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einestages

Herzchirurg Christiaan Barnard

Meister der Herzen

In Kapstadt gelang 1967 die erste Herzverpflanzung - eine Sensation. Über Nacht wurde Transplanteur Christiaan Barnard zum Star. Und zum Weltreisenden in Herzensangelegenheiten nicht nur medizinischer Natur.

Bettmann Archive
Von und
Montag, 03.12.2018   17:09 Uhr

"Herrgott, es schlägt wieder", ruft Christiaan Barnard erleichtert. Es ist 5.52 Uhr am Sonntag, 3. Dezember 1967. Als tags darauf der Patient erwacht, geht es ihm viel besser. "Was war das für eine Operation? Sie hatten mir ein neues Herz versprochen", sagt Louis Washkansky, 53. Lächelnd erwidert der Chirurg: "Sie haben ein neues Herz."

Diese Transplantation war eine Sensation - im Groote Schur Hospital von Kapstadt gelang es erstmals, ein Herz zu verpflanzen. Keine ärztliche Leistung zuvor hatte Menschen weltweit derart elektrisiert. Nach diesem Triumph schien alles möglich: Kann der Mensch den Tod sogar dauerhaft besiegen?

Neun Jahre lang hatte sich das südafrikanische Team auf diesen noch nie geglückten Eingriff vorbereitet. Als ihr Telefon am Samstagabend gegen 23 Uhr läutete, wusste Dene Friedman: Jetzt ist es so weit. Ihr Chef rief die junge Kardiotechnikerin ins Hospital. "Wir wussten, die Amerikaner sind so weit", sagte Friedman. "Aber wir hatten es ja auch schon selbst geprobt" - jedoch nur an Tieren. Und die waren alle sofort tot.

Zwei Kriterien nannte Herzchirurg Barnard für die riskante Operation: Der Spender müsse unheilbar krank sein - und der Empfänger ein Weißer. Die Apartheid in Südafrika beeinflusste die Mediziner. "Wir sahen voraus, dass man uns sonst den Vorwurf machen würde, wir hätten mit einem Farbigen experimentiert", sagte Barnard im Februar 1968 in einem SPIEGEL-Gespräch.

Eine medizinische Mondlandung

An jenem Wochenende wurden die Bedingungen durch einen tragischen Verkehrsunfall erfüllt. Denise Darvall, 25, wollte mit ihrer Mutter Kuchen in einer Vorort-Konditorei kaufen, da erfasste das Auto eines angetrunkenen Fahrers beide an der Fußgängerampel. Die Mutter war sofort tot, die Tochter schwerstverletzt.

Als sie für hirntot erklärt wurde, musste ihr Vater über die Organspende entscheiden. "Ich erinnere mich an den Geburtstagskuchen, den sie mir machte, mit einem Herz darin. Sie hat anderen Leuten immer Sachen geschenkt. Sie hätte Ja gesagt", begründete Edward Darvall später seine Zustimmung.

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Christiaan Barnard: Der Starchirurg, seine Karriere, seine Affären

Zur gleichen Zeit drohte dem Gemüsehändler Louis Washkansky der Tod. Schon drei Herzattacken hatte er erlitten, die Transplantation war seine letzte Chance. Das 31-köpfige Kapstadter Team begann gegen ein Uhr morgens: Sie durchsägten das Brustbein, legten das vernarbte Herz frei, kühlten Washkanskys Körper, schlossen ihn an eine Herz-Lungen-Maschine an. Sodann wurde das Spenderherz herausgeschnitten, das alte Herz entfernt und das neue eingenäht, Washkansky wieder aufgewärmt.

Nach rund fünf Stunden begann Denise Darvalls junges, kräftiges Herz nach einem Stromstoß mit dem Defibrillator in Louis Washkanskys Brustkorb zu pumpen. Ein Durchbruch in der Medizingeschichte, von ähnlichem Rang wie 1969 die Mondlandung für die Raumfahrt.

Dene Friedman assistierte Barnard an der Herz-Lungen-Maschine: "Es war sehr ruhig im Operationssaal", erzählte sie in der Dokumentation "Hidden Heart" von 2008. Zunächst arbeitete sie routiniert - bis sie "in die offene Brust dieses Patienten blickte und da kein Herz war. Es war das erste Mal, dass ich einen lebenden Menschen ohne Herz sah."

Erster unter vielen Rivalen

Einen Tag später begriff Louis Washkansky, dass er tatsächlich noch am Leben war. Der gebürtige Litauer erholte sich bald, konnte aufstehen und Steaks essen, wie die Weltpresse staunend verfolgte. Dann aber schwächten die Medikamente gegen die Abstoßung des neuen Organs sein Immunsystem. 18 Tage nach dem kühnen Eingriff starb "Washy" an einer Lungenentzündung.

