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einestages

Spähauftrag gegen Helmut Schmidt

Barschels schmutzige Tricks der Siebzigerjahre

Ausspionieren, denunzieren, vertuschen - so schildert ein enger Mitarbeiter die Methoden Uwe Barschels schon zehn Jahre vor seinem Rücktritt und Tod. Wie der CDU-Politiker "Krieg gegen politische Gegner" führte.

DPA
Von
Dienstag, 07.08.2018   11:55 Uhr

In Hartenholm, einem Dorf zwischen Hamburg und Kiel, wunderten sich die Menschen, wenn in den Siebzigerjahren immer wieder dunkle Limousinen vor einem bestimmten Haus vorfuhren. Nur wenige wussten, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) dort seine langjährige Geliebte besuchte, stets eskortiert von Sicherheitsbeamten, die zum Ärger der Anwohner mit ihren gepanzerten Fahrzeugen die Straße vollparkten.

Diskret schwiegen die Eingeweihten jahrzehntelang über die Affäre, die Schmidt 2012 in seinem letzten Buch ("Was ich noch sagen wollte") selbst beichtete und an der seine Ehe mit Loki nach eigenem Bekunden fast zerbrochen wäre. In der schleswig-holsteinischen CDU-Landtagsfraktion sei das Geheimnis der schweren Karossen jedoch schon 1977 durch den örtlichen CDU-Abgeordneten Kurt Böge gelüftet worden, berichtet jetzt der damalige Fraktionsgeschäftsführer Günther Potschien.

Die Enthüllung habe vor allem einen elektrisiert: den Fraktionsvorsitzenden Uwe Barschel. Der habe ihn, so Potschien, beiseitegenommen und ihm unter vier Augen aufgetragen, dem Kanzler nachzuspionieren. Denn Barschel habe geglaubt, Schmidt mit dessen außerehelicher Liaison kompromittieren zu können.

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Eid, Ehrenwort, Tod eines Politikers: "Tricky Barschel"

Potschien behauptet, er habe die Anweisung zur Ausspähung nicht ernsthaft befolgt, sondern auf Barschels Nachfrage zwei Wochen später erklärt, dass er "da einfach nicht weiterkomme". In der Schmidt-Episode sieht der ehemalige Fraktionsmanager "eine unabweisbare Parallele zur späteren Ausspionierung des SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm im Landtagswahljahr 1987".

"Charakterbild bisher zu wenig durchleuchtet"

In seinem jüngst veröffentlichten Buch "Der Fall Barschel" beschreibt Potschien, 73, mehrere solcher Begebenheiten. Sie ähneln in verblüffender Weise den schmutzigen Tricks, die Reiner Pfeiffer als "Medienreferent" des unterdessen zum Ministerpräsidenten aufgestiegenen Uwe Barschel 1987 ausführte, um einen möglichen Wahlsieg des Herausforderers Björn Engholm zu verhindern.

So denunzierte Pfeiffer, nach eigenen Angaben in Barschels Auftrag, Engholm mit einer anonymen Anzeige wegen vermeintlicher Steuerhinterziehung; er ließ ihn wegen vermeintlicher homosexueller Neigungen und außerehelicher Beziehungen durch Detektive beschatten und rief als angeblicher Arzt den SPD-Mann an, um ihm mit einem behaupteten Aids-Verdacht Angst einzujagen.

Der SPIEGEL deckte damals die Machenschaften auf. Die Barschel-Affäre zählte zu den größten bundesdeutschen Skandalen und führte am 2. Oktober 1987 zum Rücktritt des Ministerpräsidenten, der neun Tage später tot in der Badewanne eines Genfer Hotels gefunden wurde.


