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einestages

Bundesligafans in der DDR

Wolles verbotene Liebe

Wolfgang Großmann wuchs nahe Dresden auf, entflammte aber früh für Borussia Mönchengladbach. Deshalb galt er als Staatsfeind, die Stasi jagte ihn, Freunde wurden zu Verrätern - ein Fan zwischen Ost und West.

privat
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Montag, 28.05.2018   14:07 Uhr

Kurz vor der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien ist die Stimmung im deutschen Quartier miserabel. Toni Schumacher, Manni Kaltz, Hans-Peter Briegel, Kalle Rummenigge - sie sollen die Bundesrepublik zum Titel führen. Doch was eine Mannschaft sein soll, ist im Trainingslager in zerstrittene Kleingruppen zerfallen. Am spöttisch "Schlucksee" genannten Schluchsee im Schwarzwald spielen die Fußballer viel Karten und trinken dabei reichlich Alkohol.

Was daran schlimm sein soll, darf man Wolfgang Großmann nicht fragen. Zur gleichen Zeit besteigt "Wolle", 25, am Abend des 11. Juni 1982 am Elbufer das Fahrgastschiff "Leipzig" zur Mondscheinfahrt der Weißen Flotte. Seine 13 Kumpels werden Schalke, Werder oder Hamburg genannt. Sie tragen Fanschals, die es in der DDR nicht zu kaufen gibt, und singen Lieder, die hier verboten sind. Sie sind der "Fanclub Dresdner Löwen 81": erster und einziger Bundesliga-Fanclub der DDR.

In Sachen Fußballbegeisterung lassen die Kontrollfreaks der DDR ihren Bürgern in diesen Jahren etwas Spielraum. Fankurven zählen zu den wenigen Orten im Land, wo man sagen - brüllen - darf, was man will. Nur: Die Liebe soll gefälligst auf die richtige Seite der Mauer fallen. Auf Wismut Aue, Stahl Brandenburg oder Dynamo Dresden, natürlich auf die DDR-Nationalmannschaft. Wer sich in Eintracht Frankfurt, den 1. FC Nürnberg oder Borussia Mönchengladbach verknallt, hat sich die Falsche ausgesucht.

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Fußballfan in der DDR: Liebe und Freiheit, Knast und Hass

Verbotene Liebe hat ihren eigenen Reiz. Viele in der DDR drücken auch West-Klubs die Daumen. Das können sie verstecken und leben ihre Sehnsucht nach Bundesligafußball zumeist vor dem Radio oder dem Fernseher aus. Nicht jeder ist so verrückt wie Wolle Großmann.

Aber dennoch hat sich Wolle...

Geboren wurde er 1957 in Mönchengladbach und zog zwei Jahre später mit seinen Eltern nach Weistropp, Heimat des Vaters. In dem kleinen Dorf an der Klippe zum "Tal der Ahnungslosen" in Dresden musste man zwar auch für Fleisch anstehen, aber die Nachbarn halfen einander, die großen Fernsehantennen im Garten aufzustellen, um die ARD zu empfangen. DDR light.

Wolle war 14, als die Familie nach Dresden-Neustadt zog. Statt Cowboy und Indianer spielte er jetzt Rowdy und Gendarm in den Stadien der DDR-Oberliga. In der Kurve von Dynamo Dresden lernte er Typen kennen, die Ajax oder Pavian genannt wurden und Fußball liebten, aber nicht die DDR. Säufer, Schläger, Rocker, Rebellen.

Im Sommer 1981 sind das seine Leute. Sie hören im Stadion die Bundesligakonferenz im Radio und stellen ihre Zuneigung zu einem West-Verein auch deshalb so zur Schau, weil das so wunderbar das Establishment provoziert. Manchmal gibt es blaue Flecken durch die sozialistischen Wegweiser der Polizei, fast immer Keile mit den Fans aus Leipzig, Ost-Berlin oder Rostock.

