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einestages

Bürgerrechtsbewegung in USA

Die Wut der schwarzen Panther

Am 15. Oktober 1966 wurden in Kalifornien die Black Panthers gegründet. Bis heute spalten sie die US-Gesellschaft. Bewaffnet, mit schwarzen Lederjacken und Baskenmützen bekleidet, verfolgten sie die Polizei.

AP
Von
Mittwoch, 27.04.2016   12:04 Uhr

Am 7. Februar 2016 präsentierte Beyoncé in der Halbzeitpause des Super Bowls vor mehr als 100 Millionen Fernsehzuschauern ihren Song "Formation". Am 19. Februar verließ der 69-jährige Albert Woodfox nach mehr als 43 Jahren Isolationshaft das Staatsgefängnis "Angola" im US-Bundesstaat Louisiana. Die beiden Episoden spielten an entgegengesetzten Enden der amerikanischen Gesellschaft - doch für ein paar Tage rückten sie dieselbe Gruppe in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte: die Black Panther Party.

Die Bewegung spaltet bis heute das Land: Für weite Teile des konservativen Amerikas waren die Panthers Kriminelle, Extremisten, Polizistenmörder. Polizeigewerkschaften forderten daher eine Entschuldigung von Beyoncé, riefen gar zum Boykott ihrer Konzerte auf. Der Grund: Bei ihrem Auftritt waren Tänzerinnen in schwarze Lederuniformen und Baskenmützen zu sehen - eine Hommage an die Black Panthers.

William "BJ" Johnson und Cyril "Bullwhip" Innis hingegen sind Beyoncé dafür dankbar. Die beiden ehemaligen Panthers sitzen in einer Bibliothek in Harlem, jenem New Yorker Stadtteil, der wie kein anderer als Zentrum afroamerikanischer Kultur gilt. Gemeinsam mit anderen ehemaligen Mitgliedern organisieren Johnson und Innis eine Gedenkveranstaltung. Sie soll im Oktober in Oakland stattfinden - wo 1966 die Geschichte der Black Panthers begann. Für sie und für viele Linke und Liberale in den USA waren die Panthers revolutionär, weil sie für soziale Gerechtigkeit und gegen die Unterdrückung der schwarzen Minderheit kämpften.

Selbstverteidigung gegen die Polizei

Mitte der Sechzigerjahre war es in den USA vielerorts zu systematischen, gewalttätigen Übergriffen der Polizei gegen Schwarze gekommen. In Kalifornien garantierte das Gesetz in dieser Zeit Bürgern das Recht, Waffen offen zu tragen. Der 24-jährige Huey Newton, Jurastudent aus dem nordkalifornischen Oakland, beschloss, zum Schutz der schwarzen Bevölkerung vor der Polizei von diesem Recht Gebrauch zu machen. Gemeinsam mit seinem Freund Bobby Seale gründete er die Black Panther Party for Self Defense.

Bewaffnet und mit schwarzen Lederjacken, Rollkragenpullovern und Baskenmützen bekleidet, verfolgten die Panthers Polizeistreifen. Wann immer die Polizei einen schwarzen Bürger anhielt, überwachten sie ihre Arbeit. Viele Sicherheitskräfte empfanden das Auftreten der Panthers als einschüchternd.

Auch die Politik war alarmiert. Am 2. Mai 1967 diskutierte das Staatsparlament von Kalifornien einen Gesetzentwurf, der das Tragen von Feuerwaffen verbieten sollte. Um gegen das geplante Gesetz zu protestieren, verschafften sich 26 bewaffnete Panthers Zutritt zum Parlament. Der Vorfall macht sie US-weit bekannt.

"Die größte Bedrohung für die innere Sicherheit"

Im ganzen Land gründeten sich in der Folge Panther-Ortsgruppen, darunter auch eine im New Yorker Stadtbezirk Queens. Cyril Innis, damals 22, und Bill Johnson, damals 18, traten ihr 1968 bei. Ihm sei es vor allem darum gegangen, der Gemeinschaft vor Ort zu helfen, sagt Johnson. Die Panthers hätten ihm Gelegenheit dazu gegeben. Heute ist er vor allem auf eine Bücherei in Queens stolz, die 1969 eröffnete und für deren Errichtung er sich als Panther eingesetzt hatte.

