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Entertainer Bill Ramsey

Der Spaßmacher des Wirtschaftswunders

Er besang die "Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe" und die Mimi, die ohne Krimi nie ins Bett geht: Vor 60 Jahren hatte Bill Ramsey seine ersten Hits. Ein Besuch bei der Import-Stimmungskanone - im Herzen ein Jazzer.

imago/United Archives
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Mittwoch, 30.05.2018   13:12 Uhr

Bill Ramsey war erst 22 Jahre alt, als er in Frankfurt das schönste Kompliment seines Lebens bekam. Und das von der First Lady des Jazz: Ella Fitzgerald.

Sie war 1953 für ein Konzert in Deutschland; Ramsey, damals Produzent beim US-Soldatensender AFN, hatte es aufgenommen. Danach saß man auf ein Glas beisammen. Kollegen drängten Ramsey, zwei seiner Lieder zu singen. Verunsichert stimmte der junge Mann eine Blues-Nummer und eine Ballade an.

Da drehte sich Fitzgerald zu Ramseys Chef um und sagte: Dieser Kerl habe eine schwarze Stimme - "all you got to do is close your eyes". Einfach die Augen schließen. Und der sehr weiße, etwas übergewichtige Amerikaner geht glatt für einen Schwarzen durch.

"Wow! Besser ging's nicht", sagt Ramsey, kichert in erstaunlich heller Tonlage. Und bringt die Luft seiner Wohnung in der schicken Hamburger Elbchaussee zum Vibrieren, mit ein paar Takten Ray Charles: "In the evening when the sun goes down, and I ain't no body else around".

Er kam, sang und siegte

65 Jahre sind vergangen seit Ellas Fitzgeralds Lob. Bill Ramsey, der weiße Kerl mit der grandiosen, schwarzen Stimme, singt noch immer, auch mit 87 Jahren. Seinen einprägsamen amerikanischen Akzent hat er nie abgelegt.

Es war stets das Markenzeichen Ramseys, der importierten Stimmungskanone der Nachkriegsära. Wie wäre das bundesdeutsche Wirtschaftswunder bloß geglückt ohne Hits wie "Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe"? Ohne den "Wumba-Tumba Schokoladeneisverkäufer"? Die Mimi, die nie ohne Krimi ins Bett geht?

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Bill Ramsey: "Willst du Rock 'n' Roll singen oder lieber was Lustiges?"

Ramsey kam, sang und siegte: 29 Wochen lang hielt sich sein Song "Souvenirs, Souvenirs" von 1959 in der deutschen Hitparade, rund eine halbe Million Fans kauften damals die Single. Ramsey dröhnte "Kennt ihr die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe, von der ganz Marokko spricht? Die kleine süße Biene mit der Tüllgardine vor dem Babydollgesicht?" Und alle schwoften mit.

"Die Menschen sollten lachen, ihre Alltagssorgen vergessen. Das war der ganze Sinn von dem Schlagerzeugs", so Ramsey. Er sagt tatsächlich "Zeugs" und meint es auch so - augenzwinkernd, nicht abwertend. Etwas, das er halt mal gemacht und wovon er gut gelebt hat. Obwohl Ramsey im Grunde seines Herzen stets ein Jazzer war, begeistert schon als Dreikäsehoch von der Musik der Schwarzen in seiner Heimatstadt Cincinnati in Ohio.

Tür an Tür mit Edelhure Nitribitt

Geboren wurde William McCreery Ramsey 1931 als Sohn eines erfolgreichen Werbemanagers und einer Lehrerin. Weil die Eltern viel zu tun hatten, verbrachte er seinen Alltag vor allem mit Tom Jones. Der schwarze Hausangestellte nannte den pummeligen Jungen "Mr. Bill" und chauffierte ihn zum Angeln an den See, durfte aber selbst nicht mitangeln. Weil er schwarz war.

Die Zukunft des "White Anglo-Saxon Protestant"-Sprosses schien vorgezeichnet: Als Kind ging Bill auf ein vornehmes Internat an der Ostküste, danach zum Soziologiestudium an die Eliteuni Yale. Doch Bill wollte nicht werden wie sein Vater, er wollte Musik machen und imitierte die schwarzen Blues- und Jazzsänger so lange, bis er selbst sang wie sie. Das Studium hat er nie beendet.