Operation gelungen, Patient tot? Washkansky konnte Weihnachten 1967 nicht mehr erleben. Aber Christiaan Barnard hatte zum ersten Mal bewiesen, dass eine Herztransplantation möglich ist. Sein nächster Patient überlebte schon eineinhalb Jahre. Rund 100 weitere Herzverpflanzungen weltweit folgten bereits 1968, das Zweitherz eines französischen Patienten hielt sogar 19 Jahre.

AP

Herztransplantation (2003): Jede Minute zählt

Die Transplantation kam einer medizinischen Zeitenwende gleich. Zuvor setzte nach der ärztlichen Ethik nur ein Stillstand von Herz und Atmung dem Leben ein Ende. Erst 1968 definierte eine Kommission der Harvard Medical School Menschen als tot, wenn sie in einem irreversiblen Koma liegen und das Gehirn bereits zerstört ist.

Die Operationstechnik galt bald als beherrschbar, doch über viele Jahre bekamen Mediziner die Abstoßungsreaktionen kaum in den Griff, bis neue Medikamente halfen und in den Achtzigerjahren die Operationszahlen deutlich stiegen. Bis heute wurden weltweit mehr als 100.000 Herzen verpflanzt. Durchschnittlich leben die Empfänger danach noch gut zehn Jahre, manche auch über 30 Jahre.

International hatten sich in den Sechzigern zahlreiche Teams auf Herztransplantationen vorbereitet, besonders in den USA. Zaudern ließ sie eine mögliche Mordanklage, wenn sie einem Patienten das noch schlagende Herz entnommen hätten. Barnard preschte vor und stach alle medizinischen Rivalen aus. Zuvor war der ehrgeizige 45-Jährige praktisch unbekannt, über Nacht wurde er zum Weltstar.

Talent zum Frohsinn

Anders als manche Zeitgenossen sah er das Herz nur als "primitive Pumpe" statt etwa als mystisches Lebenszentrum und Ort der Seele. "Es wird Sie überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass es mir deutlich leichter fällt, Ihnen zu erklären, was der Tod ist, als was das Leben ist", sagte Barnard einmal. Für ihn zähle "die Feier, am Leben zu sein".

Barnard genoss es in vollen Zügen. Aufgewachsen war er in einer Buren-Gemeinde, sein Vater war Pfarrer, die Familie hatte nicht viel Geld. Nach seinem spektakulären Durchbruch wurde er als Wunderdoktor umschwärmt. Und kostete seinen Ruhm aus - als Weltreisender in Herzensangelegenheiten, nicht durchweg medizinischer Natur.

1970 heiratete Barnard seine zweite Frau Barbara, ein 18-jähriges Model. Und verhielt sich, als wäre er selbst eins: "Er hat sich aufgeführt wie eine 18-Jährige, die die Miss-World-Wahl gewonnen hat", sagte in der "Hidden Heart"-Doku Dirk de Villiers, ein südafrikanischer Filmemacher und früherer Freund Barnards. Er habe italienische Designeranzüge und Schuhe getragen - und sich ins Amüsement gestürzt.

Paris Match/ Getty Images

Barnard mit Monacos Fürstin Grace Kelly (1968): Den Reichen und Schönen immer nah

Barnard reiste viel, hielt Vorträge und lernte den Glamour schätzen, allerlei Liebschaften inklusive. Man sah ihn beim Wasserski und in Striplokalen. Man sah ihn auch auf Jet-Set-Partys tanzend mit Blondinen und Brünetten, mit Schönheiten von Grace Kelly über Heidi Brühl bis zu Sophia Loren und Gina Lollobrigida, denen er beiden sehr nahe kam.

Der Herz-Bube aus Kapstadt hatte zum Frohsinn beinah so viel Begabung wie als Chirurg. Ob seines playboyhaften Lebens mieden ihn manche Mediziner, andere neideten ihm seine Eloquenz und das schneidige Auftreten. Hohe Honorare waren Barnard stets willkommen, wie er offenherzig in einem TV-Interview bekannte: "Ich muss sagen, dass ich wahrscheinlich Arzt wurde, um viel Geld zu verdienen."

Umstritten war seine Haltung zur Apartheid - ein heikles Thema für Prominenz aus Südafrika. So gab es Vorwürfe, Barnard, dem Arthritis zunehmend die Arbeit erschwerte, habe die wichtige Rolle von Hamilton Naki unterschlagen. Als schwarzer Mitarbeiter im Kapstadter Krankenhaus erarbeitete sich Naki chirurgische Techniken, übte an Schweinen und Hunden und behauptete nach Barnards Tod, er habe einen technisch anspruchsvollen Teil der berühmten Premieren-OP selbst durchgeführt.