Wolle ist glühender Fan von Borussia Mönchengladbach, der Verein seiner Geburtsstadt für ihn ein Symbol der Freiheit. Sein Herz schlug früh für die "Fohlenelf" um Günter Netzer, Berti Vogts, Jupp Heynckes und Hacki Wimmer. Den ersten Ausreiseantrag aus der DDR reicht er noch während seiner Lehre zum Baufacharbeiter ein. Von da an hat ihn die Staatssicherheit auf dem Kieker. Ein Mann will die DDR verlassen, weil er Fußball gucken möchte. Die Genossen lassen ihn nicht. Auch dann nicht, als er die Anträge direkt an Erich Honecker zu adressieren beginnt.

...ganz prächtig amüsiert

Zur Zeit der Mondscheinfahrt hat die Stasi Wolle schon so oft verhört, dass er davor keine Angst mehr hat. Bereits 1978 war er in Breslau, um erstmals seinen Herzensklub zu sehen, und landete am Vorabend der Partie mit Udo Lattek, Jupp Heynckes und Allan Simonsen an der Hoteltheke. Drei Jahre später wurde Gladbach im Uefa-Cup dem 1. FC Magdeburg zugelost; Wolle schaffte es auf abenteuerliche Weise ins Hotelzimmer von Lothar Matthäus.

Im Juni '82 wird auf der "Leipzig" amtlich getagt. Wolle, Initiator und 1. Vorsitzender des Bundesliga-Fanclubs, hat einen Kellner als alten Kumpel vom Dorf erkannt und ihm zur Begrüßung 50 Ost-Mark in die Brusttasche gesteckt. Nun wird der Tisch bevorzugt bedient. 14 Bier, 14 Schnaps, gleich noch mal. Die Fußballfans machen, was Fußballfans ab einem gewissen Pegel machen: Sie singen. "Blau und Weiß, wie lieb ich dich!" - "Oh, du wunderschöner VfL" - "Wer für Deutschland klatscht, der klatsche in die Hand!" - "Wer auf Spanien scheißt, der klatsche in die Hand!"

Als der Dampfer bei Schloss Pillnitz wendet, haben sich schon die ersten Passagiere beim Kapitän beschwert. Die wilde Partymeute feiert das Outlaw-Gefühl. Was sie nicht ahnen: dass die Stasi Bescheid weiß.

Gleich nach der Gründung wurden Fanclub-Mitglieder als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) angeworben. Mindestens zwei, wie die Unterlagen belegen, vermutlich drei oder vier. Sie sind Fans von Werder Bremen oder Bayern München, sie sind bei den als Taubenzüchter-Mitgliederversammlung getarnten "Löwen"-Treffen dabei, tauschen "kicker"-Ausgaben und zeigen stolz den nächsten Stuttgart-Schal, der es über die Grenze geschafft hat. Sie trinken Bier und quatschen über Fußball. Und erzählen es dann der Stasi.

"Politisch unreife Jugendliche"

Die sammelt Erkenntnisse wie "Das Spielen von Fußball-Toto ist im Fanclub Pflicht. Die Spielregeln sind beim Totomann zu erfahren" oder "Überhaupt wird bei jedem Treffen sehr viel Alkohol getrunken". Was die Stasi so notiert (Rechtschreibfehler wie im Original):

"Bei den bekanntlich zum Club gehörenden 14 Mitgliedern handelt es sich um Jugendliche, welche größtenteils politisch unreif und nicht in der Lage sind, einfache politische Zusammenhänge zu beurteilen und zu erfassen. (...) In dem sie sich an den jeweiligen Handlungsorten vor den Unterkunfts-, Trainings- und Spielstätten ihrer Idole, den Spielern der BRD-Profimannschaften, zusammentreffen, um Eintrittskarten, kleine Geschenke oder Autogramme zu erhalten, stellen sie sich bereits bewusst, bzw. teils unbewusst in den Dienst westlicher Massenmedien, welche diese Verhaltensweise journalistisch bearbeiten und darüber in diffamierender Art und Weise berichten. Durch diese Handlungsweisen der Mitglieder der Gruppierung entstehen für die gegnerischen Kräfte unmittelbare Möglichkeiten zur Durchführung zielgerichteter Angriffe zum Nachteil des DDR-Sports, zur Diffamierung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR sowie zur Realisierung seiner Kontaktpolitik/Kontakttätigkeit."