Stattdessen wurde Bill Ramsey 1951 eingezogen und hatte Glück, nicht in den Koreakrieg ziehen zu müssen, in dem mehr als 36.000 Amerikaner starben. Als US-Soldat landete er in Frankfurt am Main und wohnte eine Zeitlang in der selben Pension wie Rosemarie Nitribitt. Die Edelhure blockierte damals stundenlang das Gemeinschaftsbad, erinnert Ramsey sich.

In Frankfurt erkannte man schnell sein Talent: Ramsey avancierte zum Chefproduzenten beim US-Radiosender AFN, im "Jazzkeller" lernte er den Produzenten und Caterina-Valente-Entdecker Heinz Gietz kennen.

Der singende Knuddelbär

"Willst du Rock'n'Roll singen oder lieber was Lustiges?", fragte Gietz den Amerikaner 1957. "Rock'n'Roll war damals für Jazzer verboten, eine Mischung aus Hillbilly und Pop, das interessierte mich nicht", sagt Ramsey. Und entschied sich für was Lustiges.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren waren die Deutschen einerseits ganz versessen auf Schnulzen à la Rudi Schuricke ("Wenn bei Capri...") oder Lale Andersen ("Ein Schiff wird kommen"). Andererseits konnte das Wirtschaftswunderland sich gar nicht satthören an munterem Quatsch, von "Wasser ist zum Waschen da" (Die Peheiros) bis "Ich will keine Schokolade" (Trude Herr). Viel Platz war dabei für internationale Interpreten wie Caterina Valente, Wencke Myhre oder Chris Howland. Und ebenso für Musiker mit Wurzeln im Jazz, die aber durch Schlager berühmt wurden, etwa Paul Kuhn und Nana Mouskouri. Oder eben Bill Ramsey.

Fortan gab er den singenden Knuddelbären im großkarierten Jackett, fleischgewordene Unbekümmertheit. Ein Spaßmacher mit einem Strauß bunter Luftballons in der Hand. "Er hat eine Stimme wie ein Löwe, der furchtbar viel Hunger hat", schwärmte das "Hamburger Abendblatt" 1960.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Und weil sich der Schlager auch als Film so gut verwursten ließ, sah man Ramsey in knapp 30 Kinostreifen, mit Titeln wie "Musik ist Trumpf" (1961) und "Liebesgrüße aus Tirol" (1964). Meist übernahm er komische Nebenrollen und spielte sich selbst: den singenden Bill.

Dafür wurde er geliebt wie auch verachtet. "Es gab Menschen, die grüßten mich nicht mehr", sagt Ramsey. Und schimpft über die elitäre "Jazz-Polizei", die ihn des Verrats bezichtigte, weil er sich dem leicht verdaulichen, kommerziell einträglichen Genre zugewandt hatte.

"Es kommt nicht darauf an, was du spielst, sondern wie du spielst", zitiert er Louis Armstrong. Und verwahrt sich gegen die Schlager-Schublade: "Streng genommen war das gar kein Schlager, das war Novelty! So was gab es vorher gar nicht", betont Ramsey. Ironisch-lustige Nonsenstexte zu einer Musik, die verdammt noch mal swingt.

"Hören Sie doch", ruft er, "man schnipst auf zwei und vier mit den Fingern." Dann legt er los: "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett, nie ins Bett, two, four, two, four, rum-dada-dab-dab-schnapp-schnapp!" Das Feuilleton schalt Ramsey trotzdem einen Schlagersänger, beklagte die "Dauerspülung deutscher Gehörgänge durch Rundfunkwellen mit simpel fabrizierten Bla-Bla-Reimen in gängiger Vertonung", so DER SPIEGEL im Jahr 1963.

Gute-Laune-Clown wider Willen

In den Sechzigerjahren versuchte Ramsey sich von der U-Musik zu emanzipieren und strebte zurück zu seinen Jazz-Wurzeln - "ein schwerer Weg". Denn das Image des Gute-Laune-Clowns klebte an ihm. "Das Publikum will seinen Bill als Stimmungskanone und nicht als Jazz-Interpret", sagte Produzent Gietz 1966 dem SPIEGEL. Erst als Ramsey finanziell in Vorleistung ging, war seine Plattenfirma bereit für ein Album mit Blues und Balladen.

