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einestages

Flugpionierin Beryl Markham

Gegen den Wind

Sie betörte einen britischen Prinzen, beschämte Hemingway und hasste Langeweile: 1936 überquerte Beryl Markham als erste Pilotin nonstop den Atlantik von Ost nach West - bis der Motor plötzlich aussetzte.

AP
Von
Montag, 05.09.2016   15:53 Uhr

Seit Stunden schon fliegt sie blind durch die Nacht, ohne Karte, die der Wind aus dem Cockpitfenster geweht hat. Und ohne Funkverbindung. Unter ihr der tiefschwarze Atlantik. Neben ihr mit Hühnchen belegte Sandwiches, eine Nussmischung - und ein Flachmann voll Brandy. Falls nichts mehr geht.

Beryl Markham ist an diesem 4. September 1936 allein in ihrer einmotorigen Vega Gull, um von England über den Atlantik nach New York zu fliegen, ohne Zwischenlandung. Das hat bisher noch niemand geschafft. Charles Lindbergh war 1927 von West nach Ost über den Atlantik geflogen, mit Rückenwind, ebenso wie 1932 Amelia Earhart.

Markham aber fliegt gegen den Wind. Das passt zu ihr. Die hoch aufgeschossene Blondine hasst nichts mehr als Konventionen und Langeweile.

imago

Beryl Markham vor dem Abflug 1936

Mindestens 21 Stunden dauert ihre Reise im winzigen Cockpit, zwischen Zusatztanks für den Rekordflug. Einziger Begleiter: das Dröhnen des Motors. Bis der Motor um 22.35 Uhr jäh erstirbt. Später schreibt Markham über diesen Moment:

Es ist die wirkliche Stille, die dem letzten Stottern des Motors folgt, die mich benommen macht. Ich fühle keine Furcht; ich fühle überhaupt nichts. Ich beobachte nur, mit sonderbar einfältigem Desinteresse, dass meine Hände wie wild agieren, und ich weiß, dass ich, während sie sich bewegen, hypnotisiert bin von der Nadel meines Höhenanzeigers.

Ihre Gull, die "Möwe" mit dem türkisfarbenen Rumpf und den silbernen Flügeln, segelt dem Wasser entgegen. Noch 350 Höhenmeter bis zum Aufprall. Markham versucht, einen neuen Tank anzuschalten. Es ist dunkel in der Kabine, sie fingert nach ihrer Taschenlampe.

100 Meter. Sie hat den Schalter gefunden. Der Motor aber bleibt tot.

Ich habe das Gefühl, dass die Nadel des Höhenmessers herumwirbelt wie eine Spindel. Irgendwo blitzt es, doch das lässt die Dunkelheit nur noch tiefer erscheinen. Wie hoch können sich Wogen recken - sieben Meter vielleicht? Oder zehn? Dass dies das Ende meines Flugs ist, dieser Gedanke lässt sich nicht verdrängen.

Eine Schwimmweste wäre jetzt gut. Markham hat darauf verzichtet und lieber ihren warmen Mantel übergezogen. Kälte fürchtete sie mehr als einen Absturz - auch eine Frage der Lebenseinstellung.

Affären mit den Helden aus "Jenseits von Afrika"

Diese unbekümmerte Wildheit rührt aus ihrer Kindheit in Afrika, so sah sie es selbst. 1904 kam Beryl als Zweijährige in die Kolonie Britisch-Ostafrika, heute Kenia. Ihr Vater hatte dort eine Farm gekauft und züchtete Pferde, weil die Briten den Rennsport auch in der Ferne nicht missen wollten.

Als Kind verbrachte ich meine Tage mit den (einheimischen) Nandi Muranis: Ich ging barfüßig mit ihnen auf Jagd. Anfangs durfte ich keinen Speer tragen. (...) Meine Murani-Freunde hatten sehr viel Geduld mit mir.

Bald konnte die junge Beryl die Fährten von Gnus, Büffeln, Löwen, Antilopen lesen. Sie lernte die Dialekte der Nandi, Kipsigis und Kikuyo. Und schon mit 16 wurde sie lizensierte Pferdetrainerin, die erste in Kenia. Ihre Pferde gewannen in den kolonialen Klubs Rennen um Rennen.

Das trug ihr den Respekt der britischen Oberschicht ein. Doch nur selten tat die junge Frau, was diese Männerwelt von ihr erwartete - etwa früh zu heiraten. Die Vernunftehe mit einem viel älteren Farmer verlief wie all ihre drei Ehen: katastrophal. Treue war nicht ihre Stärke. Sie ging notorisch fremd und löste sich von allem, was sie als einengend empfand.

