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Popikone Cher

"Mir war irgendwann nichts mehr peinlich"

Mit starker Stimme und Skandalkostümen behauptet sich Cher seit Jahrzehnten als Entertainerin. Hier spricht die 72-Jährige über Po-Tattoos, die Magie von Abba und ein Beinahe-Date mit Elvis.

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Ein Interview von
Donnerstag, 27.09.2018   09:00 Uhr

Zur Person

Cherilyn Sarkisian, kurz Cher, wurde am 20. Mai 1946 in Kalifornien geboren. Ab 1965 hatte sie Erfolg mit ihrem Partner Sonny Bono als Sonny & Cher und Hits wie "I Got You Babe", später solo und als Schauspielerin. Für den Film "Mondsüchtig" (1987) gewann sie einen Oscar, außerdem Grammy- und Emmy-Preise. Bekannt als Sängerin machten sie Hits wie "If I Could Turn Back Time" oder "Believe", ebenso ihre stoffarmen Outfits. Auf ihrem neuen Album "Dancing Queen" singt Cher jetzt die Hits von Abba. Sie lebt in Malibu, Hollywood und Miami.

einestages: Cher, Sie stehen seit 50 Jahren auf der Bühne, man nennt Sie "Goddess of Pop". Kaum zu glauben, dass eine Showgöttin aus der Kleinstadt El Centro stammt - nahe der Grenze zu Mexiko kamen Sie 1946 zur Welt.

Cher: Ein wirklich trister Ort, da half auch der örtliche Slogan "Wo die Sonne den Winter verbringt" nichts. Gott sei Dank sind wir bald weggezogen, nachdem sich meine Mutter von meinem Vater, einem Trinker, getrennt hatte. Aufgewachsen bin ich bei Los Angeles, näher am Puls des Showbiz.

einestages: Ihre Mutter Georgia, heute 92, war selbst Model und Sängerin. Ihr Vorbild?

Cher: Ganz klar. Als ich vier oder fünf war, sahen wir den Zeichentrickfilm "Dumbo, der fliegende Elefant" und "Cinderella". "Kind", sagte sie, "Dumbo kannst du nicht werden, wohl aber Cinderella." Genau das, was ich wollte: Schon liebte ich es, mich zu verkleiden und in andere Rollen zu schlüpfen.

einestages: Väterlicherseits haben Sie armenische Wurzeln, mütterlicherseits englische, irische, deutsche und cherokee-indianische. Hatten Sie bei so vielen Einflüssen je eine Identitätskrise?

Cher: Nie. In Amerika hat jeder unterschiedlichste Wurzeln. Das macht das Land ja aus. Ich fühlte mich immer als Amerikanerin.

einestages: Auf Ihrem neuen Album "Dancing Queen" singen Sie Hits von Schweden: Abba - die in den USA nie so populär waren wie im Rest der Welt. Wie kamen Sie darauf?

Cher: Ich mochte ihre Songs schon immer, "Mamma Mia", "Waterloo" und "Dancing Queen", ihr einziger Nummer-1-Hit in Amerika. Und mir gefiel der Film "Muriels Hochzeit", in dem Toni Collette als Muriel zu Abba-Klängen von einer Märchenhochzeit träumt. Eine großartige Band. Das Abba-Musical habe ich mir dreimal angesehen, der erste "Mamma mia"-Film hat mir auch gefallen. Nie hätte ich gedacht, dass ich im zweiten Teil "Here We Go Again" mitspielen würde. Ich schwebe per Helikopter ein und singe für Andy Garcia "Fernando". Das hat doch was! Der Chef von Universal Pictures, einer meiner engsten Freunde, rief mich an und sagte nur: "Hi Cher, du spielst in 'Mamma Mia 2' mit." Dann legte er auf, ohne meine Reaktion abzuwarten. Ich dachte mir: "Oookay..."

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Sängerin Cher: Ein halbes Jahrhundert Popkönigin

einestages: Wie haben Abba auf das Album reagiert? Die Herren Andersson und Ulvaeus gelten ja als schwierig, was ihr musikalisches Erbe angeht.

Cher: Sie waren begeistert. Meine Versionen von "Fernando" und "Super Trouper" hatten Benny und Björn gut gefallen, sie unterstützten meine Idee eines kompletten Albums mit Abba-Hits.

einestages: Madonna sampelte Abbas "Gimme Gimme Gimme" und landete mit in "Hung up" 2005 einen weltweiten Tophit. Gehen Sie mit dem Abba-Album kommerziell auf Nummer sicher?

Cher: Nicht wirklich. Als ich das Projekt anging, merkte ich erst, wie komplex die Abba-Musik ist. Das sind nicht nur einfach nette Popsongs. Und die beiden Mädels sind große Sängerinnen, ich hatte eine echte Herausforderung zu meistern. Man kann die Songs nicht besser machen, ich kann ihnen nur eine Cher-Note verpassen.

einestages: Sexappeal wird ständig mit Ihnen in Verbindung gebracht. Auch die Abba-Frauen galten als sexy...