Auch Jahrzehnte später, als Ramsey sich seinen Ruf als Jazz-Größe längst zurückerobert hatte, wollten die Leute stets nur das eine von ihm: die Zuckerpuppe. "Naja, das ist halt mein Schicksal", sagt der Mann mit dem schneeweißen Haar. Er trägt's mit Humor.

Mittlerweile gibt Ramsey keine Konzerte mehr, seit einem Sturz hat er große Probleme mit dem Gehen. Was den passionierten Kunstsammler nicht davon abhält, mit seiner Ehefrau Petra quer durch Deutschland zu Vernissagen zu fahren. Oder mit Britta zu spielen, seiner vierjährigen Terrierdame, die beim Interview im blauroten Spiderman-Kostüm durch die Wohnung tollt.

Seine wöchentliche Radiosendung "Swingtime mit Bill Ramsey" moderiert er weiter, jeden Freitagabend um halb elf. Und er hat einen großen Traum: Dürfte er es sich aussuchen, würde Ramsey gern einmal mit dem Count Basie Orchestra auftreten, der legendären Big Band, die auch nach dem Tod ihres Leaders, des Pianisten Count Basie, weiterjazzt. "Noch hat mich keiner eingeladen", sagt Ramsey und lacht.

Dafür war er bei der Helene-Fischer-Weihnachtsshow zu Gast. "Ein Profi, unglaublich talentiert und sympathisch", schwärmt er. Dass das Feuilleton sich über sie und ihren "Atemlos"-Hit lustig macht ("klingt wie ein Deo", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" 2014), findet er völlig unangebracht. "Die Menschen freuen sich über ihre Musik", sagt Bill Ramsey. "Das ist es doch, was zählt."

insgesamt 9 Beiträge
peter baetz 30.05.2018
1. wer
sich zum thema "novelty" kundig machen will: charlie gillett, "sound of the city" - unverzichtbar ...
sich zum thema "novelty" kundig machen will: charlie gillett, "sound of the city" - unverzichtbar ...
Hans-Gerd Wendt 30.05.2018
2. Jazz
Ich will meinen Nostalgiesenf auch dazugeben: Für mich - Jahrgang 50 und später Beat/Pop/Rockfan - war Bill Ramsey immer schon eine Ausnahme im Schlagergedudel der 50er und Anfang 60er. Diese Mischung aus Powergesang mit [...]
Ich will meinen Nostalgiesenf auch dazugeben: Für mich - Jahrgang 50 und später Beat/Pop/Rockfan - war Bill Ramsey immer schon eine Ausnahme im Schlagergedudel der 50er und Anfang 60er. Diese Mischung aus Powergesang mit einigermaßen gängigen Melodien, vor allem aber so ironischen Texten mag ich heute noch. Ramsey gehörte im deutschen Schlagergeschäft zu einer echten Ausnahme, so wie auch Hazy Osterwald mit seinem Sextett, der ja ebenfalls eigentlich dem Jazz anhing.
Volker Horchler 30.05.2018
3. er lässt sich nicht kleinkriegen
Mit sein bestes Lied habt ihr leider vergessen, sein Tribut an die Gewerkschaft: "Ein bequemer Arbeitnehmer bin ich nicht". Jazzig, albern, einfach schnuggelig
Mit sein bestes Lied habt ihr leider vergessen, sein Tribut an die Gewerkschaft: "Ein bequemer Arbeitnehmer bin ich nicht". Jazzig, albern, einfach schnuggelig
Theo Lieven 30.05.2018
4. Ein guter Musiker.
Und egal, welche Musik gute Musiker machen, die Musik ist immer gut.
Und egal, welche Musik gute Musiker machen, die Musik ist immer gut.
Heinz Beyer 30.05.2018
5.
Bei Bild Nr. 19... Zu Gast bei "Hallo Peter!" 1981 trat Bill Ramsey (rechts) in der Musikshow von Peter Kraus auf (links). Bei dem Mann im Ringelhemd handelt es sich um Schauspieler Horst Janson. ...ist ein kleiner [...]
Bei Bild Nr. 19... Zu Gast bei "Hallo Peter!" 1981 trat Bill Ramsey (rechts) in der Musikshow von Peter Kraus auf (links). Bei dem Mann im Ringelhemd handelt es sich um Schauspieler Horst Janson. ...ist ein kleiner Fehler unterlaufen: Links steht Horst Janson und bei dem Mann im Ringelhemd, handelt es sich um Peter Kraus ;-)

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