Video (2007): "Da ist eine Sauerei passiert" Erich Böhme, früherer SPIEGEL-Chefredakteur, über die Barschel-Affäre

Foto: dbate.de

"Natürlich wurden meine Erinnerungen wach, als ich im September 1987 fern von Deutschland in der ostsudanesischen Provinz Darfur von den Enthüllungen Pfeiffers hörte", schreibt Potschien. Der Diplom-Volkswirt arbeitete nach seiner Tätigkeit als Fraktionsgeschäftsführer von 1975 bis 1979 zunächst im Kieler Wirtschaftsministerium, ehe er ab 1982 als Verkehrsökonom in zahlreichen Ländern Afrikas, des Nahen Ostens, Südostasiens sowie Osteuropas Entwicklungshilfeprojekte der EU und der Weltbank betreute.

Jahrelang habe er geschwiegen, wegen beruflicher Beanspruchung, wegen langer Krankheit und aus familiären Gründen. Nun aber, zurück in Deutschland und nach Gesprächen mit noch lebenden Zeitzeugen, sehe er "Handlungsbedarf". Das "Charakterbild" Barschels sei bisher zu wenig durchleuchtet worden, meint dessen ehemaliger enger Mitarbeiter. Daher seien falsche Schlüsse über die Beteiligung des CDU-Politikers an Pfeiffers kriminellen Aktionen gezogen worden - und letztlich auch darüber, wie Barschel zu Tode kam.

Aktenverbrennung im Dorf

Schon als Fraktionsvorsitzender habe Barschel rechtliche und moralische Grenzen überschritten, um eigenes Fehlverhalten zu vertuschen. So habe Barschel 1976 einem Fraktionsangestellten den Auftrag erteilt, Akten zu vernichten, weil eine vom Landesrechnungshof angekündigte Prüfung Unregelmäßigkeiten in der Fraktionsbuchhaltung hätte aufdecken können. Der Mitarbeiter habe ihn, Potschien, um Rat gefragt. Gemeinsam hätten sie die Akten im Kofferraum und auf dem Rücksitz eines Pkw zu Potschiens noch unbebautem Grundstück in Blumenthal, ein Dorf südlich von Kiel, gebracht, dort mit Benzin übergossen und verbrannt. Der ehemalige Mitarbeiter bestätigt den Vorgang.

Potschien schreibt, Barschel habe es stets geschickt vermieden, als Urheber rechtswidriger Aktionen enttarnt werden zu können - was später Pfeiffers Glaubwürdigkeit erschütterte, weil er keine zwingenden Beweise für die von ihm behaupteten Anstiftungen durch den Ministerpräsidenten vorlegen konnte. Potschien zufolge hat Barschel solche Aufträge nie telefonisch erteilt, sondern stets unter vier Augen, weil es weder Zeugen noch Spuren im Telefonaufzeichnungssystem der Landesregierung geben sollte.

Als Potschien sich telefonisch bei Barschel wegen der Aktenvernichtung habe rückversichern wollen, habe dieser etwas ins Telefon gebrummelt, obwohl er sich sonst "immer klar und verständlich artikulierte". Potschien berichtet, er habe das Telefonat bewusst von einem Anschluss geführt, der die angerufene Nummer und die Gesprächsdauer speicherte. Er habe, "sollte es hart auf hart kommen", imstande sein wollen, einen Nachweis für das der Aktion vorangegangene Telefongespräch zu haben. Denn er habe erkannt, "dass es Barschel durchaus zuzutrauen war, jemanden auflaufen zu lassen, um so seine Haut zu retten".

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Das Telefon habe "Tricky Barschel" gern genutzt, um mit fingierten Anrufen angebliche Gesprächsinhalte in Umlauf zu bringen. So habe er eine telefonische Bürgersprechstunde eingerichtet und dazu ihm nahestehende Journalisten eingeladen. Oft hätten Barschels Fraktionsmitarbeiter die Rolle der angeblichen Anrufer übernommen. Den anwesenden Journalisten habe Barschel eine Mithörmöglichkeit mit einer Ausrede verwehrt, sodass sie die Stimme des Anrufers nicht identifizieren konnten. "Mit der Nennung falscher Namen" habe Barschel durch erfundene Geschichten "gefahrlos den politischen Gegner verunglimpfen" können.