Cher: ...wenn auch der Sexappeal von Agnetha und Anni-Frid ein anderer war, eher lieb und harmlos, angepasst an die Siebziger. Ich denke, mein Sex ist deutlich gewagter, fordernder und heißer (lacht). Mir macht es noch heute Spaß, Vollgas zu geben.

einestages: Auf dem "Dancing Queen"-Cover sind Sie blond und dunkel zu sehen, eine offensichtliche Hommage an die Abba-Frauen. Fühlen Sie sich mit blonder Mähne anders als mit dunkler?

Cher: Cher ist Cher, da spielt die Haarfarbe keine Rolle. Schwarz ist meine natürliche Farbe, auf der Bühne trage ich auch rot, blond, silber und pink. Ich besitze Dutzende Perücken und liebe die Verwandlung - meine Fans erwarten das auch. Mal spiele ich für sie den Clown, mal den Vamp.

einestages: Auch musikalisch haben Sie sich ständig verwandelt: Erst waren Sie mit Folk erfolgreich, in den Achtzigern mit Hardrock und landeten Ende der Neunziger mit "Believe" und Disco-Sound Ihren größten Hit.

Cher: Dabei hatte mich kurz zuvor meine alte Plattenfirma gefeuert. Ist das zu glauben? "Believe" war die beste Revanche. Ich wollte eigentlich mit der Musik endgültig aufhören, bereits zum zweiten Mal. Schon in den Achtzigern hatte ich keine Lust mehr zu singen, wollte nur noch schauspielern. Ich hatte ja erfolgreiche Filme gedreht wie "Die Hexen von Eastwick" oder "Silkwood", für "Mondsüchtig" sogar einen Oscar bekommen. Doch dann traf ich John Kalodner. Der Musikmanager war überzeugt, dass ich noch jede Menge Songs in mir habe, und überredete mich zum Weitersingen. Gute Entscheidung. Auch vor "Believe" hatte ich keinen Bock mehr. Mein neuer Plattenboss hatte die Idee zu einem Disco-Album. "Auf gar keinen Fall!", war meine erste Reaktion. Dann schickte er ein paar Songs - und die gefielen mir.

einestages: Richtig, dass Sie Ihre Karriere eigentlich Ihrem Lover und Entdecker Sonny Bono verdanken?

Cher: Absolut. Ich war 16 und wollte ein Star werden, als ich Sonny, eigentlich Salvatore, 1962 in einem Café in L.A. kennenlernte. Er war deutlich älter, unheimlich cool und arbeitete beim angesagten Produzenten Phil Spector. Ich war beeindruckt von seinen guten Verbindungen im Musikbusiness. Am Tag, als er mich in Phils Studio mitnahm, hatte die bekannte Sängerin Darlene Love Probleme mit ihrem Wagen und kam nicht. Da fragte mich Phil: Kannst du singen? Ich nickte und durfte fortan auf Hits wie "Da Do Ron Ron" von The Crystals, "Be My Baby" von The Ronettes und "You've Lost That Lovin' Feelin'" von den Righteous Brothers im Chor mitsingen.

einestages: Ihre Stimme muss Spector überzeugt haben.

Cher: Ja, er ließ mich eine eigene Single aufnehmen - unter dem Künstlernamen Bonnie Jo Mason, den hatte er sich ausgedacht. Der Song "Ringo, I Love You" wurde ein Flop. Dann versuchte ich es mit Sonny im Duett, zunächst als "Caesar and Cleo". Erst als wir uns Sonny & Cher nannten, funktionierte es. Mit "I Got You Babe" schafften wir 1965 einen Nummer-eins-Hit.

einestages: Sie hatten Sonny mittlerweile geheiratet und wurden zu gefeierten Stars mit eigener TV-Show.

Cher: Und dann brach die Flower-Power-Ära an. Jeder schlief mit jedem, LSD und Marihuana, alle feierten die neue Freiheit - und Sonny und ich waren out. Den Hippies waren wir zu bieder. Brav verheiratet, treu, gegen Drogen. Zwei Jahre dauerte unsere Krise, bis man uns eine neue TV-Show anbot. Da lernte ich Kostümdesigner Bob Mackie kennen, der schon Marlene Dietrich einkleidete. Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Ich bat ihn, mir supersexy Outfits zu schneidern, die viel Haut zeigten. Ich fühlte mich wie seine Barbiepuppe, ihm machte das Spaß - so freizügig durfte er zuvor nie agieren.

einestages: Mackie hat Ihnen mal ein sehr ungewöhnliches Kompliment gemacht...

Cher: ...die "besten Achselhöhlen der Welt", das ist in der Tat ungewöhnlich (lacht). Hatte mir noch keiner gesagt.

einestages: Sind Sie wegen der Biederkeit-Vorwürfe dann umso provokanter aufgetreten?

Cher: Vielleicht. Mir war irgendwann nichts mehr peinlich. Je mehr Haut ich zeigen konnte, desto besser.

einestages: 1989 trugen Sie im Video zu "If I Could Turn Back Time" ein sehr transparentes Outfit, das erstmals die Tattoos auf Ihrem Po offenbarte.

