich Trautmann nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft, als Gastarbeiter in Großbritannien zu bleiben. "Bert", wie er nun genannt wurde, verdiente seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft und bei Kampfmittelräumdiensten - im Stadion begeisterte er die Leute mit seinen Hechtsprüngen und weiten, zielsicheren Abwürfen. 1948 holte der Kleinstadtverein St. Helens Town den Ausnahmetorhüter, ein Jahr später unterschrieb Trautmann einen Vertrag bei Manchester City.

Zuschauer brüllten "Sieg Heil", wenn Trautmann auflief

Dort erfuhr der Deutsche, wie stark der Hass auf sein Land noch verbreitet war: Zuschauer brüllten "Sieg Heil" und hoben den rechten Arm zum Hitlergruß, wenn Trautmann auflief. Vorher hatten 20.000 Menschen gegen die Verpflichtung des "Nazi" demonstriert. Manchester-City-Fans wollten ihre Dauerkarten stornieren, Sponsoren drohten mit dem Ende ihrer Unterstützung.

Die Stimmung schlug erst um, als ausgerechnet der Rabbiner der Stadt ein Wort für Trautmann einlegte. Alexander Altmann, der dem Holocaust entkommen war, weil er 1938 von Berlin nach Manchester flüchtete, appellierte an die Menschen, ihren Hass auf die Deutschen nicht an einem jungen Mann auszuleben. "Dank Altmann war nach einem Monat alles vergessen", erinnerte sich Trautmann. Fortan feierte Manchester den zuverlässigen City-Torhüter, der inzwischen mit einer Britin verheiratet war.

Dass sich das Verhältnis zwischen den beiden Ländern grundlegend änderte, ist auch das Verdienst von Bert Trautmann. "Vom Hitlerjungen zur Pokal-Cup-Legende" oder "vom Nazi-Fallschirmjäger zum englischen Fußballhelden" - so haben britische Autoren den Lebensweg des Deutschen beschrieben. 2004 zeichnete die Queen Trautmann mit dem Order of the British Empire (OBE) aus; Deutschland ehrte ihn mit dem Bundesverdienstkreuz.

Schrankkoffer voller Lebensmittel für die Familie

Mehr als diese offiziellen Auszeichnungen - das hat Trautmann immer wieder erzählt - rührte ihn die Zuneigung vieler einfacher Menschen im einstigen Feindesland. Als er an Weihnachten 1948 heim nach Deutschland reisen durfte, sammelten seine Fans sowie die Mannschaft des Provinzklubs St. Helens Town für die Familie des Starfußballers.

"Der Vereinsvorstand und meine Mitspieler wussten, dass es den Menschen in Deutschland nicht gut geht", erinnerte sich Trautmann. Die Spenden konnte er kaum heimschleppen: "Es war ein Schrankkoffer voller Lebensmittel - Mehl, Butter, Zucker, Schinken. Und dazu einen Umschlag mit 150 Pfund. Das war damals unvorstellbar viel Geld."

Eine Lebenskrise erlebte Trautmann 1956 einen Monat nach dem siegreichen Pokalendspiel. Der schwer verletzte Torwart lag mumienhaft vergipst im Krankenhaus, als sein sechsjähriger Sohn John bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Die Nachricht erschütterte Trautmann zutiefst, vorübergehend verschwand sein Glaube an eine Genesung.

Job als Entwicklungshelfer

Dass er wieder auf die Beine kam und sogar Fußball spielen konnte, dankte er auch der Anteilnahme seiner britischen Fans. Trautmann kehrte zurück ins City-Tor - für weitere acht Jahre. Bei seinem Abschiedsspiel 1964 zwischen Manchesters Topspielern und einer englischen Auswahl mit Bobby Charlton feierten 60.000 Menschen ihren Lieblingsdeutschen.

Für sein letztes Spiel erhielt Trautmann 6000 Pfund, eine Rekordsumme: In den 15 Jahren bei Manchester City hatte er nie mehr als wöchentlich 35 Pfund verdient. Zum Training kam der berühmte Torhüter wie seine Mitspieler mit dem öffentlichen Bus.

Foto: SquareOne Entertainment

Nach der aktiven Karriere wurde Trautmann eine Zeit lang Trainer bei verschiedenen Vereinen in England und Deutschland, darunter den Regionalligisten Preußen Münster und Opel Rüsselsheim. Glücklicher machte den weltgewandten Mann jedoch sein Job als Entwicklungshelfer in Afrika und Asien. "Ich habe Menschen beigebracht, wie man Fußballer trainiert", sagte er, "und sie lehrten mich eine Menge über Toleranz und andere Lebensarten." Trautmann starb mit 89 Jahren in seinem Haus in Spanien an einem Herzinfarkt.