Smarter Botschafter der Apartheid?

Doch die Geschichte des Mannes, der als genialer Autodidakt ohne Studium zum Herztransplanteur wurde und allein wegen der Rassentrennung verschwiegen wurde: Sie war falsch. Zeitungen wie die "New York Times" mussten sich korrigieren. Der Deutsche Stefan von Sommoggy arbeitete 1982/83 mit Naki im Tierlabor zusammen. "Ein schlecht bezahlter Arbeiter, ein toller Mensch und stolzer Zulu", sagt Sommoggy - sie seien Freunde geworden. "Er war aber nie ein wichtiges Mitglied im Team der ersten Herztransplantation oder hat selbst irgendeinen Beitrag zur Technik geliefert."

Vorgehalten wurde Christian Barnaard auch ein mindestens taktisches Verhältnis zum System der Rassenunterdrückung am Kap. "Barnard war für mich ein alter Mann kurz vor dem Ruhestand", sagt der spätere Gefäßchirurg Sommoggy, der Mitte 30 war, als er Barnard erlebte. "Er war in der Apartheid-Regierung hochgeehrt, hatte einen Diplomatenpass und lebte völlig regierungskonform."

War er also ein smarter Botschafter Südafrikas auf der staatlichen Gehaltsliste? Andererseits sagte Barnard schon 1969 bei einem Empfang der Kapstadter Handelskammer: "Es gibt keine Zukunft für Südafrika, wenn wir nicht eine progressive Haltung einnehmen." Seine Tochter Deirdre verteidigte ihn energisch - ihr Vater sei immer gegen die Apartheid gewesen. "Es gab eine spezielle Intensivpflege-Station für Farbige und Schwarze und eine für Weiße", und Barnard habe das nicht gewollt: "Er sagte, nein, es gibt eine Intensivstation, in der die besten Krankenschwestern arbeiten und in der alle Patienten liegen."

In seiner Heimat jedenfalls ist er bis heute eine Legende: 2004 wurde Barnard bei einer Umfrage zu den "100 größten Südafrikanern" auf Platz zwei gewählt, gleich hinter Nelson Mandela. Sein eigenes Herz hörte am 2. September 2001 auf zu schlagen. Als der 78-Jährige an einem Hotelpool auf Zypern röchelnd um Luft rang, kam nicht rechtzeitig Hilfe. Seinen Tod verursachte aber ein Asthmaanfall - kein Infarkt, wie es zunächst hieß.

Ein Jahr zuvor war auch die Ehe mit seiner dritten Frau Karin geschieden worden. Im Dokumentarfilm erinnert sich Deirdre Barnard an eine Liedzeile und beginnt zu weinen: "'Hier liegt ein Stück und da liegt ein Stück. Die Teile meines Lebens liegen überall herum' - das war das traurige Ende meines Vaters."

insgesamt 2 Beiträge
Christian van Neuves 03.12.2018
1.
Ich weiß nicht, warum man jetzt despektierlich über Dr Christiaan Barnard sprechen muss. Seine Leistung bestand nicht darin, ein Heiliger zu sein, sondern als grandioser Pionier in der Medizin. Das war eine Zeit in der [...]
Ich weiß nicht, warum man jetzt despektierlich über Dr Christiaan Barnard sprechen muss. Seine Leistung bestand nicht darin, ein Heiliger zu sein, sondern als grandioser Pionier in der Medizin. Das war eine Zeit in der Südafrika auch noch ausserhalb der Geisteswissenschaften herausragende Kapazitäten hervorbrachte. Auf dem Feld der Medizin fällt mir da z. B. spontan Priscilla Kincaid ein deren Forschung zig-tausende Leben rettete. Eine der Heldinnen die eher im Hintergrund wirkten, aber dennoch jedem einestages Autoren Grundlage für eine spannende Story liefern könnte.
Helge Simon 06.12.2018
2. Historisch fragwürdig
Er wurde leider zu Unrecht so verehrt. Keine Ethikkomission heute hätte eine Transplantation erlaubt, denn das Problem der Organabstossung war nicht ansatzweise gelöst. Viele Teams, v.a. in den USA waren chirurgisch- technisch [...]
Er wurde leider zu Unrecht so verehrt. Keine Ethikkomission heute hätte eine Transplantation erlaubt, denn das Problem der Organabstossung war nicht ansatzweise gelöst. Viele Teams, v.a. in den USA waren chirurgisch- technisch mindestestens so weit und führten im Vergleich zur relativ 'simplen' Transplantation bereits komplexere Eingriffe durch. Zeitgenössische Herzchirurgen betonten Ihre Ablehnung aufgrund dieses Vorpreschens. Die Patienten lebten wahrscheinlich kaum länger durch die ersten Transplantationen vor der Einführung von cyclosporin.

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