Cher: Das gab mächtig Ärger mit der US Navy, denn der Videodreh fand auf dem Schlachtschiff USS Missouri statt. War die Idee des Videoregisseurs. Mein Kostümdesigner Bob bat mich vorher inständig zu verschweigen, dass er den durchsichtigen Bodystocking fürs Video entworfen hatte, er fand ihn zu obszön. Als mich der Kommandant in der Aufmachung erblickte, drehte er fast durch, ich könne unmöglich so auf seinem Schiff auftreten. Gut, sagen Sie es ihr, antwortete mein Manager trocken. Aber der Kommandant hatte nicht die Eier, also drehten wir. Den Matrosen gefiel es - bei MTV durfte das Video aber erst ab 21 Uhr gezeigt werden. Und danach wurde nie wieder ein Musikvideo auf einem Schlachtschiff der US Navy gedreht (grinst).

einestages: Cher gilt auch als Synonym für Frauenpower. Sind Sie immer so stark, oder gibt es auch etwas, wovor Sie Angst haben?

Cher: Angst nicht direkt, aber ich bin noch immer vor jedem Auftritt höllisch nervös, ebenso, wenn ich von fremden Menschen umgeben bin, etwa bei Partys. Privat bin ich ziemlich schüchtern.

einestages: Das soll einst auch verhindert haben, dass Sie und Elvis Presley ein Paar wurden.

Cher: Es war um 1975, ich war von Sonny geschieden und Single. Elvis ließ mir über seinen Manager mitteilen, dass er mich kennenlernen möchte. Er lud mich nach Las Vegas ein, wo er auftrat. Ich fühlte mich geschmeichelt, fand ihn noch immer attraktiv. Aber ich habe mich nicht getraut - und bin nicht hingefahren.

einestages: Blicken Sie heute dankbar auf Ihr Leben zurück?

Cher: Ja. Es ist unfassbar, dass das, wovon ich als kleines Mädchen geträumt habe, wirklich wahr geworden ist. Wer hat schon das Glück, in einem Beruf zu arbeiten, bei dem man Applaus bekommt? Eine Krankenschwester arbeitet viel härter, aber keiner nimmt das wahr. Ungerechte Welt.

einestages: Ihre Tochter Chastity, heute Chaz, sorgte 2010 mit einer Geschlechtsumwandlung für Aufsehen. Wie gingen Sie damit um?

Cher: Das war nicht einfach, ein langwieriger Prozess. Wir haben immer wieder darüber gesprochen, ich machte mir Sorgen, was bei dieser Operation auf sie/ihn zukommt. Ich selbst liebe es, Frau zu sein. Angenommen, ich würde morgen als Mann aufwachen, ich ginge sofort zum Arzt, um wieder Frau zu werden. Dieser Gedanke hat mir geholfen, Chaz zu verstehen im Wunsch zur Geschlechtsumwandlung. Ich habe ihn unterstützt. Ihn jetzt so glücklich zu sehen, ist wunderbar.

einestages: Mit Ihren Shows und spektakulären Kostümen wurden Sie zur Schwulen-Ikone. Ist die Szene noch immer ein wichtiger Teil Ihres Publikums?

Cher: Ja. Ich hatte in den Fünfzigerjahren zum ersten Mal Kontakt mit Schwulen, als Amerika noch stockkonservativ war. Zwei Friseure meiner Mutter waren homosexuell und die witzigsten Typen, die ich je erlebte. Berührungsängste hatte ich nie. Ich denke bis heute, "gay" steht für "lustig"! Ich liebe all meine Fans aus der LGBT-Community, sie haben auch in schweren Zeiten immer zu mir gehalten.

einestages: Stimmt es, dass man Sie mal für Ihre eigene Doppelgängerin hielt?

Cher: Ich war zu Gast auf der Hochzeit eines schwulen Pärchens in Beverly Hills und kam gerade von der Toilette, als mich eine Frau ganz überschwänglich grüßte: Oh my God, you're the best! Ich dachte, wie nett. Dann bat die Lady mich höflich um eine Visitenkarte. Visitenkarte!? Ich war perplex. Da ging mir ein Licht auf: Die Dame hielt mich für das beste Cher-Double ever und wollte mich für eine Party buchen. Ich lache bis heute darüber.

insgesamt 1 Beitrag
Susanne Tschorn 27.09.2018
1. Will and Grace
Vermutlich das mit witzigste, das ich je gesehen habe, war Cher bei Will and Grace. Jack hielt Cher für eine Drag Queen, die Cher imitiert. Und zeigte ihr, wie sie sich wirklich verhalten würde... Scheinbar beruht das auf [...]
Vermutlich das mit witzigste, das ich je gesehen habe, war Cher bei Will and Grace. Jack hielt Cher für eine Drag Queen, die Cher imitiert. Und zeigte ihr, wie sie sich wirklich verhalten würde... Scheinbar beruht das auf dieser Geschichte, die hier am Ende erwähnt wird.

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