Also ließ sie sich scheiden, zog nach Nairobi und lernte dort Freigeister wie die dänische Schriftstellerin Karen Blixen kennen, deren Autobiografie "Afrika, dunkel lockende Welt" 1985 zur Filmvorlage für den Welterfolg "Jenseits von Afrika" werden sollte. Mit Blixens Ehemann Bror soll Markham eine Affäre gehabt haben ebenso mit Karen Blixens Liebhaber, dem Großwildjäger Denys Finch Hatton.

Schön wie eine "goldene Löwin"

"Natürlich habe ich mit ihm (Bror) geschlafen, wenn wir draußen (im Busch) waren", sagte Markham kurz vor ihrem Tod Mary S. Lovell, die eine exzellente Biografie schrieb. Und fügte lakonisch hinzu: "Man konnte dort nichts anderes tun." Trotz ihres bald ruinierten Rufes verfielen ihr die Männer reihenweise. "Wenn sie durch den Raum schritt", schwärmte ein Zeitgenosse, "war es so, als ob man eine goldene Löwin beobachten würde."

Selbst Prinz Henry, Sohn des britischen Königs George V, betörte sie, als er 1928 zur Jagd nach Kenia kam. Dass sie kurz zuvor, wohl aus finanziellen Gründen, in England den reichen Erben Mansfield Markham geheiratet hatte, hielt sie von der mutmaßlichen Affäre nicht ab - oder dass sie gerade im vierten Monat schwanger war. Die Gerüchte, dass Markhams Sohn in Wahrheit Henrys Kind war, ebbten nicht mehr ab: Der Geburtstermin sprach zwar dagegen, aber warum trafen sich die beiden weiterhin im Buckingham Palace?

Am Ende hielt Markham kein Prinz - ja nicht einmal ihr eigenes Kind - in England. 1929 kehrte sie nach Kenia zurück, angeblich auf Druck der Queen, die einen Skandal vermeiden wollte. Ihr Sohn wuchs fortan bei den Schwiegereltern auf. Markham hatte ihre Unabhängigkeit wieder - und suchte ein neues Abenteuer, das grenzenlose Freiheit versprach: fliegen.

Bald war sie die erste Buschpilotin Afrikas und arbeitete nun auf eigene Rechnung. Flog Post und Nachschub in entlegene Ecken der Kolonie. Brachte Sauerstoffflaschen zu lungenkranken Arbeitern in den Goldminen. Spürte für Großwildjäger Elefantenherden aus der Luft auf. Flog sogar allein mit einer kleinen 12-PS-Maschine von Nairobi nach London.

"ANTWORTE BITTE!"

Markham verliebte sich in den Mann, der ihr die Fliegerei beibrachte: Tom Campell Black, der 1929 die erste Fluggesellschaft Ostafrikas eröffnet hatte. Black blieb der einzige Mann, der ihr wirklich etwas bedeutete - und enttäuschte sie bitter.

1934 flog Black bei einem spektakulären, hochdotierten Rennen von London bis nach Melbourne. Und gewann. Selbst in Kenia las Markham davon. Aber auch, dass ihr Liebhaber sofort nach seinem Sieg verkündete, er werde die Schauspielerin Florence Desmond heiraten. Die Presse jubelte über diese "Air Race Romance". Markham aber schickte Black ein verzweifeltes Telegramm:

LIEBLING STIMMT ES DASS DU FLORENCE DESMOND HEIRATEST? ANTWORTE BITTE STOP MIT GEBROCHENEM HERZEN BERYL

Womöglich wurde dieser Verlust zum Antrieb für Markhams Rekordflug. Das legt die Biografin Mary Lovell nahe, die viele Weggefährten Markhams interviewte. Ein enger Freund sagte: "Sie betete ihn (Tom Black) an. Ich denke, sie flog nur über den Atlantik, um ihn zurückzuerobern. Ich glaube, sie hoffte sogar, dabei zu sterben - nur um ihn zu verletzen."

Die Bruchlandung: Mit der Nase im Morast

Die trinkfreudige Aristokratin June Carberry bezahlte die extra für Markham gebaute Maschine. Gelungen war eine Ost-West-Atlantiküberquerung bis dato nur dem Schotten Jim Mollison. Einer Frau noch nie. Und Mollison war nicht in England gestartet, sondern weiter westlich, in Irland.