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Black Panthers: Krieger und Stilikonen

Die Popularität der Panthers beruht auch auf solchen Bildungs- und Sozialinitiativen. 1969 riefen sie ein Programm ins Leben, das Schulkinder kostenlos mit Frühstück versorgt. In Oakland gründeten sie eine Schule. In einer Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen wurden die Panthers so zu Ikonen der amerikanischen Linken - und zu Staatsfeinden. FBI-Chef J. Edgar Hoover nannte sie "die größte Bedrohung für die innere Sicherheit des Landes." Er gab die Anweisung, die Panthers zu überwachen, mit Spitzeln zu unterwandern und zu zermürben.

Die Methoden der Behörden reichten von der Fälschung von Beweismitteln bis hin zu außergerichtlichen Tötungen. In der Nacht zum 4. Dezember 1969 wurden der 21-jährige Fred Hampton, Vorsitzender der Black Panthers im Bundesstaat Illinois, und sein Leibwächter von einer Eliteeinheit der Polizei in Hamptons Wohnung in Chicago erschossen. Die Polizei behauptete anschließend, die Beamten hätten in der Wohnung Waffen sicherstellen wollen und seien dabei von den Panthers angegriffen worden; sie hätten in Selbstverteidigung gehandelt.

"Das sind politische Gefangene"

Die Fakten, die später ans Tageslicht kamen, widersprachen dieser Version. Eine Untersuchung der Einschusslöcher in den Wänden ergab, dass die Polizei mehr als 90 Schüsse abgegeben hatte, die Panthers nur zwei. Hampton war durch zwei Kopfschüsse aus kürzester Entfernung getötet worden. Das FBI hatte zuvor einen Spitzel in Hamptons Umfeld geschleust. Von ihm hatte es eine genaue Skizze der Wohnung erhalten. Das Einsatzkommando der Polizei wusste genau, wo Hampton schlafen würde.

"Wir waren nie gegen Weiße", sagt Cyril Innis. "Wir waren gegen das Establishment." Genau deshalb habe der Staat die Panthers zerstört. "Noch heute sitzen Panthers im Gefängnis, nur deshalb, weil sie Panthers sind. Das sind politische Gefangene."

Auch Albert Woodfox, der im Februar frei kam, hatte stets behauptet, man habe ihn als unliebsamen Aktivisten und als Panther-Mitglied loswerden wollen. Woodfox war wegen Mordes an einem Gefängniswärter zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er verbrachte mehr als 43 Jahre in Einzelhaft, obwohl es über die Jahre immer wieder Zweifel an seiner Schuld gab. Auch die Witwe des erschossenen Wärters sprach sich für seine Freilassung aus.

Der Zerfall

Ein Bild allerdings, das die Panthers ausschließlich als sozial fortschrittliche Gruppe im Kampf gegen Ungerechtigkeiten zeigt, wäre unvollständig. Da war zunächst das Auftreten gegenüber Polizisten, das viele als konfrontativ und einschüchternd empfunden hatten. Und die Rhetorik: Polizisten wurden schlicht als "Pigs", Schweine bezeichnet.

Schließlich waren da die kriminelle Vergangenheit vieler Mitglieder, die Schießereien mit der Polizei und Episoden wie der Mord am Panther-Mitglied Alex Rackley. Die Panther-Gruppe in New Haven, im Ostküstenstaat Connecticut, verdächtigte Rackley, einen 19-jährigen Analphabeten, ein FBI-Spitzel zu sein. Rackely wurde unter Folter verhört. Die Panthers banden ihn an einen Stuhl und gossen heißes Wasser über ihn; tagelang war er an ein Bett gefesselt. Nachdem er "gestanden" hatte, wurde er zu einem nahe gelegenen Sumpf gebracht und erschossen.

Der Erfolg der Panthers war nur kurzlebig. Die Bekämpfung durch das FBI, Streitigkeiten in der Führungsriege und das Abdriften des Gründers Huey Newton in die organisierte Kriminalität führten ab Anfang der Siebziger zum Zerfall der Panthers.

Und doch sind die Probleme, die zu ihrer Gründung führten, im heutigen Amerika wieder allgegenwärtig: Tamir Rice, ein afroamerikanischer Zwölfjähriger, der in Cleveland von einem Polizisten erschossen wurde; Eric Garner, der in New York von einem Polizisten in den Schwitzkasten genommen wurde und starb; Laquan McDonald, der in Chicago durch 16 Schüsse eines Polizisten getötet wurde.