Wolle, der Fußballfan, ist also ein Staatsfeind. Um die Gruppe zu "zersetzen", geben die zuständigen Offiziere einen "Operativen Vorgang" (OV) in Auftrag. Ein IM, der bei der Mondscheinfahrt gar nicht dabei ist, weiß hinterher trotzdem zu berichten, dass es "hoch hergegangen" sei und "auch eine Mädchenschulklasse" anwesend war.

Als Augenzeuge meldet ein diensteifriger NVA-Soldat: "Nachdem die Jugendlichen reichlich dem Alkohol zugesprochen hatten, begannen sie zu singen und später rumzukrakelen und zu schreien. Es wurden Verse mit herabwürdigen Worten gegenüber Teilnehmerländern der Fußball WM und Hochrufe auf 'Deutschland' geschrien." Am Anlegeplatz wartet bereits die Polizei, die "Löwen" müssen für eine Nacht hinter Gitter.

Knapp ein Jahr später wird der "Löwen"-Club endgültig hochgenommen und nach zeitgleicher Verhaftung der Mitglieder stolz verkündet: "Es wurde der Nachweis erbracht, daß der Fanclub als solcher nicht mehr existent ist und die Befragung der Abteilung IX eine weitere Zersetzung erfolgte." Die Strafen fallen recht gering aus, einige Tage Haft, ein paar hundert Mark Bußgeld.

Dankesbrief von Lolita

Wolle gründet kurz darauf einfach wieder einen Fanclub. "Die Mönche Dresden-Weimar" werden sogar im Westen bekannt, auch weil die Mönche eine Porzellan-Ballerina für den Gladbacher Wunderjungen Lothar Matthäus aus der DDR schmuggeln lassen. Der spätere Weltfußballer bekommt sie tatsächlich auf dem Rasen überreicht, seine Gattin Lolita schreibt einen Dankesbrief.

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Wolle

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Wolles Ausreisewunsch wird noch stärker. Weil sie ihn nicht brechen können, knöpft sich die Stasi Wolles Freundin vor. Sie wird in eine Schuhfabrik zwangsversetzt und bricht eines Tages unter den Arbeitsbedingungen zusammen. Später drohen ihr zwei Stasi-Mitarbeiterinnen: "Wenn Sie sich nicht kooperativ verhalten, finden wir für Ihren Sohn neue Eltern und für Sie einen Anzug" (gemeint ist eine Zwangsjacke).

Am 14. Februar 1985 hat der Spuk doch ein Ende: Wolle, seine Freundin und ihr Junge dürfen ausreisen. Sie ziehen direkt nach Mönchengladbach, für Wolle das Paradies, für seine Freundin muss es das erst werden. Ein neues Leben, doch das Glück findet Wolle auch da nicht. Obwohl er es wirklich probiert.

"Ich hab' die DDR doch nicht verlassen, weil mir die Wurst nicht schmeckte. Sondern weil ich auf den Bökelberg wollte!", sagt er. Heute, mit 60 Jahren, lebt Wolle immer noch in Mönchengladbach, ist längst geschieden, die Beziehung zu seinen Kindern könnte besser sein, er ist arbeitslos und arbeitsunfähig. Die Jahre als Rebell, Rowdy und Rausgelassener, sie haben ihre Spuren hinterlassen.