Markham stirbt nicht in jener Nacht des 4. Septembers 1936. Kurz vor dem drohenden Absturz fängt sich der Motor. Sie fliegt weiter und weiter, bis sie 19 Stunden später völlig übermüdet in der Ferne Land sieht: das kanadische Nova Scotia, Neuschottland!

Der Erfolg scheint nun reine Formsache. Dann setzt der Motor erneut aus.

Diesmal ist er so tot, wie ein Motor nur tot sein kann. Schwarze Erde voller Felsbrocken, und ich schwebe darüber. Die Gull steckt ihre Nase in den Dreck, und ich selbst knalle mit dem Kopf gegen die vordere Kabinenglasscheibe und höre, wie sie zersplittert, und fühle, wie Blut über mein Gesicht strömt.

Als Markham aus der Maschine taumelt, versinkt sie hüfttief im Morast. Fischer weisen ihr den Weg aus dem Sumpf. Verdreckt, aber mit höflicher Eleganz stellt sich Markham vor: Sie sei eben aus England gelandet. Ob sie kurz telefonieren könne?

AP

Im Morast: Markhams Maschine nach der Bruchlandung

Noch weiß sie nicht, dass eine vereiste Tankzufuhr den Absturz verursacht hat, empfindet die Bruchlandung als Scheitern des Rekordversuchs. Doch als sie nach New York geflogen wird, die Stirn frisch genäht, feiern sie 5000 Schaulustige frenetisch. Markham erhält Glückwünsche aus aller Welt. Auch von Tom Black. Er habe geahnt, sagt er Reportern, dass sie es schaffe, "aber das Wetter war entsetzlich schlecht".

Tod durch Propellerflügel im Herzen

Sein Kompliment dürfte sie am meisten gefreut haben. Und doch kann Beryl Markham nie wieder mit ihrer großen Liebe sprechen. Knapp zwei Wochen nach dem Triumph wartet Black auf den Start bei einer Flugshow in Liverpool, als ein anderes Flugzeug auf seiner Maschine landet. So stirbt einer der besten Flieger Großbritanniens am Boden. Resigniert schreibt Markham:

Man muss es wohl als Zufall gelten lassen, dass er mit dem tief unter seinem Herzen eingedrungenen Blatt eines Propellers gestorben war.

Markham sagt alle Interviews ab. Will nicht mehr über ihren Erfolg reden. Will nicht mal mehr fliegen. Die Ereignisse verarbeitet sie in ihren Memoiren "West With The Night". Doch bei der Veröffentlichung 1942 tobt Krieg in Europa. Afrika ist weit weg. Das Buch gerät trotz guter Kritiken in Vergessenheit.

Ein Mann aber hat es begeistert gelesen: Ernest Hemingway pries in einem Brief das bloody wonderful book. Es sei so "fabelhaft gut geschrieben", dass er sich als Schriftsteller unbeholfen und "völlig beschämt" gefühlt habe. Wegen seines Briefes, erst 1982 wiederentdeckt, wurde das Buch 1983 neu aufgelegt. Diesmal verkaufte es sich sehr gut.

Beryl Markham lebte zu dieser Zeit längst wieder einsam in Kenia, wo sie noch hochbetagt als Pferdetrainerin arbeitete. Plötzlich wurde sie ein zweites Mal berühmt. Doch der Ruhm währte wieder nur kurz: Drei Jahre nach der Neuauflage ihres Buchs starb sie in Kenia - kurz vor dem 50. Jahrestag ihres beinah vergessenen Rekordfluges.

insgesamt 2 Beiträge
Klaus-Jürgen Wolf 05.09.2016
1. Doch der Rum währte wieder nur kurz
Hat wieder nur für ein kurzes Besäufnis gereicht... Nein, Scherz beiseite, bei diesem redaktionellen Text sind Textbruchstücke anderer ausgewertet worden, die der Autor anscheinend nur ansatzweise verstanden hat.
Hat wieder nur für ein kurzes Besäufnis gereicht... Nein, Scherz beiseite, bei diesem redaktionellen Text sind Textbruchstücke anderer ausgewertet worden, die der Autor anscheinend nur ansatzweise verstanden hat.
Jürgen Schiffmann 06.09.2016
2.
"Flog sogar allein mit einer kleinen 12-PS-Maschine von Nairobi nach London." - Das möchte ich sehen! Der allererste Wright-Flyer (Kitty Hawk) hatte 12 PS...
"Flog sogar allein mit einer kleinen 12-PS-Maschine von Nairobi nach London." - Das möchte ich sehen! Der allererste Wright-Flyer (Kitty Hawk) hatte 12 PS...

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