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Militärdiktatur in Brasilien

"Folter ist eine Wunde, die für immer blutet"

Brasilien ist bis heute geprägt von den Jahrzehnten der Militärdiktatur und ihren Verbrechen. Für den künftigen Präsidenten Jair Bolsonaro sind die Machthaber von damals Helden - er verhöhnt ihre Opfer.

Blog Família Bolsonaro
Von Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl, Rio de Janeiro
Donnerstag, 08.11.2018   16:14 Uhr

Sie waren erst vier und fünf Jahre alt. Edson und Janaína wurden von Militärs gezwungen anzuschauen, wie ihre Mutter Amelinha gequält wurde, nackt und vom eigenen Urin beschmutzt. "Oberst Carlos Alberto Brilhante Ustra war der Erste, der mich ins Gesicht geschlagen hat, sodass ich zu Boden ging", so Amelinha Teles. "Zehn Tage lang mussten die Kinder zusehen, wie ich auf dem Drachenstuhl, einem elektrischen Stuhl, gefoltert wurde, voller blauer Flecken, mit deformiertem Gesicht, in der Zelle. Es war die Hölle."

Maria Amélia de Almeida "Amelinha" Teles war Kommunistin und leistete Widerstand gegen Brasiliens Militärdiktatur (1964 bis 1985). Die Militärs warfen ihr die Herstellung und Verbreitung kommunistischer Flugblätter und Zeitungen vor. Als 28-Jährige war sie 1972 festgenommen worden, mit ihrem Mann César Augusto Teles und dem Freund Carlos Nicolau Danielli. Sie musste zusehen, wie ihr Parteigenosse Danielli nach drei Tagen Dauerfolter starb.

Oberst Ustra war von 1970 bis 1974 Chef des DOI-CODI in São Paulo. Die Geheimdienstbehörde jagte politische Feinde im Innern. In ihrem berüchtigten Folterzentrum wurden unter Ustras Kommando mehr als 500 politische Häftlinge gefoltert, mindestens 60 ermordet - ein Gericht sprach später vom "Haus des Horrors".

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Jair Bolsonaro in Brasilien: Ein ultrarechter Fan der Folterer

Ustras Leute folterten auch Dilma Rousseff, damals 22, Studentin und Mitglied einer Widerstandsgruppe. Die spätere Präsidentin wurde an den Füßen aufgehängt, mit Stromschlägen gequält und drei Jahre lang inhaftiert. Ein Zahn fiel ihr aus, weil die Militärs so hart zugeschlagen hatten. 1971 folterte Ustra den Journalisten Luiz Eduardo Merlino zu Tode und ließ den Mord als Selbstmord vertuschen.

Ustra war der gefürchtete "Herr über Leben und Tod" - für Jair Bolsonaro ein "brasilianischer Held". Bolsonaro selbst, rechtsextremer ehemalige Fallschirmjäger und Hauptmann der Reserve, gewann am 28. Oktober die Präsidentschaftswahl. Kurz zuvor hatte er vor der vermeintlichen kommunistischen Gefahr gewarnt und "eine in der Geschichte des Landes nie da gewesene Säuberung" angekündigt. In TV-Interviews leugnete Bolsonaro, dass die Militärherrschaft eine Diktatur war, und nannte als größten Fehler der Generäle: "nur zu foltern und nicht zu töten".

Brutale Unterdrückung der Opposition

Bolsonaros Gegner befürchten eine Rückkehr zum Militärregime. Zu seinem Amtsantritt am 1. Januar werden Militärs Schlüsselpositionen besetzen; auch Vizepräsident Hamilton Mourão ist ein Ex-General, der nicht viel für demokratische Institutionen übrig hat. "Wir erleben in Brasilien gerade einen bedrohlichen Geschichtsrevisionismus, der die Erinnerung an die brutale Vergangenheit verdrängt, um den derzeitigen autoritären Diskurs zu legitimieren", sagt die Politikwissenschaftlerin Cristina Buarque de Hollanda.

Im Wahlkampf inszenierte Bolsonaro sich als Messias, als Retter Brasiliens. Ähnlich sahen sich die Putschisten einst als "Revolutionäre". Auch ihnen bereitete Unzufriedenheit der Bevölkerung den Weg an die Macht. Als Brasilien unter einer Wirtschaftskrise litt, entmachteten Militärs 1964 den linken Präsidenten João Goulart und stießen kaum auf Widerstand im Kongress, in der Bevölkerung, den Medien oder Kirchen.

