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Colma in Kalifornien

Die Stadt der Toten

Nichts für Angsthasen: Anfang des 20. Jahrhunderts entstand bei San Francisco ein Ort, der fast nur aus Friedhöfen besteht. Eine "Nekropole". Die Gründung verdankt Colma dem Goldrausch - und der Cholera.

Corbis/Getty Images
Von
Dienstag, 22.05.2018   15:23 Uhr

Es gibt Menschen in Colma, die nennen die Leichen rings um ihr Haus ihre "Nachbarn".

"Es ist schön, in Colma zu leben" - so lautet das Motto der Stadt, die gut zehn Kilometer südlich von Downtown San Francisco liegt. Und zunächst klingt das gar nicht wie ein Witz. Das beschauliche Örtchen schmiegt sich ein zwischen Grashügeln und Golfklubs, nur manchmal kriecht kalter Nebel vom Pazifik die Küste hinauf. Vom Stress der nahen Metropole ist wenig zu spüren, es ist still hier. Sehr still.

Das liegt an den Bewohnern. Denn von den gut 1,5 Millionen Menschen, die Colma beherbergt, sind nur 0,1 Prozent noch am Leben.

"Wir beanspruchen für uns, die einzige Nekropole in den USA zu sein", sagt Maureen O'Connor, Präsidentin der Colma Historical Association, nicht ohne Stolz in der Stimme, "die einzige Stadt, die primär Friedhöfen gewidmet ist."

Davon haben sie einige. Einen katholischen, einen griechisch-orthodoxen, einen japanischen, einen serbischen, einen italienischen und vier jüdische. 18 sind es insgesamt - wenn man den Tierfriedhof mitzählt. Rund 13.000 Haustiere liegen dort, vom Goldfisch bis zum Geparden. Darunter auch Tina Turners Hund, zur letzten Ruhe gebettet in einem Pelzmantel der Sängerin.

Er ist nicht die einzige Berühmtheit unter der Erde Colmas: Wild-West-Legende Wyatt Earp ruht hier, der Medienmagnat William Randolph Hearst oder Levi Strauss, Erfinder der Jeans.

Der Tod ist allgegenwärtig im Ort. Reihen über Reihen von Steinquadern, Marmorkreuzen und Engelsfiguren erstrecken sich in alle Himmelsrichtungen, hier und da ein Mausoleum. Wo Platz ist, machen sich die Toten breit, auch wenn man sie nicht immer bemerkt: An der Ecke Colma Boulevard und El Camino Real etwa ist eine kleine Rasenfläche. Was wie ein schlichtes unbebautes Grundstück wirkt, ist tatsächlich ein Armenfriedhof für 12.000 Mittellose - ohne Grabsteine. Selbst in der Lücke zwischen dem örtlichen Baumarkt und dem Supermarkt markiert ein nüchterner Steinblock ein Massengrab für rund 28.000 Tote.

Das Bemerkenswerteste an Colma aber ist nicht die Zahl seiner Toten. Es sind auch nicht die durchschnittlich 75 neuen unterirdischen Bewohner, die täglich eintreffen, und es ist nicht die örtliche Straßenverkehrsordnung, die Trauerzügen Vorfahrt gewährt. Es ist der Umstand, dass die meisten der 1,5 Millionen Menschen, die hier ihre letzte Ruhestätte haben, schon einmal eine letzte Ruhestätte hatten, woanders. Bis es zu teuer wurde, dort tot zu sein.

Eldorado mit Seuchengefahr

Die Gründe dafür reichen weit zurück, bis in den Januar 1848. Als man damals im kalifornischen Nest Coloma bei Sacramento ein neues Sägewerk errichtete, fand der Zimmermann James Wilson Marshall am Grund des American River einige kleine Goldstücke - und löste damit den kalifornischen Goldrausch aus.

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Stadt der Toten: Ein Himmelreich für Steinmetze

Hunderttausende strömten nach Kalifornien, um mit Gold reich zu werden, viele in eine kleine Hafenstadt namens San Francisco. Die Meerenge, an der sie lag, hieß bald nur noch "Golden Gate". Hatte die Stadt 1848 noch tausend Bewohner gezählt, waren es ein Jahr später bereits 25.000.

Mit den Zugezogenen kamen neue Probleme: Sie brachten Krankheiten mit, etwa Cholera, Typhus, Gelbfieber. In der heillos überfüllten Stadt herrschten katastrophale hygienische Bedingungen. Und so hatte San Francisco neben den neuen Bewohnern bald auch eine Flut von Toten zu bewältigen.

Auch für die wurde es schnell eng. Denn anders als heute in Deutschland üblich, wurden und werden Gräber in den USA nicht zeitlich begrenzt gemietet, sondern dauerhaft gekauft. Und so wuchsen in San Francisco die für Beerdigungen genutzten Flächen stetig an, bis sich stattliche 27 Friedhöfe in der Stadt befanden.

Zugleich stieg durch den Zuwanderungsboom auch nach Ende des Goldrauschs 1854 weiter der Bedarf an Platz für die Lebenden. Und im Gegensatz zu den Toten waren die imstande, viel Geld für Wohnraum zu zahlen. Ein lukratives Geschäft für die Stadt - wären nicht die vielen Leichen im Weg gewesen.

Schlendern zwischen Gräbern

Die Stadtväter begannen, vor "unsichtbaren Ausdünstungen" auf den Friedhöfen zu warnen, die angeblich "giftige Gase der tödlichsten Art" enthielten. Besonders "kleine Kinder und zarte Frauen", so hieß es laut "SF Weekly", seien dadurch gefährdet. 1900 beschloss man, eine weitere Ausdehnung der Stadtfriedhöfe zu verbieten: Ab 1902 sollten keine Beerdigungen im Stadtgebiet mehr erlaubt werden. Friedhofsbetreibern drohte der Bankrott.