insgesamt 5 Beiträge
david nuglisch 28.05.2018
1. Eigenartig
Wir waren in den 70ern und 80ern ebenfalls Fans von Bundesligamannschaften und haben das auch offen kommuniziert. Ich lebte als Schüler in Halle (Saale) und als Lehrling in der Nähe von Nordhausen. Niemand hat daran Anstoß [...]
Wir waren in den 70ern und 80ern ebenfalls Fans von Bundesligamannschaften und haben das auch offen kommuniziert. Ich lebte als Schüler in Halle (Saale) und als Lehrling in der Nähe von Nordhausen. Niemand hat daran Anstoß genommen. Wir haben u. a. offen Fanjacken getragen. Einmal kam es vor, dass der Direktor unserer POS in Halle meinte, wir sollten diese Jacken nicht mehr tragen, zumindest nicht in der Schule. Bei dieser Ermahnung blieb es dann auch. Das hatte weder ein Nachspiel, noch wurde es besonders hoch gehängt.
Ralph Fischer 28.05.2018
2. Ich kann Nr. 1
nur zustimmen. Bei uns gab es Fans verschiedener Vereine, die Aufkleber und Embleme waren auf Federmappen, Recordern, Klamotten... Niemand nahm damals daran Anstoß (Mitte 70er bis 80er). Aber es ist ja wie mit vielen anderen [...]
nur zustimmen. Bei uns gab es Fans verschiedener Vereine, die Aufkleber und Embleme waren auf Federmappen, Recordern, Klamotten... Niemand nahm damals daran Anstoß (Mitte 70er bis 80er). Aber es ist ja wie mit vielen anderen Sachen - die DDR wird hier und in den anderen Ha uptmedien nur in (negativen) Extremen dargestellt.
Jeff Mueller 28.05.2018
3. Komischer Artikel
Ich stimme den Vorschreibern zu. Das klingt alles sehr ausgedacht... Wir waren Hansa-Fans und dann entweder Werder oder HSV oder Bayern-Fans. Aufnäher auf den Jeansjacken, auf dem Umhängebeutel und Embleme mit Kuli auf alles [...]
Ich stimme den Vorschreibern zu. Das klingt alles sehr ausgedacht... Wir waren Hansa-Fans und dann entweder Werder oder HSV oder Bayern-Fans. Aufnäher auf den Jeansjacken, auf dem Umhängebeutel und Embleme mit Kuli auf alles gemalt, was ging, Federtasche, Brustbeutel, Lederarmband... Das hat keinen Menschen interessiert, weder in der Schule noch im Barnstorfer Wald beim Saufen...die Stasi schon gar nicht. (Rostock 70er 80er Jahre) BTW: Das der Protaginist dann auch im Westen nichts geworden ist, zeigt recht deutlich, daß an seinem Leben nicht "das Regime" schuld war. (Wie bei den Meisten übrigens, von denen, die ich kenne, die ausgereist sind.)
Uwe Müller 29.05.2018
4. Ausreiseantrag
Ich würde hier auch den Hintergrund im Ausreiseantrag sehen. Wer diesen stellt und gleichzeitig eine Gruppierung mit Gleichgesinnten bildet steht natürlich auch im Verdacht, weitere Leute in den ausreisewunsch einzubeziehen. [...]
Ich würde hier auch den Hintergrund im Ausreiseantrag sehen. Wer diesen stellt und gleichzeitig eine Gruppierung mit Gleichgesinnten bildet steht natürlich auch im Verdacht, weitere Leute in den ausreisewunsch einzubeziehen. Nicht das das Vorgehen der Stasi dadurch besser wird, aber die foglen am Fan-Sein eines BL-Vereins festzumachen greift in der Geschichte zwangsläufig zu kurz. Und wenn ich den Kurztext der Stasi richtig verstehe, haben sie sich ja wo es ging aktiv vor den BL-Vereinen gezeigt, was antürlich durch die dortige "West-Presse" in einem für die DDR unvorteilhaften Bild ausgeschlachtet werden konnte. Das ist ja auch kein Standard bei BL-Fans im Osten gewesen.
Götz Gaudlitz 29.05.2018
5. Naja
mir wurde mal ein Aufnäher vom FC Homburg abgerissen. Das war ein übermotivierter "Volkspolizist". Ansonsten glaube ich auch, dass die Stasi mehr auf den Plan gerufen wurde, weil hier ein Ausreisantrag eine Rolle [...]
mir wurde mal ein Aufnäher vom FC Homburg abgerissen. Das war ein übermotivierter "Volkspolizist". Ansonsten glaube ich auch, dass die Stasi mehr auf den Plan gerufen wurde, weil hier ein Ausreisantrag eine Rolle spielt, allein am Fansein hat man sich wohl nicht gestört, selbst wenn es ein BL-Verein war. Meinen Rückenaufnäher von Eintrag Frankfurt hat zumindest niemanden gestört

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