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Der Putsch sei nicht "wie ein Blitz aus dem Himmel gefallen", sagt der Historiker Daniel Aarão Reis: "Die zivile Dimension der Militärdiktatur ist unbestreitbar, selbst wenn die Spitze der Machtpyramide von Militärchefs besetzt war."

Schritt für Schritt bauten die Militärs ihre Macht aus, unterdrückten Kritik, diffamierten Oppositionelle als Terroristen und verfolgten sie brutal. Viele Linke und Intellektuelle flohen ins Ausland. Gegen Studenten, die Proteste organisierten, gingen die Militärs mit Massenverhaftungen vor, mit Gewalt, Folter und Mord.

Im Untergrund bildeten Kommunisten Guerillagruppen, um die Machthaber mit Waffen zu bekämpfen. Bombenanschläge erschütterten das Land - wie sich später herausstellte, kamen Attentäter auch aus den Reihen des Militärs, um die Repression zu rechtfertigen. Anfang der Achtzigerjahre war die Wirtschaftslage desaströs. Mit einer Hyperinflation wurde Brasilien zum höchstverschuldeten Entwicklungsland, viele Brasilianer litten Hunger. Massenproteste und Streiks verstärkten sich.

"Lizenz zum Foltern"

Erst 1985 gab das Regime die Macht ab, hatte aber noch deutlich vor dem Übergang zur Demokratie 1979 ein Amnestiegesetz verabschiedet, um Folterern und Mördern Straffreiheit zu garantieren. "Die Täter wurden nie verurteilt", sagt Cristina Buarque de Hollanda. "Direkt nach der Diktatur wurden die Verbrechen, die von staatlichen Akteuren begangen wurden, nur von zivilgesellschaftlichen Gruppen angeprangert." Die offizielle Aufarbeitung begann erst Jahre später, unter den linksgerichteten Regierungen.

1995 richtete die Regierung von Präsident Fernando Henrique Cardoso, der aus dem Exil zurückgekehrt war, das Sonderkomitee für Tote und Verschwundene ein. Ab 2001 organisierte die Amnestiekommission Entschädigungszahlungen an politisch Verfolgte; ab 2011 untersuchte die Nationale Wahrheitskommission systematisch die Menschenrechtsverbrechen während der Militärdiktatur. Weitere 150 Kommissionen erforschten Gewaltakte auf städtischer oder regionaler Ebene oder in Universitäten.

Video: Brasilien feiert, Brasilien trauert

Foto: AP

Amelinha Teles arbeitete daran mit. "Folter ist eine Wunde, die für immer blutet", sagt sie. Das Amnestiegesetz schützte auch Oberst Ustra. Mit ihrer Familie erklagte sich Teles 2008 zumindest, dass Ustra als "Folterer" bezeichnet werden darf. In einem weiteren Fall wurde Ustra 2012 in erster Instanz verurteilt, der Familie des ermordeten Journalisten Merlino Schmerzensgeld zu zahlen, doch im Oktober 2018 wies ein Gericht die Ansprüche ab - wegen Verjährung.

Merlinos Witwe Angela Mendes de Almeida bezeichnete die Entscheidung als "Lizenz zum Foltern" und "Skandal". Der Oberst stritt bis zuletzt alle Vorwürfe ab. "Ich war niemals ein Mörder", sagte Ustra 2013 vor der Wahrheitskommission und leugnete auch "Gewaltexzesse". Er starb im Oktober 2015 im Alter von 83 Jahren.

Bolsonaro verspottete Folteropfer

In ihrem Abschlussbericht 2014 wies die Wahrheitskommission die Grausamkeiten der Militärdiktatur nach: 434 Ermordete und Verschwundene, 1800 Fälle von Folter - bei einer hohen Dunkelziffer. Probleme wie der fehlende Zugang zu Militärakten hätten ihre Arbeit behindert, monierten die Wissenschaftler. Militärs behaupteten, die Dokumente seien zerstört worden.

Bis heute ist der Widerstand gegen Aufarbeitung groß in Brasilien. "Die Wahrheitskommissionen haben sehr erfolgreich die Gewalt erforscht und ein Licht auf die Schicksale von Opfern geworfen", so Cristina Buarque de Hollanda. "Sie sind aber daran gescheitert, das Land zu versöhnen. Im Gegenteil: Sie haben schlafende Feindseligkeiten aufgeweckt." Dass die Machtübernahme der Militärs 1964 ein Putsch war, leugnen viele Brasilianer bis heute - so wie Jair Bolsonaro.

