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einestages

Blaxploitation-Kino

Superhelden aus dem Ghetto

"Shaft", "Foxy Brown" und "Cleopatra Jones": Anfang der Siebzigerjahre eroberten erstmals schwarze Helden und Heldinnen die Kinos - und feierten auf der Leinwand eine Orgie aus Sex, Drogen und Gewalt. Bis schwarze Bürgerrechtler gegen die Blaxploitation-Filme auf die Barrikaden gingen.

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Mittwoch, 20.05.2009   12:14 Uhr

Nein, diesem Typen macht so schnell keiner etwas vor. Wiegenden Schrittes bewegt er sich durch Harlem, als einsamer Kämpfer, der jeden kennt, mit seinem schicken Rollkragenpulli und der Lederjacke. Ein Macho, der weiß, wie man eine Lady zu behandeln hat; ein Großmaul, der ein Herz hat für die Schwachen und die Hilflosen; ein stolzer Fighter für das Gute, der das Halblegale nicht scheut. Keiner ist wie er, denn er ist Shaft. Oder viel mehr: SHAFT!

Denn dieser Mann ist nicht nur die Hauptfigur aus dem gleichnamigen Film von 1971, er ist ein Statement. Dieser Shaft, der unkorrumpierbare Privatdetektiv, ist anders als die schwarzen Charaktere, die Hollywood vorher zu bieten hatte. Kein tumber Spaßvogel, der dem weißen Helden die Stichworte gibt, kein Bösewicht, der braven Mädchen nach dem Leben trachtet, und vor allem kein schweigender Diener des weißen Establishments.

Als der Schauspieler Richard Roundtree in Gordon Parks "Shaft" erstmals den gleichnamigern Supermacker gab, zementierte er damit den endgültigen Durchbruch einer neuen Art von Filmhelden: der bewaffnete, selbstbewusste, schwarze Ghettotyp mit großem Herzen - und natürlich Sex-Appeal. So fragte Isaac Hayes in seinem berühmten Titelsong zum Film: "Who's the black private dick that's a sex machine to all the chicks?" Nur um von den Backgroundsängerinnen die einzige mögliche Antwort entgegengeschleudert zu bekommen. Na, wer schon: "SHAFT!"

Black Power für eine Million Dollar

Knapp über eine Million Dollar hat der Film gekostet, was nicht übertrieben viel, für damalige Verhältnisse aber auch nicht gerade billig war. Doch nachdem "Shaft" in den USA schnell mehr als das Zehnfache wieder eingespielt hatte, war den Studios klar, dass mit dieser Form von Kino ein großes Publikum zu erreichen und noch mehr Geld zu verdienen war. Die Welle der "Blaxploitation"-Filme der siebziger Jahre schwoll an.

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Shaft, Coffy und Blacula: Die schwarzen Leinwandhelden der Siebziger

Schon die Wortschöpfung aus "black" und "exploitation" (was man mit "Ausbeutung", aber auch mit "Verwertung" übersetzen kann) war genial und lieferte die Anleitung, um was es hier ging, gleich mit: Klassische Exploitation-Filme. Also anspruchslose, günstig produzierte Reißer mit jeder Menge Sex und Gewalt - mit schwarzen Helden für ein schwarzes Publikum. Keine große Filmkunst, sondern Unterhaltung für die Massen, mit einer einzigen Botschaft: Black Power.

Die Zeit dafür war reif. In den sechziger Jahren hatte die schwarze Bürgerrechtsbewegung immer mehr an Einfluss gewonnen, das Gesetz zur Rassentrennung war gefallen, Martin Luther King hatte auf versöhnliche Weise und Malcolm X mit aggressiverem Tonfall für die Rechte der Schwarzen in den USA gekämpft und beide mussten dabei sterben. Die Black Panther Party hatte sich formiert, um lautstark und nicht ohne Drohgebärden gegen die Unterdrückung vorzugehen.

Gerade jüngere Schwarze wuchsen mit einem neuen Selbstbewusstsein und einer schwelenden Wut gegen das weiße Establishment auf. "Sei Ghetto, aber sei stolz drauf!", lautete das Motto. Das Blaxploitation-Kino lieferte die passenden Bilder dazu.

Hauptsache reißerisch und actiongeladen

Dabei war "Shaft" zwar das erfolgreichste, aber längst nicht das erste Exemplar seiner Gattung. Schon 1969 hatte Ossie Davis mit seiner Komödie "Cotton comes to Harlem" um zwei schwarze unbestechliche Polizisten für Aufsehen gesorgt. Der wahre Vorreiter des Genres war aber die Satire "Watermelon Man" (1970) vom Regisseur Melvin van Peebles. Es geht darin um einen mit Vorurteilen beladenen, weißen Spießer, der plötzlich als Schwarzer aufwacht. Damit ging "Watermelon Man" ganz offen gegen die Ignoranz der weißen Mehrheit an.

Zur Legende wurde dann van Peebles unabhängig finanzierte, gewaltreiche und hoch unterhaltsame Widerstandshymne "Sweet Sweetback's Baadasssss Song". In der flieht ein unschuldig verhafteter junger Schwarzer durch Los Angeles, nachdem er ein paar korrupte Cops verprügelt hat. Das Revolutionärste daran war das Ende. Denn im Gegensatz zur üblichen Auflösung, bei der Entflohene den Anti-Helden-Tod sterben müssen, entkommt Sweetback tatsächlich und schwört auch noch Rache.

