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einestages

Biafra-Krieg 1967

"Das Todesurteil für unser Volk"

"Biafra-Babys" mit aufgeblähten Bäuchen, zwei Millionen Tote: Der Krieg um die ölreiche Biafra-Region spaltete vor 50 Jahren Nigeria, das als Afrikas Musterland galt. Die Kämpfe und die Hungersnot berührten die Welt.

AP
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Dienstag, 30.05.2017   10:48 Uhr

Ab sofort seien sie Bürger eines neuen, unabhängigen Staates - das erfuhren die Bewohner von Nigerias Ost-Region aus dem Radio. "Es lebe die Republik Biafra", verkündete am 30. Mai 1967 Militärgouverneur Odumegwu Ojukwu über einen Regionalsender.

In dem vorwiegend von Angehörigen des christlichen Ibo-Volkes bewohnten Landesteil Nigerias brach Jubel aus. Denn Ibos fürchteten zu dieser Zeit um ihre Leben und fühlten sich nur in ihrem Stammland im Osten noch sicher.

Zu Hunderttausenden waren sie zuvor aus dem Norden Nigerias geflohen, den muslimische Volksgruppen der Hausa und Fulani dominierten, nachdem dort etwa 30.000 Ibo-Zuwanderer umgebracht worden waren. Auslöser der Massaker: ein Militärputsch; Offiziere der Ibo töteten dabei aus dem Norden stammende Politiker. Nach einem Gegenputsch rächten sich Mobs im Norden an den unter ihnen lebenden Ibos. Afrikas Musterstaat stürzte ins Chaos.

Die Sezession Ost-Nigerias, das sich - nach einer alten Regionsbezeichnung - "Biafra" nannte, löste 1967 einen grausamen, zweieinhalbjährigen Krieg aus. Bis zu zwei Millionen Menschen starben an den Folgen der Kämpfe und einer Hungerblockade. Fotos von spindeldürren Kindern mit ballonförmig aufgeblähtem Bauch und skeletthaften Gliedmaßen, bald in der Presse nur noch "Biafra-Babys" genannt, erschütterten die Welt.

Eine humanitäre Katastrophe

Es waren die ersten Bilder einer humanitären Katastrophe in Afrika, sie zerstörten abrupt das Image als "Kontinent der Zukunft". Denn gerade das Nigeria hatte lange gut als parlamentarische Demokratie funktioniert.

Nigeria wurde 1960 unabhängig, hatte zu dieser Zeit rund 45 Millionen Einwohner und war in drei Regionen eingeteilt: In der riesigen Nord-Region lebten die überwiegend muslimischen Hausa-Fulani. Die südlichen Landesteile West-Region und Ost-Region waren die Heimatgebiete der gemischt-konfessionellen Yoruba und der christlichen Ibo. Der islamische Norden war wirtschaftlich unterentwickelt, stellte aber die Mehrheit der Gesamtbevölkerung und führte die gewählte Regierung. Deshalb kritisierten die Volksgruppen des Südens die politische Macht des Nordens.

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Krieg in Nigeria 1967: Die Biafra-Tragödie

Die Unabhängigkeit Biafras verkündete Nigerias wohl ungewöhnlichster Soldat: Odumegwu Ojukwu wurde in Nordnigeria geboren, sein Vater war einer der reichsten Unternehmer. Ojukwu senior galt als ein typischer Ibo, der fern seiner Herkunftsregion als Makler und Transport-Tycoon das große Geld machte. "So wie die Israelis sind wir hart arbeitende, geschäftstüchtige Leute", sagte er einmal, "und so wie die Israelis haben wir unter Pogromen gelitten."

Er selbst wollte kein Geschäftsmann werden. In Oxford hatte er mit Auszeichnung Geschichte studiert; als junger Mann schrieb er Gedichte, spielte Tennis, war als Playboy mit Vorliebe für Sportwagen landesweit bekannt. Der Bruch in Ojukwus Biographie begann, als er sich für eine Karriere in Nigerias Armee entschied: Der Intellektuelle in Uniform diente bei der internationalen Friedenstruppe im zerbrechenden Kongo Anfang der Sechzigerjahre.

Angst vor einem zweiten Biafra

Diese Eindrücke aus der Kongo-Krise wühlten ihn auf, prägten sein Denken: Während viele Ibos Biafras Unabhängigkeit wegen der großen Ölvorkommen in der Region unterstützten, hielt Ojukwu die Sezession für notwendig, um seinen Stamm zu retten. "Die Welt sucht nach Beweisen für Völkermord an unserem Volk", sagte er, "aber Völkermord kann man erst beweisen, wenn er vollbracht ist. Also ist die Suche nach dem Beweis zugleich das Todesurteil für unser Volk."

Tatsächlich ließ sich der Biafra-Krieg als Kampf der muslimischen Hausa-Fulani gegen die christlichen Ibo vereinfachen. Deshalb entwickelte sich weltweit, besonders in Deutschland, eine beispiellose Solidaritätsbewegung: Bischöfe und Parlamentarier engagierten sich für Biafra; Bürgerinitiativen sammelten Geld und Hilfsgüter, die waghalsige Piloten ins belagerte Biafra flogen.

Das aber löste nicht das politische Dilemma: Nur vier der rund zwei Dutzend afrikanischen Staaten erkannten die abtrünnige Republik diplomatisch an - vor allem, weil die Regierungen in der Charta der "Organisation for African Unity" (OAU) ein Sezessionsverbot festgeschrieben hatten. Denn in den meisten Ländern schlummerten ähnliche ethnische und regionale Probleme wie in Nigeria; die Angst vor einem zweiten Biafra war groß. Auch die Uno folgte der OAU-Politik und sah den Konflikt als "inneres Problem" Nigerias.