Viele Schwarze empfinden die Polizei noch immer als Bedrohung. Es haben sich Aktivistengruppen wie Black Lives Matter gebildet, die gegen Polizeigewalt kämpfen. "Die jungen Aktivisten fragen noch immer nach unserem Rat", sagt Cyril Innis. Er blickt auf den Tisch herab, an dem er sitzt. "Irgendwas müssen wir richtig gemacht haben."

insgesamt 6 Beiträge
Heide Berndt 27.04.2016
1. Bis heute spalten sie die US-Gesellschaft.... wohlgemerkt die Black Panthers.....
das ist Geschichtsklitterung nach bester bürgerlicher Manier. Nicht etwa die bis heute anhaltende Rassendiskriminierung, die fortwährt seit den Zeiten der Sklaverei spaltet die US-Gesellschaft, nein die Black Panthers, die es [...]
das ist Geschichtsklitterung nach bester bürgerlicher Manier. Nicht etwa die bis heute anhaltende Rassendiskriminierung, die fortwährt seit den Zeiten der Sklaverei spaltet die US-Gesellschaft, nein die Black Panthers, die es seit den 70ern schon nicht mehr gibt!
Ingolf Tabbert 27.04.2016
2. Nicht
die Black Panthers haben die US-Gesellschaft gespalten, es war und ist die kapitalistische weiße Oberschicht. Der Rassismus der Weißen gegen die Schwarzen wird aufrechterhalten, damit der weiße ausgebeutete Arbeiter, der weiße [...]
die Black Panthers haben die US-Gesellschaft gespalten, es war und ist die kapitalistische weiße Oberschicht. Der Rassismus der Weißen gegen die Schwarzen wird aufrechterhalten, damit der weiße ausgebeutete Arbeiter, der weiße Arme an der Suppenküche noch jemanden hat, auf den er herabsehen kann. "Divide et impere", so wird die bürgerliche Gesellschaft auch in den USA gespalten, für die ungestörte Profitmaximierung der Oberschicht. Die haben die Black Panther zumindest ein wenig gestört. Schon dafür sei ihnen ewiger Dank.
steiner.bernd 27.04.2016
3. Die Probleme heute
bei der amerikanischen Polizei sind, daß die Ausbildungszeit zum Polizisten sehr kurz ist, bzw. meiner Meinung auch schon nach unzureichenden Schulabschluß zum Polizisten ausgebildet werden.
bei der amerikanischen Polizei sind, daß die Ausbildungszeit zum Polizisten sehr kurz ist, bzw. meiner Meinung auch schon nach unzureichenden Schulabschluß zum Polizisten ausgebildet werden.
Frank Roger 28.04.2016
4. Der weiße Blick
"Viele Schwarze empfinden die Polizei noch immer als Bedrohung" -empfinden? Der Autor scheint dank seines "white privilegs" genauso blind zu sein wie die amerikanische Justiz - für den strukturellen Rassismus, [...]
"Viele Schwarze empfinden die Polizei noch immer als Bedrohung" -empfinden? Der Autor scheint dank seines "white privilegs" genauso blind zu sein wie die amerikanische Justiz - für den strukturellen Rassismus, der hinter den beinahe alltäglich stattfindenden Polizistenmorden an Schwarzen in den USA steckt. Wer spaltet hier die Gesellschaft? Diejenigen, die diskriminieren - ganz in der Tradition der amerikanischen Sklavenhalterdemokratie des 19. Jahrhunderts - oder diejenigen, die sich dagegen wehren? Für alle, die der Überzeugung sind, dass "Black lives matter", ist die Verdrehung von Ursache und Wirkung in diesem Artikel der blanke Hohn. Der Ansatz der Black Panther erscheint hochaktuell - zum Glück übernimmt eine breite Zivilgesellschaft heute die Kontrolle der Polizei und befördert dank Smartphones und sozialer Medien zahlreiche Lügen und Tatsachenverdrehungen ans Tageslicht.
Rolf Radicke 28.04.2016
5. Dank Handys
Dank Handys werden heute viele der von Polizisten an Schwarzen veruebten Morde als voellig unnoetig entlarvt, dennoch haben die Taeter wenig oder nichts von der Justiz zu fuerchten. Die Black Panthers waren das Gegenstueck zu [...]
Dank Handys werden heute viele der von Polizisten an Schwarzen veruebten Morde als voellig unnoetig entlarvt, dennoch haben die Taeter wenig oder nichts von der Justiz zu fuerchten. Die Black Panthers waren das Gegenstueck zu den Weissen, die das Recht, Waffen tragen zu duerfen, fuer sich einfordern. Die einen wollten sich gegen die Staatsgewalt verteidigen, die anderen wollen gegen sie rebellieren. Die Staatsgewalt hat dann weiter aufgeruestet, um jeden Widerstand brechen zu koennen.

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