Auf diese Weise habe Barschel beispielsweise im Oktober 1976 Gewerkschafter diffamiert. Ein Anrufer, berichtete Barschel den Journalisten, habe behauptet, er werde unter Druck gesetzt, in die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einzutreten, sonst sehe es schlecht aus für seine Karriere an einer Hamburger Hochschule. Barschel sprach von "Gewerkschaftsterror", Journalisten griffen den Fall auf. Der Vorsitzende des DGB-Bezirks Nordmark, der SPD-Abgeordnete Jan Sierks, konnte sich nur ohnmächtig bei Barschel beschweren: "Eine sehr raffinierte Methode, die Gewerkschaften ins Unrecht zu setzen." Der Schriftwechsel liegt dem SPIEGEL vor.

"Mordtheorien sollten nur von Barschels Fehlverhalten ablenken"

Der von 1973 bis 1985 amtierende Kieler CDU-Wirtschaftsminister Jürgen Westphal teilt Potschiens harsches Urteil über Barschel. An dessen "intellektuellen Fähigkeiten und seiner politischen Durchsetzungskraft" habe er "nie gezweifelt", schrieb Westphal in seinen 2017 veröffentlichten Memoiren, "wohl aber an seiner charakterlichen Eignung" für das Amt des Ministerpräsidenten. 1982 habe er sich überreden lassen, Barschel mitzuwählen, weil die CDU nur eine Stimme mehr als die Opposition hatte.

"Für Barschel", resümiert Potschien, "war die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner Krieg." Er ist überzeugt: "Das im Jahre 1995 veröffentlichte Ergebnis des zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschusses wäre wohl anders ausgefallen, wenn die Abgeordneten gewusst hätten, wie raffiniert der verstorbene Ministerpräsident schon in seiner Zeit als Fraktionsvorsitzender vorging, (...) nicht saubere Aktionen vorzubereiten oder sich durch solche öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen."

Daraus zieht Potschien den Schluss, dass der CDU-Politiker im Oktober 1987 in Genf Suizid begangen habe - die kursierenden Mordtheorien sollten nur "vom Fehlverhalten des angeblich Ermordeten ablenken". Nachdem Barschel enge Mitarbeiter zur Abgabe falscher eidesstattlicher Versicherungen angestiftet und die Öffentlichkeit mit seinem "Ehrenwort" belogen hatte, habe der zurückgetretene Ministerpräsident nicht einmal mehr als Rechtsanwalt eine Zukunftsperspektive gehabt.

Hart ins Gericht geht Potschien mit dem ehemaligen Lübecker Leitenden Oberstaatsanwalt: Heinrich Wille hatte 1998 das von ihm mit großem Nachdruck fünf Jahre lang betriebene Ermittlungsverfahren, mit dem er einen Mord an Barschel beweisen wollte, eingestellt. Die Frage Mord oder Selbstmord müsse "nach dem Ergebnis der Ermittlungen offenbleiben", hieß es im Abschlussbericht, es gebe keine "konkreten tat- oder täterbezogene Hinweise, von denen ein weiterer Erkenntnisgewinn zu erwarten wäre".

Das hinderte Wille nicht daran, nach seiner Pensionierung ein Buch zu publizieren ("Ein Mord, der keiner sein durfte") und darin Vorgesetzte und Politiker zu beschuldigen, seine Ermittlungen behindert zu haben. "Mit seiner unprofessionellen Einseitigkeit und Schaumschlägerei", schreibt Potschien, habe Wille "nichts zur Aufklärung des Falles beigetragen", sondern nur gezeigt, "wie ein Leitender Oberstaatsanwalt sich verrennen kann".