Als der Abgeordnete 2016 für das Amtsenthebungsverfahren der linken Präsidentin Dilma Rousseff votierte, widmete er seine Stimme dem Cheffolterer: "Zum Gedenken an Oberst Carlos Alberto Brilhante Ustra, dem Schrecken von Dilma Rousseff." Er erntete Buhrufe - aber auch tosenden Applaus.

Bolsonaro habe "damit Karriere gemacht, die Diktatur und Folter zu verteidigen", sagt die angesehene Journalistin Miriam Leitão, die 1972 selbst gefoltert wurde, weil sie damals Mitglied der Kommunistischen Partei war. Ihre Peiniger sperrten die schwangere Frau nackt in einen dunklen Raum, mit einer Schlange. "Die arme Schlange", höhnte Bolsonaro später.

Für alle, die unter der Diktatur litten, ist die Wahl des Ultrarechten, der seit fast 30 Jahren Hass verbreitet, ein Schlag ins Gesicht. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch einmal erleben muss", sagt Amelinha Teles. Sie fürchtet eine Rückkehr der Militärherrschaft: "Das Risiko ist immer vorhanden - und gerade rückt es sehr nah."

insgesamt 5 Beiträge
Gisela Puschmann 08.11.2018
1. Bolsonaro
Ist eine Schande für Brasilien. Einer der Folter und Mord befürwortet, einer der Wählen als Unsinn und Demokratie als lächerlich betrachtet, einer der Folteropfer verhöhnt, einer der Frauen und Menschen anderer Ethnien [...]
Ist eine Schande für Brasilien. Einer der Folter und Mord befürwortet, einer der Wählen als Unsinn und Demokratie als lächerlich betrachtet, einer der Folteropfer verhöhnt, einer der Frauen und Menschen anderer Ethnien als minderwertig abqualifiziert verdient weder Respekt noch Achtung. Von denen, die ihn gewählt haben, werden viele erkennen, dass die Willkür solcher Kerle nebst ihrer eifrigen Helferchen vor niemandem Halt macht. Nur ist es dann zu spät, die Wahl zu bereuen. Gute Nacht Brasilien!
Sven Moede 09.11.2018
2.
Lässt schlimmes befürchten für das Land. Und danach will es wie immer niemand gewesen sein.
Lässt schlimmes befürchten für das Land. Und danach will es wie immer niemand gewesen sein.
Zelda Hut 09.11.2018
3. Er wurde scheinbar gewählt.
Die Mehrheit der Leute wollen anscheind einen sogenannten starken Mann an ihrer Spitze. Einer der sie vor irgendwelchen lächerlichen Gefahren beschützt... Ich kann nicht verstehen, wieso man jemanden hinterherläuft der [...]
Die Mehrheit der Leute wollen anscheind einen sogenannten starken Mann an ihrer Spitze. Einer der sie vor irgendwelchen lächerlichen Gefahren beschützt... Ich kann nicht verstehen, wieso man jemanden hinterherläuft der eventuell eine neue Militärherrschaft errichten will. Es ist traurig für die Minderheit, die jetzt eventuell ihre Heimat verlassen muss, oder wieder gegen die Regierung aktiv kämpfen muss. Es kann durchaus sein, dass neue Bombenanschläge stattfinden und Unruhen ausbrechen... Das ist der große Nachteil, wenn man einen starken Mann wählt. Es führt meist in eine Katastrophe es gibt nur weniger Länder die damit gut leben können. Saudi Arabien und Nord Korea sind noch relativ gute Beispiele wo es klappt... aber wer will in solchen Ländern leben^^.
Lars Mach 09.11.2018
4. Kriminelle Menschenhasser
Kriminelle Menschenhasser werden vielerorts Politiker nach Jahrhunderten der Unterdrückung durch Schreckensherrscher. Man hört und liest - und man wundert sich über die Verlässlichkeit menschlicher Borniertheit.
Kriminelle Menschenhasser werden vielerorts Politiker nach Jahrhunderten der Unterdrückung durch Schreckensherrscher. Man hört und liest - und man wundert sich über die Verlässlichkeit menschlicher Borniertheit.
A. Fahl  12.11.2018
5. Wille des Volkes
Das Volk will es wohl so. Es wird in paar wenigen Jahren merken, was es davon hat. Jeder der anders denkt kann ich nur raten das Land schleunigst zu verlassen.
Das Volk will es wohl so. Es wird in paar wenigen Jahren merken, was es davon hat. Jeder der anders denkt kann ich nur raten das Land schleunigst zu verlassen.

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