Staatspräsident war Yakubu Gowon, eingesetzt vom Militär nach einem Putsch 1966. Der General stammte aus dem Norden, war aber Christ. In seinen Reden unterschied Gowon stets zwischen der "Ojukwu-Clique" und der Masse der Ibos. Seinen Soldaten gab er im Bürgerkrieg keine Orden, wohl aber Regeln über den fairen Umgang mit den Aufständischen.

Hilfe aus Großbritannien

Gowon wollte Biafra anfangs in einer schnellen "Polizeiaktion" zurückerobern. Doch die zunächst überlegenen biafranischen Bataillone gingen in die Offensive und marschierten bis 100 Kilometer vor die Hauptstadt Lagos. Die Hoffnung der Abtrünnigen, dass sich ihnen andere Ethnien wie die Yoruba anschließen würden, erfüllte sich nicht; die Yoruba fürchteten eine mögliche spätere Dominanz der Ibo. So hielten die Yoruba-Offiziere zum Bundesheer, das im Laufe des Krieges von 12.000 auf gewaltige 130.000 Mann anschwoll, auch dank vergleichsweise fürstlicher Gehälter.

Das international isolierte Biafra musste für seine 40.000 Soldaten Waffen von dubiosen Händlern kaufen. Nigeria dagegen bezog Gewehre, Haubitzen, Panzerfahrzeuge problemlos von den ehemaligen britischen Kolonialherren. Auch die Sowjetunion half: Sie lieferte MiG-Flugzeuge, damit flogen Piloten aus Ägypten Einsätze gegen die Sezessionisten.

Angesichts dieser Übermacht mussten sich Biafras Soldaten und Zivilisten in einen ständig schrumpfenden Kessel zurückziehen: 1967 umfasste Ojukwus Reich 77.000 Quadratkilometer, 1970 nur noch 2000. Nachdem nigerianische Truppen im Mai 1968 Port Harcourt, Biafras Zugang zum Meer, eroberten, musste die Region aus der Luft versorgt werden.

Der Edelmann aus Schweden

Spenden aus aller Welt hielten den Separat-Staat noch anderthalb Jahre am Leben. Allein die Hilfsorganisationen der Kirchen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schickten 7350 Flugzeugladungen mit 81.300 Tonnen Lebensmitteln und Medikamenten in den Buschkessel. Das war auch ein Erfolg von Ojukwus Medienoffensive: Eine Schweizer Werbeagentur und amerikanische PR-Strategen schleusten für ihn 200 Auslandsjournalisten nach Biafra, die ihr Publikum mit zu Herzen gehenden Stories aufrüttelten.

So staunte die Welt über den Mut von Carl-Gustav Graf von Rosen. Der Schwede wurde mit 59 Jahren noch zum Kriegspiloten: In winzigen mit Raketen und zusätzlichen Tanks versehenen Sportflugzeugen attackierte er nigerianische Truppen und Ölanlagen. Geschickt taufte Rosen seine Kleinflugzeuge "Biafra Babys", benannt nach den unschuldigsten Opfern der Blockade. Zu Rosens Staffel gehörte auch Friedrich Herz aus Bottrop, einst Fähnrich der Luftwaffe. Von einem seiner 172 Einsätze kehrte er mit nur einem Rad und 43 Einschüssen zurück.

Dennoch musste Biafra nach 920 Tagen Belagerung kapitulieren. In der Nacht zum 11. Januar 1970 flog General Ojukwu mit seiner Familie in einem der letzten Frachtflugzeuge aus dem Kessel zur portugiesischen Insel Sao Tome. Danach verkündete sein Generalstabschef im Radio: "Biafra existiert nicht mehr". Er bat Nigeria um einen Waffenstillstand.

Zu den vergessenen guten Nachrichten aus Afrika gehört, dass nach der Kapitulation die befürchteten Massaker an den besiegten Ibo ausblieben. Muslimische Soldaten brachten nicht massenweise Christen um, brannten keine Kirchen nieder.

"Solange ich lebe, lebt Biafra"

Um das Leben in Biafra wieder zu normalisieren, erhielten Beamte und Polizisten einen Monatslohn als Vorschuss, wenn sie an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten. Nun behaupteten viele, sie hätten die Sezession abgelehnt, sogar im Gefängnis gesessen. Die Hauptstadtzeitung "Nigerian Observer" spottete: "Hat denn Ojukwu allein gekämpft?"

Außerhalb ihres Stammlandes aber wurde es schwer für die Ibos. In den Norden wagte sich kaum einer, in Lagos hatten meist andere ihre alten Stellen übernommen. Und auch Biafras Führer Ojukwu durfte erst nach 13 Jahren aus dem Exil nach Nigeria zurückkehren. Erfolglos bewarb er sich um den Präsidentenposten. Als Geschäftsmann in Lagos aber war er erfolgreich.

Seinen Kampf führte er nun im Kleinen weiter. Ojukwu beklagte sich, weil er nur die niedrigere Pension eines Obersten der nigerianischen Armee bekam; dabei sei er doch in Biafra zum General aufgestiegen. Dieses Biafra aber war da längst untergegangen und schon fast wieder aus dem Gedächtnis der einst so bestürzten Weltöffentlichkeit verschwunden.

Ojukwu starb 2011, gut vier Jahrzehnte nach der Kapitulation seines Separatstaates. 1970 noch hatte er stolz verkündet: "Solange ich lebe, lebt Biafra."

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