Soviel Botschaft und subversiver Geist war den folgenden, kommerziellen Blaxploitation-Filmen indes eher fremd. Verbarg sich in Gordon Parks Jr.'s (dem Sohn des "Shaft"-Regisseurs Gordon Parks) Dealer-Drama und späterem Klassiker "Super Fly" von 1972 noch ein beißender Abgesang auf den verlogenen, weißen amerikanischen Traum, ging es danach in der Regel deutlich simpler zu. Hauptsache reißerisch und actiongeladen, mehr war nicht gefragt, wie bei dem Profikiller-Epos "Hit Man" von 1971. Beliebt war es auch, einfach eine schwarze Version eines weißen Klassikers zu drehen. So entstanden absurde Werke wie die Dracula-Variante "Blacula" (1972), das Frankenstein-Remake "Blackenstein" (1973), die Exorzisten-Nummer "Abby" (1974) oder "Dr. Black and Mr. Hyde" (1976).

Kultureller Genozid durch Blaxploitation?

Bemerkenswert war jedoch, dass das Genre sich schnell als Hort junger, starker Frauen etablierte, die mindestens so hart drauf waren wie ihre männlichen Kollegen. Die Schauspielerinnen Tamara Dobson ("Ein Fall für Cleopatra Jones") und natürlich Pam Grier ("Foxy Brown", "Coffy") wurden so zu unvergessenen Kino-Ikonen, die kein Problem damit hatten, jeden Kerl wegzupusten, der ihnen krumm kam.

Doch nicht jeder schwarze Bürgerrechtler war glücklich mit dem wachsenden Einfluss des Blaxploitation-Kinos. Viele warfen den Filmen eine Glorifizierung der alten Klischees vor: junge Schwarze als gefährliche Gangstertypen, die es zu fürchten galt. Junius Griffin, Aktivist der einflussreichen schwarzen Bürgerrechtsbewegung NAACP geißelte die Stereotypisierung in den Filmen gar als "kulturellen Genozid". Die sich aus diversen Bürgerrechtsorganisationen formierte "Coalition against Blaxploitation" trat für ein strenges Bewertungssystem der Filme ein, das sie als "gut", "akzeptabel" oder "anstößig" klassifizieren sollte - wogegen sich sofort massiver Widerstand von Künstlerseite formierte.

Die Kontroverse schaukelte sich soweit hoch, dass spätestens als eine anonyme militante Gruppe das Auto eines Studiobosses anzündete, die großen Hollywood-Studios sich ab 1974 langsam aber bestimmt von dem Genre verabschiedeten. Schon 1976 war Blaxploitation im Kino wieder Vergangenheit.

Tot ist Blaxploitation deshalb noch lange nicht. Bis heute gibt es in regelmäßigen Abständen halbwegs erfolgreiche Reanimationsversuche, wie Mario van Peebles' (Sohn von "Sweetback"-Regisseur Melvin van Peebles) Gangstergeschichte "New Jack City" von 1991, John Singletons großartige South-Central-Saga "Boyz N The Hood" aus dem gleichen Jahr, Quentin Tarantinos famoses Pam-Grier-Denkmal "Jackie Brown" (1997), Singletons eher harmlose "Shaft"-Version aus dem Jahr 2000 mit Samuel L. Jackson oder die mitreißende Zuhälterballade "Hustle & Flow" von Craig Brewer von 2005. An alte Zeiten anknüpfen konnten sie auf lange Sicht aber alle nicht. Wirklich am Leben ist die Blaxploitation höchstens noch in den Musikvideos der HipHop-Welt von 50 Cent bis Method Man. Aber auch hier scheint die aggressive Gangsta-Attitude an Bedeutung zu verlieren und weicht langsam einem künstlerischen Zugang, wie ihn zum Beispiel Kanye West gerade lebt.

Die Zeit wäre günstig für neues Remake von "Shaft". Aber nicht so ein lauer Aufguss wie 2000. Die Welt braucht nicht einfach einen neuen Shaft. Sie braucht eben SHAFT!

insgesamt 3 Beiträge
Juergen Eichholz 20.05.2009
1.
"Die Welt braucht nicht einfach einen neuen Shaft. Sie braucht eben SHAFT" Hat sie doch schon. Barack Hussein Obama II. :-) Im Zusammenhang mit Blaxpoitation ebenfalls interessant ist folgende Dokumentation auf [...]
"Die Welt braucht nicht einfach einen neuen Shaft. Sie braucht eben SHAFT" Hat sie doch schon. Barack Hussein Obama II. :-) Im Zusammenhang mit Blaxpoitation ebenfalls interessant ist folgende Dokumentation auf YouTube http://www.youtube.com/watch?v=cfbSlkbyIN0
Christoph Koeberlin 20.05.2009
2.
Der Sound der Filme ist immer noch lebendig: The TwoTeam.
Der Sound der Filme ist immer noch lebendig: The TwoTeam.
alain ayadi 20.05.2009
3.
Vielen Dank für diesen interessanten Artikel! Es sollte aber nicht die Musik zu diesen Filmen vergessen werden. Besonders erwähnenswert scheinen mir das Album von Willie Hutch / 'Foxy Brown' auf Motown von 1974 mit einem tollen [...]
Vielen Dank für diesen interessanten Artikel! Es sollte aber nicht die Musik zu diesen Filmen vergessen werden. Besonders erwähnenswert scheinen mir das Album von Willie Hutch / 'Foxy Brown' auf Motown von 1974 mit einem tollen Pam Grier Cover; Edwin Starr / 'Hell up in Harlem' auch 1974 auf Motown. Die kongeniale Musik von Curtis Mayfield zu 'Superfly' mit Meilensteinen der Soul Music wie: 'Pusher Man', 'Superfly', 'Freddies Dead' und 'Pusher Man'. Diese Songs werden auch heute noch vielfach als Zitat gesampelt und sind unverkennbar wie das Intro von SHAFT!

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