Mit seinem am Donnerstag anlaufenden Film "Trautmann" ehrt Regisseur Marcus H. Rosenmüller einen Mann, der viel mehr war als nur der Kultkeeper mit dem gebrochenen Genick. "Wenn ich gewusst hätte, wie schwer meine Verletzung wirklich war, wäre ich sofort rausgegangen", sagte Trautmann einmal, als er auf das legendäre Spiel von 1956 angesprochen wurde. "Ich wollte doch weiterleben."


Am 14. März 2019 startet der Film "Trautmann" in den deutschen Kinos.

insgesamt 17 Beiträge
Torben Hofman 12.03.2019
1. Guter Artikel
... aber muss man in der Einleitung gleich mit Nazi-Fallschirmjäger einsteigen? Er war Fallschirmjäger der Luftwaffe nicht der NSDAP. So viel Zeit muss sein, auch wenn es nicht ganz so martialisch klingt. Ansonsten einer der [...]
... aber muss man in der Einleitung gleich mit Nazi-Fallschirmjäger einsteigen? Er war Fallschirmjäger der Luftwaffe nicht der NSDAP. So viel Zeit muss sein, auch wenn es nicht ganz so martialisch klingt. Ansonsten einer der ganz großen im Sport, der sicherlich seinen Teil zur Völkerverständigung zwischen Deutschen und Briten beigetragen hat.
Michael Lenzen 12.03.2019
2. Ich habe
den Film "Trautmann" in der letzten Woche in einer Sneak-Preview gesehen und hätte nicht gedacht, dass mich ein Film über Fußball so mitreißen könnte. Auch, wenn in der Biographie so einiges an die Dramaturgie des [...]
den Film "Trautmann" in der letzten Woche in einer Sneak-Preview gesehen und hätte nicht gedacht, dass mich ein Film über Fußball so mitreißen könnte. Auch, wenn in der Biographie so einiges an die Dramaturgie des Film angepasst wurde (Trautmanns erste und nichteheliche Tochter wird unterschlagen; der Weg vom Kriegsgefangenenlager zum gefeierten Provinztorhüter wird arg gestrafft; der Film weckt den Eindruck, dass Trautmann mit seiner Ehefrau bis zu deren Tod zusammenlebte), ist es doch ein sehr unterhaltsamer und gut gespielter Film geworden, den man sich ansehen sollte (wenn er überhaupt im nächstgelegenen Kino gezeigt werden sollte...).
Christian Förster 12.03.2019
3. Englands Fussballer der Jahres
war er auch, als erster Ausländer. Und 2007 wählten ihn die Fans zum besten ManCity Spieler aller Zeiten
war er auch, als erster Ausländer. Und 2007 wählten ihn die Fans zum besten ManCity Spieler aller Zeiten
Rolf Kelm 12.03.2019
4.
Nazi-Fallschirmjaeger? Man sollte doch nicht gleich mit der Tuer ins Haus fallen. Luftwaffe haette gereicht, er war ja auch dafuer in Gefangenschaft..
Nazi-Fallschirmjaeger? Man sollte doch nicht gleich mit der Tuer ins Haus fallen. Luftwaffe haette gereicht, er war ja auch dafuer in Gefangenschaft..
Sir Viver 12.03.2019
5. Ehrabschneidend
Es reicht nicht, dass Pöbler ihn im Stadion mit SiegHeil Rufen und Nazi beschimpft haben. Sie, lieber Spiegel, der es eigentlich besser wissen müsste, das Gesamtbild differenzierter, nennen ihn Nazi-Fallschirmjäger. Herr [...]
Es reicht nicht, dass Pöbler ihn im Stadion mit SiegHeil Rufen und Nazi beschimpft haben. Sie, lieber Spiegel, der es eigentlich besser wissen müsste, das Gesamtbild differenzierter, nennen ihn Nazi-Fallschirmjäger. Herr Trautmann war Angehöriger der Deutschen Wehrmacht, der Teilstreitkraft Luftwaffe. Kein Angehöriger einer NS-Organisation. Waren denn die Bundeswehrsoldaten, die ein SPD-Minister nach Afghanistan schickte, da dort unsere Freiheit angeblich verteidigt wurde „SPD-Soldaten“? Nur mal um die absurde Bezeichnung aufzuzeigen...

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