Zum Autor

insgesamt 32 Beiträge
Franz-Josef Klur 07.08.2018
1. Auch der STERN hatte vor langer Zeit einen großen Artikel Barschel
*betreffend.* Wenn ich mich richtig erinnere, wurden dort ungeklärte Waffengeschäfte als mögliche "Todesursache" erwähnt. Freundlich Grüße an unsere derzeitige politische Elite
*betreffend.* Wenn ich mich richtig erinnere, wurden dort ungeklärte Waffengeschäfte als mögliche "Todesursache" erwähnt. Freundlich Grüße an unsere derzeitige politische Elite
Burkhardt Leiverkus 07.08.2018
2. Nun, damals musste man ...
... noch eine gehörige Portion krimineller Energie, Machtbesessenheit und eine gewisse Menge Grips mitbringen, um den politischen Gegner zu diffamieren. Heute reicht es für selbsternannte "Konservative", rum zu [...]
... noch eine gehörige Portion krimineller Energie, Machtbesessenheit und eine gewisse Menge Grips mitbringen, um den politischen Gegner zu diffamieren. Heute reicht es für selbsternannte "Konservative", rum zu schreien, zu pöbeln und irgendwelche Lügen zu verbreiten. Nicht nur der politische Anstand hat gelitten.
Bernd Kulawik 07.08.2018
3. Na, dann bin ich ja beruhigt!
Es war also Barschels verschlagener Charakter, der ihn befähigte, vor und und nach seinem Selbstmord Spuren zu legen, die auf einen Mord deuten (wie Verwendung eines Kontaktgifts, Hämatome an diversen Körperstellen, die man [...]
Es war also Barschels verschlagener Charakter, der ihn befähigte, vor und und nach seinem Selbstmord Spuren zu legen, die auf einen Mord deuten (wie Verwendung eines Kontaktgifts, Hämatome an diversen Körperstellen, die man sich nicht selbst zufügen kann, Betäubung mit so starken Dosen, dass er sich eigentlich nicht selbst hätte in die Badewanne schleppen können, Verschwindenlassen der Rotweinflasche, die vermutlich das Betäubungsmittel enthielt usw. usf. –*alles aus dem Gedächtnis zitiert). So ein hinterhältiger Kerl! Auch seine Beziehungen zur CIA seit dem Studium an der Uni Kiel, zur Stasi und die Verwicklung in die Iran-Contra-Affälre … alles nur aus Böswilligkeit. Puh –*und ich hatte schon befürchtet, ein deutscher Politiker wäre in internationale Waffen- und Drogengeschäfte der CIA verwickelt gewesen und als unliebsamer Zeuge mit gravierenden Problemen, die ihn dazu hätten bringen können, "auszupacken", beseitigt worden. Vermutlich hat er aus reiner Böswilligkeit auch Gewinne bzw. Provisionen aus den Waffengeschäften in die schwarzen Kassen der CDU weitergeleitet und dem gutgläubigen Kohl erzählt, das wären Vermächtnisse jüdischer Sympathisanten…*ach nein, das mit den Vermächtnissen war ja der ehrenwerte Herr Koch aus derselben Partei. Also: Alles gut, es gibt hier nichts zu sehen. Gehen Sie weiter!
rascha koch 07.08.2018
4. Das muß erst gelernt sein
Ich wüsste gerne mehr über Barschels Jugendjahre. Wie kann man so speziell unterschwellig Leute denunzieren? Echt professionell.
Ich wüsste gerne mehr über Barschels Jugendjahre. Wie kann man so speziell unterschwellig Leute denunzieren? Echt professionell.
Eberhard Geier 07.08.2018
5. Was ist aber in der Erinnerung hängengeblieben?
Wir alle wissen nicht, wie er tatsächlich zu Tode gekommen ist. Das wird vermutlich auch für immer ein Geheimnis bleiben. Egal ob Mord oder Selbstmord. Fakt aber - jenseits aller nachweisbaren Spuren ist - dass Barschel mit [...]
Wir alle wissen nicht, wie er tatsächlich zu Tode gekommen ist. Das wird vermutlich auch für immer ein Geheimnis bleiben. Egal ob Mord oder Selbstmord. Fakt aber - jenseits aller nachweisbaren Spuren ist - dass Barschel mit seinem "Ehrenwort" das Ehrenwort als etwas positives für alle Zukunft in den Dreck gezogen hat. Alleine mit diesem seinem "Ehrenwort" hat er sich dem Orkus der Geschichte samt Wasserspülung hingegeben.

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