Eine Gruppe von Organisationen, darunter mehrere Kirchen, kaufte südlich von San Francisco Land für neue Friedhöfe. Während die städtischen Gräberfelder oft verwahrloste Orte waren, an denen fragwürdige Gestalten herumlungerten, entstanden hier Parkfriedhöfe. Auf gewundenen Wegen konnte man darin durch großzügige Grünanlagen flanieren und von Landschaftsgärtnern komponierte Blickachsen bewundern. Orte der Erholung, nicht nur Orte des Todes. Stadtmenschen fuhren hinaus, um hier zu entspannen.

Im Januar 1914 legte San Francisco noch einmal nach: "Kein Gefühl ist ehrenvoller (...) als der Respekt vor den Toten", erklärte Bürgermeister Jim Rolph - doch die Regierung sei "stärker den Lebenden verpflichtet als den Toten". Rolph unterzeichnete ein Gesetz zur Umbettung von San Franciscos Toten in die externen Friedhöfe.

Ein monströses Projekt, das Jahrzehnte verschlingen sollte: Bis 1941 würde man rund 150.000 Tote exhumieren und hinausschaffen - auf einer Bahnstrecke, auf der heute S-Bahnen verkehren.

Unterdessen wuchs die Boomstadt San Francisco von Jahr zu Jahr weiter, bis ihre Ausläufer auch den neuen Friedhöfen bedrohlich nahe kamen. Würden man also die gerade erst umgezogenen Toten wieder ausgraben und erneut wegschaffen müssen? Die Friedhofsbetreiber verhinderten das mit einer ungewöhnlichen Maßnahme: Sie beantragten das Stadtrecht. 1941 taufte man den kleinen Ort "Colma".

Spuren der Toten

Zunächst lebten dort vor allem Bestatter, Steinmetze, Totengräber, vielleicht ein paar Floristen. Doch über die Jahre hat sich das geändert, es entstand eine Mall, ein Toys "R" Us, das "Lucky Chances"-Casino, Autohändler und sogar eine Bar. Auch wenn dort vor allem Trauergäste einkehren, um ihren Kummer runterzuspülen. Noch immer nehmen die Friedhöfe 73 Prozent der Stadtfläche ein. Die Bürger stört das nicht. "Wir nennen sie unsere Parks", erklärt Anwohnerin Pat Hatfield, "wir picknicken dort, spazieren darin, unsere Kinder spielen dort. Sie sind einfach ein Teil von uns."

In San Francisco hingegen sind die Parks einfach Parks - aber irgendwie sind die Toten auch immer ein Teil dieser Stadt geblieben, obwohl diese sie rausgeworfen hat. Wenn man etwa durch den Buena Vista Park spaziert und auf den Boden schaut, fallen eigenartig längliche, an einer Seite halbrunde Gehwegplatten auf. Und bückt man sich zum Rinnstein hinab, kann man sehen, dass in manche der dort verbauten Steine etwas hineingehauen wurde. Mal ein Stück von einem Namen, mal ein Datum.

Als die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Ausverkauf ihrer Gräber begann, verlangte sie von den Hinterbliebenen für die Umsetzung pro Totem und Grabstein zehn Dollar. Nicht jeder konnte bezahlen. Aus der Stadt geschafft wurden die Leichen so und so - sie landeten dann eben in einem Massengrab.

Was mit den Grabsteinen passierte, sieht man heute noch in San Franciscos Rinnsteinen. Oder in den Inschriften der vor der Küste angehäuften Wellenbrecher. Oder am Strand, an dem das Meer von Zeit zu Zeit eine Marmorplatte freispült.

Video: Nice Places to Die - Der andere Umgang mit dem Tod

Foto: Lighthouse Home Entertainment
insgesamt 5 Beiträge
Sabine Schwichtenberg 22.05.2018
1. Wow
schöner Artikel und sehenswerte Fotos. Gut recherchiert. Danke dafür!
schöner Artikel und sehenswerte Fotos. Gut recherchiert. Danke dafür!
Armin Karcher 23.05.2018
2. Leider etwas veraltet
Der Artikel kling schoen, aber z.B. der Toys R Us hat schon seit fast zwei Jahren geschlossen. Das macht dann den rest der Recherche nicht eben gerade glaubhafter.
Der Artikel kling schoen, aber z.B. der Toys R Us hat schon seit fast zwei Jahren geschlossen. Das macht dann den rest der Recherche nicht eben gerade glaubhafter.
Brian Stewart 23.05.2018
3. Coma
Den ewig ruhenden Einwohnern hat Colma auch ihren lokalen Spitznamen zu verdanken: Coma.
Den ewig ruhenden Einwohnern hat Colma auch ihren lokalen Spitznamen zu verdanken: Coma.
Rako Konstanzer 23.05.2018
4. Toys R Us-Filiale in Colma leider geschlossen
Die im Artikel erwähnte Toys R Us-Filiale hat leider im Rahmen der Insolvenzprobleme des Konzerns vor einigen Monaten ihren Betrieb eingestellt. Trotz dieser Kleinigkeit ein guter Artikel!
Die im Artikel erwähnte Toys R Us-Filiale hat leider im Rahmen der Insolvenzprobleme des Konzerns vor einigen Monaten ihren Betrieb eingestellt. Trotz dieser Kleinigkeit ein guter Artikel!
Traude Richter 23.05.2018
5. Toys R us jetzt Babies R us
"Toys R us" ist immer noch mit einem "Babies R us" - Laden in Colma präsent, der auch nach wie vor geöffnet ist.
"Toys R us" ist immer noch mit einem "Babies R us" - Laden in Colma präsent, der auch nach wie vor geöffnet ist.

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